Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 3 · Abitur Hessen Geschichte LK 2021
Thema: Weimarer Republik: Entstehung, Verfassung und innere Belastungen · Aus der Prüfung LK (2021)
Aufgabenstellung
Thema und Aufgabenstellung – Vorschlag D
Demokratischer Neuaufbau nach den Weltkriegen?
Material
Walter Ulbricht auf dem Zweiten Parteitag der SED im September 1947
Die Fragen der Wirtschafts- und Staatspolitik bewegen unser Volk aufs tiefste, geht es doch um die
Frage des Lebens und der Zukunft unseres Volkes. Das deutsche Volk leidet heute schwer unter den
Folgen der Hitlerherrschaft.
Die deutsche Wirtschaft war vollständig auf Kriegsproduktion eingestellt und weitgehend durch Bom-
5 bardierungen […] desorganisiert. Daher ist die Umstellung auf Friedensproduktion äußerst erschwert.
[…]
Hinzu kommt, daß durch die Zoneneinteilung Deutschlands die wirtschaftlichen Beziehungen zerris-
sen sind und daß der Potsdamer Beschluß über die Behandlung Deutschlands als wirtschaftliche Ein-
heit bisher noch nicht durchgeführt wurde. Das muß sich in einem Lande mit so weitgehender Arbeits-
10 teilung wie Deutschland besonders verhängnisvoll auswirken. […]
Manche Leute fragen jammernd: Muß Deutschland ein armes Land sein? Wir antworten: Deutschland
kann und wird leben und das deutsche Volk wird zu Wohlstand gelangen, wenn es in allen Besat-
zungszonen die Totengräber Deutschlands, nämlich die Konzern- und Bankherren und die militaristi-
schen Großgrundbesitzer, entmachtet, den Staat von der faschistischen Staatsbürokratie säubert und
15 die nazistischen Kriegsverbrecher bestraft. […]
Das Entscheidendste, um das gegenwärtig der Kampf geführt werden muß, ist die Schaffung der
Grundlagen einer neuen demokratischen Wirtschafts- und Staatsordnung. Würden sich große Teile des
deutschen Volkes von dieser grundlegenden Aufgabe noch einmal so ablenken lassen wie nach dem
ersten Weltkrieg, so würden wir alles verlieren. Vergesse niemand die Erfahrungen nach dem ersten
20 Weltkrieg! Der Verzicht der Mehrheit des deutschen Volkes auf eine grundlegende Änderung der Ver-
hältnisse in den Jahren 1918 und 1919 führte zur furchtbarsten Not des deutschen Volkes, in die Krise
von 1923 und in die noch größere Krise von 1929 bis 1932 und schließlich in die Katastrophe des
Krieges. Deshalb ist in der gegenwärtigen Periode kein Opfer zu groß, um die Wiederholung dieses
verhängnisvollen Weges zu verhindern. Es geht zur Zeit zweifellos um die Verbesserung der unmit-
25 telbaren Lebenslage unseres Volkes, aber zugleich – und das mit allem Nachdruck – um die Sicherung
einer Zukunft, die keine Arbeitslosigkeit und keine Wirtschaftskrisen kennt, einer Zukunft, in der die
Wirtschaft im Dienste des Volkes steht und des Volkes Wille oberstes Gesetz ist. […]
Gegenwärtig werden dem deutschen Volke viele Pläne von außen offeriert. […]
Mit Dollarkrediten soll angeblich der deutschen Wirtschaft geholfen werden. Wir würden Kredite für
30 die Einfuhr von Lebensmitteln und Rohstoffen begrüßen, wir sind aber gegen solche Kredite, die der
Beherrschung der Ruhrindustrie durch das Auslandskapital dienen. Kredite könnten nur von einer
deutschen zentralen Verwaltung aufgenommen werden. Sie dürften mit keiner politischen Bedingung
verbunden sein, und den deutschen demokratischen Organen müßte das Recht gelassen werden, über
diese Kredite frei zu verfügen.
35 Der in Washington und London festgelegte sogenannte Industrieplan ist jedoch mit Bedingungen ver-
bunden, die mit den Interessen des wirtschaftlichen Neuaufbaus Deutschlands unvereinbar sind. […]
Die Vertreter der USA, die als Propagandisten des freien Handels auftreten, wenden Geschäftsprakti-
ken an, die nicht den Eindruck erwecken, daß Deutschland geholfen werden soll. Hinzu kommt als po-
litische Bedingung: Vertagung der sogenannten Sozialisierung auf ewige Zeit, Anerkennung der auto-
40 ritären Herrschaft der Zweizonenwirtschaftsverwaltung und Entschädigung der Kriegsinteressenten,
deren Betriebe durch Entmilitarisierung oder Demontage geschädigt wurden, auf Kosten des deut-
schen Volkes. […]
Viele Deutsche, die bisher an die Wunder des sogenannten Marshallplans glaubten, erkennen jetzt mit
Schrecken, daß sich die „Freiheit“, die aus der Wallstreet 1 kommt, als die Freiheit für die deutschen
45 Konzernherren erweisen soll, ihre Macht zu retten und die Kriegslasten auf das Volk abzuwälzen. […]
Es ist jetzt offenkundig geworden, daß der Marshallplan die dreifache Versklavung des deutschen Vol-
kes bedeutet. Der Marshallplan bedeutet erstens die Zerreißung Deutschlands und die Verwandlung
eines Teiles Deutschlands in ein Protektorat 2. Der Marshallplan bedeutet zweitens die Rettung der
Macht der Konzernherren, das heißt der Kriegsverbrecher. Der Marshallplan bedeutet drittens die dop-
50 pelte Ausbeutung der Bergarbeiter und der Arbeiter überhaupt durch das deutsche und das westliche
Monopolkapital. Deshalb erfordern die nationalen Interessen unseres Volkes und die sozialen Interes-
sen der Werktätigen die entschiedene Ablehnung des Marshallplans.
Walter Ulbricht: Zur Geschichte der Deutschen Arbeiterbewegung, Berlin 1953, S. 140–144 (Hervorhebungen getilgt).
Hinweise
Walter Ulbricht (1893–1973), Staatsratsvorsitzender der DDR (1960–1973) und Vorsitzender des Zentralkomitees der SED (1950–1971)
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
1 Wallstreet: Sitz der Börse in New York; aus Ulbrichts Perspektive die Zentrale des internationalen Kapitalismus
2 Protektorat: Schutzherrschaft eines Staates oder einer Staatengemeinschaft über einen anderen Staat
3
Überprüfen Sie die Einschätzung Ulbrichts, dass keine „grundlegende Änderung der Verhältnisse in den Jahren 1918 und 1919“ (Material) stattgefunden habe. (35 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
3 Überprüfen Sie die Einschätzung Ulbrichts, dass keine „grundlegende Änderung der Verhältnisse in den Jahren 1918 und 1919“ (Material) stattgefunden habe. (35 BE)
Lösung: Eine differenzierte Überprüfung und Urteilsbildung unter Abwägung von Argumenten: Argumente, die Ulbrichts These stützen (Kontinuitäten): - Fortbestand des Staates und der Bundesstaaten trotz Gebietsabtretungen. - Starke Stellung des Reichspräsidenten („Ersatzkaiser“) mit Notverordnungsrecht (Art. 48). - Fortbestehen der alten Eliten in Verwaltung, Justiz, Wirtschaft und Militär (u. a. infolge des Ebert-Groener-Bündnisses). - Keine Enteignung oder Vergesellschaftung der Produktionsmittel; Beibehaltung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Argumente gegen Ulbrichts Einschätzung (Wandel/Zäsuren): - Übergang vom monarchisch-autoritären Obrigkeitsstaat zur parlamentarischen Demokratie (Republikgründung). - Hochmoderne demokratische Reichsverfassung mit Grundrechten, Parlamentarisierung und Einführung des Frauenwahlrechts. - Machtwechsel hin zu den bisherigen Oppositionsparteien der Weimarer Koalition (MSPD, Zentrum, DDP). - Zurückdrängung der militärischen Dominanz durch Entwaffnung und Heeresbeschränkung (100.000-Mann-Heer). - Radikaler Wandel der europäischen Ordnung durch die Pariser Vorortverträge (Ende der Vielvölkerreiche, Entstehung neuer Nationalstaaten). Fazit: Aus Ulbrichts kommunistischer Ideologie heraus ist verständlich, dass das Ausbleiben einer sozialistischen Revolution und Enteignung als „Verzicht auf grundlegende Änderung“ gewertet wird. Historisch blendet dies jedoch den fundamentalen verfassungs- und gesellschaftspolitischen Epochenbruch von der Monarchie zur Demokratie aus.
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