Abitur Hessen Geschichte 2021 · GK
Abiturprüfung Geschichte in Hessen 2021, GK: 8 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Liberal-nationale Bewegung, Revolution 1848/49 und Reichsgründung. Kostenlos.
Themen der Prüfung: Liberal-nationale Bewegung, Revolution 1848/49 und Reichsgründung · Imperialismus und Weg in den Ersten Weltkrieg · Versailler Vertrag und Außenpolitik der Weimarer Republik · Scheitern der Weimarer Republik und Errichtung der NS-Diktatur 1930-1934 · NS-Außenpolitik und Weg in den Zweiten Weltkrieg · Kalter Krieg: Blockbildung und Konfrontation · Nachkriegszeit, Teilung Deutschlands und Westbindung 1945-1955
Aufgabe Vorschlag A - Aufgaben 1 und 2 · Liberal-nationale Bewegung, Revolution 1848/49 und Reichsgründung
Material
Erich Koch-Weser in der deutschen Nationalversammlung (28. Februar 1919)
[W]as die neue Verfassung leisten soll, ist, daß sie uns das sichere und tragfähige Fundament liefert,
auf dem alle weitere Arbeit getan werden muß. Meine Partei ist […] gewillt, an diesem Verfassungs-
werke mitzuarbeiten. […]
Wir gehen nicht nur von der Bismarckschen Verfassung aus, sondern wir ziehen in erster Linie auch
5 die großen Gedanken wieder heran, die im Jahre 1848 unsere Väter bei der Aufstellung einer Verfas-
sung beseelt haben. […]
Meine Damen und Herren! Man hat uns in der preußischen Geschichte immer zu lehren gewußt, daß
alles dasjenige, was im Jahre 1848 versucht worden wäre, verfehlt gewesen sei, und man hat uns bei-
bringen wollen, daß das ein untauglicher Versuch, und dasjenige, was in den Jahren 1866 und 1870
10 geschaffen worden ist, die Vollendung gewesen sei. Wir sehen heute die Dinge anders, als sie uns die
Lehrbücher angeben, wir sehen heute, daß eine große und gerade Linie von 1848 auf 1918 führt. […]
[U]nd wir sehen, daß das gigantische Werk Bismarcks schließlich in seinen letzten Zielen nicht hat
ausreifen können. Der große und bewundernswürdige Opportunist 1 Bismarck, der die Politik die Kunst
des Erreichbaren genannt hat, hat die Verfassung von 1866 und 1870 nicht geschaffen als etwas, was
15 er jemals in seinem Leben als Ideal bezeichnet hätte, sondern er hat sie geschaffen, um das zu errei-
chen, was damals erreichbar war, und er hat auf Grund von den Gedankengängen, von denen er nach
seiner eigenen Entwicklung ausging und von denen er mit Rücksicht auf die Zeitumstände, in denen er
lebte, ausgehen mußte, in diese Verfassung die verschiedenartigsten Bausteine hineingearbeitet, nach-
dem sie leicht behauen waren, um einigermaßen in das Werk hineinzupassen. Er hat versucht, zu ver-
20 einen die Reichseinheit mit dem Vielfürstentum, das Parlament mit dem Obrigkeitsstaate, die Demo-
kratie mit dem Gottesgnadentum […] und die Vormacht Preußens mit der Gleichberechtigung der
deutschen Stämme 2. Daß ein solcher Bau von vornherein schwer zu halten war, daß diese Bausteine
auseinanderstrebten oder Gefahr liefen, sich ihre Ecken und Kanten zuzukehren, liegt in der Natur der
Sache. […]
25 Wenn wir nun daran gehen, das Fundament für eine neue Reichsverfassung zu legen, so werden wir
die Bausteine, die Bismarck diesem Werke zugrunde legte, nicht sämtlich wieder gebrauchen können.
Wir kennen die Bausteine, die alsbald wieder aus dem Werke heraus gestrebt haben. Diese werden wir
verwerfen […] und hoffen, ein Werk zustande zu bringen, das den Jahrhunderten trotzt.
Der erste und wichtigste Baustein ist die Einheit des Reichs. Ich denke […], daß doch die Einheit des
30 Reichs nach außen heute von niemand unter uns mehr ernstlich in Frage gestellt wird. […]
Der zweite Grundstein zu unserem neuen Werk ist die Demokratie. […]
Meine Damen und Herren! Die beste Ausdrucksform für die Demokratie ist der Parlamentarismus.
Wir kennen keine bessere, und wir sind deshalb gewillt, den Parlamentarismus als weiteren Grund-
stein in das Fundament des neuen Baues einzufügen. […]
35 Wir sind […] der Meinung, daß wir unsern Parlamentarismus durch eine andere Art der obersten
Spitze im Reich ergänzen müssen. […] Wir sind nicht gewillt, den Präsidenten lediglich zu einer Re-
präsentationsfigur werden zu lassen. […] Wir wollen aber ebensowenig, wie wir eine Repräsentations-
figur wollen, einen Geschäftemacher, der in den ganzen politischen Dingen hinter den Kulissen seine
Finger hat. Was wir erwarten, ist ein Mann, der auf hoher Warte steht und nur dann, wenn die Stunde
40 der Gefahr herangekommen ist, herabsteigt und in den Streit der Meinungen mit ernsten Worten ein-
greift. Wir wünschen aus diesem Grunde auch, daß der Präsident vom gesamten Volke gewählt wird,
damit er in ernster Stunde ein Gegengewicht gegen die Parlamentsroutine bildet. […]
Die Jahrtausende lange Geschichte unseres Volkes, die fast immer eine Leidensgeschichte gewesen
ist, ist nunmehr noch weiter fortgesetzt worden in fünf Jahren des allerschwersten Leides, und wir sind
45 überzeugt, daß dieses gemeinsame Leid uns mehr zusammenführt, als uns die letzten fünfzig Jahre des
Glücks, in denen so viel kostbare Gelegenheit versäumt worden ist, zusammengeführt haben. Wir sind
der Meinung, daß die deutschen Dichter und Künstler […] auch in Zukunft dahin wirken werden, daß
unser deutsches Volk seine kulturelle und geistige Einheit immer mehr finden wird, und so sind wir
überzeugt, daß es Nord und Süd in Deutschland niemals so gehen wird wie den beiden Königskindern,
50 die einander so lieb hatten und nicht zusammen kommen konnten, weil das Wasser zu tief war. 3 […]
Nein, wenn auch die Wasser der Tiefe zurzeit noch so brausen und wenn uns auch Gewitter und Sturm
umgibt, wir sind der Überzeugung, daß es uns hier in gemeinsamer Arbeit gelingen wird, eine Brücke
zu schlagen, und diese Brücke soll, so hoffe ich, die deutsche Verfassung sein.
1 Opportunist: jemand, der sich aus Nützlichkeitserwägungen schnell und bedenkenlos der jeweils gegebenen Lage anpasst
2 Mit Stämmen sind hier die Einzelstaaten des Deutschen Reiches gemeint.
3 Anspielung auf die Volksballade „Es waren zwei Königskinder“, in der zwei Liebende nicht zueinander finden können und der eine ertrinkt
Verhandlungen der verfassungsgebenden Deutschen Nationalversammlung. Stenographische Berichte. Band 326; Berlin 1920; S. 390–395.
URL: https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt2_wv_bsb00000010_00397.html
URL: https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt2_wv_bsb00000010_00398.html
URL: https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt2_wv_bsb00000010_00399.html
URL: https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt2_wv_bsb00000010_00400.html
URL: https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt2_wv_bsb00000010_00401.html
URL: https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt2_wv_bsb00000010_00402.html (abgerufen am 01.03.2020).
Hinweise
Erich Koch-Weser (1875–1944), ursprünglich Erich Koch, trägt den Doppelnamen seit 1927, deutscher Jurist und liberaler Politiker, u. a. Reichsinnenminister, Reichsjustizminister, Parteivorsitzender der DDP.
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
Deutsche Verfassungen im 19. und 20. Jahrhundert
1
Fassen Sie die Ausführungen von Koch-Weser zusammen. (Material)
[25 BE]
2
„Man hat uns […] immer zu lehren gewußt, daß alles dasjenige, was im Jahre 1848 versucht worden wäre, verfehlt gewesen sei, und man hat uns beibringen wollen, daß das ein untauglicher Versuch, und dasjenige, was in den Jahren 1866 und 1870 geschaffen worden ist, die Vollendung gewesen sei.“ (Material)
Stellen Sie, auch unter Bezugnahme auf die Ausführungen von Koch-Weser (Material), den Versuch der Reichsgründung 1848/49 und die Gründung des Deutschen Reiches 1870/71 einander gegenüber.
[45 BE]
Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 3 · Scheitern der Weimarer Republik und Errichtung der NS-Diktatur 1930-1934
Material
Erich Koch-Weser in der deutschen Nationalversammlung (28. Februar 1919)
[W]as die neue Verfassung leisten soll, ist, daß sie uns das sichere und tragfähige Fundament liefert,
auf dem alle weitere Arbeit getan werden muß. Meine Partei ist […] gewillt, an diesem Verfassungs-
werke mitzuarbeiten. […]
Wir gehen nicht nur von der Bismarckschen Verfassung aus, sondern wir ziehen in erster Linie auch
5 die großen Gedanken wieder heran, die im Jahre 1848 unsere Väter bei der Aufstellung einer Verfas-
sung beseelt haben. […]
Meine Damen und Herren! Man hat uns in der preußischen Geschichte immer zu lehren gewußt, daß
alles dasjenige, was im Jahre 1848 versucht worden wäre, verfehlt gewesen sei, und man hat uns bei-
bringen wollen, daß das ein untauglicher Versuch, und dasjenige, was in den Jahren 1866 und 1870
10 geschaffen worden ist, die Vollendung gewesen sei. Wir sehen heute die Dinge anders, als sie uns die
Lehrbücher angeben, wir sehen heute, daß eine große und gerade Linie von 1848 auf 1918 führt. […]
[U]nd wir sehen, daß das gigantische Werk Bismarcks schließlich in seinen letzten Zielen nicht hat
ausreifen können. Der große und bewundernswürdige Opportunist 1 Bismarck, der die Politik die Kunst
des Erreichbaren genannt hat, hat die Verfassung von 1866 und 1870 nicht geschaffen als etwas, was
15 er jemals in seinem Leben als Ideal bezeichnet hätte, sondern er hat sie geschaffen, um das zu errei-
chen, was damals erreichbar war, und er hat auf Grund von den Gedankengängen, von denen er nach
seiner eigenen Entwicklung ausging und von denen er mit Rücksicht auf die Zeitumstände, in denen er
lebte, ausgehen mußte, in diese Verfassung die verschiedenartigsten Bausteine hineingearbeitet, nach-
dem sie leicht behauen waren, um einigermaßen in das Werk hineinzupassen. Er hat versucht, zu ver-
20 einen die Reichseinheit mit dem Vielfürstentum, das Parlament mit dem Obrigkeitsstaate, die Demo-
kratie mit dem Gottesgnadentum […] und die Vormacht Preußens mit der Gleichberechtigung der
deutschen Stämme 2. Daß ein solcher Bau von vornherein schwer zu halten war, daß diese Bausteine
auseinanderstrebten oder Gefahr liefen, sich ihre Ecken und Kanten zuzukehren, liegt in der Natur der
Sache. […]
25 Wenn wir nun daran gehen, das Fundament für eine neue Reichsverfassung zu legen, so werden wir
die Bausteine, die Bismarck diesem Werke zugrunde legte, nicht sämtlich wieder gebrauchen können.
Wir kennen die Bausteine, die alsbald wieder aus dem Werke heraus gestrebt haben. Diese werden wir
verwerfen […] und hoffen, ein Werk zustande zu bringen, das den Jahrhunderten trotzt.
Der erste und wichtigste Baustein ist die Einheit des Reichs. Ich denke […], daß doch die Einheit des
30 Reichs nach außen heute von niemand unter uns mehr ernstlich in Frage gestellt wird. […]
Der zweite Grundstein zu unserem neuen Werk ist die Demokratie. […]
Meine Damen und Herren! Die beste Ausdrucksform für die Demokratie ist der Parlamentarismus.
Wir kennen keine bessere, und wir sind deshalb gewillt, den Parlamentarismus als weiteren Grund-
stein in das Fundament des neuen Baues einzufügen. […]
35 Wir sind […] der Meinung, daß wir unsern Parlamentarismus durch eine andere Art der obersten
Spitze im Reich ergänzen müssen. […] Wir sind nicht gewillt, den Präsidenten lediglich zu einer Re-
präsentationsfigur werden zu lassen. […] Wir wollen aber ebensowenig, wie wir eine Repräsentations-
figur wollen, einen Geschäftemacher, der in den ganzen politischen Dingen hinter den Kulissen seine
Finger hat. Was wir erwarten, ist ein Mann, der auf hoher Warte steht und nur dann, wenn die Stunde
40 der Gefahr herangekommen ist, herabsteigt und in den Streit der Meinungen mit ernsten Worten ein-
greift. Wir wünschen aus diesem Grunde auch, daß der Präsident vom gesamten Volke gewählt wird,
damit er in ernster Stunde ein Gegengewicht gegen die Parlamentsroutine bildet. […]
Die Jahrtausende lange Geschichte unseres Volkes, die fast immer eine Leidensgeschichte gewesen
ist, ist nunmehr noch weiter fortgesetzt worden in fünf Jahren des allerschwersten Leides, und wir sind
45 überzeugt, daß dieses gemeinsame Leid uns mehr zusammenführt, als uns die letzten fünfzig Jahre des
Glücks, in denen so viel kostbare Gelegenheit versäumt worden ist, zusammengeführt haben. Wir sind
der Meinung, daß die deutschen Dichter und Künstler […] auch in Zukunft dahin wirken werden, daß
unser deutsches Volk seine kulturelle und geistige Einheit immer mehr finden wird, und so sind wir
überzeugt, daß es Nord und Süd in Deutschland niemals so gehen wird wie den beiden Königskindern,
50 die einander so lieb hatten und nicht zusammen kommen konnten, weil das Wasser zu tief war. 3 […]
Nein, wenn auch die Wasser der Tiefe zurzeit noch so brausen und wenn uns auch Gewitter und Sturm
umgibt, wir sind der Überzeugung, daß es uns hier in gemeinsamer Arbeit gelingen wird, eine Brücke
zu schlagen, und diese Brücke soll, so hoffe ich, die deutsche Verfassung sein.
1 Opportunist: jemand, der sich aus Nützlichkeitserwägungen schnell und bedenkenlos der jeweils gegebenen Lage anpasst
2 Mit Stämmen sind hier die Einzelstaaten des Deutschen Reiches gemeint.
3 Anspielung auf die Volksballade „Es waren zwei Königskinder“, in der zwei Liebende nicht zueinander finden können und der eine ertrinkt
Verhandlungen der verfassungsgebenden Deutschen Nationalversammlung. Stenographische Berichte. Band 326; Berlin 1920; S. 390–395.
URL: https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt2_wv_bsb00000010_00397.html
URL: https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt2_wv_bsb00000010_00398.html
URL: https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt2_wv_bsb00000010_00399.html
URL: https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt2_wv_bsb00000010_00400.html
URL: https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt2_wv_bsb00000010_00401.html
URL: https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt2_wv_bsb00000010_00402.html (abgerufen am 01.03.2020).
Hinweise
Erich Koch-Weser (1875–1944), ursprünglich Erich Koch, trägt den Doppelnamen seit 1927, deutscher Jurist und liberaler Politiker, u. a. Reichsinnenminister, Reichsjustizminister, Parteivorsitzender der DDP.
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
Deutsche Verfassungen im 19. und 20. Jahrhundert
3
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier betonte 2019 anlässlich der Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag des Grundgesetzes: „Eine Verfassung muss sich gerade dann behaupten, wenn es hart auf hart kommt.“
Überprüfen Sie, inwiefern diese Aussage auf die Verfassung der Weimarer Republik für die Jahre 1930 bis 1933 zutrifft.
[30 BE]
Aufgabe Vorschlag B - Aufgaben 1 und 2 · Versailler Vertrag und Außenpolitik der Weimarer Republik
Material
Rede des britischen Premierministers David Lloyd George vor Gewerkschaftsvertretern (5. Januar 1918)
Wir führen keinen Angriffskrieg gegen das deutsche Volk. Ihre Führer haben den Deutschen eingere-
det, dass sie einen Verteidigungskrieg gegen ein Bündnis von Rivalen führen, die darauf aus sind,
Deutschland zu zerstören. Dies trifft nicht zu. Die Vernichtung oder Zerschlagung Deutschlands oder
des deutschen Volkes ist nie, vom ersten Tag dieses Krieges an bis heute, eines unserer Kriegsziele
5 gewesen. Völlig widerwillig und in der Tat ganz unvorbereitet für das schreckliche Martyrium wurden
wir gezwungen, in diesen Krieg einzugreifen, um uns selbst zu verteidigen, um die verletzte Rechts-
ordnung Europas zu verteidigen, um die feierlichsten Vertragsbestimmungen aufrechtzuerhalten, auf
denen das Rechtssystem Europas beruht und die Deutschland durch seine Invasion Belgiens brutal mit
Füßen getreten hat. Wir mussten in den Krieg eintreten oder an der Seite stehen und zusehen, wie Eu-
10 ropa untergeht und brutale Gewalt über […] internationales Recht triumphiert. Es war einzig die Er-
kenntnis, dass es nur diese fürchterliche Alternative gibt, die das britische Volk gezwungen hat, am
Krieg teilzunehmen. Und von dieser Einstellung bei Kriegsbeginn sind die Briten nie abgewichen. Sie
haben niemals das Auseinanderbrechen der deutschen Völker oder die Auflösung ihres Staates oder
Landes angestrebt. Deutschland hat in der Welt eine bedeutende Stellung eingenommen. Es ist nicht
15 unser Wunsch oder unsere Absicht, für die Zukunft diese Stellung in Frage zu stellen oder zu zerstö-
ren, sondern wir wollen vielmehr Deutschland davon abbringen, zu hoffen, eine militärische Gewalt-
herrschaft errichten zu können, und sicherstellen, dass die Deutschen alle ihre Kraft den großen wohl-
tätigen Aufgaben widmen, die es auf der Welt gibt. […]
Wir sind auch nicht in den Krieg eingetreten, um die kaiserliche Verfassung Deutschlands zu verän-
20 dern oder zu zerstören, obwohl wir davon ausgehen, dass diese militärische, autokratische Verfassung
im 20. Jahrhundert einen gefährlichen Anachronismus darstellt. Unsere Position ist, dass die Errich-
tung einer wirklich demokratischen Verfassung in Deutschland der überzeugendste Beweis dafür
wäre, dass dort der alte Geist der militärischen Gewaltherrschaft […] sein Ende gefunden hat. Dies
würde es uns einfacher machen, einen großzügigen demokratischen Frieden mit Deutschland zu
25 schließen. Aber letztlich ist das eine Frage, die das deutsche Volk selbst entscheiden muss. […]
Die Tage des Wiener Kongresses sind lange vorbei. Wir können nicht länger die Zukunft der europäi-
schen Zivilisation von willkürlichen Entscheidungen einiger Diplomaten abhängig machen, die mit
Tricks oder Überredung versuchen, die Interessen dieser oder jener Dynastie oder dieses oder jenes
Staates durchzusetzen. Die Organisation des neuen Europas muss als Grundlage Überlegungen haben,
30 die auf Vernunft und Gerechtigkeit basieren und die für die Zukunft eine gewisse Stabilität verspre-
chen. Deswegen sind wir der Ansicht, dass in diesem Krieg die Zustimmung der Regierten bei der Re-
gelung der Territorialfragen die Grundlage sein muss.
Official Statements of War Aims and Peace Proposals, December 1916 to November 1918, Washington 1921, S. 226–229 (eigene Übersetzung).
Hinweis
David Lloyd George (1863–1945), von 1916 bis 1922 britischer Premierminister und einer der Vertreter der Siegermächte in Versailles
Aufgaben
1
Fassen Sie die Ausführungen Lloyd Georges zusammen. (Material)
[25 BE]
2
Untersuchen Sie, inwieweit die Vorstellungen von Lloyd George (Material), insbesondere durch die Bestimmungen des Versailler Vertrages, im Jahre 1919 Wirklichkeit wurden.
[45 BE]
Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 3 · Kalter Krieg: Blockbildung und Konfrontation
Material
Rede des britischen Premierministers David Lloyd George vor Gewerkschaftsvertretern (5. Januar 1918)
Wir führen keinen Angriffskrieg gegen das deutsche Volk. Ihre Führer haben den Deutschen eingere-
det, dass sie einen Verteidigungskrieg gegen ein Bündnis von Rivalen führen, die darauf aus sind,
Deutschland zu zerstören. Dies trifft nicht zu. Die Vernichtung oder Zerschlagung Deutschlands oder
des deutschen Volkes ist nie, vom ersten Tag dieses Krieges an bis heute, eines unserer Kriegsziele
5 gewesen. Völlig widerwillig und in der Tat ganz unvorbereitet für das schreckliche Martyrium wurden
wir gezwungen, in diesen Krieg einzugreifen, um uns selbst zu verteidigen, um die verletzte Rechts-
ordnung Europas zu verteidigen, um die feierlichsten Vertragsbestimmungen aufrechtzuerhalten, auf
denen das Rechtssystem Europas beruht und die Deutschland durch seine Invasion Belgiens brutal mit
Füßen getreten hat. Wir mussten in den Krieg eintreten oder an der Seite stehen und zusehen, wie Eu-
10 ropa untergeht und brutale Gewalt über […] internationales Recht triumphiert. Es war einzig die Er-
kenntnis, dass es nur diese fürchterliche Alternative gibt, die das britische Volk gezwungen hat, am
Krieg teilzunehmen. Und von dieser Einstellung bei Kriegsbeginn sind die Briten nie abgewichen. Sie
haben niemals das Auseinanderbrechen der deutschen Völker oder die Auflösung ihres Staates oder
Landes angestrebt. Deutschland hat in der Welt eine bedeutende Stellung eingenommen. Es ist nicht
15 unser Wunsch oder unsere Absicht, für die Zukunft diese Stellung in Frage zu stellen oder zu zerstö-
ren, sondern wir wollen vielmehr Deutschland davon abbringen, zu hoffen, eine militärische Gewalt-
herrschaft errichten zu können, und sicherstellen, dass die Deutschen alle ihre Kraft den großen wohl-
tätigen Aufgaben widmen, die es auf der Welt gibt. […]
Wir sind auch nicht in den Krieg eingetreten, um die kaiserliche Verfassung Deutschlands zu verän-
20 dern oder zu zerstören, obwohl wir davon ausgehen, dass diese militärische, autokratische Verfassung
im 20. Jahrhundert einen gefährlichen Anachronismus darstellt. Unsere Position ist, dass die Errich-
tung einer wirklich demokratischen Verfassung in Deutschland der überzeugendste Beweis dafür
wäre, dass dort der alte Geist der militärischen Gewaltherrschaft […] sein Ende gefunden hat. Dies
würde es uns einfacher machen, einen großzügigen demokratischen Frieden mit Deutschland zu
25 schließen. Aber letztlich ist das eine Frage, die das deutsche Volk selbst entscheiden muss. […]
Die Tage des Wiener Kongresses sind lange vorbei. Wir können nicht länger die Zukunft der europäi-
schen Zivilisation von willkürlichen Entscheidungen einiger Diplomaten abhängig machen, die mit
Tricks oder Überredung versuchen, die Interessen dieser oder jener Dynastie oder dieses oder jenes
Staates durchzusetzen. Die Organisation des neuen Europas muss als Grundlage Überlegungen haben,
30 die auf Vernunft und Gerechtigkeit basieren und die für die Zukunft eine gewisse Stabilität verspre-
chen. Deswegen sind wir der Ansicht, dass in diesem Krieg die Zustimmung der Regierten bei der Re-
gelung der Territorialfragen die Grundlage sein muss.
Official Statements of War Aims and Peace Proposals, December 1916 to November 1918, Washington 1921, S. 226–229 (eigene Übersetzung).
Hinweis
David Lloyd George (1863–1945), von 1916 bis 1922 britischer Premierminister und einer der Vertreter der Siegermächte in Versailles
Aufgabe 3
Lloyd George fordert in seinen Ausführungen, dass das zukünftige Europa vernünftig und stabil organisiert sein solle.
Überprüfen Sie, ob die Entwicklungen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1955 dieser Forderung Lloyd Georges entsprachen.
[30 BE]
Aufgabe Vorschlag C - Aufgaben 1 und 2 · Nachkriegszeit, Teilung Deutschlands und Westbindung 1945-1955
Material
Walter Lippmann über die amerikanische Deutschlandpolitik (1944)
Das NS-Regime kam am 30. Januar 1933 an die Macht und zeigte sehr bald seinen [wahren] Charakter, indem es die deutschen Freiheiten zerstörte, Krieg verherrlichte und seine schwächeren europäischen Nachbarn bedrohte. Aber obwohl all dies [in den USA] Proteste hervorrief, müssen wir feststellen, dass [die deutsche Außenpolitik bis 1939] die amerikanische Regierung nicht veranlasste, den Kongress 1 um wichtige Maßnahmen zur Aufrüstung der USA zu bitten, oder dieser auch keine solchen Maßnahmen in Angriff nahm. Die Aggression der Nazis schien sich nach Osten zu richten, in Regionen, die weit weg waren von der atlantischen Welt.
Während die Nazis im Allgemeinen in den USA verabscheut wurden, riefen allein diejenigen, die glaubten, Hitler werde sich letztlich gegen den Westen richten, nach praktischen Maßnahmen gegen ihn. [...] Das NS-Regime war zwischen Januar 1933 und Mai 1940 genauso böse wie später. Aber erst im Mai 1940 begannen die USA, zum Zweck der Selbstverteidigung gegen Deutschland aufzurüsten, und der Anlass für diese Rüstungen war, dass die deutsche Armee die Küsten des Atlantiks erreichte. [...]
Das Deutschland Kaiser Wilhelms II. war bei weitem nicht so übel wie Hitlers Deutschland. Aber es hatte im Grundsatz die gleichen Eroberungspläne – die Herrschaft über Europa zu erringen. Dieser Plan veranlasste Deutschland, die Neutralität Belgiens zu verletzen, in Frankreich einzufallen mit der Absicht, es niederzuwerfen, und Britannien mit U-Booten zu belagern, um seine Macht zu zerstören. Ein deutscher Sieg im Ersten Weltkrieg hätte die Errichtung eines Imperiums von der Ukraine bis zur Iberischen Halbinsel und die Zerstückelung des Britischen Empire bedeutet.
Die USA haben auf diese Bedrohung 1917 genauso reagiert wie 1941. [...]
Wir werden sicherlich alle der Meinung sein, dass die dauerhafte Niederlage der deutschen Kriegspartei für den Frieden der Welt notwendig ist. Nur wenn dieses Ziel erreicht ist, werden Europa und die Welt gesichert sein gegen einen weiteren deutschen Aggressionskrieg. Nur dann kann die deutsche Demokratie eine Chance haben. Die Friedensregelung muss deshalb darauf ausgerichtet sein, die [deutsche] Kriegspartei auszuschalten. [...]
Unter großen Kosten und Gefahren ist es gelungen zu verhindern, dass Deutschland diesen Krieg gewinnt. Entscheidend hierfür war die Bildung einer Allianz, die den Krieg hätte verhindern können, wenn sie damals [1939] existiert hätte. Wenn die Deutschen gezwungen werden zu kapitulieren, dann wird ihre Einstellung zu einer Friedensregelung davon bestimmt werden, ob sie glauben, es könne ihnen gelingen, die Allianz zu brechen. Wenn sie denken, dass sie dies könnten, wird die Kriegspartei die militärische Niederlage nur als einen temporären Rückschlag betrachten. Wenn sie denken, dass dies für sie unmöglich sein werde, könnte es eine friedliche deutsche Demokratie schaffen, die Kriegspartei niederzuhalten und schließlich auszuschalten. [...]
Wenn die Militaristen [in Deutschland] die geringste Erfolgschance sehen, werden sie versuchen, Deutschland als Macht zu positionieren, die das Mächtegleichgewicht zwischen Russland und der westlichen Welt hält. Sie werden an die Atlantische Gemeinschaft 2 appellieren, zu erlauben, die deutsche Macht wiederherzustellen, um die Macht Russlands auszugleichen und die Ausbreitung des Kommunismus zu stoppen. Welchen Erfolg auch immer die Deutschen mit dieser Strategie in Paris, London und Washington haben werden, ihre Diplomaten werden ihn dann in Moskau nutzen. Sie werden ihn ausnutzen, um die alten Befürchtungen der Sowjetunion wiederzubeleben, dass die ganze Welt gegen sie verbündet sei, wie es 1919–1921 der Fall war. Die Deutschen werden auf diese Weise versuchen, die Russen dazu zu bringen, Maßnahmen zu ergreifen, die wiederum die Atlantische Gemeinschaft von ihnen entfremden würde.
Der Atlantischen Gemeinschaft würden die Deutschen den Antibolschewismus anbieten; Russland würden sie eine neue Version des Hitler-Stalin-Pakts in Aussicht stellen. [...] Russland würde viel schneller als wir Deutschland in sein Lager integrieren. Es gibt ideologische Differenzen zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus; der zentrale Unterschied ist Hitlers Lehre, dass die Deutschen die Herrenrasse sind. Aber wenn die Nazi-Führer eliminiert und ihre rassistische Lehre ausgerottet ist, wenn die preußischen Großgrundbesitzer, die Generalität und die großen Industriellen durch eine von Russland unterstützte und gelenkte Revolution liquidiert worden sind, dann kann aus einem nationalsozialistischen Deutschland leicht ein Sowjetdeutschland werden. [...]
Die Emotionen des Krieges dürfen uns nicht dazu verleiten, völlig zu vergessen, dass die Struktur des Friedens, die wir jetzt ausarbeiten müssen, so beschaffen sein muss, dass die Deutschen in ihr ihren Platz finden, wenn sie aufhören, sich gegen die zivilisierte Welt aufzulehnen. [...] Was wir suchen, ist ein Frieden, den die Deutschen, wenn sie sich für immer aus den Klauen der Kriegspartei befreit haben, akzeptieren und für ihre Notwendigkeiten nutzbar machen können. Denn wir können nicht wünschen, Deutschland auf ewig kontrollieren zu müssen. Wir müssen eine Lösung suchen, in der [die Deutschen] sich freiwillig an die Regeln des Völkerrechts halten werden.
Walter Lippmann: U.S. War Aims, Boston 1944, S. 43, 47 f., 113–120 (eigene Übersetzung).
1 Kongress: die aus zwei Kammern (Repräsentantenhaus und Senat) bestehende Legislative der USA
2 Lippmann entwarf schon 1917 das Konzept einer „Atlantischen Gemeinschaft“ zwischen den USA und Westeuropa.
Hinweis
Walter Lippmann (1889–1974) war ein politisch einflussreicher amerikanischer Journalist und Publizist. Der vorliegende Textauszug stammt aus seinem Buch „US-Kriegsziele“ von 1944.
1
Fassen Sie die Ausführungen Lippmanns zusammen. (Material)
[25 BE]
2
Erläutern Sie, auch unter Bezugnahme auf das Material, die amerikanische Deutschlandpolitik zwischen 1945 und 1955.
[40 BE]
Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 3 · NS-Außenpolitik und Weg in den Zweiten Weltkrieg
Material
Walter Lippmann über die amerikanische Deutschlandpolitik (1944)
Das NS-Regime kam am 30. Januar 1933 an die Macht und zeigte sehr bald seinen [wahren] Charakter, indem es die deutschen Freiheiten zerstörte, Krieg verherrlichte und seine schwächeren europäischen Nachbarn bedrohte. Aber obwohl all dies [in den USA] Proteste hervorrief, müssen wir feststellen, dass [die deutsche Außenpolitik bis 1939] die amerikanische Regierung nicht veranlasste, den Kongress 1 um wichtige Maßnahmen zur Aufrüstung der USA zu bitten, oder dieser auch keine solchen Maßnahmen in Angriff nahm. Die Aggression der Nazis schien sich nach Osten zu richten, in Regionen, die weit weg waren von der atlantischen Welt.
Während die Nazis im Allgemeinen in den USA verabscheut wurden, riefen allein diejenigen, die glaubten, Hitler werde sich letztlich gegen den Westen richten, nach praktischen Maßnahmen gegen ihn. [...] Das NS-Regime war zwischen Januar 1933 und Mai 1940 genauso böse wie später. Aber erst im Mai 1940 begannen die USA, zum Zweck der Selbstverteidigung gegen Deutschland aufzurüsten, und der Anlass für diese Rüstungen war, dass die deutsche Armee die Küsten des Atlantiks erreichte. [...]
Das Deutschland Kaiser Wilhelms II. war bei weitem nicht so übel wie Hitlers Deutschland. Aber es hatte im Grundsatz die gleichen Eroberungspläne – die Herrschaft über Europa zu erringen. Dieser Plan veranlasste Deutschland, die Neutralität Belgiens zu verletzen, in Frankreich einzufallen mit der Absicht, es niederzuwerfen, und Britannien mit U-Booten zu belagern, um seine Macht zu zerstören. Ein deutscher Sieg im Ersten Weltkrieg hätte die Errichtung eines Imperiums von der Ukraine bis zur Iberischen Halbinsel und die Zerstückelung des Britischen Empire bedeutet.
Die USA haben auf diese Bedrohung 1917 genauso reagiert wie 1941. [...]
Wir werden sicherlich alle der Meinung sein, dass die dauerhafte Niederlage der deutschen Kriegspartei für den Frieden der Welt notwendig ist. Nur wenn dieses Ziel erreicht ist, werden Europa und die Welt gesichert sein gegen einen weiteren deutschen Aggressionskrieg. Nur dann kann die deutsche Demokratie eine Chance haben. Die Friedensregelung muss deshalb darauf ausgerichtet sein, die [deutsche] Kriegspartei auszuschalten. [...]
Unter großen Kosten und Gefahren ist es gelungen zu verhindern, dass Deutschland diesen Krieg gewinnt. Entscheidend hierfür war die Bildung einer Allianz, die den Krieg hätte verhindern können, wenn sie damals [1939] existiert hätte. Wenn die Deutschen gezwungen werden zu kapitulieren, dann wird ihre Einstellung zu einer Friedensregelung davon bestimmt werden, ob sie glauben, es könne ihnen gelingen, die Allianz zu brechen. Wenn sie denken, dass sie dies könnten, wird die Kriegspartei die militärische Niederlage nur als einen temporären Rückschlag betrachten. Wenn sie denken, dass dies für sie unmöglich sein werde, könnte es eine friedliche deutsche Demokratie schaffen, die Kriegspartei niederzuhalten und schließlich auszuschalten. [...]
Wenn die Militaristen [in Deutschland] die geringste Erfolgschance sehen, werden sie versuchen, Deutschland als Macht zu positionieren, die das Mächtegleichgewicht zwischen Russland und der westlichen Welt hält. Sie werden an die Atlantische Gemeinschaft 2 appellieren, zu erlauben, die deutsche Macht wiederherzustellen, um die Macht Russlands auszugleichen und die Ausbreitung des Kommunismus zu stoppen. Welchen Erfolg auch immer die Deutschen mit dieser Strategie in Paris, London und Washington haben werden, ihre Diplomaten werden ihn dann in Moskau nutzen. Sie werden ihn ausnutzen, um die alten Befürchtungen der Sowjetunion wiederzubeleben, dass die ganze Welt gegen sie verbündet sei, wie es 1919–1921 der Fall war. Die Deutschen werden auf diese Weise versuchen, die Russen dazu zu bringen, Maßnahmen zu ergreifen, die wiederum die Atlantische Gemeinschaft von ihnen entfremden würde.
Der Atlantischen Gemeinschaft würden die Deutschen den Antibolschewismus anbieten; Russland würden sie eine neue Version des Hitler-Stalin-Pakts in Aussicht stellen. [...] Russland würde viel schneller als wir Deutschland in sein Lager integrieren. Es gibt ideologische Differenzen zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus; der zentrale Unterschied ist Hitlers Lehre, dass die Deutschen die Herrenrasse sind. Aber wenn die Nazi-Führer eliminiert und ihre rassistische Lehre ausgerottet ist, wenn die preußischen Großgrundbesitzer, die Generalität und die großen Industriellen durch eine von Russland unterstützte und gelenkte Revolution liquidiert worden sind, dann kann aus einem nationalsozialistischen Deutschland leicht ein Sowjetdeutschland werden. [...]
Die Emotionen des Krieges dürfen uns nicht dazu verleiten, völlig zu vergessen, dass die Struktur des Friedens, die wir jetzt ausarbeiten müssen, so beschaffen sein muss, dass die Deutschen in ihr ihren Platz finden, wenn sie aufhören, sich gegen die zivilisierte Welt aufzulehnen. [...] Was wir suchen, ist ein Frieden, den die Deutschen, wenn sie sich für immer aus den Klauen der Kriegspartei befreit haben, akzeptieren und für ihre Notwendigkeiten nutzbar machen können. Denn wir können nicht wünschen, Deutschland auf ewig kontrollieren zu müssen. Wir müssen eine Lösung suchen, in der [die Deutschen] sich freiwillig an die Regeln des Völkerrechts halten werden.
Walter Lippmann: U.S. War Aims, Boston 1944, S. 43, 47 f., 113–120 (eigene Übersetzung).
1 Kongress: die aus zwei Kammern (Repräsentantenhaus und Senat) bestehende Legislative der USA
2 Lippmann entwarf schon 1917 das Konzept einer „Atlantischen Gemeinschaft“ zwischen den USA und Westeuropa.
Hinweis
Walter Lippmann (1889–1974) war ein politisch einflussreicher amerikanischer Journalist und Publizist. Der vorliegende Textauszug stammt aus seinem Buch „US-Kriegsziele“ von 1944.
„Das Deutschland Kaiser Wilhelms II. war bei weitem nicht so übel wie Hitlers Deutschland. Aber es hatte im Grundsatz die gleichen Eroberungspläne – die Herrschaft über Europa zu erringen.“ (Material)
Diskutieren Sie anhand selbstgewählter Vergleichsaspekte, inwieweit die Außenpolitik des Wilhelminischen Deutschlands von 1890 bis zur Julikrise 1914 und die NS-Außenpolitik „im Grundsatz“ (Material) ähnlich waren.
[35 BE]
Aufgabe Vorschlag D - Aufgaben 1 und 2 · Imperialismus und Weg in den Ersten Weltkrieg
Vorschlag D: Friedenspropaganda und Kriegsvorbereitung
Material
Hamburger Polizisten berichten, was sie in Kneipen der Stadt belauscht haben (1898 bis 1900)
Von 8 bis 8.35 Uhr besuchte ich die Wirtschaft Timm, Engelstraße und Banksstraße, Ecke. Anwe-
sende Gäste führten etwa folgendes Gespräch über die Flottenvermehrung. Es sei ja eben die Staats-
kunst, daß man sich des Vorwandes bedient, den Frieden aufrechtzuerhalten und den Völkern Sicher-
heit zu gewähren. Nun muß sich jeder sagen, daß man durch solche Mittel den Frieden niemals sichern
5 kann. Das Volk wird durch die ihm auferlegten Lasten fast erdrückt, es wird zur Unzufriedenheit erzo-
gen, und diese Unzufriedenheit artet zuletzt in geheimen Verschwörungen gegen die Regierungen aus.
Er gehöre der Friedensgesellschaft an, welche sich sagt, daß in allen Ländern Europas Not und Elend
im höchsten Grade herrscht. Unsere heutige Arbeitswelt verlange weiter nichts, als ihr Brot erwerben
zu dürfen. Viele Menschen vergehen vor Elend, weil die Mittel, welche Arbeit und Verdienst bringen
10 würden, in überflüssiger Weise in kriegerischen Ausrüstungen verwendet werden.
Ein anderer: „[...] Deutschland müsse rüsten, weil es im Falle eines Krieges am schlechtesten gelegen
ist. Wir haben einen Feind im Westen und im Osten, der nur auf die Gelegenheit wartet, mit Deutsch-
land anzubinden. 1 “
Erxleben 2, 16.3.1898
15 Von 9.15 bis 10 Uhr wurde die Wirtschaft von Otto, früher Schweer, Rostockerstraße 9, besucht. Da-
selbst waren circa acht Arbeiter anwesend, die sich unterhielten. Ein Arbeiter sagte: „Die von der Re-
gierung geplante Flottenvermehrung ist eigentlich im Grunde genommen doch ein bißchen zu stark.
Denn, nachdem der Reichstag für eine bestimmte Zeit durch Gesetz die Vermehrung der Flotte festge-
legt hat, kommt die Regierung bei, stößt das ganze Gesetz über’n Haufen und fordert einfach eine
20 Flotte, die ins Unendliche geht. Woher man aber das Geld zu nehmen gedenkt, darüber läßt man nichts
verlauten. Hier heißt es, nur bewilligen; neue Steuern und Abgaben werden sich schon finden, um auf
die Kosten zu kommen.“
Ein anderer Arbeiter sagt: „Es hört sich eigentlich sehr sonderbar an, wenn die Regierung ihre Forde-
rung [nach Aufrüstung] damit begründet, daß die vorhandene Flotte nicht imstande ist, die deutschen
25 Interessen im Ausland zu schützen. Ja, was heißt denn deutsch? Die Regierung treibt die Weltpolitik,
um von wertlosen Kolonien Besitz zu ergreifen: das deutsche Volk doch nicht, sondern die Regierung
handelt aus eigener Machtvollkommenheit. Zum Schutz der deutschen Küste ist die vorhandene Flotte
ausreichend genug; um Weltpolitik zu treiben allerdings nicht, aber darauf sehnt sich das deutsche
Volk nicht. [...] Wenn Deutschland sich hinreißen läßt, England in der Flotte gleichzukommen, dann,
30 armes Volk, sieht es in Deutschland traurig aus.“
Graumann 3, 13.11.1899
Von 9.30 bis 10.15 Uhr wurde die Wirtschaft von Brandt, Borgeschstraße 3, besucht. Daselbst waren
circa sechs Arbeiter anwesend, die sich an verschiedenen Tischen unterhielten. Ein Arbeiter sagte:
„[...] Wie viele Existenzen werden durch einen solchen Krieg 4 erbarmungslos vernichtet, und wie
viele Menschen, die in das fremde Land hinausziehen, kehren als Krüppel und Kranke zurück! Und
35 dies alles, weil ein raub- und beutegieriger Staat es so will. Von großer Wichtigkeit wäre es, wenn
über Krieg und Frieden das Volk selbst befragt würde, da würde so manches unsinniges Blutvergießen
vermieden werden.“
Ein anderer Arbeiter sagte: „England hat im verflossenen Jahrhundert gewissermaßen die Welt be-
40 herrscht, weil es durch seine große Seemacht die Oberherrschaft in anderen Erdteilen an sich gerissen
hat. Heut scheint den Engländern das Glück nicht mehr so hold zu sein, und ihr Stern ist stark im Er-
blassen begriffen; und wenn es nicht bald den Frieden sucht, geht es ihm, wie es anfangs des vorigen
Jahrhunderts dem großen Korsen 5 ergangen ist, der in seiner Sucht, die Völker Europas seinem Willen
zu unterjochen, in sein Verderben rannte und dann elend zugrunde ging. [...]“
Graumann, 12.1.1900
45 Von 9.30 bis 10.15 Uhr wurde die Wirtschaft von Schlüter, Amsinckstraße 41, besucht. Daselbst wa-
ren circa acht Arbeiter anwesend, die sich an verschiedenen Tischen unterhielten. [...]
Ein [...] Arbeiter sagte: „Wenn England jetzt in Afrika den Krieg 6 bis zur Erschöpfung fortsetzt, so ist
dies lediglich eine Folge der Weltmachtpolitik, die es schon seit alters her betreibt. So wie man heut
das englische Vorgehen in Afrika von deutscher Seite verurteilt, wird es die Zeit lehren, daß Deutsch-
50 land einstmals in die nämliche schiefe Lage geraten wird wie England, weil man hier ebenfalls mit der
Weltmachtpolitik zu weit geht und schon jetzt die Erbitterung der fremden Völkerstämme auf sich
zieht. Wenn die deutschen Pioniere ihre Kulturaufgabe in Asien, Afrika usw. erfüllt haben werden und
man hier glauben wird, der Moment sei gekommen, um die erhofften Glücksgüter zu sammeln, da
werden die fremden Völkerstämme sich aufraffen und das Sklavenjoch von sich werfen, und der deut-
55 sche Michel hat dann das Nachsehen.“
Graumann, 5.2.1900
Richard J. Evans (Hg.): Kneipengespräche im Kaiserreich. Die Stimmungsberichte der Hamburger Politischen Polizei 1892–1914, Reinbek bei Hamburg 1989, S. 396 f., S. 350 f.
Hinweise
Die Hamburger Politische Polizei schickte von etwa 1892 bis 1914 regelmäßig als Arbeiter verkleidete Polizisten in Hamburger Arbeiterkneipen, um Gespräche zu belauschen. Anschließend berichteten sie über das Gehörte. Bei den Berichten ging es um Stimmungsberichte, nicht um die Überwachung einzelner Personen.
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
1 anbinden: mit jemandem Streit anfangen
2 einer der Polizisten, die für die Politische Polizei in Arbeiterkneipen Gespräche belauschten, vgl. Hinweise
3 ein weiterer dieser Polizisten, vgl. Hinweise
4 Gemeint ist der sog. Burenkrieg in Südafrika (1899–1902) zwischen Großbritannien und den holländischen Siedlern (Buren).
5 Gemeint ist der aus Korsika stammende französische Kaiser Napoleon I. (1769–1821).
6 Vgl. Fußnote 4.
1
Beschreiben Sie die Positionen, die bezüglich der weltpolitischen Lage von den Arbeitern geäußert wurden. (Material)
(30 BE)
2
Erläutern Sie, auch unter Bezugnahme auf das Material, die deutsche Außenpolitik des Kaiserreichs bis 1914.
(40 BE)
Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 3 · NS-Außenpolitik und Weg in den Zweiten Weltkrieg
Material
Hamburger Polizisten berichten, was sie in Kneipen der Stadt belauscht haben (1898 bis 1900)
Von 8 bis 8.35 Uhr besuchte ich die Wirtschaft Timm, Engelstraße und Banksstraße, Ecke. Anwe-
sende Gäste führten etwa folgendes Gespräch über die Flottenvermehrung. Es sei ja eben die Staats-
kunst, daß man sich des Vorwandes bedient, den Frieden aufrechtzuerhalten und den Völkern Sicher-
heit zu gewähren. Nun muß sich jeder sagen, daß man durch solche Mittel den Frieden niemals sichern
5 kann. Das Volk wird durch die ihm auferlegten Lasten fast erdrückt, es wird zur Unzufriedenheit erzo-
gen, und diese Unzufriedenheit artet zuletzt in geheimen Verschwörungen gegen die Regierungen aus.
Er gehöre der Friedensgesellschaft an, welche sich sagt, daß in allen Ländern Europas Not und Elend
im höchsten Grade herrscht. Unsere heutige Arbeitswelt verlange weiter nichts, als ihr Brot erwerben
zu dürfen. Viele Menschen vergehen vor Elend, weil die Mittel, welche Arbeit und Verdienst bringen
10 würden, in überflüssiger Weise in kriegerischen Ausrüstungen verwendet werden.
Ein anderer: „[...] Deutschland müsse rüsten, weil es im Falle eines Krieges am schlechtesten gelegen
ist. Wir haben einen Feind im Westen und im Osten, der nur auf die Gelegenheit wartet, mit Deutsch-
land anzubinden. 1 “
Erxleben 2, 16.3.1898
15 Von 9.15 bis 10 Uhr wurde die Wirtschaft von Otto, früher Schweer, Rostockerstraße 9, besucht. Da-
selbst waren circa acht Arbeiter anwesend, die sich unterhielten. Ein Arbeiter sagte: „Die von der Re-
gierung geplante Flottenvermehrung ist eigentlich im Grunde genommen doch ein bißchen zu stark.
Denn, nachdem der Reichstag für eine bestimmte Zeit durch Gesetz die Vermehrung der Flotte festge-
legt hat, kommt die Regierung bei, stößt das ganze Gesetz über’n Haufen und fordert einfach eine
20 Flotte, die ins Unendliche geht. Woher man aber das Geld zu nehmen gedenkt, darüber läßt man nichts
verlauten. Hier heißt es, nur bewilligen; neue Steuern und Abgaben werden sich schon finden, um auf
die Kosten zu kommen.“
Ein anderer Arbeiter sagt: „Es hört sich eigentlich sehr sonderbar an, wenn die Regierung ihre Forde-
rung [nach Aufrüstung] damit begründet, daß die vorhandene Flotte nicht imstande ist, die deutschen
25 Interessen im Ausland zu schützen. Ja, was heißt denn deutsch? Die Regierung treibt die Weltpolitik,
um von wertlosen Kolonien Besitz zu ergreifen: das deutsche Volk doch nicht, sondern die Regierung
handelt aus eigener Machtvollkommenheit. Zum Schutz der deutschen Küste ist die vorhandene Flotte
ausreichend genug; um Weltpolitik zu treiben allerdings nicht, aber darauf sehnt sich das deutsche
Volk nicht. [...] Wenn Deutschland sich hinreißen läßt, England in der Flotte gleichzukommen, dann,
30 armes Volk, sieht es in Deutschland traurig aus.“
Graumann 3, 13.11.1899
Von 9.30 bis 10.15 Uhr wurde die Wirtschaft von Brandt, Borgeschstraße 3, besucht. Daselbst waren
circa sechs Arbeiter anwesend, die sich an verschiedenen Tischen unterhielten. Ein Arbeiter sagte:
„[...] Wie viele Existenzen werden durch einen solchen Krieg 4 erbarmungslos vernichtet, und wie
viele Menschen, die in das fremde Land hinausziehen, kehren als Krüppel und Kranke zurück! Und
35 dies alles, weil ein raub- und beutegieriger Staat es so will. Von großer Wichtigkeit wäre es, wenn
über Krieg und Frieden das Volk selbst befragt würde, da würde so manches unsinniges Blutvergießen
vermieden werden.“
Ein anderer Arbeiter sagte: „England hat im verflossenen Jahrhundert gewissermaßen die Welt be-
40 herrscht, weil es durch seine große Seemacht die Oberherrschaft in anderen Erdteilen an sich gerissen
hat. Heut scheint den Engländern das Glück nicht mehr so hold zu sein, und ihr Stern ist stark im Er-
blassen begriffen; und wenn es nicht bald den Frieden sucht, geht es ihm, wie es anfangs des vorigen
Jahrhunderts dem großen Korsen 5 ergangen ist, der in seiner Sucht, die Völker Europas seinem Willen
zu unterjochen, in sein Verderben rannte und dann elend zugrunde ging. [...]“
Graumann, 12.1.1900
45 Von 9.30 bis 10.15 Uhr wurde die Wirtschaft von Schlüter, Amsinckstraße 41, besucht. Daselbst wa-
ren circa acht Arbeiter anwesend, die sich an verschiedenen Tischen unterhielten. [...]
Ein [...] Arbeiter sagte: „Wenn England jetzt in Afrika den Krieg 6 bis zur Erschöpfung fortsetzt, so ist
dies lediglich eine Folge der Weltmachtpolitik, die es schon seit alters her betreibt. So wie man heut
das englische Vorgehen in Afrika von deutscher Seite verurteilt, wird es die Zeit lehren, daß Deutsch-
50 land einstmals in die nämliche schiefe Lage geraten wird wie England, weil man hier ebenfalls mit der
Weltmachtpolitik zu weit geht und schon jetzt die Erbitterung der fremden Völkerstämme auf sich
zieht. Wenn die deutschen Pioniere ihre Kulturaufgabe in Asien, Afrika usw. erfüllt haben werden und
man hier glauben wird, der Moment sei gekommen, um die erhofften Glücksgüter zu sammeln, da
werden die fremden Völkerstämme sich aufraffen und das Sklavenjoch von sich werfen, und der deut-
55 sche Michel hat dann das Nachsehen.“
Graumann, 5.2.1900
Richard J. Evans (Hg.): Kneipengespräche im Kaiserreich. Die Stimmungsberichte der Hamburger Politischen Polizei 1892–1914, Reinbek bei Hamburg 1989, S. 396 f., S. 350 f.
Hinweise
Die Hamburger Politische Polizei schickte von etwa 1892 bis 1914 regelmäßig als Arbeiter verkleidete Polizisten in Hamburger Arbeiterkneipen, um Gespräche zu belauschen. Anschließend berichteten sie über das Gehörte. Bei den Berichten ging es um Stimmungsberichte, nicht um die Überwachung einzelner Personen.
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
1 anbinden: mit jemandem Streit anfangen
2 einer der Polizisten, die für die Politische Polizei in Arbeiterkneipen Gespräche belauschten, vgl. Hinweise
3 ein weiterer dieser Polizisten, vgl. Hinweise
4 Gemeint ist der sog. Burenkrieg in Südafrika (1899–1902) zwischen Großbritannien und den holländischen Siedlern (Buren).
5 Gemeint ist der aus Korsika stammende französische Kaiser Napoleon I. (1769–1821).
6 Vgl. Fußnote 4.
Überprüfen Sie, inwiefern diese Behauptung auf die nationalsozialistische Außenpolitik von 1933 bis 1939 zutrifft.
Du kannst auch nach Themen lernen
Übe ein Thema mit gemischten Aufgaben aus den Prüfungen aller Jahre.
- Liberal-nationale Bewegung, Revolution 1848/49 und Reichsgründung · 8 Aufgaben · 65 % Wahrscheinlichkeit
- Imperialismus und Weg in den Ersten Weltkrieg · 8 Aufgaben · 65 % Wahrscheinlichkeit
- NS-Außenpolitik und Weg in den Zweiten Weltkrieg · 7 Aufgaben · 65 % Wahrscheinlichkeit
- Versailler Vertrag und Außenpolitik der Weimarer Republik · 6 Aufgaben · 65 % Wahrscheinlichkeit
- Weimarer Republik: Entstehung, Verfassung und innere Belastungen · 6 Aufgaben · 60 % Wahrscheinlichkeit
- Nachkriegszeit, Teilung Deutschlands und Westbindung 1945-1955 · 5 Aufgaben · 60 % Wahrscheinlichkeit
Andere Prüfungen 2021
GK · bilingual Englisch (2021) · GK · bilingual Französisch (2021) · LK (2021)