Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 3 · Abitur Hessen Geschichte GK 2021

Thema: NS-Außenpolitik und Weg in den Zweiten Weltkrieg · Aus der Prüfung GK (2021)

Aufgabenstellung

Material

Hamburger Polizisten berichten, was sie in Kneipen der Stadt belauscht haben (1898 bis 1900)

Von 8 bis 8.35 Uhr besuchte ich die Wirtschaft Timm, Engelstraße und Banksstraße, Ecke. Anwe-

sende Gäste führten etwa folgendes Gespräch über die Flottenvermehrung. Es sei ja eben die Staats-

kunst, daß man sich des Vorwandes bedient, den Frieden aufrechtzuerhalten und den Völkern Sicher-

heit zu gewähren. Nun muß sich jeder sagen, daß man durch solche Mittel den Frieden niemals sichern

5 kann. Das Volk wird durch die ihm auferlegten Lasten fast erdrückt, es wird zur Unzufriedenheit erzo-

gen, und diese Unzufriedenheit artet zuletzt in geheimen Verschwörungen gegen die Regierungen aus.

Er gehöre der Friedensgesellschaft an, welche sich sagt, daß in allen Ländern Europas Not und Elend

im höchsten Grade herrscht. Unsere heutige Arbeitswelt verlange weiter nichts, als ihr Brot erwerben

zu dürfen. Viele Menschen vergehen vor Elend, weil die Mittel, welche Arbeit und Verdienst bringen

10 würden, in überflüssiger Weise in kriegerischen Ausrüstungen verwendet werden.

Ein anderer: „[...] Deutschland müsse rüsten, weil es im Falle eines Krieges am schlechtesten gelegen

ist. Wir haben einen Feind im Westen und im Osten, der nur auf die Gelegenheit wartet, mit Deutsch-

land anzubinden. 1 “

Erxleben 2, 16.3.1898

15 Von 9.15 bis 10 Uhr wurde die Wirtschaft von Otto, früher Schweer, Rostockerstraße 9, besucht. Da-

selbst waren circa acht Arbeiter anwesend, die sich unterhielten. Ein Arbeiter sagte: „Die von der Re-

gierung geplante Flottenvermehrung ist eigentlich im Grunde genommen doch ein bißchen zu stark.

Denn, nachdem der Reichstag für eine bestimmte Zeit durch Gesetz die Vermehrung der Flotte festge-

legt hat, kommt die Regierung bei, stößt das ganze Gesetz über’n Haufen und fordert einfach eine

20 Flotte, die ins Unendliche geht. Woher man aber das Geld zu nehmen gedenkt, darüber läßt man nichts

verlauten. Hier heißt es, nur bewilligen; neue Steuern und Abgaben werden sich schon finden, um auf

die Kosten zu kommen.“

Ein anderer Arbeiter sagt: „Es hört sich eigentlich sehr sonderbar an, wenn die Regierung ihre Forde-

rung [nach Aufrüstung] damit begründet, daß die vorhandene Flotte nicht imstande ist, die deutschen

25 Interessen im Ausland zu schützen. Ja, was heißt denn deutsch? Die Regierung treibt die Weltpolitik,

um von wertlosen Kolonien Besitz zu ergreifen: das deutsche Volk doch nicht, sondern die Regierung

handelt aus eigener Machtvollkommenheit. Zum Schutz der deutschen Küste ist die vorhandene Flotte

ausreichend genug; um Weltpolitik zu treiben allerdings nicht, aber darauf sehnt sich das deutsche

Volk nicht. [...] Wenn Deutschland sich hinreißen läßt, England in der Flotte gleichzukommen, dann,

30 armes Volk, sieht es in Deutschland traurig aus.“

Graumann 3, 13.11.1899

Von 9.30 bis 10.15 Uhr wurde die Wirtschaft von Brandt, Borgeschstraße 3, besucht. Daselbst waren

circa sechs Arbeiter anwesend, die sich an verschiedenen Tischen unterhielten. Ein Arbeiter sagte:

„[...] Wie viele Existenzen werden durch einen solchen Krieg 4 erbarmungslos vernichtet, und wie

viele Menschen, die in das fremde Land hinausziehen, kehren als Krüppel und Kranke zurück! Und

35 dies alles, weil ein raub- und beutegieriger Staat es so will. Von großer Wichtigkeit wäre es, wenn

über Krieg und Frieden das Volk selbst befragt würde, da würde so manches unsinniges Blutvergießen

vermieden werden.“

Ein anderer Arbeiter sagte: „England hat im verflossenen Jahrhundert gewissermaßen die Welt be-

40 herrscht, weil es durch seine große Seemacht die Oberherrschaft in anderen Erdteilen an sich gerissen

hat. Heut scheint den Engländern das Glück nicht mehr so hold zu sein, und ihr Stern ist stark im Er-

blassen begriffen; und wenn es nicht bald den Frieden sucht, geht es ihm, wie es anfangs des vorigen

Jahrhunderts dem großen Korsen 5 ergangen ist, der in seiner Sucht, die Völker Europas seinem Willen

zu unterjochen, in sein Verderben rannte und dann elend zugrunde ging. [...]“

Graumann, 12.1.1900

45 Von 9.30 bis 10.15 Uhr wurde die Wirtschaft von Schlüter, Amsinckstraße 41, besucht. Daselbst wa-

ren circa acht Arbeiter anwesend, die sich an verschiedenen Tischen unterhielten. [...]

Ein [...] Arbeiter sagte: „Wenn England jetzt in Afrika den Krieg 6 bis zur Erschöpfung fortsetzt, so ist

dies lediglich eine Folge der Weltmachtpolitik, die es schon seit alters her betreibt. So wie man heut

das englische Vorgehen in Afrika von deutscher Seite verurteilt, wird es die Zeit lehren, daß Deutsch-

50 land einstmals in die nämliche schiefe Lage geraten wird wie England, weil man hier ebenfalls mit der

Weltmachtpolitik zu weit geht und schon jetzt die Erbitterung der fremden Völkerstämme auf sich

zieht. Wenn die deutschen Pioniere ihre Kulturaufgabe in Asien, Afrika usw. erfüllt haben werden und

man hier glauben wird, der Moment sei gekommen, um die erhofften Glücksgüter zu sammeln, da

werden die fremden Völkerstämme sich aufraffen und das Sklavenjoch von sich werfen, und der deut-

55 sche Michel hat dann das Nachsehen.“

Graumann, 5.2.1900

Richard J. Evans (Hg.): Kneipengespräche im Kaiserreich. Die Stimmungsberichte der Hamburger Politischen Polizei 1892–1914, Reinbek bei Hamburg 1989, S. 396 f., S. 350 f.

Hinweise

Die Hamburger Politische Polizei schickte von etwa 1892 bis 1914 regelmäßig als Arbeiter verkleidete Polizisten in Hamburger Arbeiterkneipen, um Gespräche zu belauschen. Anschließend berichteten sie über das Gehörte. Bei den Berichten ging es um Stimmungsberichte, nicht um die Überwachung einzelner Personen.

Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.

1 anbinden: mit jemandem Streit anfangen

2 einer der Polizisten, die für die Politische Polizei in Arbeiterkneipen Gespräche belauschten, vgl. Hinweise

3 ein weiterer dieser Polizisten, vgl. Hinweise

4 Gemeint ist der sog. Burenkrieg in Südafrika (1899–1902) zwischen Großbritannien und den holländischen Siedlern (Buren).

5 Gemeint ist der aus Korsika stammende französische Kaiser Napoleon I. (1769–1821).

6 Vgl. Fußnote 4.

Überprüfen Sie, inwiefern diese Behauptung auf die nationalsozialistische Außenpolitik von 1933 bis 1939 zutrifft.

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 3 · Abitur Hessen Geschichte GK 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

Überprüfen Sie, inwiefern diese Behauptung auf die nationalsozialistische Außenpolitik von 1933 bis 1939 zutrifft.

Lösung: Die nationalsozialistische Außenpolitik nutzte die Friedensrhetorik rein instrumental, um die tatsächlichen Kriegsvorbereitungen und expansiven Ziele (wie Remilitarisierung des Rheinlandes, Anschluss Österreichs, Zerschlagung der Rest-Tschechei, Angriffskrieg gegen die UdSSR) zu verschleiern.

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