Aufgabe Vorschlag A - Aufgaben 1 und 2 · Abitur Hessen Geschichte GK 2021

Thema: Liberal-nationale Bewegung, Revolution 1848/49 und Reichsgründung · Aus der Prüfung GK (2021)

Aufgabenstellung

Material

Erich Koch-Weser in der deutschen Nationalversammlung (28. Februar 1919)

[W]as die neue Verfassung leisten soll, ist, daß sie uns das sichere und tragfähige Fundament liefert,

auf dem alle weitere Arbeit getan werden muß. Meine Partei ist […] gewillt, an diesem Verfassungs-

werke mitzuarbeiten. […]

Wir gehen nicht nur von der Bismarckschen Verfassung aus, sondern wir ziehen in erster Linie auch

5 die großen Gedanken wieder heran, die im Jahre 1848 unsere Väter bei der Aufstellung einer Verfas-

sung beseelt haben. […]

Meine Damen und Herren! Man hat uns in der preußischen Geschichte immer zu lehren gewußt, daß

alles dasjenige, was im Jahre 1848 versucht worden wäre, verfehlt gewesen sei, und man hat uns bei-

bringen wollen, daß das ein untauglicher Versuch, und dasjenige, was in den Jahren 1866 und 1870

10 geschaffen worden ist, die Vollendung gewesen sei. Wir sehen heute die Dinge anders, als sie uns die

Lehrbücher angeben, wir sehen heute, daß eine große und gerade Linie von 1848 auf 1918 führt. […]

[U]nd wir sehen, daß das gigantische Werk Bismarcks schließlich in seinen letzten Zielen nicht hat

ausreifen können. Der große und bewundernswürdige Opportunist 1 Bismarck, der die Politik die Kunst

des Erreichbaren genannt hat, hat die Verfassung von 1866 und 1870 nicht geschaffen als etwas, was

15 er jemals in seinem Leben als Ideal bezeichnet hätte, sondern er hat sie geschaffen, um das zu errei-

chen, was damals erreichbar war, und er hat auf Grund von den Gedankengängen, von denen er nach

seiner eigenen Entwicklung ausging und von denen er mit Rücksicht auf die Zeitumstände, in denen er

lebte, ausgehen mußte, in diese Verfassung die verschiedenartigsten Bausteine hineingearbeitet, nach-

dem sie leicht behauen waren, um einigermaßen in das Werk hineinzupassen. Er hat versucht, zu ver-

20 einen die Reichseinheit mit dem Vielfürstentum, das Parlament mit dem Obrigkeitsstaate, die Demo-

kratie mit dem Gottesgnadentum […] und die Vormacht Preußens mit der Gleichberechtigung der

deutschen Stämme 2. Daß ein solcher Bau von vornherein schwer zu halten war, daß diese Bausteine

auseinanderstrebten oder Gefahr liefen, sich ihre Ecken und Kanten zuzukehren, liegt in der Natur der

Sache. […]

25 Wenn wir nun daran gehen, das Fundament für eine neue Reichsverfassung zu legen, so werden wir

die Bausteine, die Bismarck diesem Werke zugrunde legte, nicht sämtlich wieder gebrauchen können.

Wir kennen die Bausteine, die alsbald wieder aus dem Werke heraus gestrebt haben. Diese werden wir

verwerfen […] und hoffen, ein Werk zustande zu bringen, das den Jahrhunderten trotzt.

Der erste und wichtigste Baustein ist die Einheit des Reichs. Ich denke […], daß doch die Einheit des

30 Reichs nach außen heute von niemand unter uns mehr ernstlich in Frage gestellt wird. […]

Der zweite Grundstein zu unserem neuen Werk ist die Demokratie. […]

Meine Damen und Herren! Die beste Ausdrucksform für die Demokratie ist der Parlamentarismus.

Wir kennen keine bessere, und wir sind deshalb gewillt, den Parlamentarismus als weiteren Grund-

stein in das Fundament des neuen Baues einzufügen. […]

35 Wir sind […] der Meinung, daß wir unsern Parlamentarismus durch eine andere Art der obersten

Spitze im Reich ergänzen müssen. […] Wir sind nicht gewillt, den Präsidenten lediglich zu einer Re-

präsentationsfigur werden zu lassen. […] Wir wollen aber ebensowenig, wie wir eine Repräsentations-

figur wollen, einen Geschäftemacher, der in den ganzen politischen Dingen hinter den Kulissen seine

Finger hat. Was wir erwarten, ist ein Mann, der auf hoher Warte steht und nur dann, wenn die Stunde

40 der Gefahr herangekommen ist, herabsteigt und in den Streit der Meinungen mit ernsten Worten ein-

greift. Wir wünschen aus diesem Grunde auch, daß der Präsident vom gesamten Volke gewählt wird,

damit er in ernster Stunde ein Gegengewicht gegen die Parlamentsroutine bildet. […]

Die Jahrtausende lange Geschichte unseres Volkes, die fast immer eine Leidensgeschichte gewesen

ist, ist nunmehr noch weiter fortgesetzt worden in fünf Jahren des allerschwersten Leides, und wir sind

45 überzeugt, daß dieses gemeinsame Leid uns mehr zusammenführt, als uns die letzten fünfzig Jahre des

Glücks, in denen so viel kostbare Gelegenheit versäumt worden ist, zusammengeführt haben. Wir sind

der Meinung, daß die deutschen Dichter und Künstler […] auch in Zukunft dahin wirken werden, daß

unser deutsches Volk seine kulturelle und geistige Einheit immer mehr finden wird, und so sind wir

überzeugt, daß es Nord und Süd in Deutschland niemals so gehen wird wie den beiden Königskindern,

50 die einander so lieb hatten und nicht zusammen kommen konnten, weil das Wasser zu tief war. 3 […]

Nein, wenn auch die Wasser der Tiefe zurzeit noch so brausen und wenn uns auch Gewitter und Sturm

umgibt, wir sind der Überzeugung, daß es uns hier in gemeinsamer Arbeit gelingen wird, eine Brücke

zu schlagen, und diese Brücke soll, so hoffe ich, die deutsche Verfassung sein.

1 Opportunist: jemand, der sich aus Nützlichkeitserwägungen schnell und bedenkenlos der jeweils gegebenen Lage anpasst

2 Mit Stämmen sind hier die Einzelstaaten des Deutschen Reiches gemeint.

3 Anspielung auf die Volksballade „Es waren zwei Königskinder“, in der zwei Liebende nicht zueinander finden können und der eine ertrinkt

Verhandlungen der verfassungsgebenden Deutschen Nationalversammlung. Stenographische Berichte. Band 326; Berlin 1920; S. 390–395.

URL: https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt2_wv_bsb00000010_00397.html

URL: https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt2_wv_bsb00000010_00398.html

URL: https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt2_wv_bsb00000010_00399.html

URL: https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt2_wv_bsb00000010_00400.html

URL: https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt2_wv_bsb00000010_00401.html

URL: https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt2_wv_bsb00000010_00402.html (abgerufen am 01.03.2020).

Hinweise

Erich Koch-Weser (1875–1944), ursprünglich Erich Koch, trägt den Doppelnamen seit 1927, deutscher Jurist und liberaler Politiker, u. a. Reichsinnenminister, Reichsjustizminister, Parteivorsitzender der DDP.

Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.

Deutsche Verfassungen im 19. und 20. Jahrhundert

1

Fassen Sie die Ausführungen von Koch-Weser zusammen. (Material)

[25 BE]

2

„Man hat uns […] immer zu lehren gewußt, daß alles dasjenige, was im Jahre 1848 versucht worden wäre, verfehlt gewesen sei, und man hat uns beibringen wollen, daß das ein untauglicher Versuch, und dasjenige, was in den Jahren 1866 und 1870 geschaffen worden ist, die Vollendung gewesen sei.“ (Material)

Stellen Sie, auch unter Bezugnahme auf die Ausführungen von Koch-Weser (Material), den Versuch der Reichsgründung 1848/49 und die Gründung des Deutschen Reiches 1870/71 einander gegenüber.

[45 BE]

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag A - Aufgaben 1 und 2 · Abitur Hessen Geschichte GK 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1 Fassen Sie die Ausführungen von Koch-Weser zusammen. (Material)

Lösung: Einleitung mit den formalen Angaben (Erich Koch-Weser, Rede vor der Deutschen Nationalversammlung am 28. Februar 1919, Konzept für eine neue Verfassung unter Rückbezug auf 1848 und 1871). Im Hauptteil Wiedergabe der wesentlichen Thesen und Forderungen: Zweck der neuen Verfassung als sicheres Fundament; Kritik an der bisherigen preußisch geprägten Sichtweise, wonach 1848 verfehlt und 1870/71 die Vollendung gewesen sei; Bismarcks Werk als opportunistischer Kompromiss des Machbaren mit inhärenten Widersprüchen; Fundamente des neuen Werkes: Unantastbarkeit der nationalen Einheit, Bekenntnis zu Demokratie und Parlamentarismus, Ergänzung durch einen vom Volk direkt gewählten Reichspräsidenten als überparteiliche Instanz in Krisenzeiten; Hoffnung auf nationale Solidarität und Überwindung regionaler Gegensätze nach den Leiden des Ersten Weltkriegs.

2 Stellen Sie, auch unter Bezugnahme auf die Ausführungen von Koch-Weser (Material), den Versuch der Reichsgründung 1848/49 und die Gründung des Deutschen Reiches 1870/71 einander gegenüber.

Lösung: Gegenüberstellung anhand systematischer Kriterien (Ausgangssituation, Träger und Verlauf, Verfassungswerk und Ergebnis): - 1848/49: Deutscher Bund mit österreichisch-preußischem Dualismus, Unterdrückung der liberal-nationalen Bewegung; revolutionärer Verlauf („von unten“), Paulskirche erarbeitet Paulskirchenverfassung (föderaler Rechts- und Verfassungsstaat mit starkem Parlament und Grundrechtekatalog); Scheitern an der Ablehnung der Kaiserkrone durch Friedrich Wilhelm IV. und militärischer Niederschlagung durch die Monarchen. - 1870/71: Vormacht Preußens nach 1866, Bismarcksche Reichseinigungspolitik über drei Einigungskriege; Reichsgründung „von oben“ (Proklamation in Versailles durch Fürsten); Bismarcksche Reichsverfassung als konstitutionelle Monarchie mit preußischer Hegemonie, starker Exekutive und ohne eigenen Grundrechtekatalog. - Bezug zu Koch-Weser: Bestätigung seiner These, dass 1848 das freiheitlich-demokratische Ideal verkörperte, während 1871 das pragmatisch Erreichbare unter Wahrung monarchischer Machtstrukturen darstellte.

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