Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 3 · Abitur Hessen Geschichte GK 2022
Thema: Weimarer Republik: Entstehung, Verfassung und innere Belastungen · Aus der Prüfung GK (2022)
Aufgabenstellung
Thema und Aufgabenstellung: Vorschlag A
Demokratie und Nation in Deutschland
Material
Der Historiker Heinrich August Winkler in einem Interview (2010)
ZEIT Geschichte: Herr Winkler, warum haben sich die Deutschen in ihrer Geschichte so schwergetan
mit der Freiheit?
Winkler: Der Historiker Rudolf Stadelmann hat es 1948 einmal so formuliert: „Nicht die deutsche
Reaktion, sondern der deutsche Fortschritt hat Deutschland gegenüber dem Westen zurückgeworfen.“
5 Ein auf den ersten Blick paradoxer Befund. Stadelmann spielte damit auf die Langzeitwirkungen des
aufgeklärten Absolutismus an: Die Deutschen hätten statt einer Revolution „von unten“ Reformen
„von oben“ erwartet, die im Prinzip dasselbe bringen würden, nur ohne Blutvergießen. […]
ZEIT Geschichte: Es gab also keine Revolution in Deutschland, weil die deutschen Staaten zu aufge-
klärt waren […]?
10 Winkler: Ja. Wobei man ergänzen muss, dass in Frankreich die Bevölkerung zu aufgeklärt war, um
sich je mit einem aufgeklärten Absolutismus begnügen zu können. Andererseits hat es ja durchaus
eine deutsche Revolution gegeben – die von 1848/49, die aber in der Hauptsache gescheitert ist. Und
zwar deshalb, weil das Doppelziel Einheit und Freiheit die deutschen Liberalen und Demokraten über-
fordert hat. […]
15 ZEIT Geschichte: Und beiden Zielen widersetzten sich die alten Mächte …
Winkler: Allein das Verhältnis zwischen den beiden deutschen Großmächten Österreich und Preußen
stellte die Liberalen vor eine fast unlösbare Aufgabe. Kleindeutsch oder großdeutsch? So lautete die
entscheidende Frage. […] Realistisch war einzig ein Kleindeutschland ohne Österreich unter preußi-
scher Führung. Doch auch diese Lösung erwies sich 1849 als nicht mehr durchsetzbar, weil die alten
20 Gewalten inzwischen zu sehr wiedererstarkt waren. […]
ZEIT Geschichte: Wäre 1848 ein demokratischer Wandel nicht auch ohne deutschen Nationalstaat
denkbar gewesen?
Winkler: Das konnten sich die Liberalen und Demokraten nicht vorstellen. Für sie ging es immer um
beides. […] Von 1840 an war es Konsens unter den Liberalen und Demokraten, dass es nichts unter-
25 halb des Doppelziels Einheit und Freiheit gab, für das es sich zu kämpfen lohnte. […]
ZEIT Geschichte: Der Philosoph und Soziologe Helmuth Plessner hat in den 1950er Jahren Deutsch-
land als „verspätete Nation“ bezeichnet. Teilen Sie seine These?
Winkler: Deutschland ist objektiv später als Großbritannien oder Frankreich ein Nationalstaat gewor-
den – ein Erbe des alten Reiches, der staatlichen Zersplitterung, des Dualismus der Großmächte Öster-
30 reich und Preußen. Erst durch Bismarcks Einigungskriege ist Deutschland ein Nationalstaat geworden
[…]. Bismarck erfüllte mit der Reichsgründung von 1871 also eine Forderung von 1848, die Einheits-
forderung – im Sinne der kleindeutschen Lösung –, was ihm die enthusiastische Zustimmung großer
Teile des deutschen Liberalismus einbrachte. Die Freiheitsfrage hingegen wurde vertagt – zumindest
die Forderung nach einer parlamentarisch verantwortlichen Regierung. […]
35 ZEIT Geschichte: Auf die Freiheit mussten die Deutschen also bis ins 20. Jahrhundert warten?
Winkler: Ja. Eine parlamentarisch verantwortliche Regierung gab es erst im Oktober 1918, fünf Mi-
nuten vor zwölf also, im Zeichen der militärischen Niederlage des Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg.
Das war eine sehr späte Parlamentarisierung zu einem denkbar unglücklichen Zeitpunkt. Für viele
Deutsche war die repräsentative Demokratie fortan eng mit dem Gefühl der nationalen „Demütigung“
40 von 1918 verknüpft. Für die Weimarer Republik war dies eine gewaltige Belastung. Und Hitler ver-
stand es später nur zu gut, an die antidemokratischen Ressentiments des Bürgertums zu appellieren.
[…]
ZEIT Geschichte: Welche Rolle spielte die Zäsur von 1848/49 – die Revolution und ihr Scheitern?
Inwiefern beeinflusste sie den weiteren Gang der deutschen Geschichte? Und wie prägte sie das bür-
45 gerliche Selbstverständnis?
Winkler: Man könnte geradezu von einer autoritären Deformation 1 des deutschen Bürgertums infolge
von 1848/49 sprechen. Nach der Erfahrung des Scheiterns wurde, wie schon zur Zeit des aufgeklärten
Absolutismus, Veränderung nur noch von oben erwartet oder zumindest als Ergebnis eines Zusam-
menwirkens der aufgeklärten Kräfte der Gesellschaft mit den aufgeklärten Kräften der Monarchie.
50 […]
ZEIT Geschichte: 1848 zeitigte nur negative Folgen?
Winkler: Nein, die Revolution ist zwar überall in Europa gescheitert, aber sie hatte auch positive Aus-
wirkungen. Preußen ist immerhin ein Verfassungsstaat geworden, wenn auch durch einen Oktroi des
Königs 2. Ohne diese Verfassung aber wäre das spätere Zusammengehen mit den fortschrittlicheren
55 süddeutschen Verfassungsstaaten nicht denkbar gewesen. Auch waren die 1850er und 1860er Jahre,
die auf die Revolution folgten, keineswegs Jahre des Stillstands, wie es oft angenommen wird, son-
dern überaus dynamische Zeiten. Jetzt konnten die bürgerlichen Kräfte in der weltweit boomenden
Wirtschaft zeigen, was sie zu leisten vermochten. […]
Heinrich August Winkler: Deutschlands sonderbarer Weg, in: ZEIT Geschichte, Heft 3/2010, S. 22–28.
Hinweise
Heinrich August Winkler (geb. 1938) gehört zu den renommiertesten deutschen Historikern und war bis 2007 Professor für Neuere Geschichte an der Humboldt Universität in Berlin.
„ZEIT Geschichte“ ist ein geschichtswissenschaftliches Magazin der Wochenzeitung „DIE ZEIT“.
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
1 Deformation: Verformung, Fehlbildung, Verunstaltung
2 durch einen Oktroi des Königs: Gemeint ist hier die vom preußischen König aufgezwungene (= oktroyierte) Verfassung für Preußen.
3
Überprüfen Sie, inwieweit ein „Gefühl der nationalen ‚Demütigung‘ von 1918 [...] eine gewaltige Belastung“ (Material) für die Weimarer Republik darstellte und maßgeblich zu deren Scheitern beitrug. [30 BE]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
3 Überprüfen Sie, inwieweit ein „Gefühl der nationalen ‚Demütigung‘ von 1918 [...] eine gewaltige Belastung“ (Material) für die Weimarer Republik darstellte und maßgeblich zu deren Scheitern beitrug.
Lösung: Kritische Überprüfung der These Winklers mit differenziertem Fazit: - Bestätigende Aspekte (Belastung durch 1918): Die Republik entstand unter dem Eindruck der Kriegsniederlage; der Versailler Vertrag (Kriegsschuldartikel 231, Gebietsverluste, Reparationen) wurde als Schanddiktat empfunden; Dolchstoßlegende diskreditierte Demokraten; politische Morde (Erzberger, Rathenau) und Putschversuche (Kapp, Hitler 1923); Krisenjahr 1923. - Relativierende/weitere Aspekte für das Scheitern: Das Gefühl von 1918 allein erklärt das Scheitern 1933 nicht hinreichend; strukturelle Schwächen der Weimarer Verfassung (Notverordnungsartikel 48, starke Stellung des Reichspräsidenten); antidemokratische Haltung traditioneller Eliten (Justiz, Militär, Verwaltung); Parteizersplitterung; Weltwirtschaftskrise ab 1929 mit Massenarbeitslosigkeit; Aufstieg der NSDAP und Präsidialkabinette. - Fazit: Das Gefühl von 1918 war eine gravierende Hypothek und Dauerbelastung, doch erst das Zusammentreffen mit der ökonomischen Krise ab 1929 und strukturellen Problemen führte zum endgültigen Scheitern.
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