Aufgabe Vorschlag A - Aufgaben 1 und 2 · Abitur Hessen Geschichte LK 2021

Thema: Liberal-nationale Bewegung, Revolution 1848/49 und Reichsgründung · Aus der Prüfung LK (2021)

Aufgabenstellung

Material

Rede von Karl Rotteck auf einem Fest in Badenweiler, gehalten am 11. Juni 1832, abgedruckt in der Zeitung „Der Freisinnige“ am 16. Juni 1832

Das Fest, das wir heute begehen, ist, wenn ich seinen Charakter richtig auffasse, einem Familienfest ähnlich, verglichen mit einem Gemeindefest. Es ist ein Fest des badischen Oberlands 1, d. h. der durch nähere Berührung, Gemeinschaft der Interessen und vielfache persönliche Verbrüderung sich innigst angehörigen Bewohner dieses schönen und segenreichen Teils unsers badischen Vaterlandes; nicht eben ein Gesamtfest für Baden oder gar für ganz Deutschland; es verhält sich zu einem deutschen Fest, wie das der Familie zu jenem der Gemeinde. Gleichwie aber bei edleren Familienfesten auch von Angelegenheiten der Gemeinde, als der größeren Familie, liebend gesprochen wird, also mögen auch wir unsern Gefühlen und Wünschen für ganz Baden und Deutschland hier eine Stimme geben. Ich bringe hiernach den Trinkspruch aus auf die Selbständigkeit Badens …

Liegt in solchem Trinkspruch ein Widerstreit gegen das heut überall laut ausgerufene Losungswort „Einheit Deutschlands“, und gegen die geliebten drei Farben 2, welche man allenthalben neben oder ohne die besondern Landesfarben jubelnd aufpflanzt? – Der Begriff der Einheit Deutschlands ist gar verschiedener Bestimmung empfänglich, eine nähere Erklärung dürfte hier not tun.

Demnach sage ich: Ich bin für Deutschlands Einheit; ich wünsche, verlange und fordre sie, insofern sie in äußern Dingen die deutsche Nation als Achtung gebietende Macht auftreten läßt, welche das übermütige Ausland von Beleidigung unsrer Nationalrechte abschrecke, und insbesondere jeden Angriff […] abwende; und insofern sie in einheimischen Dingen der deutschen Nation diejenigen Vorteile des bürgerlichen Verbandes 3, welche nach Maß der Ausdehnung immer fruchtbringender werden, im vollsten Maße, d. h. nach der vollen Ausdehnung der deutschen Erde sichere, als die Freiheit des Verkehrs und Handels, der Niederlassung und zumal auch des freien Wortes in allen Ländern der deutschen Zunge, d. h. der freien deutschen Presse. – Aber ich will keine Einheit, welche uns in Gefahr setze, nach außen etwa in einen Kriegszug gegen die uns natürlich Verbündeten (allgemeiner Beifall), überhaupt unsern teuersten Interessen und innigsten Gefühlen entgegen geschleppt zu werden, oder welche in einheimischen Dingen, in Sachen der Gesetzgebung und Verwaltung uns Bewohner des […] Rheinlandes nötige, mit dem Maße der Freiheit und Vernunftmäßigkeit uns zu begnügen, welchen etwa für Pommern oder Österreich taugen oder von den Machthabern alldort für hinreichend erkannt werden mag. Ich will die Einheit nicht anders als mit Freiheit, und will lieber Freiheit ohne Einheit, als Einheit ohne Freiheit … Ich will keine Einheit unter den Flügeln des preußischen oder des österreichischen Adlers (allgemeiner lauter Beifall); ich will keine unter einer etwa noch zu stärkenden Machtvollkommenheit des so wie gegenwärtig organisierten Bundestages (lautester Beifall), und will auch keine unter der Form einer allgemeinen deutschen Republik (abermaliger Beifall), weil der Weg, zu einer solchen zu gelangen, schauerlich, und der Erfolg oder die Frucht der Erreichung höchst ungewisser Eigenschaft erscheint. … Ich will also keine in äußern Formen scharf ausgeprägte Einheit Deutschlands – ein Staaten-Bund ist, laut dem Zeugnis der Geschichte, zur Bewahrung der Freiheit geeigneter als die ungeteilte Masse eines großen Reiches – sondern neben der freilich unerläßlichen Reform der gegenwärtig bestehenden antipopulären 4 Verfassung unsrer Bundesautorität – nur eine innere, aber lebenswarme Einheit oder Vereinigung der Völker Deutschlands, welche gegenüber der drohend bestehenden Vereinigung der Fürsten und jener der Aristokraten Deutschlands zum Schirme der Volksrechte geschlossen werde.

Dietmar Stübler (Hg): Deutschland – Italien 1789–1849. Zeitgenössische Texte, Leipzig 2002, S. 176 ff.

1 badisches Oberland: Bezeichnung für ein Gebiet im äußersten Südwesten des Großherzogtums Baden, das an Frankreich grenzt

2 die geliebten drei Farben: Gemeint sind die Farben Schwarz-Rot-Gold.

3 bürgerlicher Verband, hier: bürgerliche Gesellschaft

4 antipopulär, hier: gegen das Volk gerichtet

Hinweise

Karl Rotteck (1775–1840), Jura-Professor in Freiburg, Mitarbeit an der badischen Landesverfassung von 1818, ab 1818 Abgeordneter im badischen Landtag

Das Fest, anlässlich dessen Rotteck seine Rede hielt, wurde zur Feier des 14. Jahrestages der badischen Verfassung gehalten. Im Vorfeld hatte er verhindert, dass badische Burschenschaftler die schwarz-rot-goldene Fahne aufzogen.

Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.

1

Fassen Sie zusammen, wie sich Rotteck in der Frage der Gestaltung der Einheit Deutschlands positioniert. (Material)

(25 BE)

2

Erläutern Sie, auch unter Bezugnahme auf die Position Rottecks (Material), Forderungen und Bestrebungen nach Einheit und Freiheit in Deutschland von 1815–1848/49.

(40 BE)

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag A - Aufgaben 1 und 2 · Abitur Hessen Geschichte LK 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1 Fassen Sie zusammen, wie sich Rotteck in der Frage der Gestaltung der Einheit Deutschlands positioniert. (Material) (25 BE)

Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß den in den Lösungshinweisen genannten Aspekten.

2 Erläutern Sie, auch unter Bezugnahme auf die Position Rottecks (Material), Forderungen und Bestrebungen nach Einheit und Freiheit in Deutschland von 1815–1848/49. (40 BE)

Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß den in den Lösungshinweisen genannten Aspekten.

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