Aufgabe Vorschlag C - Aufgaben 1 und 2 · Abitur Hessen Geschichte GK 2021
Thema: Nachkriegszeit, Teilung Deutschlands und Westbindung 1945-1955 · Aus der Prüfung GK (2021)
Aufgabenstellung
Material
Walter Lippmann über die amerikanische Deutschlandpolitik (1944)
Das NS-Regime kam am 30. Januar 1933 an die Macht und zeigte sehr bald seinen [wahren] Charakter, indem es die deutschen Freiheiten zerstörte, Krieg verherrlichte und seine schwächeren europäischen Nachbarn bedrohte. Aber obwohl all dies [in den USA] Proteste hervorrief, müssen wir feststellen, dass [die deutsche Außenpolitik bis 1939] die amerikanische Regierung nicht veranlasste, den Kongress 1 um wichtige Maßnahmen zur Aufrüstung der USA zu bitten, oder dieser auch keine solchen Maßnahmen in Angriff nahm. Die Aggression der Nazis schien sich nach Osten zu richten, in Regionen, die weit weg waren von der atlantischen Welt.
Während die Nazis im Allgemeinen in den USA verabscheut wurden, riefen allein diejenigen, die glaubten, Hitler werde sich letztlich gegen den Westen richten, nach praktischen Maßnahmen gegen ihn. [...] Das NS-Regime war zwischen Januar 1933 und Mai 1940 genauso böse wie später. Aber erst im Mai 1940 begannen die USA, zum Zweck der Selbstverteidigung gegen Deutschland aufzurüsten, und der Anlass für diese Rüstungen war, dass die deutsche Armee die Küsten des Atlantiks erreichte. [...]
Das Deutschland Kaiser Wilhelms II. war bei weitem nicht so übel wie Hitlers Deutschland. Aber es hatte im Grundsatz die gleichen Eroberungspläne – die Herrschaft über Europa zu erringen. Dieser Plan veranlasste Deutschland, die Neutralität Belgiens zu verletzen, in Frankreich einzufallen mit der Absicht, es niederzuwerfen, und Britannien mit U-Booten zu belagern, um seine Macht zu zerstören. Ein deutscher Sieg im Ersten Weltkrieg hätte die Errichtung eines Imperiums von der Ukraine bis zur Iberischen Halbinsel und die Zerstückelung des Britischen Empire bedeutet.
Die USA haben auf diese Bedrohung 1917 genauso reagiert wie 1941. [...]
Wir werden sicherlich alle der Meinung sein, dass die dauerhafte Niederlage der deutschen Kriegspartei für den Frieden der Welt notwendig ist. Nur wenn dieses Ziel erreicht ist, werden Europa und die Welt gesichert sein gegen einen weiteren deutschen Aggressionskrieg. Nur dann kann die deutsche Demokratie eine Chance haben. Die Friedensregelung muss deshalb darauf ausgerichtet sein, die [deutsche] Kriegspartei auszuschalten. [...]
Unter großen Kosten und Gefahren ist es gelungen zu verhindern, dass Deutschland diesen Krieg gewinnt. Entscheidend hierfür war die Bildung einer Allianz, die den Krieg hätte verhindern können, wenn sie damals [1939] existiert hätte. Wenn die Deutschen gezwungen werden zu kapitulieren, dann wird ihre Einstellung zu einer Friedensregelung davon bestimmt werden, ob sie glauben, es könne ihnen gelingen, die Allianz zu brechen. Wenn sie denken, dass sie dies könnten, wird die Kriegspartei die militärische Niederlage nur als einen temporären Rückschlag betrachten. Wenn sie denken, dass dies für sie unmöglich sein werde, könnte es eine friedliche deutsche Demokratie schaffen, die Kriegspartei niederzuhalten und schließlich auszuschalten. [...]
Wenn die Militaristen [in Deutschland] die geringste Erfolgschance sehen, werden sie versuchen, Deutschland als Macht zu positionieren, die das Mächtegleichgewicht zwischen Russland und der westlichen Welt hält. Sie werden an die Atlantische Gemeinschaft 2 appellieren, zu erlauben, die deutsche Macht wiederherzustellen, um die Macht Russlands auszugleichen und die Ausbreitung des Kommunismus zu stoppen. Welchen Erfolg auch immer die Deutschen mit dieser Strategie in Paris, London und Washington haben werden, ihre Diplomaten werden ihn dann in Moskau nutzen. Sie werden ihn ausnutzen, um die alten Befürchtungen der Sowjetunion wiederzubeleben, dass die ganze Welt gegen sie verbündet sei, wie es 1919–1921 der Fall war. Die Deutschen werden auf diese Weise versuchen, die Russen dazu zu bringen, Maßnahmen zu ergreifen, die wiederum die Atlantische Gemeinschaft von ihnen entfremden würde.
Der Atlantischen Gemeinschaft würden die Deutschen den Antibolschewismus anbieten; Russland würden sie eine neue Version des Hitler-Stalin-Pakts in Aussicht stellen. [...] Russland würde viel schneller als wir Deutschland in sein Lager integrieren. Es gibt ideologische Differenzen zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus; der zentrale Unterschied ist Hitlers Lehre, dass die Deutschen die Herrenrasse sind. Aber wenn die Nazi-Führer eliminiert und ihre rassistische Lehre ausgerottet ist, wenn die preußischen Großgrundbesitzer, die Generalität und die großen Industriellen durch eine von Russland unterstützte und gelenkte Revolution liquidiert worden sind, dann kann aus einem nationalsozialistischen Deutschland leicht ein Sowjetdeutschland werden. [...]
Die Emotionen des Krieges dürfen uns nicht dazu verleiten, völlig zu vergessen, dass die Struktur des Friedens, die wir jetzt ausarbeiten müssen, so beschaffen sein muss, dass die Deutschen in ihr ihren Platz finden, wenn sie aufhören, sich gegen die zivilisierte Welt aufzulehnen. [...] Was wir suchen, ist ein Frieden, den die Deutschen, wenn sie sich für immer aus den Klauen der Kriegspartei befreit haben, akzeptieren und für ihre Notwendigkeiten nutzbar machen können. Denn wir können nicht wünschen, Deutschland auf ewig kontrollieren zu müssen. Wir müssen eine Lösung suchen, in der [die Deutschen] sich freiwillig an die Regeln des Völkerrechts halten werden.
Walter Lippmann: U.S. War Aims, Boston 1944, S. 43, 47 f., 113–120 (eigene Übersetzung).
1 Kongress: die aus zwei Kammern (Repräsentantenhaus und Senat) bestehende Legislative der USA
2 Lippmann entwarf schon 1917 das Konzept einer „Atlantischen Gemeinschaft“ zwischen den USA und Westeuropa.
Hinweis
Walter Lippmann (1889–1974) war ein politisch einflussreicher amerikanischer Journalist und Publizist. Der vorliegende Textauszug stammt aus seinem Buch „US-Kriegsziele“ von 1944.
1
Fassen Sie die Ausführungen Lippmanns zusammen. (Material)
[25 BE]
2
Erläutern Sie, auch unter Bezugnahme auf das Material, die amerikanische Deutschlandpolitik zwischen 1945 und 1955.
[40 BE]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1 Fassen Sie die Ausführungen Lippmanns zusammen. (Material)
Lösung: Zusammenfassung der Kernaussagen des Textauszugs von Walter Lippmann (1944).
2 Erläutern Sie, auch unter Bezugnahme auf das Material, die amerikanische Deutschlandpolitik zwischen 1945 und 1955.
Lösung: Ausführliche Erläuterung der Phasen der US-Deutschlandpolitik von der alliierten Besatzung bis zur Westintegration und Souveränität 1955.
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