Aufgabe Vorschlag B - Aufgaben 1 und 2 · Abitur Hessen Geschichte LK 2021

Thema: Weimarer Republik: Entstehung, Verfassung und innere Belastungen · Aus der Prüfung LK (2021)

Aufgabenstellung

Material

Auszug aus dem Kriegstagebuch Karl Hampes (hier: 1918)

Dienstag, den 5. November [1918]

[...] Die Aufhebung der Zensur und Versammlungsbeschränkung – der reine Wahnsinn im Kriege! –

wirkt weiter niederdrückend auf die innere Einheit. In Stuttgart ist ein Soldatenrat gewählt, in Mün-

chen fordern die Unabhängigen 1 die sofortige „Verkündigung des Friedens“, in Kiel sind ernste

Kämpfe gewesen, bei denen auf die Menge, insbesondere auch Soldaten und Mariner, scharf geschos-

5 sen werden mußte, so daß es zahlreiche Tote und Verwundete gab. Bei der steten Umschmeichelung

des unverständigen Volkes, ohne straffe Diktatur, ist der letzte Verteidigungskampf gar nicht zu füh-

ren. Unser armes Volk muß offenbar erst durch lange Leiden zu einer vernünftigen Staatsgesinnung

kommen. [...]

Freitag, den 8. November [1918]

10 Erst jetzt habe ich mir die Zeitungen der letzten Tage verschafft und mit Schrecken ersehen, daß wir

schon halb im Bürgerkriege stehen. In Kiel und den drei Hansestädten 2 sind schwere Unruhen ausge-

brochen; die sozialistischen Massen fühlen ihre Stunde gekommen [...]. Offenbar ist viel planmäßige

Vorbereitung dabei. Allenthalben Einsetzung von Arbeiter- und Soldatenräten, die die radikalsten For-

derungen stellen und zum Beispiel in Hamburg wirklich das Heft in der Hand zu haben scheinen.

15 Selbst in Bremen sind die Zivilgefängnisse geöffnet! Abends weitere Nachrichten, daß in München

und Darmstadt (letzteres erst mündliche Nachricht, hat sich als falsch herausgestellt) die Republik aus-

gerufen sei. Die starke Beteiligung der Soldaten ist das Gefährliche. Man sieht, daß auf die Republik

hingearbeitet wird. Den unitarischen 3 Zug, der sich damit verbindet, könnte man sich gefallen lassen,

aber er trägt das Gepräge des Bolschewismus und der internationalen Verbrüderung. Hielten unsre

20 Nerven und unsre Einheit genügend aus, so könnte man auch auf Ansteckung in den Ententeländern

und dann glimpflicheren Frieden hoffen; aber dazu läßt unser innerer Zusammenbruch nicht Zeit. –

Nun hat die Sozialdemokratie bis heute Mittag ein Ultimatum namentlich in der Abdankungsfrage ge-

stellt, will bei Ablehnung aus der Regierung austreten. Das bedeutet noch weitere Entfachung des Bür-

gerkrieges. Erfüllung aber führt wohl etwas später auch dazu, da die Sozialdemokratie sich den immer

25 radikaleren Forderungen nicht versagen kann oder will. Das Mißtrauen bleibt bei mir doch stets, daß

selbst ein Scheidemann die Parteiziele letzten Endes verfolgt und die vaterländischen Töne das nur

verdecken. Welche Entscheidung für den Kaiser! [...] Bei den Regierenden allenthalben Schwäche,

die in der Lage begründet sein mag, aber weitere Auflösung hervorruft. Es ist zum Heulen. [...]

Samstag, den 9. November [1918]

30 [...] [I]n Köln Ausschreitungen und Plünderungen; und ruhigere Umwälzungen in vielen andern Städ-

ten. Elende Verbrecher werden aus den Gefängnissen befreit und auf die Menschheit losgelassen! Bol-

schewistisch ist die Bewegung doch wohl nur deshalb noch nicht, weil alles sich duckt, Polizei, Mili-

tär, Beamtenschaft sich ihr zur Verfügung stellt. Es muß Parole 4 von oben sein, um Blutvergießen zu

vermeiden. [...]

35 Die Abdankung war wohl eine Notwendigkeit geworden. [...] Leider ist zu befürchten, daß sie jetzt

keine Lösung mehr für die inneren Unruhen bringt. Die Unabhängigen mit ihren Räten haben die

Macht geschmeckt; sie werden über die Monarchie hinwegschreiten. Die Herrschaft des Pöbels

scheint für eine Zeit lang besiegelt. Ein Trost ist noch, daß Berlin sich hält. Jene Herrschaft würde

Knechtung der Freiheit bringen. – Es ist ein furchtbares Gefühl: Zu der Knechtung, in die wir morgen

40 oder übermorgen unsern Feinden gegenüber geraten, die uns jeglichen Willen aufzwingen können,

kommt diese innere Knechtung, wenn nicht doch noch ein Umschwung, ein Aufraffen erfolgt, das we-

nigstens diese Aufruhrregierungen unter die Reichsleitung beugt. [...] Gegen diesen Zwang werden ja

auch Gegenströmungen nicht ausbleiben, und dann wird gewaltsame Behauptung der Machthaber mit

ähnlichen Mitteln wie in Rußland versucht werden. Dabei hört man natürlich nicht auf, von Mündig-

45 keit und politischer Reife unsres Volkes zu reden, weil bei der Umwandlung bisher noch nicht viel

Blut geflossen ist; ähnlich wie in Rußland anfangs. [...]

Sonntag, den 10. November [1918]

Der elendeste Tag meines Lebens! Was ist aus Kaiser und Reich geworden! Nach außen steht uns Ver-

50 stümmelung, Willenlosigkeit, eine Art Schuldknechtschaft bevor; im Innern brutale Klassenherrschaft

unter trügerischem Schein der Freiheit, Bürgerkrieg, Hungersnot, Chaos. Berlin ist der Revolution

ohne ernstliche Gegenwehr verfallen; über das Thronrecht der Hohenzollern ist man zur Tagesordnung

übergegangen; Scheidemann, der es nach Abdankung des Kaisers und Kronprinzen erhalten wollte,

hat vom Reichstagsgebäude aus die Republik verkündet, Liebknecht vom Schloßbalkon aus. Einige

55 Offiziere haben sich gewehrt und haben es ehrenvoll mit dem Leben bezahlt. Sonst anscheinend auch

hier völliges Versagen der Behörden. Auch hier sind Verbrecher befreit. Man erfährt wohl das

Schlimmste nicht einmal! So geht es weiter im Reiche. In Darmstadt soll der Großherzog 5 gefangen

sein, weil er den Verzicht weigerte. In Karlsruhe ist auch die Republik verkündet. Was man mit dem

Großherzog gemacht hat, steht dahin. Von Mannheim-Ludwigshafen ist die Bewegung gestern Abend

60 auch nach Heidelberg gedrungen.

1 Unabhängige: Anhänger der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD), die sich 1917 von der SPD abgespalten hatte

2 drei Hansestädte: Hamburg, Bremen, Lübeck

3 unitarisch, hier: auf die Errichtung eines zentralistisch aufgebauten Deutschlands abzielend

4 Parole, hier: Anweisung

5 Gemeint ist der Herrscher des Großherzogtums Hessen.

Karl Hampe: Kriegstagebuch 1914–1919, hg. v. Folker Reichert und Eike Wolgast, 2. Aufl. München 2007, S. 770–775.

Hinweise

Karl Hampe (1869–1936) von 1903 bis 1934 Professor für mittelalterliche Geschichte an der Universität Heidelberg.

Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.

1

Beschreiben Sie, wie Karl Hampe die revolutionären Ereignisse in Deutschland bewertet. (Material) [25 BE]

2

Stellen Sie den Übergang vom Kaiserreich zur Republik in Deutschland von 1918/19 dar und untersuchen Sie, ob die Befürchtungen Hampes (Material) in dieser Zeit Wirklichkeit wurden. [40 BE]

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag B - Aufgaben 1 und 2 · Abitur Hessen Geschichte LK 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1 Beschreiben Sie, wie Karl Hampe die revolutionären Ereignisse in Deutschland bewertet. (Material)

Lösung: Ausführliche Beschreibung von Hampes negativer und von Furcht geprägter Bewertung der Revolution.

2 Stellen Sie den Übergang vom Kaiserreich zur Republik in Deutschland von 1918/19 dar und untersuchen Sie, ob die Befürchtungen Hampes (Material) in dieser Zeit Wirklichkeit wurden.

Lösung: Darstellung der Ereignisse von 1918/19 und differenzierte Untersuchung von Hampes Befürchtungen.

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