Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 3 · Abitur Hessen Geschichte LK 2021

Thema: NS-Außenpolitik und Weg in den Zweiten Weltkrieg · Aus der Prüfung LK (2021)

Aufgabenstellung

Material

Kommentar von Rolf Zundel am 27. März 1970 in der westdeutschen Wochenzeitung „Die Zeit“

Nun haben wieder die kühlen Analytiker, die nüchternen Datenverarbeiter das Wort. Sie müssen das Treffen von Erfurt auf seinen Stellenwert in der Innen- und Außenpolitik untersuchen, Erfolg und Mißerfolg abwägen. Zu Recht, denn eine Binsenweisheit lautet: Politik ist ein nüchternes Geschäft. Nie aber war es schwieriger, nüchtern und kühl zu bleiben, als vorige Woche in Erfurt. […]

Die Begegnung des Bundeskanzlers mit dem Vorsitzenden des DDR-Ministerrates, Willi Stoph, ist ursprünglich gewiß nicht als die zentrale Aktion der deutschen Ostpolitik angelegt gewesen; sie hatte wohl eher die Funktion, die Gespräche in Moskau und in anderen osteuropäischen Staaten abzusichern und zu stützen, nicht zuletzt deshalb, weil in Deutschland der Gegensatz der Systeme am schroffsten und jegliche Entspannungsbemühung am schwierigsten ist. […] Die Reise Brandts nach Erfurt jedoch setzte Gefühle frei, an deren Existenz man eigentlich nicht mehr recht geglaubt hatte. […]

Über die Grenze rollte der Zug, vorbei am Todesstreifen, an Stacheldrahtverhauen und am Minengürtel; von Uniformierten nirgendwo eine Spur. Im Grenzbahnhof Gerstungen steigen die offiziellen Reisebegleiter der DDR zu. Auf dem Bahnsteig wehen die Flaggen der beiden Staaten […].

Der Zug rollt weiter, und was nun geschieht, war in keinem Protokoll verankert. In allen Orten und Städten, durch die Brandt fährt, stehen Menschen in den Vorgärten, in denen die letzten Reste des Schnees liegen, am Fenster, auf der Straße, einige stumm und ohne sich zu rühren. Ein Arbeitstrupp in schweren Stiefeln, die Hände in den Taschen, blickt dem Zug nach. Aber die meisten, vor allem die Frauen, winken.

Über dem Wald tauchen die Mauern der Wartburg 1 auf. Der Bahnhof Eisenach ist leer, an rauchgeschwärzten Mauern prangt ein rotes Transparent: „Die DDR ist unser sozialistisches Vaterland.“ Ein Bahnbeamter, nicht ganz sicher, ob es seine Dienstvorschriften erlauben, hebt den Arm ein wenig und läßt ihn, während er sich umsieht, schnell wieder sinken. Eine Frau läßt ein Bettlaken flattern, im Dachfenster einer Fabrik drängen sich junge Burschen, lachend und winkend. Und als der Zug langsam auf dem Erfurter Bahnhof einrollt, ruft ein Mann herüber: „Endlich kommt ihr!“ […]

Gerade in dem Augenblick, als Brandt und Stoph vor den Glastüren des Hotels angekommen sind, werden Rufe laut, schwellen an zu einem Schrei. Hunderte haben die Absperrung durchbrochen, einige Volkspolizisten, unterstützt von einigen Zivilisten, versuchen die Menge zu stoppen, sie werden mitgerissen. Erst vor dem Hotelportal gelingt es, den Ansturm zum Stehen zu bringen. Und während Brandt und Stoph hinter gläsernen Flügeltüren verschwinden, Volkspolizisten und Männer in Ledermänteln sich gegen die Flut stemmen, Hände gestreckt werden, eine alte Frau mit der hochgehaltenen Handtasche winkt, beginnen die Sprechchöre „Willy Brandt, Willy Brandt.“ […]

An diese Demonstration sind viele Vermutungen und Spekulationen geknüpft worden. Ein DDR-Funktionär versuchte, sie so zu erklären: „Den Genossen ist gesagt worden, sie sollten zu Hause bleiben, damit alles ohne Gedränge und ruhig ablaufen kann, und nun sind die Falschen gekommen.“ „Die Omas und Halbstarken“, so meinte abschätzig ein kommunistischer Journalist. Westliche Beobachter dagegen machten flugs eine Anti-SED-Demonstration daraus. Beides ist vermutlich falsch. Hier wurde wohl nicht für oder gegen ein System demonstriert; die ältere Frau, die so kräftig die Handtasche geschwenkt hatte und blaue Flecken und zerrissene Strümpfe vergaß – „Daß ich das noch erleben durfte“ –, wollte dabei sein, wenn Deutsche wieder mit Deutschen reden. […]

Die Wochen zwischen der Erfurter Begegnung und dem zweiten Treffen in Kassel 2 werden noch manche harte, öffentlich geführte Auseinandersetzungen zwischen der Regierung und der Opposition bringen – so wie auch in Ostberlin, allerdings hinter verschlossenen Türen, diskutiert werden wird. […]

Der Weg zu einem „geregelten Nebeneinander“, gar zu einem „friedlichen Miteinander“ liegt nach Erfurt nicht plötzlich als glatte Straße vor der deutschen Politik. „Niemand“, so formulierte es Brandt im Bundestag, „kann es nach dem gestrigen Tage wissen – ich weiß es jedenfalls nicht –, ob langsam eine Verbesserung der Beziehungen zwischen den getrennten Teilen möglich sein wird.“ Diese Warnung ist notwendig, gerade weil die Emotionen so stark, die Hoffnungen so groß, fast zu groß sind.

1 Die Wartburg ist eine Burganlage in der Nähe von Erfurt (vgl. Wartburgfest 1817).

2 Am 21.05.1970 fand ein zweites deutsch-deutsches Gipfeltreffen in Kassel statt.

Rolf Zundel: Seit Erfurt ist alles anders, in: Die Zeit Nr. 13/1970, URL: https://www.zeit.de/1970/13/seit-erfurt-ist-alles-anders/komplettansicht (abgerufen am 16.04.2020).

Hinweise

Rolf Zundel (1928–1989), von 1959 bis 1989 politischer Redakteur bei der Wochenzeitung „Die Zeit“

Franz Josef Strauß (1915–1988), Vorsitzender der CSU von 1961 bis zu seinem Tod

Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.

Laut dem Zeitschriftenmagazin „Der Spiegel“ verglich der CSU-Vorsitzende Strauß auf einem CSU-Parteitag im April 1970 „den SPD-Bundeskanzler Brandt mit Briten-Premier Neville Chamberlain, dessen Appeasement-Politik gegenüber Hitler zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs beigetragen hatte“.

Überprüfen Sie, ob Parallelen zwischen der Ostpolitik Brandts und der Appeasement-Politik Chamberlains bestanden. [35 BE]

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 3 · Abitur Hessen Geschichte LK 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

3 Überprüfen Sie, ob Parallelen zwischen der Ostpolitik Brandts und der Appeasement-Politik Chamberlains bestanden.

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