Abitur Hessen Geschichte 2021 · LK

Abiturprüfung Geschichte in Hessen 2021, LK: 8 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Liberal-nationale Bewegung, Revolution 1848/49 und Reichsgründung. Kostenlos.

Themen der Prüfung: Liberal-nationale Bewegung, Revolution 1848/49 und Reichsgründung · Weimarer Republik: Entstehung, Verfassung und innere Belastungen · NS-Außenpolitik und Weg in den Zweiten Weltkrieg · Kalter Krieg: Blockbildung und Konfrontation · Innerdeutsche Beziehungen und Neue Ostpolitik

Aufgabe Vorschlag A - Aufgaben 1 und 2 · Liberal-nationale Bewegung, Revolution 1848/49 und Reichsgründung

Material

Rede von Karl Rotteck auf einem Fest in Badenweiler, gehalten am 11. Juni 1832, abgedruckt in der Zeitung „Der Freisinnige“ am 16. Juni 1832

Das Fest, das wir heute begehen, ist, wenn ich seinen Charakter richtig auffasse, einem Familienfest ähnlich, verglichen mit einem Gemeindefest. Es ist ein Fest des badischen Oberlands 1, d. h. der durch nähere Berührung, Gemeinschaft der Interessen und vielfache persönliche Verbrüderung sich innigst angehörigen Bewohner dieses schönen und segenreichen Teils unsers badischen Vaterlandes; nicht eben ein Gesamtfest für Baden oder gar für ganz Deutschland; es verhält sich zu einem deutschen Fest, wie das der Familie zu jenem der Gemeinde. Gleichwie aber bei edleren Familienfesten auch von Angelegenheiten der Gemeinde, als der größeren Familie, liebend gesprochen wird, also mögen auch wir unsern Gefühlen und Wünschen für ganz Baden und Deutschland hier eine Stimme geben. Ich bringe hiernach den Trinkspruch aus auf die Selbständigkeit Badens …

Liegt in solchem Trinkspruch ein Widerstreit gegen das heut überall laut ausgerufene Losungswort „Einheit Deutschlands“, und gegen die geliebten drei Farben 2, welche man allenthalben neben oder ohne die besondern Landesfarben jubelnd aufpflanzt? – Der Begriff der Einheit Deutschlands ist gar verschiedener Bestimmung empfänglich, eine nähere Erklärung dürfte hier not tun.

Demnach sage ich: Ich bin für Deutschlands Einheit; ich wünsche, verlange und fordre sie, insofern sie in äußern Dingen die deutsche Nation als Achtung gebietende Macht auftreten läßt, welche das übermütige Ausland von Beleidigung unsrer Nationalrechte abschrecke, und insbesondere jeden Angriff […] abwende; und insofern sie in einheimischen Dingen der deutschen Nation diejenigen Vorteile des bürgerlichen Verbandes 3, welche nach Maß der Ausdehnung immer fruchtbringender werden, im vollsten Maße, d. h. nach der vollen Ausdehnung der deutschen Erde sichere, als die Freiheit des Verkehrs und Handels, der Niederlassung und zumal auch des freien Wortes in allen Ländern der deutschen Zunge, d. h. der freien deutschen Presse. – Aber ich will keine Einheit, welche uns in Gefahr setze, nach außen etwa in einen Kriegszug gegen die uns natürlich Verbündeten (allgemeiner Beifall), überhaupt unsern teuersten Interessen und innigsten Gefühlen entgegen geschleppt zu werden, oder welche in einheimischen Dingen, in Sachen der Gesetzgebung und Verwaltung uns Bewohner des […] Rheinlandes nötige, mit dem Maße der Freiheit und Vernunftmäßigkeit uns zu begnügen, welchen etwa für Pommern oder Österreich taugen oder von den Machthabern alldort für hinreichend erkannt werden mag. Ich will die Einheit nicht anders als mit Freiheit, und will lieber Freiheit ohne Einheit, als Einheit ohne Freiheit … Ich will keine Einheit unter den Flügeln des preußischen oder des österreichischen Adlers (allgemeiner lauter Beifall); ich will keine unter einer etwa noch zu stärkenden Machtvollkommenheit des so wie gegenwärtig organisierten Bundestages (lautester Beifall), und will auch keine unter der Form einer allgemeinen deutschen Republik (abermaliger Beifall), weil der Weg, zu einer solchen zu gelangen, schauerlich, und der Erfolg oder die Frucht der Erreichung höchst ungewisser Eigenschaft erscheint. … Ich will also keine in äußern Formen scharf ausgeprägte Einheit Deutschlands – ein Staaten-Bund ist, laut dem Zeugnis der Geschichte, zur Bewahrung der Freiheit geeigneter als die ungeteilte Masse eines großen Reiches – sondern neben der freilich unerläßlichen Reform der gegenwärtig bestehenden antipopulären 4 Verfassung unsrer Bundesautorität – nur eine innere, aber lebenswarme Einheit oder Vereinigung der Völker Deutschlands, welche gegenüber der drohend bestehenden Vereinigung der Fürsten und jener der Aristokraten Deutschlands zum Schirme der Volksrechte geschlossen werde.

Dietmar Stübler (Hg): Deutschland – Italien 1789–1849. Zeitgenössische Texte, Leipzig 2002, S. 176 ff.

1 badisches Oberland: Bezeichnung für ein Gebiet im äußersten Südwesten des Großherzogtums Baden, das an Frankreich grenzt

2 die geliebten drei Farben: Gemeint sind die Farben Schwarz-Rot-Gold.

3 bürgerlicher Verband, hier: bürgerliche Gesellschaft

4 antipopulär, hier: gegen das Volk gerichtet

Hinweise

Karl Rotteck (1775–1840), Jura-Professor in Freiburg, Mitarbeit an der badischen Landesverfassung von 1818, ab 1818 Abgeordneter im badischen Landtag

Das Fest, anlässlich dessen Rotteck seine Rede hielt, wurde zur Feier des 14. Jahrestages der badischen Verfassung gehalten. Im Vorfeld hatte er verhindert, dass badische Burschenschaftler die schwarz-rot-goldene Fahne aufzogen.

Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.

1

Fassen Sie zusammen, wie sich Rotteck in der Frage der Gestaltung der Einheit Deutschlands positioniert. (Material)

(25 BE)

2

Erläutern Sie, auch unter Bezugnahme auf die Position Rottecks (Material), Forderungen und Bestrebungen nach Einheit und Freiheit in Deutschland von 1815–1848/49.

(40 BE)

Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 3 · Innerdeutsche Beziehungen und Neue Ostpolitik

Material

Rede von Karl Rotteck auf einem Fest in Badenweiler, gehalten am 11. Juni 1832, abgedruckt in der Zeitung „Der Freisinnige“ am 16. Juni 1832

Das Fest, das wir heute begehen, ist, wenn ich seinen Charakter richtig auffasse, einem Familienfest ähnlich, verglichen mit einem Gemeindefest. Es ist ein Fest des badischen Oberlands 1, d. h. der durch nähere Berührung, Gemeinschaft der Interessen und vielfache persönliche Verbrüderung sich innigst angehörigen Bewohner dieses schönen und segenreichen Teils unsers badischen Vaterlandes; nicht eben ein Gesamtfest für Baden oder gar für ganz Deutschland; es verhält sich zu einem deutschen Fest, wie das der Familie zu jenem der Gemeinde. Gleichwie aber bei edleren Familienfesten auch von Angelegenheiten der Gemeinde, als der größeren Familie, liebend gesprochen wird, also mögen auch wir unsern Gefühlen und Wünschen für ganz Baden und Deutschland hier eine Stimme geben. Ich bringe hiernach den Trinkspruch aus auf die Selbständigkeit Badens …

Liegt in solchem Trinkspruch ein Widerstreit gegen das heut überall laut ausgerufene Losungswort „Einheit Deutschlands“, und gegen die geliebten drei Farben 2, welche man allenthalben neben oder ohne die besondern Landesfarben jubelnd aufpflanzt? – Der Begriff der Einheit Deutschlands ist gar verschiedener Bestimmung empfänglich, eine nähere Erklärung dürfte hier not tun.

Demnach sage ich: Ich bin für Deutschlands Einheit; ich wünsche, verlange und fordre sie, insofern sie in äußern Dingen die deutsche Nation als Achtung gebietende Macht auftreten läßt, welche das übermütige Ausland von Beleidigung unsrer Nationalrechte abschrecke, und insbesondere jeden Angriff […] abwende; und insofern sie in einheimischen Dingen der deutschen Nation diejenigen Vorteile des bürgerlichen Verbandes 3, welche nach Maß der Ausdehnung immer fruchtbringender werden, im vollsten Maße, d. h. nach der vollen Ausdehnung der deutschen Erde sichere, als die Freiheit des Verkehrs und Handels, der Niederlassung und zumal auch des freien Wortes in allen Ländern der deutschen Zunge, d. h. der freien deutschen Presse. – Aber ich will keine Einheit, welche uns in Gefahr setze, nach außen etwa in einen Kriegszug gegen die uns natürlich Verbündeten (allgemeiner Beifall), überhaupt unsern teuersten Interessen und innigsten Gefühlen entgegen geschleppt zu werden, oder welche in einheimischen Dingen, in Sachen der Gesetzgebung und Verwaltung uns Bewohner des […] Rheinlandes nötige, mit dem Maße der Freiheit und Vernunftmäßigkeit uns zu begnügen, welchen etwa für Pommern oder Österreich taugen oder von den Machthabern alldort für hinreichend erkannt werden mag. Ich will die Einheit nicht anders als mit Freiheit, und will lieber Freiheit ohne Einheit, als Einheit ohne Freiheit … Ich will keine Einheit unter den Flügeln des preußischen oder des österreichischen Adlers (allgemeiner lauter Beifall); ich will keine unter einer etwa noch zu stärkenden Machtvollkommenheit des so wie gegenwärtig organisierten Bundestages (lautester Beifall), und will auch keine unter der Form einer allgemeinen deutschen Republik (abermaliger Beifall), weil der Weg, zu einer solchen zu gelangen, schauerlich, und der Erfolg oder die Frucht der Erreichung höchst ungewisser Eigenschaft erscheint. … Ich will also keine in äußern Formen scharf ausgeprägte Einheit Deutschlands – ein Staaten-Bund ist, laut dem Zeugnis der Geschichte, zur Bewahrung der Freiheit geeigneter als die ungeteilte Masse eines großen Reiches – sondern neben der freilich unerläßlichen Reform der gegenwärtig bestehenden antipopulären 4 Verfassung unsrer Bundesautorität – nur eine innere, aber lebenswarme Einheit oder Vereinigung der Völker Deutschlands, welche gegenüber der drohend bestehenden Vereinigung der Fürsten und jener der Aristokraten Deutschlands zum Schirme der Volksrechte geschlossen werde.

Dietmar Stübler (Hg): Deutschland – Italien 1789–1849. Zeitgenössische Texte, Leipzig 2002, S. 176 ff.

1 badisches Oberland: Bezeichnung für ein Gebiet im äußersten Südwesten des Großherzogtums Baden, das an Frankreich grenzt

2 die geliebten drei Farben: Gemeint sind die Farben Schwarz-Rot-Gold.

3 bürgerlicher Verband, hier: bürgerliche Gesellschaft

4 antipopulär, hier: gegen das Volk gerichtet

Hinweise

Karl Rotteck (1775–1840), Jura-Professor in Freiburg, Mitarbeit an der badischen Landesverfassung von 1818, ab 1818 Abgeordneter im badischen Landtag

Das Fest, anlässlich dessen Rotteck seine Rede hielt, wurde zur Feier des 14. Jahrestages der badischen Verfassung gehalten. Im Vorfeld hatte er verhindert, dass badische Burschenschaftler die schwarz-rot-goldene Fahne aufzogen.

Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.

3

„Ich will die Einheit nicht anders als mit Freiheit, und will lieber Freiheit ohne Einheit, als Einheit ohne Freiheit …“ (Material)

Überprüfen Sie anhand der Politik der Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis 1990, inwiefern das Verhältnis beider deutscher Staaten zueinander vom Streben nach Einheit und Freiheit bestimmt wurde.

(35 BE)

Aufgabe Vorschlag B - Aufgaben 1 und 2 · Weimarer Republik: Entstehung, Verfassung und innere Belastungen

Material

Auszug aus dem Kriegstagebuch Karl Hampes (hier: 1918)

Dienstag, den 5. November [1918]

[...] Die Aufhebung der Zensur und Versammlungsbeschränkung – der reine Wahnsinn im Kriege! –

wirkt weiter niederdrückend auf die innere Einheit. In Stuttgart ist ein Soldatenrat gewählt, in Mün-

chen fordern die Unabhängigen 1 die sofortige „Verkündigung des Friedens“, in Kiel sind ernste

Kämpfe gewesen, bei denen auf die Menge, insbesondere auch Soldaten und Mariner, scharf geschos-

5 sen werden mußte, so daß es zahlreiche Tote und Verwundete gab. Bei der steten Umschmeichelung

des unverständigen Volkes, ohne straffe Diktatur, ist der letzte Verteidigungskampf gar nicht zu füh-

ren. Unser armes Volk muß offenbar erst durch lange Leiden zu einer vernünftigen Staatsgesinnung

kommen. [...]

Freitag, den 8. November [1918]

10 Erst jetzt habe ich mir die Zeitungen der letzten Tage verschafft und mit Schrecken ersehen, daß wir

schon halb im Bürgerkriege stehen. In Kiel und den drei Hansestädten 2 sind schwere Unruhen ausge-

brochen; die sozialistischen Massen fühlen ihre Stunde gekommen [...]. Offenbar ist viel planmäßige

Vorbereitung dabei. Allenthalben Einsetzung von Arbeiter- und Soldatenräten, die die radikalsten For-

derungen stellen und zum Beispiel in Hamburg wirklich das Heft in der Hand zu haben scheinen.

15 Selbst in Bremen sind die Zivilgefängnisse geöffnet! Abends weitere Nachrichten, daß in München

und Darmstadt (letzteres erst mündliche Nachricht, hat sich als falsch herausgestellt) die Republik aus-

gerufen sei. Die starke Beteiligung der Soldaten ist das Gefährliche. Man sieht, daß auf die Republik

hingearbeitet wird. Den unitarischen 3 Zug, der sich damit verbindet, könnte man sich gefallen lassen,

aber er trägt das Gepräge des Bolschewismus und der internationalen Verbrüderung. Hielten unsre

20 Nerven und unsre Einheit genügend aus, so könnte man auch auf Ansteckung in den Ententeländern

und dann glimpflicheren Frieden hoffen; aber dazu läßt unser innerer Zusammenbruch nicht Zeit. –

Nun hat die Sozialdemokratie bis heute Mittag ein Ultimatum namentlich in der Abdankungsfrage ge-

stellt, will bei Ablehnung aus der Regierung austreten. Das bedeutet noch weitere Entfachung des Bür-

gerkrieges. Erfüllung aber führt wohl etwas später auch dazu, da die Sozialdemokratie sich den immer

25 radikaleren Forderungen nicht versagen kann oder will. Das Mißtrauen bleibt bei mir doch stets, daß

selbst ein Scheidemann die Parteiziele letzten Endes verfolgt und die vaterländischen Töne das nur

verdecken. Welche Entscheidung für den Kaiser! [...] Bei den Regierenden allenthalben Schwäche,

die in der Lage begründet sein mag, aber weitere Auflösung hervorruft. Es ist zum Heulen. [...]

Samstag, den 9. November [1918]

30 [...] [I]n Köln Ausschreitungen und Plünderungen; und ruhigere Umwälzungen in vielen andern Städ-

ten. Elende Verbrecher werden aus den Gefängnissen befreit und auf die Menschheit losgelassen! Bol-

schewistisch ist die Bewegung doch wohl nur deshalb noch nicht, weil alles sich duckt, Polizei, Mili-

tär, Beamtenschaft sich ihr zur Verfügung stellt. Es muß Parole 4 von oben sein, um Blutvergießen zu

vermeiden. [...]

35 Die Abdankung war wohl eine Notwendigkeit geworden. [...] Leider ist zu befürchten, daß sie jetzt

keine Lösung mehr für die inneren Unruhen bringt. Die Unabhängigen mit ihren Räten haben die

Macht geschmeckt; sie werden über die Monarchie hinwegschreiten. Die Herrschaft des Pöbels

scheint für eine Zeit lang besiegelt. Ein Trost ist noch, daß Berlin sich hält. Jene Herrschaft würde

Knechtung der Freiheit bringen. – Es ist ein furchtbares Gefühl: Zu der Knechtung, in die wir morgen

40 oder übermorgen unsern Feinden gegenüber geraten, die uns jeglichen Willen aufzwingen können,

kommt diese innere Knechtung, wenn nicht doch noch ein Umschwung, ein Aufraffen erfolgt, das we-

nigstens diese Aufruhrregierungen unter die Reichsleitung beugt. [...] Gegen diesen Zwang werden ja

auch Gegenströmungen nicht ausbleiben, und dann wird gewaltsame Behauptung der Machthaber mit

ähnlichen Mitteln wie in Rußland versucht werden. Dabei hört man natürlich nicht auf, von Mündig-

45 keit und politischer Reife unsres Volkes zu reden, weil bei der Umwandlung bisher noch nicht viel

Blut geflossen ist; ähnlich wie in Rußland anfangs. [...]

Sonntag, den 10. November [1918]

Der elendeste Tag meines Lebens! Was ist aus Kaiser und Reich geworden! Nach außen steht uns Ver-

50 stümmelung, Willenlosigkeit, eine Art Schuldknechtschaft bevor; im Innern brutale Klassenherrschaft

unter trügerischem Schein der Freiheit, Bürgerkrieg, Hungersnot, Chaos. Berlin ist der Revolution

ohne ernstliche Gegenwehr verfallen; über das Thronrecht der Hohenzollern ist man zur Tagesordnung

übergegangen; Scheidemann, der es nach Abdankung des Kaisers und Kronprinzen erhalten wollte,

hat vom Reichstagsgebäude aus die Republik verkündet, Liebknecht vom Schloßbalkon aus. Einige

55 Offiziere haben sich gewehrt und haben es ehrenvoll mit dem Leben bezahlt. Sonst anscheinend auch

hier völliges Versagen der Behörden. Auch hier sind Verbrecher befreit. Man erfährt wohl das

Schlimmste nicht einmal! So geht es weiter im Reiche. In Darmstadt soll der Großherzog 5 gefangen

sein, weil er den Verzicht weigerte. In Karlsruhe ist auch die Republik verkündet. Was man mit dem

Großherzog gemacht hat, steht dahin. Von Mannheim-Ludwigshafen ist die Bewegung gestern Abend

60 auch nach Heidelberg gedrungen.

1 Unabhängige: Anhänger der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD), die sich 1917 von der SPD abgespalten hatte

2 drei Hansestädte: Hamburg, Bremen, Lübeck

3 unitarisch, hier: auf die Errichtung eines zentralistisch aufgebauten Deutschlands abzielend

4 Parole, hier: Anweisung

5 Gemeint ist der Herrscher des Großherzogtums Hessen.

Karl Hampe: Kriegstagebuch 1914–1919, hg. v. Folker Reichert und Eike Wolgast, 2. Aufl. München 2007, S. 770–775.

Hinweise

Karl Hampe (1869–1936) von 1903 bis 1934 Professor für mittelalterliche Geschichte an der Universität Heidelberg.

Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.

1

Beschreiben Sie, wie Karl Hampe die revolutionären Ereignisse in Deutschland bewertet. (Material) [25 BE]

2

Stellen Sie den Übergang vom Kaiserreich zur Republik in Deutschland von 1918/19 dar und untersuchen Sie, ob die Befürchtungen Hampes (Material) in dieser Zeit Wirklichkeit wurden. [40 BE]

Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 3 · Liberal-nationale Bewegung, Revolution 1848/49 und Reichsgründung

Material

Auszug aus dem Kriegstagebuch Karl Hampes (hier: 1918)

Dienstag, den 5. November [1918]

[...] Die Aufhebung der Zensur und Versammlungsbeschränkung – der reine Wahnsinn im Kriege! –

wirkt weiter niederdrückend auf die innere Einheit. In Stuttgart ist ein Soldatenrat gewählt, in Mün-

chen fordern die Unabhängigen 1 die sofortige „Verkündigung des Friedens“, in Kiel sind ernste

Kämpfe gewesen, bei denen auf die Menge, insbesondere auch Soldaten und Mariner, scharf geschos-

5 sen werden mußte, so daß es zahlreiche Tote und Verwundete gab. Bei der steten Umschmeichelung

des unverständigen Volkes, ohne straffe Diktatur, ist der letzte Verteidigungskampf gar nicht zu füh-

ren. Unser armes Volk muß offenbar erst durch lange Leiden zu einer vernünftigen Staatsgesinnung

kommen. [...]

Freitag, den 8. November [1918]

10 Erst jetzt habe ich mir die Zeitungen der letzten Tage verschafft und mit Schrecken ersehen, daß wir

schon halb im Bürgerkriege stehen. In Kiel und den drei Hansestädten 2 sind schwere Unruhen ausge-

brochen; die sozialistischen Massen fühlen ihre Stunde gekommen [...]. Offenbar ist viel planmäßige

Vorbereitung dabei. Allenthalben Einsetzung von Arbeiter- und Soldatenräten, die die radikalsten For-

derungen stellen und zum Beispiel in Hamburg wirklich das Heft in der Hand zu haben scheinen.

15 Selbst in Bremen sind die Zivilgefängnisse geöffnet! Abends weitere Nachrichten, daß in München

und Darmstadt (letzteres erst mündliche Nachricht, hat sich als falsch herausgestellt) die Republik aus-

gerufen sei. Die starke Beteiligung der Soldaten ist das Gefährliche. Man sieht, daß auf die Republik

hingearbeitet wird. Den unitarischen 3 Zug, der sich damit verbindet, könnte man sich gefallen lassen,

aber er trägt das Gepräge des Bolschewismus und der internationalen Verbrüderung. Hielten unsre

20 Nerven und unsre Einheit genügend aus, so könnte man auch auf Ansteckung in den Ententeländern

und dann glimpflicheren Frieden hoffen; aber dazu läßt unser innerer Zusammenbruch nicht Zeit. –

Nun hat die Sozialdemokratie bis heute Mittag ein Ultimatum namentlich in der Abdankungsfrage ge-

stellt, will bei Ablehnung aus der Regierung austreten. Das bedeutet noch weitere Entfachung des Bür-

gerkrieges. Erfüllung aber führt wohl etwas später auch dazu, da die Sozialdemokratie sich den immer

25 radikaleren Forderungen nicht versagen kann oder will. Das Mißtrauen bleibt bei mir doch stets, daß

selbst ein Scheidemann die Parteiziele letzten Endes verfolgt und die vaterländischen Töne das nur

verdecken. Welche Entscheidung für den Kaiser! [...] Bei den Regierenden allenthalben Schwäche,

die in der Lage begründet sein mag, aber weitere Auflösung hervorruft. Es ist zum Heulen. [...]

Samstag, den 9. November [1918]

30 [...] [I]n Köln Ausschreitungen und Plünderungen; und ruhigere Umwälzungen in vielen andern Städ-

ten. Elende Verbrecher werden aus den Gefängnissen befreit und auf die Menschheit losgelassen! Bol-

schewistisch ist die Bewegung doch wohl nur deshalb noch nicht, weil alles sich duckt, Polizei, Mili-

tär, Beamtenschaft sich ihr zur Verfügung stellt. Es muß Parole 4 von oben sein, um Blutvergießen zu

vermeiden. [...]

35 Die Abdankung war wohl eine Notwendigkeit geworden. [...] Leider ist zu befürchten, daß sie jetzt

keine Lösung mehr für die inneren Unruhen bringt. Die Unabhängigen mit ihren Räten haben die

Macht geschmeckt; sie werden über die Monarchie hinwegschreiten. Die Herrschaft des Pöbels

scheint für eine Zeit lang besiegelt. Ein Trost ist noch, daß Berlin sich hält. Jene Herrschaft würde

Knechtung der Freiheit bringen. – Es ist ein furchtbares Gefühl: Zu der Knechtung, in die wir morgen

40 oder übermorgen unsern Feinden gegenüber geraten, die uns jeglichen Willen aufzwingen können,

kommt diese innere Knechtung, wenn nicht doch noch ein Umschwung, ein Aufraffen erfolgt, das we-

nigstens diese Aufruhrregierungen unter die Reichsleitung beugt. [...] Gegen diesen Zwang werden ja

auch Gegenströmungen nicht ausbleiben, und dann wird gewaltsame Behauptung der Machthaber mit

ähnlichen Mitteln wie in Rußland versucht werden. Dabei hört man natürlich nicht auf, von Mündig-

45 keit und politischer Reife unsres Volkes zu reden, weil bei der Umwandlung bisher noch nicht viel

Blut geflossen ist; ähnlich wie in Rußland anfangs. [...]

Sonntag, den 10. November [1918]

Der elendeste Tag meines Lebens! Was ist aus Kaiser und Reich geworden! Nach außen steht uns Ver-

50 stümmelung, Willenlosigkeit, eine Art Schuldknechtschaft bevor; im Innern brutale Klassenherrschaft

unter trügerischem Schein der Freiheit, Bürgerkrieg, Hungersnot, Chaos. Berlin ist der Revolution

ohne ernstliche Gegenwehr verfallen; über das Thronrecht der Hohenzollern ist man zur Tagesordnung

übergegangen; Scheidemann, der es nach Abdankung des Kaisers und Kronprinzen erhalten wollte,

hat vom Reichstagsgebäude aus die Republik verkündet, Liebknecht vom Schloßbalkon aus. Einige

55 Offiziere haben sich gewehrt und haben es ehrenvoll mit dem Leben bezahlt. Sonst anscheinend auch

hier völliges Versagen der Behörden. Auch hier sind Verbrecher befreit. Man erfährt wohl das

Schlimmste nicht einmal! So geht es weiter im Reiche. In Darmstadt soll der Großherzog 5 gefangen

sein, weil er den Verzicht weigerte. In Karlsruhe ist auch die Republik verkündet. Was man mit dem

Großherzog gemacht hat, steht dahin. Von Mannheim-Ludwigshafen ist die Bewegung gestern Abend

60 auch nach Heidelberg gedrungen.

1 Unabhängige: Anhänger der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD), die sich 1917 von der SPD abgespalten hatte

2 drei Hansestädte: Hamburg, Bremen, Lübeck

3 unitarisch, hier: auf die Errichtung eines zentralistisch aufgebauten Deutschlands abzielend

4 Parole, hier: Anweisung

5 Gemeint ist der Herrscher des Großherzogtums Hessen.

Karl Hampe: Kriegstagebuch 1914–1919, hg. v. Folker Reichert und Eike Wolgast, 2. Aufl. München 2007, S. 770–775.

Hinweise

Karl Hampe (1869–1936) von 1903 bis 1934 Professor für mittelalterliche Geschichte an der Universität Heidelberg.

Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.

„Man sieht, daß auf die Republik hingearbeitet wird.“ (Material)

3

Begründen Sie, warum die Monarchie als Staatsform in Deutschland erst 1918 und nicht schon 1848/49 beseitigt wurde. [35 BE]

Aufgabe Vorschlag C - Aufgaben 1 und 2 · Innerdeutsche Beziehungen und Neue Ostpolitik

Material

Kommentar von Rolf Zundel am 27. März 1970 in der westdeutschen Wochenzeitung „Die Zeit“

Nun haben wieder die kühlen Analytiker, die nüchternen Datenverarbeiter das Wort. Sie müssen das Treffen von Erfurt auf seinen Stellenwert in der Innen- und Außenpolitik untersuchen, Erfolg und Mißerfolg abwägen. Zu Recht, denn eine Binsenweisheit lautet: Politik ist ein nüchternes Geschäft. Nie aber war es schwieriger, nüchtern und kühl zu bleiben, als vorige Woche in Erfurt. […]

Die Begegnung des Bundeskanzlers mit dem Vorsitzenden des DDR-Ministerrates, Willi Stoph, ist ursprünglich gewiß nicht als die zentrale Aktion der deutschen Ostpolitik angelegt gewesen; sie hatte wohl eher die Funktion, die Gespräche in Moskau und in anderen osteuropäischen Staaten abzusichern und zu stützen, nicht zuletzt deshalb, weil in Deutschland der Gegensatz der Systeme am schroffsten und jegliche Entspannungsbemühung am schwierigsten ist. […] Die Reise Brandts nach Erfurt jedoch setzte Gefühle frei, an deren Existenz man eigentlich nicht mehr recht geglaubt hatte. […]

Über die Grenze rollte der Zug, vorbei am Todesstreifen, an Stacheldrahtverhauen und am Minengürtel; von Uniformierten nirgendwo eine Spur. Im Grenzbahnhof Gerstungen steigen die offiziellen Reisebegleiter der DDR zu. Auf dem Bahnsteig wehen die Flaggen der beiden Staaten […].

Der Zug rollt weiter, und was nun geschieht, war in keinem Protokoll verankert. In allen Orten und Städten, durch die Brandt fährt, stehen Menschen in den Vorgärten, in denen die letzten Reste des Schnees liegen, am Fenster, auf der Straße, einige stumm und ohne sich zu rühren. Ein Arbeitstrupp in schweren Stiefeln, die Hände in den Taschen, blickt dem Zug nach. Aber die meisten, vor allem die Frauen, winken.

Über dem Wald tauchen die Mauern der Wartburg 1 auf. Der Bahnhof Eisenach ist leer, an rauchgeschwärzten Mauern prangt ein rotes Transparent: „Die DDR ist unser sozialistisches Vaterland.“ Ein Bahnbeamter, nicht ganz sicher, ob es seine Dienstvorschriften erlauben, hebt den Arm ein wenig und läßt ihn, während er sich umsieht, schnell wieder sinken. Eine Frau läßt ein Bettlaken flattern, im Dachfenster einer Fabrik drängen sich junge Burschen, lachend und winkend. Und als der Zug langsam auf dem Erfurter Bahnhof einrollt, ruft ein Mann herüber: „Endlich kommt ihr!“ […]

Gerade in dem Augenblick, als Brandt und Stoph vor den Glastüren des Hotels angekommen sind, werden Rufe laut, schwellen an zu einem Schrei. Hunderte haben die Absperrung durchbrochen, einige Volkspolizisten, unterstützt von einigen Zivilisten, versuchen die Menge zu stoppen, sie werden mitgerissen. Erst vor dem Hotelportal gelingt es, den Ansturm zum Stehen zu bringen. Und während Brandt und Stoph hinter gläsernen Flügeltüren verschwinden, Volkspolizisten und Männer in Ledermänteln sich gegen die Flut stemmen, Hände gestreckt werden, eine alte Frau mit der hochgehaltenen Handtasche winkt, beginnen die Sprechchöre „Willy Brandt, Willy Brandt.“ […]

An diese Demonstration sind viele Vermutungen und Spekulationen geknüpft worden. Ein DDR-Funktionär versuchte, sie so zu erklären: „Den Genossen ist gesagt worden, sie sollten zu Hause bleiben, damit alles ohne Gedränge und ruhig ablaufen kann, und nun sind die Falschen gekommen.“ „Die Omas und Halbstarken“, so meinte abschätzig ein kommunistischer Journalist. Westliche Beobachter dagegen machten flugs eine Anti-SED-Demonstration daraus. Beides ist vermutlich falsch. Hier wurde wohl nicht für oder gegen ein System demonstriert; die ältere Frau, die so kräftig die Handtasche geschwenkt hatte und blaue Flecken und zerrissene Strümpfe vergaß – „Daß ich das noch erleben durfte“ –, wollte dabei sein, wenn Deutsche wieder mit Deutschen reden. […]

Die Wochen zwischen der Erfurter Begegnung und dem zweiten Treffen in Kassel 2 werden noch manche harte, öffentlich geführte Auseinandersetzungen zwischen der Regierung und der Opposition bringen – so wie auch in Ostberlin, allerdings hinter verschlossenen Türen, diskutiert werden wird. […]

Der Weg zu einem „geregelten Nebeneinander“, gar zu einem „friedlichen Miteinander“ liegt nach Erfurt nicht plötzlich als glatte Straße vor der deutschen Politik. „Niemand“, so formulierte es Brandt im Bundestag, „kann es nach dem gestrigen Tage wissen – ich weiß es jedenfalls nicht –, ob langsam eine Verbesserung der Beziehungen zwischen den getrennten Teilen möglich sein wird.“ Diese Warnung ist notwendig, gerade weil die Emotionen so stark, die Hoffnungen so groß, fast zu groß sind.

1 Die Wartburg ist eine Burganlage in der Nähe von Erfurt (vgl. Wartburgfest 1817).

2 Am 21.05.1970 fand ein zweites deutsch-deutsches Gipfeltreffen in Kassel statt.

Rolf Zundel: Seit Erfurt ist alles anders, in: Die Zeit Nr. 13/1970, URL: https://www.zeit.de/1970/13/seit-erfurt-ist-alles-anders/komplettansicht (abgerufen am 16.04.2020).

Hinweise

Rolf Zundel (1928–1989), von 1959 bis 1989 politischer Redakteur bei der Wochenzeitung „Die Zeit“

Franz Josef Strauß (1915–1988), Vorsitzender der CSU von 1961 bis zu seinem Tod

Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.

1

Fassen Sie Zundels Ausführungen zum Treffen zwischen Brandt und Stoph zusammen. (Material) [25 BE]

2

Erläutern Sie, auch mit Bezug auf das Material, die Entwicklung der innerdeutschen Beziehungen von 1949 bis 1973. Berücksichtigen Sie dabei die Politik der Bundesregierung. [40 BE]

Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 3 · NS-Außenpolitik und Weg in den Zweiten Weltkrieg

Material

Kommentar von Rolf Zundel am 27. März 1970 in der westdeutschen Wochenzeitung „Die Zeit“

Nun haben wieder die kühlen Analytiker, die nüchternen Datenverarbeiter das Wort. Sie müssen das Treffen von Erfurt auf seinen Stellenwert in der Innen- und Außenpolitik untersuchen, Erfolg und Mißerfolg abwägen. Zu Recht, denn eine Binsenweisheit lautet: Politik ist ein nüchternes Geschäft. Nie aber war es schwieriger, nüchtern und kühl zu bleiben, als vorige Woche in Erfurt. […]

Die Begegnung des Bundeskanzlers mit dem Vorsitzenden des DDR-Ministerrates, Willi Stoph, ist ursprünglich gewiß nicht als die zentrale Aktion der deutschen Ostpolitik angelegt gewesen; sie hatte wohl eher die Funktion, die Gespräche in Moskau und in anderen osteuropäischen Staaten abzusichern und zu stützen, nicht zuletzt deshalb, weil in Deutschland der Gegensatz der Systeme am schroffsten und jegliche Entspannungsbemühung am schwierigsten ist. […] Die Reise Brandts nach Erfurt jedoch setzte Gefühle frei, an deren Existenz man eigentlich nicht mehr recht geglaubt hatte. […]

Über die Grenze rollte der Zug, vorbei am Todesstreifen, an Stacheldrahtverhauen und am Minengürtel; von Uniformierten nirgendwo eine Spur. Im Grenzbahnhof Gerstungen steigen die offiziellen Reisebegleiter der DDR zu. Auf dem Bahnsteig wehen die Flaggen der beiden Staaten […].

Der Zug rollt weiter, und was nun geschieht, war in keinem Protokoll verankert. In allen Orten und Städten, durch die Brandt fährt, stehen Menschen in den Vorgärten, in denen die letzten Reste des Schnees liegen, am Fenster, auf der Straße, einige stumm und ohne sich zu rühren. Ein Arbeitstrupp in schweren Stiefeln, die Hände in den Taschen, blickt dem Zug nach. Aber die meisten, vor allem die Frauen, winken.

Über dem Wald tauchen die Mauern der Wartburg 1 auf. Der Bahnhof Eisenach ist leer, an rauchgeschwärzten Mauern prangt ein rotes Transparent: „Die DDR ist unser sozialistisches Vaterland.“ Ein Bahnbeamter, nicht ganz sicher, ob es seine Dienstvorschriften erlauben, hebt den Arm ein wenig und läßt ihn, während er sich umsieht, schnell wieder sinken. Eine Frau läßt ein Bettlaken flattern, im Dachfenster einer Fabrik drängen sich junge Burschen, lachend und winkend. Und als der Zug langsam auf dem Erfurter Bahnhof einrollt, ruft ein Mann herüber: „Endlich kommt ihr!“ […]

Gerade in dem Augenblick, als Brandt und Stoph vor den Glastüren des Hotels angekommen sind, werden Rufe laut, schwellen an zu einem Schrei. Hunderte haben die Absperrung durchbrochen, einige Volkspolizisten, unterstützt von einigen Zivilisten, versuchen die Menge zu stoppen, sie werden mitgerissen. Erst vor dem Hotelportal gelingt es, den Ansturm zum Stehen zu bringen. Und während Brandt und Stoph hinter gläsernen Flügeltüren verschwinden, Volkspolizisten und Männer in Ledermänteln sich gegen die Flut stemmen, Hände gestreckt werden, eine alte Frau mit der hochgehaltenen Handtasche winkt, beginnen die Sprechchöre „Willy Brandt, Willy Brandt.“ […]

An diese Demonstration sind viele Vermutungen und Spekulationen geknüpft worden. Ein DDR-Funktionär versuchte, sie so zu erklären: „Den Genossen ist gesagt worden, sie sollten zu Hause bleiben, damit alles ohne Gedränge und ruhig ablaufen kann, und nun sind die Falschen gekommen.“ „Die Omas und Halbstarken“, so meinte abschätzig ein kommunistischer Journalist. Westliche Beobachter dagegen machten flugs eine Anti-SED-Demonstration daraus. Beides ist vermutlich falsch. Hier wurde wohl nicht für oder gegen ein System demonstriert; die ältere Frau, die so kräftig die Handtasche geschwenkt hatte und blaue Flecken und zerrissene Strümpfe vergaß – „Daß ich das noch erleben durfte“ –, wollte dabei sein, wenn Deutsche wieder mit Deutschen reden. […]

Die Wochen zwischen der Erfurter Begegnung und dem zweiten Treffen in Kassel 2 werden noch manche harte, öffentlich geführte Auseinandersetzungen zwischen der Regierung und der Opposition bringen – so wie auch in Ostberlin, allerdings hinter verschlossenen Türen, diskutiert werden wird. […]

Der Weg zu einem „geregelten Nebeneinander“, gar zu einem „friedlichen Miteinander“ liegt nach Erfurt nicht plötzlich als glatte Straße vor der deutschen Politik. „Niemand“, so formulierte es Brandt im Bundestag, „kann es nach dem gestrigen Tage wissen – ich weiß es jedenfalls nicht –, ob langsam eine Verbesserung der Beziehungen zwischen den getrennten Teilen möglich sein wird.“ Diese Warnung ist notwendig, gerade weil die Emotionen so stark, die Hoffnungen so groß, fast zu groß sind.

1 Die Wartburg ist eine Burganlage in der Nähe von Erfurt (vgl. Wartburgfest 1817).

2 Am 21.05.1970 fand ein zweites deutsch-deutsches Gipfeltreffen in Kassel statt.

Rolf Zundel: Seit Erfurt ist alles anders, in: Die Zeit Nr. 13/1970, URL: https://www.zeit.de/1970/13/seit-erfurt-ist-alles-anders/komplettansicht (abgerufen am 16.04.2020).

Hinweise

Rolf Zundel (1928–1989), von 1959 bis 1989 politischer Redakteur bei der Wochenzeitung „Die Zeit“

Franz Josef Strauß (1915–1988), Vorsitzender der CSU von 1961 bis zu seinem Tod

Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.

Laut dem Zeitschriftenmagazin „Der Spiegel“ verglich der CSU-Vorsitzende Strauß auf einem CSU-Parteitag im April 1970 „den SPD-Bundeskanzler Brandt mit Briten-Premier Neville Chamberlain, dessen Appeasement-Politik gegenüber Hitler zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs beigetragen hatte“.

Überprüfen Sie, ob Parallelen zwischen der Ostpolitik Brandts und der Appeasement-Politik Chamberlains bestanden. [35 BE]

Aufgabe Vorschlag D - Aufgaben 1 und 2 · Kalter Krieg: Blockbildung und Konfrontation

Thema und Aufgabenstellung – Vorschlag D

Demokratischer Neuaufbau nach den Weltkriegen?

Material

Walter Ulbricht auf dem Zweiten Parteitag der SED im September 1947

Die Fragen der Wirtschafts- und Staatspolitik bewegen unser Volk aufs tiefste, geht es doch um die

Frage des Lebens und der Zukunft unseres Volkes. Das deutsche Volk leidet heute schwer unter den

Folgen der Hitlerherrschaft.

Die deutsche Wirtschaft war vollständig auf Kriegsproduktion eingestellt und weitgehend durch Bom-

5 bardierungen […] desorganisiert. Daher ist die Umstellung auf Friedensproduktion äußerst erschwert.

[…]

Hinzu kommt, daß durch die Zoneneinteilung Deutschlands die wirtschaftlichen Beziehungen zerris-

sen sind und daß der Potsdamer Beschluß über die Behandlung Deutschlands als wirtschaftliche Ein-

heit bisher noch nicht durchgeführt wurde. Das muß sich in einem Lande mit so weitgehender Arbeits-

10 teilung wie Deutschland besonders verhängnisvoll auswirken. […]

Manche Leute fragen jammernd: Muß Deutschland ein armes Land sein? Wir antworten: Deutschland

kann und wird leben und das deutsche Volk wird zu Wohlstand gelangen, wenn es in allen Besat-

zungszonen die Totengräber Deutschlands, nämlich die Konzern- und Bankherren und die militaristi-

schen Großgrundbesitzer, entmachtet, den Staat von der faschistischen Staatsbürokratie säubert und

15 die nazistischen Kriegsverbrecher bestraft. […]

Das Entscheidendste, um das gegenwärtig der Kampf geführt werden muß, ist die Schaffung der

Grundlagen einer neuen demokratischen Wirtschafts- und Staatsordnung. Würden sich große Teile des

deutschen Volkes von dieser grundlegenden Aufgabe noch einmal so ablenken lassen wie nach dem

ersten Weltkrieg, so würden wir alles verlieren. Vergesse niemand die Erfahrungen nach dem ersten

20 Weltkrieg! Der Verzicht der Mehrheit des deutschen Volkes auf eine grundlegende Änderung der Ver-

hältnisse in den Jahren 1918 und 1919 führte zur furchtbarsten Not des deutschen Volkes, in die Krise

von 1923 und in die noch größere Krise von 1929 bis 1932 und schließlich in die Katastrophe des

Krieges. Deshalb ist in der gegenwärtigen Periode kein Opfer zu groß, um die Wiederholung dieses

verhängnisvollen Weges zu verhindern. Es geht zur Zeit zweifellos um die Verbesserung der unmit-

25 telbaren Lebenslage unseres Volkes, aber zugleich – und das mit allem Nachdruck – um die Sicherung

einer Zukunft, die keine Arbeitslosigkeit und keine Wirtschaftskrisen kennt, einer Zukunft, in der die

Wirtschaft im Dienste des Volkes steht und des Volkes Wille oberstes Gesetz ist. […]

Gegenwärtig werden dem deutschen Volke viele Pläne von außen offeriert. […]

Mit Dollarkrediten soll angeblich der deutschen Wirtschaft geholfen werden. Wir würden Kredite für

30 die Einfuhr von Lebensmitteln und Rohstoffen begrüßen, wir sind aber gegen solche Kredite, die der

Beherrschung der Ruhrindustrie durch das Auslandskapital dienen. Kredite könnten nur von einer

deutschen zentralen Verwaltung aufgenommen werden. Sie dürften mit keiner politischen Bedingung

verbunden sein, und den deutschen demokratischen Organen müßte das Recht gelassen werden, über

diese Kredite frei zu verfügen.

35 Der in Washington und London festgelegte sogenannte Industrieplan ist jedoch mit Bedingungen ver-

bunden, die mit den Interessen des wirtschaftlichen Neuaufbaus Deutschlands unvereinbar sind. […]

Die Vertreter der USA, die als Propagandisten des freien Handels auftreten, wenden Geschäftsprakti-

ken an, die nicht den Eindruck erwecken, daß Deutschland geholfen werden soll. Hinzu kommt als po-

litische Bedingung: Vertagung der sogenannten Sozialisierung auf ewige Zeit, Anerkennung der auto-

40 ritären Herrschaft der Zweizonenwirtschaftsverwaltung und Entschädigung der Kriegsinteressenten,

deren Betriebe durch Entmilitarisierung oder Demontage geschädigt wurden, auf Kosten des deut-

schen Volkes. […]

Viele Deutsche, die bisher an die Wunder des sogenannten Marshallplans glaubten, erkennen jetzt mit

Schrecken, daß sich die „Freiheit“, die aus der Wallstreet 1 kommt, als die Freiheit für die deutschen

45 Konzernherren erweisen soll, ihre Macht zu retten und die Kriegslasten auf das Volk abzuwälzen. […]

Es ist jetzt offenkundig geworden, daß der Marshallplan die dreifache Versklavung des deutschen Vol-

kes bedeutet. Der Marshallplan bedeutet erstens die Zerreißung Deutschlands und die Verwandlung

eines Teiles Deutschlands in ein Protektorat 2. Der Marshallplan bedeutet zweitens die Rettung der

Macht der Konzernherren, das heißt der Kriegsverbrecher. Der Marshallplan bedeutet drittens die dop-

50 pelte Ausbeutung der Bergarbeiter und der Arbeiter überhaupt durch das deutsche und das westliche

Monopolkapital. Deshalb erfordern die nationalen Interessen unseres Volkes und die sozialen Interes-

sen der Werktätigen die entschiedene Ablehnung des Marshallplans.

Walter Ulbricht: Zur Geschichte der Deutschen Arbeiterbewegung, Berlin 1953, S. 140–144 (Hervorhebungen getilgt).

Hinweise

Walter Ulbricht (1893–1973), Staatsratsvorsitzender der DDR (1960–1973) und Vorsitzender des Zentralkomitees der SED (1950–1971)

Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.

1 Wallstreet: Sitz der Börse in New York; aus Ulbrichts Perspektive die Zentrale des internationalen Kapitalismus

2 Protektorat: Schutzherrschaft eines Staates oder einer Staatengemeinschaft über einen anderen Staat

1

Fassen Sie die Aussagen Ulbrichts zur wirtschaftlichen und politischen Situation in Deutschland zusammen. (Material) (25 BE)

2

Erläutern Sie, auch unter Bezugnahme auf das Material, Gründe und Verlauf der Teilung Europas und der Welt von 1945 bis 1955. (40 BE)

Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 3 · Weimarer Republik: Entstehung, Verfassung und innere Belastungen

Thema und Aufgabenstellung – Vorschlag D

Demokratischer Neuaufbau nach den Weltkriegen?

Material

Walter Ulbricht auf dem Zweiten Parteitag der SED im September 1947

Die Fragen der Wirtschafts- und Staatspolitik bewegen unser Volk aufs tiefste, geht es doch um die

Frage des Lebens und der Zukunft unseres Volkes. Das deutsche Volk leidet heute schwer unter den

Folgen der Hitlerherrschaft.

Die deutsche Wirtschaft war vollständig auf Kriegsproduktion eingestellt und weitgehend durch Bom-

5 bardierungen […] desorganisiert. Daher ist die Umstellung auf Friedensproduktion äußerst erschwert.

[…]

Hinzu kommt, daß durch die Zoneneinteilung Deutschlands die wirtschaftlichen Beziehungen zerris-

sen sind und daß der Potsdamer Beschluß über die Behandlung Deutschlands als wirtschaftliche Ein-

heit bisher noch nicht durchgeführt wurde. Das muß sich in einem Lande mit so weitgehender Arbeits-

10 teilung wie Deutschland besonders verhängnisvoll auswirken. […]

Manche Leute fragen jammernd: Muß Deutschland ein armes Land sein? Wir antworten: Deutschland

kann und wird leben und das deutsche Volk wird zu Wohlstand gelangen, wenn es in allen Besat-

zungszonen die Totengräber Deutschlands, nämlich die Konzern- und Bankherren und die militaristi-

schen Großgrundbesitzer, entmachtet, den Staat von der faschistischen Staatsbürokratie säubert und

15 die nazistischen Kriegsverbrecher bestraft. […]

Das Entscheidendste, um das gegenwärtig der Kampf geführt werden muß, ist die Schaffung der

Grundlagen einer neuen demokratischen Wirtschafts- und Staatsordnung. Würden sich große Teile des

deutschen Volkes von dieser grundlegenden Aufgabe noch einmal so ablenken lassen wie nach dem

ersten Weltkrieg, so würden wir alles verlieren. Vergesse niemand die Erfahrungen nach dem ersten

20 Weltkrieg! Der Verzicht der Mehrheit des deutschen Volkes auf eine grundlegende Änderung der Ver-

hältnisse in den Jahren 1918 und 1919 führte zur furchtbarsten Not des deutschen Volkes, in die Krise

von 1923 und in die noch größere Krise von 1929 bis 1932 und schließlich in die Katastrophe des

Krieges. Deshalb ist in der gegenwärtigen Periode kein Opfer zu groß, um die Wiederholung dieses

verhängnisvollen Weges zu verhindern. Es geht zur Zeit zweifellos um die Verbesserung der unmit-

25 telbaren Lebenslage unseres Volkes, aber zugleich – und das mit allem Nachdruck – um die Sicherung

einer Zukunft, die keine Arbeitslosigkeit und keine Wirtschaftskrisen kennt, einer Zukunft, in der die

Wirtschaft im Dienste des Volkes steht und des Volkes Wille oberstes Gesetz ist. […]

Gegenwärtig werden dem deutschen Volke viele Pläne von außen offeriert. […]

Mit Dollarkrediten soll angeblich der deutschen Wirtschaft geholfen werden. Wir würden Kredite für

30 die Einfuhr von Lebensmitteln und Rohstoffen begrüßen, wir sind aber gegen solche Kredite, die der

Beherrschung der Ruhrindustrie durch das Auslandskapital dienen. Kredite könnten nur von einer

deutschen zentralen Verwaltung aufgenommen werden. Sie dürften mit keiner politischen Bedingung

verbunden sein, und den deutschen demokratischen Organen müßte das Recht gelassen werden, über

diese Kredite frei zu verfügen.

35 Der in Washington und London festgelegte sogenannte Industrieplan ist jedoch mit Bedingungen ver-

bunden, die mit den Interessen des wirtschaftlichen Neuaufbaus Deutschlands unvereinbar sind. […]

Die Vertreter der USA, die als Propagandisten des freien Handels auftreten, wenden Geschäftsprakti-

ken an, die nicht den Eindruck erwecken, daß Deutschland geholfen werden soll. Hinzu kommt als po-

litische Bedingung: Vertagung der sogenannten Sozialisierung auf ewige Zeit, Anerkennung der auto-

40 ritären Herrschaft der Zweizonenwirtschaftsverwaltung und Entschädigung der Kriegsinteressenten,

deren Betriebe durch Entmilitarisierung oder Demontage geschädigt wurden, auf Kosten des deut-

schen Volkes. […]

Viele Deutsche, die bisher an die Wunder des sogenannten Marshallplans glaubten, erkennen jetzt mit

Schrecken, daß sich die „Freiheit“, die aus der Wallstreet 1 kommt, als die Freiheit für die deutschen

45 Konzernherren erweisen soll, ihre Macht zu retten und die Kriegslasten auf das Volk abzuwälzen. […]

Es ist jetzt offenkundig geworden, daß der Marshallplan die dreifache Versklavung des deutschen Vol-

kes bedeutet. Der Marshallplan bedeutet erstens die Zerreißung Deutschlands und die Verwandlung

eines Teiles Deutschlands in ein Protektorat 2. Der Marshallplan bedeutet zweitens die Rettung der

Macht der Konzernherren, das heißt der Kriegsverbrecher. Der Marshallplan bedeutet drittens die dop-

50 pelte Ausbeutung der Bergarbeiter und der Arbeiter überhaupt durch das deutsche und das westliche

Monopolkapital. Deshalb erfordern die nationalen Interessen unseres Volkes und die sozialen Interes-

sen der Werktätigen die entschiedene Ablehnung des Marshallplans.

Walter Ulbricht: Zur Geschichte der Deutschen Arbeiterbewegung, Berlin 1953, S. 140–144 (Hervorhebungen getilgt).

Hinweise

Walter Ulbricht (1893–1973), Staatsratsvorsitzender der DDR (1960–1973) und Vorsitzender des Zentralkomitees der SED (1950–1971)

Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.

1 Wallstreet: Sitz der Börse in New York; aus Ulbrichts Perspektive die Zentrale des internationalen Kapitalismus

2 Protektorat: Schutzherrschaft eines Staates oder einer Staatengemeinschaft über einen anderen Staat

3

Überprüfen Sie die Einschätzung Ulbrichts, dass keine „grundlegende Änderung der Verhältnisse in den Jahren 1918 und 1919“ (Material) stattgefunden habe. (35 BE)

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