Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 3 · Abitur Hessen Geschichte GK 2021

Thema: Kalter Krieg: Blockbildung und Konfrontation · Aus der Prüfung GK (2021)

Aufgabenstellung

Material

Rede des britischen Premierministers David Lloyd George vor Gewerkschaftsvertretern (5. Januar 1918)

Wir führen keinen Angriffskrieg gegen das deutsche Volk. Ihre Führer haben den Deutschen eingere-

det, dass sie einen Verteidigungskrieg gegen ein Bündnis von Rivalen führen, die darauf aus sind,

Deutschland zu zerstören. Dies trifft nicht zu. Die Vernichtung oder Zerschlagung Deutschlands oder

des deutschen Volkes ist nie, vom ersten Tag dieses Krieges an bis heute, eines unserer Kriegsziele

5 gewesen. Völlig widerwillig und in der Tat ganz unvorbereitet für das schreckliche Martyrium wurden

wir gezwungen, in diesen Krieg einzugreifen, um uns selbst zu verteidigen, um die verletzte Rechts-

ordnung Europas zu verteidigen, um die feierlichsten Vertragsbestimmungen aufrechtzuerhalten, auf

denen das Rechtssystem Europas beruht und die Deutschland durch seine Invasion Belgiens brutal mit

Füßen getreten hat. Wir mussten in den Krieg eintreten oder an der Seite stehen und zusehen, wie Eu-

10 ropa untergeht und brutale Gewalt über […] internationales Recht triumphiert. Es war einzig die Er-

kenntnis, dass es nur diese fürchterliche Alternative gibt, die das britische Volk gezwungen hat, am

Krieg teilzunehmen. Und von dieser Einstellung bei Kriegsbeginn sind die Briten nie abgewichen. Sie

haben niemals das Auseinanderbrechen der deutschen Völker oder die Auflösung ihres Staates oder

Landes angestrebt. Deutschland hat in der Welt eine bedeutende Stellung eingenommen. Es ist nicht

15 unser Wunsch oder unsere Absicht, für die Zukunft diese Stellung in Frage zu stellen oder zu zerstö-

ren, sondern wir wollen vielmehr Deutschland davon abbringen, zu hoffen, eine militärische Gewalt-

herrschaft errichten zu können, und sicherstellen, dass die Deutschen alle ihre Kraft den großen wohl-

tätigen Aufgaben widmen, die es auf der Welt gibt. […]

Wir sind auch nicht in den Krieg eingetreten, um die kaiserliche Verfassung Deutschlands zu verän-

20 dern oder zu zerstören, obwohl wir davon ausgehen, dass diese militärische, autokratische Verfassung

im 20. Jahrhundert einen gefährlichen Anachronismus darstellt. Unsere Position ist, dass die Errich-

tung einer wirklich demokratischen Verfassung in Deutschland der überzeugendste Beweis dafür

wäre, dass dort der alte Geist der militärischen Gewaltherrschaft […] sein Ende gefunden hat. Dies

würde es uns einfacher machen, einen großzügigen demokratischen Frieden mit Deutschland zu

25 schließen. Aber letztlich ist das eine Frage, die das deutsche Volk selbst entscheiden muss. […]

Die Tage des Wiener Kongresses sind lange vorbei. Wir können nicht länger die Zukunft der europäi-

schen Zivilisation von willkürlichen Entscheidungen einiger Diplomaten abhängig machen, die mit

Tricks oder Überredung versuchen, die Interessen dieser oder jener Dynastie oder dieses oder jenes

Staates durchzusetzen. Die Organisation des neuen Europas muss als Grundlage Überlegungen haben,

30 die auf Vernunft und Gerechtigkeit basieren und die für die Zukunft eine gewisse Stabilität verspre-

chen. Deswegen sind wir der Ansicht, dass in diesem Krieg die Zustimmung der Regierten bei der Re-

gelung der Territorialfragen die Grundlage sein muss.

Official Statements of War Aims and Peace Proposals, December 1916 to November 1918, Washington 1921, S. 226–229 (eigene Übersetzung).

Hinweis

David Lloyd George (1863–1945), von 1916 bis 1922 britischer Premierminister und einer der Vertreter der Siegermächte in Versailles

Aufgabe 3

Lloyd George fordert in seinen Ausführungen, dass das zukünftige Europa vernünftig und stabil organisiert sein solle.

Überprüfen Sie, ob die Entwicklungen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1955 dieser Forderung Lloyd Georges entsprachen.

[30 BE]

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 3 · Abitur Hessen Geschichte GK 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

3 Überprüfen Sie, ob die Entwicklungen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1955 dieser Forderung Lloyd Georges entsprachen.

Lösung: Ausgewogene historische Urteilsbildung unter Anwendung der Leitbegriffe „Vernunft“ und „Stabilität“ auf die europäische Nachkriegsordnung bis 1955.

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