Abitur Hessen Erdkunde 2021 · LK

Abiturprüfung Erdkunde in Hessen 2021, LK: 14 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Globale Disparitäten, Entwicklungsstand und Nachhaltigkeitsziele. Kostenlos.

Themen der Prüfung: Globale Disparitäten, Entwicklungsstand und Nachhaltigkeitsziele · Einbindung in die Weltwirtschaft und Entwicklungsstrategien · Stadtentwicklung, Gentrifizierung und nachhaltige Stadt · Rohstoffe: Erschließung, Abbau und Strategien gegen Knappheit

Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 1 · Stadtentwicklung, Gentrifizierung und nachhaltige Stadt

Material 1

Herzschlag der Stadt: Der Hamburger Hafen und seine Zukunft (2018)

Mit einer Wertschöpfung von 12,6 Milliarden Euro und 155.000 angekoppelten Arbeitsplätzen ist der

Hafen das wirtschaftliche Herz der Hansestadt, gleichzeitig aber auch vieles mehr: Maritime Kulisse

für Film und Fernsehen, Attraktion für Touristen, Arbeitsplatz für Schauerleute und Festmacher 1 oder

Schauplatz von Musikfestivals. Was macht den Hamburger Hafen aus?

5 Hafenrundfahrten gehören zu Hamburg wie Fisch- und Franzbrötchen. An den Landungsbrücken, dem

touristischen Herzstück des Hafens, sammeln eine Vielzahl von Betreibern ihre Fahrgäste zu Törns

durch den Hafen mit seinen riesigen Containerterminals ein.

Auch als Filmkulisse ist der Hafen attraktiv. Dauergast sind die Polizisten-Schauspieler von „Notruf

Hafenkante“, die derzeit für die 14. Staffel der ZDF-Vorabendserie vor der Kamera stehen. […]

10 Mehr als 8.000 Seeschiffe erreichen jährlich den Hamburger Hafen, darunter mehr als 3.600 Contai-

nerschiffe sowie mehr als 2.700 Tanker und Massengutschiffe. Gut 1.000 dieser Schiffe sind mehr als

330 Meter lang und/oder mehr als 45 Meter breit – die Ozeanriesen unserer Tage. Mit einem Gesamt-

umschlag von zuletzt 136,5 Millionen Tonnen ist Hamburg der größte Hafen in Deutschland und der

drittgrößte in Europa nach Rotterdam und Antwerpen. 150 Container-Liniendienste verbinden

15 Hamburg mit 100 Ländern auf allen Kontinenten. […]

Mit rund 220 Anläufen von Kreuzfahrtschiffen und geschätzt rund 880.000 Passagieren erwartet der

Terminalbetreiber Cruise Gate Hamburg 2018 ein Rekordjahr. […]

Auf 157 Hektar ehemaligem Hafen- und Industrieareal ist direkt an der Elbe die schicke Hamburger

HafenCity entstanden, ein städtebauliches Vorzeigeprojekt. […]

20 Alljährlich ist das Elbjazz-Festival mit seinen Musikern zu Gast im Hafen und nutzt als Ambiente für

seine Bühnen den Industriecharme der Werft Blohm+Voss. Tausende Zuhörer lassen sich die Klänge

auf und über das Werftgelände nicht entgehen. […]

Was wäre der Hafen ohne die Reeperbahn: Schließlich waren die Reepschläger, die anno dazumal

Taue auf langen Bahnen fertigten, für die Schifffahrt unverzichtbar. Die Nähe der Hamburger

25 Reeperbahn nur wenige Fußminuten vom Hafenrand entfernt, ließ die Seeleute über Jahrhunderte in

das Amüsierviertel am Spielbudenplatz auf St. Pauli strömen. Schauspieler Hans Albers, Sänger

Freddy Quinn und „Großstadtrevier“-Star Jan Fedder sind untrennbar mit dem Viertel verbunden.

1 Schauerleute – alte Bezeichnung für Hafenarbeiter, deren Aufgabe im Stauen bzw. dem Be- und Entladen von Frachtschiffen besteht; Festmacher – Personen, die anlegenden Schiffen von Land aus oder unter Verwendung eines Festmacherbootes beim Festmachen behilflich sind.

Westfälische Rundschau: Herzschlag der Stadt: Der Hamburger Hafen und seine Zukunft, 11.07.2018, URL: https://www.wr.de/reise/herzschlag-der-stadt-der-hamburger-hafen-und-seine-zukunft-id214819221.html (abgerufen am 21.09.2020).

Material 2

Größtes Hafenfest der Welt (2019)

Am 7. Mai 1189 stellte Kaiser Friedrich Barbarossa den Hamburgern einen Freibrief aus, der Schiffen

auf der Elbe bis an die Nordsee Zollfreiheit gewährte. Diese Geburtsstunde des Hamburger Hafens

jährt sich 2019 zum 830. Mal und wird vom 10. bis 12. Mai gefeiert. […]

Vor der einzigartigen Kulisse des laufenden Hafenbetriebs finden traditionelle Highlights, wie die

5 große Einlaufparade und die große Auslaufparade mit zahlreichen Schiffen und wunderschönen

Großseglern der Weltmeere und die beliebten Open-Ship-Aktionen, statt. […]

An Land sorgen mehr als 200 maritime, kulturelle und kulinarische Programmpunkte für abwechs-

lungsreiches Vergnügen bei Groß und Klein. Die „Bunte Hafenmeile“ bietet gastronomische Genüsse

und Unterhaltung vom Baumwall bis zu den Landungsbrücken. Kostenlose Konzerte und Live-Acts

10 auf den Bühnen mit nationalen und internationalen Stars verwandeln die Veranstaltungsfläche des

größten Hafenfestes der Welt in eine riesige Festivallandschaft. […]

Den traditionellen Auftakt des Hafengeburtstag Hamburg bildet der Internationale Ökumenische

Gottesdienst in der Hauptkirche St. Michaelis („Michel“). Ein weiterer stimmungsvoller Höhepunkt ist

das große AIDA Feuerwerk am späten Samstagabend, das den Nachthimmel über der Elbe in ein

15 funkelndes Farbenmeer verwandelt. […]

Es gibt viele gute Gründe, den Hamburger Hafen zu feiern: Er ist der mit Abstand bedeutendste Hafen

in Deutschland und einer der führenden Seegüterumschlagplätze der Welt. Er ist das Tor zu den

Märkten in Nord-, Mittel- und Osteuropa, Brücke zwischen Kontinent und Übersee sowie einer der

wichtigsten Überseehäfen für Containerverkehr. Ob HafenCity, Speicherstadt, Elbphilharmonie,

20 Fischmarkt oder die großen Musicaltheater, der Puls der Metropole schlägt an der Elbe.

Hansestadt Hamburg: Größtes Hafenfest der Welt, 2019, URL: https://www.hamburg.de/hafengeburtstag/4264552/ueberblick-hafengeburtstag/ (abgerufen am 19.04.2019).

Material 3

Containerumschlag des Hamburger Hafens 1990 bis 2019

Hafen Hamburg Marketing e.V., 2019, URL: https://www.hafen-hamburg.de/de/statistiken/containerumschlag (abgerufen am 21.09.2020).

Hinweis: TEU (Twenty Foot Equivalent Unit) – Standardcontainergröße

Material 4

Wichtigste Handelspartner im seeseitigen Containerverkehr des Hamburger Hafens 2018 und 2019

Hafen Hamburg Marketing e.V., 2019, URL: https://www.hafen-hamburg.de/de/statistiken/handelspartner (abgerufen am 21.09.2020).

Material 5

HafenCity Hamburg GmbH: Das Projekt HafenCity

Mit der Entwicklung eines neuen City-Raums entlang der Elbe setzt Hamburg mindestens europaweit

neue Maßstäbe: Auf einer Fläche von 157 ha entsteht eine lebendige Stadt mit maritimem Flair.

Anders als reine büro- und einzelhandelsdominierte City-Räume verbindet sie die verschiedenen

Nutzungen Arbeiten, Wohnen, Kultur, Freizeit, Tourismus und Einzelhandel miteinander. Was die

5 HafenCity ebenfalls von anderen großen Stadtentwicklungsvorhaben in Wasserlage unterscheidet, sind

ihre besonders zentrale Lage und der hohe Qualitätsanspruch, der sich u.a. in der feinkörnigen

Nutzungsmischung, dem Anspruch an Urbanität und ökologische Nachhaltigkeit, soziale Mischung

und Begegnungsfähigkeit sowie einem innovativen Entwicklungsprozess niederschlägt. […]

10 Die Zielsetzungen der HafenCity-Entwicklung sind sehr weitreichend. Es gilt, ein neues Stück Stadt

am Wasser städtebaulich-architektonisch, nutzungs- und identitätsbezogen, aber auch emotional neu

zu definieren. Dass die HafenCity fast ausschließlich aus Neubauten besteht, hat verschiedene Gründe:

Zunächst erfordert der Hochwasserschutz eine völlig neue Stadtebene mit neuer Infrastruktur. Darüber

hinaus war das Areal früher […] überwiegend mit eingeschossigen Schuppen bebaut […]. Insgesamt

15 werden daher mehr als 2,4 Mio. m² Bruttogrundfläche neu gebaut. Es entstehen über 7.500 Wohn-

ungen für mehr als 15.000 Einwohner. Dienstleistungsflächen (nicht nur Büroflächen) mit bis zu

45.000 Arbeitsplätzen, Bildungseinrichtungen, Gastronomie, Einzelhandels-, Kultur- und

Freizeitangebote sowie Parks, Plätze und Promenaden – für rund 80.000 Besucher täglich, die nach

der Gesamtfertigstellung prognostiziert werden.

HafenCity Hamburg GmbH, ohne Jahr, URL: https://www.hafencity.com/de/ueberblick/das-projekt-hafencity.html (abgerufen am 21.09.2020).

Material 6

Ort der Stille (2016)

Ja, es gibt ein paar Restaurants, die gut funktionieren. Das „Hafenhunger“ zum Beispiel oder das

„Kaiser Perle“, das allerdings nur bei gutem Wetter im Sommer geöffnet hat, Bistros wie das „Carls“

oder „Lieblingsplatz“. Die Pizza-Lounge „H’ugo’s“ dagegen hat kürzlich nach nur einem halben Jahr

ihre Konzession wieder abgegeben. Und außer Restaurants? Die Suche nach Bars oder gar einer

5 Eckkneipe ist schon deutlich schwieriger. Und hat schon mal jemand von einer legendären Party in der

HafenCity gehört? Gibt es einen Kiosk, der nach 20 Uhr noch geöffnet hat? Einen Biergarten, einen

Park, in dem man im Sommer einfach auf der Wiese sitzen kann, in dem vielleicht mal Musik gespielt

wird? Gibt es mittlerweile irgendwo ein gutes Graffiti? Nein, all das gibt es eben nicht.

Denn die HafenCity ist über zehn Jahre nach dem Einzug der ersten Bewohner immer noch nicht

10 besonders belebt. Vor allem abends, wenn die Touristen weg sind, wenn sich die Büros leeren, ist es

häufig gruselig still auf den Straßen zwischen Sandtorkai und HafenCity Universität. […]

„Richtig Leben wird es aber erst dann geben, wenn tatsächlich alle Bewohner, alle Beschäftigten und

Besucher da sind“, sagt Bruns-Berentelg [Vorsitzender der Geschäftsführung der HafenCity GmbH].

Aktuell, so Bruns-Berentelg, wohnen erst 2.600 Menschen in der HafenCity und nur 12.000 arbeiten

15 dort. Viele Büroflächen stehen noch leer, viele Projekte sind noch in der Vorbereitung oder in der

Bauphase. […] „Wir glauben alle an die HafenCity“, sagt Frederik Braun [Gründer des Miniatur

Wunderlandes]: „Wenn man aber ehrlich ist, fehlt noch ein wenig Herz und ein paar Ecken und

Kanten. Wir sind angetreten, das zu ändern.“

Bastian Henrichs: Ort der Stille, 12.06.2016, URL: https://www.welt.de/print/wams/hamburg/article156151203/Ort-der-Stille.html (abgerufen am 21.09.2020).

Material 7

Nachhaltige Entwicklungsziele der UN – Ziel 11: Nachhaltige Städte und Siedlungen

Zielvorgaben

Bis 2030 den Zugang zu angemessenem, sicherem und bezahlbarem Wohnraum und zur Grundversorgung für alle sicherstellen und Slums sanieren.

Bis 2030 den Zugang zu sicheren, bezahlbaren, zugänglichen und nachhaltigen Verkehrssystemen für alle ermöglichen und die Sicherheit im Straßenverkehr verbessern, insbesondere durch den Ausbau des öffentlichen Verkehrs, mit besonderem Augenmerk auf den Bedürfnissen von Menschen in prekären Situationen, Frauen, Kindern, Menschen mit Behinderungen und älteren Menschen.

Bis 2030 die Verstädterung inklusiver und nachhaltiger gestalten und die Kapazitäten für eine partizipatorische, integrierte und nachhaltige Siedlungsplanung und -steuerung in allen Ländern verstärken.

Die Anstrengungen zum Schutz und zur Wahrung des Weltkultur- und -naturerbes verstärken.

Bis 2030 die Zahl der durch Katastrophen, einschließlich Wasserkatastrophen, bedingten Todesfälle und der davon betroffenen Menschen deutlich reduzieren und die dadurch verursachten unmittelbaren wirtschaftlichen Verluste im Verhältnis zum globalen Bruttoinlandsprodukt wesentlich verringern, mit Schwerpunkt auf dem Schutz der Armen und von Menschen in prekären Situationen.

Bis 2030 die von den Städten ausgehende Umweltbelastung pro Kopf senken, unter anderem mit besonderer Aufmerksamkeit auf der Luftqualität und der kommunalen und sonstigen Abfallbehandlung.

Bis 2030 den allgemeinen Zugang zu sicheren, inklusiven und zugänglichen Grünflächen und öffentlichen Räumen gewährleisten, insbesondere für Frauen und Kinder, ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen.

Bundesvereinigung Nachhaltigkeit e.V., ohne Jahr, URL: https://nachhaltigkeit.bvng.org/die-globalen-ziele-fuer-nachhaltige-entwicklung/sdg-ziel-11-nachhaltige-staedte-und-siedlungen/ (abgerufen am 23.05.2020).

1

Beschreiben und erläutern Sie vor dem Hintergrund der vier Raumkonzepte der Geographie die Relevanz des Hamburger Hafens und der HafenCity als Wirtschaftsstandort und neuer Wohnraum Hamburgs. (Material 1–6, Atlas)

(35 BE)

Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 2 · Stadtentwicklung, Gentrifizierung und nachhaltige Stadt

Material 1

Herzschlag der Stadt: Der Hamburger Hafen und seine Zukunft (2018)

Mit einer Wertschöpfung von 12,6 Milliarden Euro und 155.000 angekoppelten Arbeitsplätzen ist der

Hafen das wirtschaftliche Herz der Hansestadt, gleichzeitig aber auch vieles mehr: Maritime Kulisse

für Film und Fernsehen, Attraktion für Touristen, Arbeitsplatz für Schauerleute und Festmacher 1 oder

Schauplatz von Musikfestivals. Was macht den Hamburger Hafen aus?

5 Hafenrundfahrten gehören zu Hamburg wie Fisch- und Franzbrötchen. An den Landungsbrücken, dem

touristischen Herzstück des Hafens, sammeln eine Vielzahl von Betreibern ihre Fahrgäste zu Törns

durch den Hafen mit seinen riesigen Containerterminals ein.

Auch als Filmkulisse ist der Hafen attraktiv. Dauergast sind die Polizisten-Schauspieler von „Notruf

Hafenkante“, die derzeit für die 14. Staffel der ZDF-Vorabendserie vor der Kamera stehen. […]

10 Mehr als 8.000 Seeschiffe erreichen jährlich den Hamburger Hafen, darunter mehr als 3.600 Contai-

nerschiffe sowie mehr als 2.700 Tanker und Massengutschiffe. Gut 1.000 dieser Schiffe sind mehr als

330 Meter lang und/oder mehr als 45 Meter breit – die Ozeanriesen unserer Tage. Mit einem Gesamt-

umschlag von zuletzt 136,5 Millionen Tonnen ist Hamburg der größte Hafen in Deutschland und der

drittgrößte in Europa nach Rotterdam und Antwerpen. 150 Container-Liniendienste verbinden

15 Hamburg mit 100 Ländern auf allen Kontinenten. […]

Mit rund 220 Anläufen von Kreuzfahrtschiffen und geschätzt rund 880.000 Passagieren erwartet der

Terminalbetreiber Cruise Gate Hamburg 2018 ein Rekordjahr. […]

Auf 157 Hektar ehemaligem Hafen- und Industrieareal ist direkt an der Elbe die schicke Hamburger

HafenCity entstanden, ein städtebauliches Vorzeigeprojekt. […]

20 Alljährlich ist das Elbjazz-Festival mit seinen Musikern zu Gast im Hafen und nutzt als Ambiente für

seine Bühnen den Industriecharme der Werft Blohm+Voss. Tausende Zuhörer lassen sich die Klänge

auf und über das Werftgelände nicht entgehen. […]

Was wäre der Hafen ohne die Reeperbahn: Schließlich waren die Reepschläger, die anno dazumal

Taue auf langen Bahnen fertigten, für die Schifffahrt unverzichtbar. Die Nähe der Hamburger

25 Reeperbahn nur wenige Fußminuten vom Hafenrand entfernt, ließ die Seeleute über Jahrhunderte in

das Amüsierviertel am Spielbudenplatz auf St. Pauli strömen. Schauspieler Hans Albers, Sänger

Freddy Quinn und „Großstadtrevier“-Star Jan Fedder sind untrennbar mit dem Viertel verbunden.

1 Schauerleute – alte Bezeichnung für Hafenarbeiter, deren Aufgabe im Stauen bzw. dem Be- und Entladen von Frachtschiffen besteht; Festmacher – Personen, die anlegenden Schiffen von Land aus oder unter Verwendung eines Festmacherbootes beim Festmachen behilflich sind.

Westfälische Rundschau: Herzschlag der Stadt: Der Hamburger Hafen und seine Zukunft, 11.07.2018, URL: https://www.wr.de/reise/herzschlag-der-stadt-der-hamburger-hafen-und-seine-zukunft-id214819221.html (abgerufen am 21.09.2020).

Material 2

Größtes Hafenfest der Welt (2019)

Am 7. Mai 1189 stellte Kaiser Friedrich Barbarossa den Hamburgern einen Freibrief aus, der Schiffen

auf der Elbe bis an die Nordsee Zollfreiheit gewährte. Diese Geburtsstunde des Hamburger Hafens

jährt sich 2019 zum 830. Mal und wird vom 10. bis 12. Mai gefeiert. […]

Vor der einzigartigen Kulisse des laufenden Hafenbetriebs finden traditionelle Highlights, wie die

5 große Einlaufparade und die große Auslaufparade mit zahlreichen Schiffen und wunderschönen

Großseglern der Weltmeere und die beliebten Open-Ship-Aktionen, statt. […]

An Land sorgen mehr als 200 maritime, kulturelle und kulinarische Programmpunkte für abwechs-

lungsreiches Vergnügen bei Groß und Klein. Die „Bunte Hafenmeile“ bietet gastronomische Genüsse

und Unterhaltung vom Baumwall bis zu den Landungsbrücken. Kostenlose Konzerte und Live-Acts

10 auf den Bühnen mit nationalen und internationalen Stars verwandeln die Veranstaltungsfläche des

größten Hafenfestes der Welt in eine riesige Festivallandschaft. […]

Den traditionellen Auftakt des Hafengeburtstag Hamburg bildet der Internationale Ökumenische

Gottesdienst in der Hauptkirche St. Michaelis („Michel“). Ein weiterer stimmungsvoller Höhepunkt ist

das große AIDA Feuerwerk am späten Samstagabend, das den Nachthimmel über der Elbe in ein

15 funkelndes Farbenmeer verwandelt. […]

Es gibt viele gute Gründe, den Hamburger Hafen zu feiern: Er ist der mit Abstand bedeutendste Hafen

in Deutschland und einer der führenden Seegüterumschlagplätze der Welt. Er ist das Tor zu den

Märkten in Nord-, Mittel- und Osteuropa, Brücke zwischen Kontinent und Übersee sowie einer der

wichtigsten Überseehäfen für Containerverkehr. Ob HafenCity, Speicherstadt, Elbphilharmonie,

20 Fischmarkt oder die großen Musicaltheater, der Puls der Metropole schlägt an der Elbe.

Hansestadt Hamburg: Größtes Hafenfest der Welt, 2019, URL: https://www.hamburg.de/hafengeburtstag/4264552/ueberblick-hafengeburtstag/ (abgerufen am 19.04.2019).

Material 3

Containerumschlag des Hamburger Hafens 1990 bis 2019

Hafen Hamburg Marketing e.V., 2019, URL: https://www.hafen-hamburg.de/de/statistiken/containerumschlag (abgerufen am 21.09.2020).

Hinweis: TEU (Twenty Foot Equivalent Unit) – Standardcontainergröße

Material 4

Wichtigste Handelspartner im seeseitigen Containerverkehr des Hamburger Hafens 2018 und 2019

Hafen Hamburg Marketing e.V., 2019, URL: https://www.hafen-hamburg.de/de/statistiken/handelspartner (abgerufen am 21.09.2020).

Material 5

HafenCity Hamburg GmbH: Das Projekt HafenCity

Mit der Entwicklung eines neuen City-Raums entlang der Elbe setzt Hamburg mindestens europaweit

neue Maßstäbe: Auf einer Fläche von 157 ha entsteht eine lebendige Stadt mit maritimem Flair.

Anders als reine büro- und einzelhandelsdominierte City-Räume verbindet sie die verschiedenen

Nutzungen Arbeiten, Wohnen, Kultur, Freizeit, Tourismus und Einzelhandel miteinander. Was die

5 HafenCity ebenfalls von anderen großen Stadtentwicklungsvorhaben in Wasserlage unterscheidet, sind

ihre besonders zentrale Lage und der hohe Qualitätsanspruch, der sich u.a. in der feinkörnigen

Nutzungsmischung, dem Anspruch an Urbanität und ökologische Nachhaltigkeit, soziale Mischung

und Begegnungsfähigkeit sowie einem innovativen Entwicklungsprozess niederschlägt. […]

10 Die Zielsetzungen der HafenCity-Entwicklung sind sehr weitreichend. Es gilt, ein neues Stück Stadt

am Wasser städtebaulich-architektonisch, nutzungs- und identitätsbezogen, aber auch emotional neu

zu definieren. Dass die HafenCity fast ausschließlich aus Neubauten besteht, hat verschiedene Gründe:

Zunächst erfordert der Hochwasserschutz eine völlig neue Stadtebene mit neuer Infrastruktur. Darüber

hinaus war das Areal früher […] überwiegend mit eingeschossigen Schuppen bebaut […]. Insgesamt

15 werden daher mehr als 2,4 Mio. m² Bruttogrundfläche neu gebaut. Es entstehen über 7.500 Wohn-

ungen für mehr als 15.000 Einwohner. Dienstleistungsflächen (nicht nur Büroflächen) mit bis zu

45.000 Arbeitsplätzen, Bildungseinrichtungen, Gastronomie, Einzelhandels-, Kultur- und

Freizeitangebote sowie Parks, Plätze und Promenaden – für rund 80.000 Besucher täglich, die nach

der Gesamtfertigstellung prognostiziert werden.

HafenCity Hamburg GmbH, ohne Jahr, URL: https://www.hafencity.com/de/ueberblick/das-projekt-hafencity.html (abgerufen am 21.09.2020).

Material 6

Ort der Stille (2016)

Ja, es gibt ein paar Restaurants, die gut funktionieren. Das „Hafenhunger“ zum Beispiel oder das

„Kaiser Perle“, das allerdings nur bei gutem Wetter im Sommer geöffnet hat, Bistros wie das „Carls“

oder „Lieblingsplatz“. Die Pizza-Lounge „H’ugo’s“ dagegen hat kürzlich nach nur einem halben Jahr

ihre Konzession wieder abgegeben. Und außer Restaurants? Die Suche nach Bars oder gar einer

5 Eckkneipe ist schon deutlich schwieriger. Und hat schon mal jemand von einer legendären Party in der

HafenCity gehört? Gibt es einen Kiosk, der nach 20 Uhr noch geöffnet hat? Einen Biergarten, einen

Park, in dem man im Sommer einfach auf der Wiese sitzen kann, in dem vielleicht mal Musik gespielt

wird? Gibt es mittlerweile irgendwo ein gutes Graffiti? Nein, all das gibt es eben nicht.

Denn die HafenCity ist über zehn Jahre nach dem Einzug der ersten Bewohner immer noch nicht

10 besonders belebt. Vor allem abends, wenn die Touristen weg sind, wenn sich die Büros leeren, ist es

häufig gruselig still auf den Straßen zwischen Sandtorkai und HafenCity Universität. […]

„Richtig Leben wird es aber erst dann geben, wenn tatsächlich alle Bewohner, alle Beschäftigten und

Besucher da sind“, sagt Bruns-Berentelg [Vorsitzender der Geschäftsführung der HafenCity GmbH].

Aktuell, so Bruns-Berentelg, wohnen erst 2.600 Menschen in der HafenCity und nur 12.000 arbeiten

15 dort. Viele Büroflächen stehen noch leer, viele Projekte sind noch in der Vorbereitung oder in der

Bauphase. […] „Wir glauben alle an die HafenCity“, sagt Frederik Braun [Gründer des Miniatur

Wunderlandes]: „Wenn man aber ehrlich ist, fehlt noch ein wenig Herz und ein paar Ecken und

Kanten. Wir sind angetreten, das zu ändern.“

Bastian Henrichs: Ort der Stille, 12.06.2016, URL: https://www.welt.de/print/wams/hamburg/article156151203/Ort-der-Stille.html (abgerufen am 21.09.2020).

Material 7

Nachhaltige Entwicklungsziele der UN – Ziel 11: Nachhaltige Städte und Siedlungen

Zielvorgaben

Bis 2030 den Zugang zu angemessenem, sicherem und bezahlbarem Wohnraum und zur Grundversorgung für alle sicherstellen und Slums sanieren.

Bis 2030 den Zugang zu sicheren, bezahlbaren, zugänglichen und nachhaltigen Verkehrssystemen für alle ermöglichen und die Sicherheit im Straßenverkehr verbessern, insbesondere durch den Ausbau des öffentlichen Verkehrs, mit besonderem Augenmerk auf den Bedürfnissen von Menschen in prekären Situationen, Frauen, Kindern, Menschen mit Behinderungen und älteren Menschen.

Bis 2030 die Verstädterung inklusiver und nachhaltiger gestalten und die Kapazitäten für eine partizipatorische, integrierte und nachhaltige Siedlungsplanung und -steuerung in allen Ländern verstärken.

Die Anstrengungen zum Schutz und zur Wahrung des Weltkultur- und -naturerbes verstärken.

Bis 2030 die Zahl der durch Katastrophen, einschließlich Wasserkatastrophen, bedingten Todesfälle und der davon betroffenen Menschen deutlich reduzieren und die dadurch verursachten unmittelbaren wirtschaftlichen Verluste im Verhältnis zum globalen Bruttoinlandsprodukt wesentlich verringern, mit Schwerpunkt auf dem Schutz der Armen und von Menschen in prekären Situationen.

Bis 2030 die von den Städten ausgehende Umweltbelastung pro Kopf senken, unter anderem mit besonderer Aufmerksamkeit auf der Luftqualität und der kommunalen und sonstigen Abfallbehandlung.

Bis 2030 den allgemeinen Zugang zu sicheren, inklusiven und zugänglichen Grünflächen und öffentlichen Räumen gewährleisten, insbesondere für Frauen und Kinder, ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen.

Bundesvereinigung Nachhaltigkeit e.V., ohne Jahr, URL: https://nachhaltigkeit.bvng.org/die-globalen-ziele-fuer-nachhaltige-entwicklung/sdg-ziel-11-nachhaltige-staedte-und-siedlungen/ (abgerufen am 23.05.2020).

2 Beschreiben Sie den modellhaften Verlauf der Gentrifizierung und untersuchen Sie, ob man bei dem „Projekt HafenCity“ von Gentrifizierung sprechen kann. (Material 5–6) [20 BE]

Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 3 · Stadtentwicklung, Gentrifizierung und nachhaltige Stadt

Material 1

Herzschlag der Stadt: Der Hamburger Hafen und seine Zukunft (2018)

Mit einer Wertschöpfung von 12,6 Milliarden Euro und 155.000 angekoppelten Arbeitsplätzen ist der

Hafen das wirtschaftliche Herz der Hansestadt, gleichzeitig aber auch vieles mehr: Maritime Kulisse

für Film und Fernsehen, Attraktion für Touristen, Arbeitsplatz für Schauerleute und Festmacher 1 oder

Schauplatz von Musikfestivals. Was macht den Hamburger Hafen aus?

5 Hafenrundfahrten gehören zu Hamburg wie Fisch- und Franzbrötchen. An den Landungsbrücken, dem

touristischen Herzstück des Hafens, sammeln eine Vielzahl von Betreibern ihre Fahrgäste zu Törns

durch den Hafen mit seinen riesigen Containerterminals ein.

Auch als Filmkulisse ist der Hafen attraktiv. Dauergast sind die Polizisten-Schauspieler von „Notruf

Hafenkante“, die derzeit für die 14. Staffel der ZDF-Vorabendserie vor der Kamera stehen. […]

10 Mehr als 8.000 Seeschiffe erreichen jährlich den Hamburger Hafen, darunter mehr als 3.600 Contai-

nerschiffe sowie mehr als 2.700 Tanker und Massengutschiffe. Gut 1.000 dieser Schiffe sind mehr als

330 Meter lang und/oder mehr als 45 Meter breit – die Ozeanriesen unserer Tage. Mit einem Gesamt-

umschlag von zuletzt 136,5 Millionen Tonnen ist Hamburg der größte Hafen in Deutschland und der

drittgrößte in Europa nach Rotterdam und Antwerpen. 150 Container-Liniendienste verbinden

15 Hamburg mit 100 Ländern auf allen Kontinenten. […]

Mit rund 220 Anläufen von Kreuzfahrtschiffen und geschätzt rund 880.000 Passagieren erwartet der

Terminalbetreiber Cruise Gate Hamburg 2018 ein Rekordjahr. […]

Auf 157 Hektar ehemaligem Hafen- und Industrieareal ist direkt an der Elbe die schicke Hamburger

HafenCity entstanden, ein städtebauliches Vorzeigeprojekt. […]

20 Alljährlich ist das Elbjazz-Festival mit seinen Musikern zu Gast im Hafen und nutzt als Ambiente für

seine Bühnen den Industriecharme der Werft Blohm+Voss. Tausende Zuhörer lassen sich die Klänge

auf und über das Werftgelände nicht entgehen. […]

Was wäre der Hafen ohne die Reeperbahn: Schließlich waren die Reepschläger, die anno dazumal

Taue auf langen Bahnen fertigten, für die Schifffahrt unverzichtbar. Die Nähe der Hamburger

25 Reeperbahn nur wenige Fußminuten vom Hafenrand entfernt, ließ die Seeleute über Jahrhunderte in

das Amüsierviertel am Spielbudenplatz auf St. Pauli strömen. Schauspieler Hans Albers, Sänger

Freddy Quinn und „Großstadtrevier“-Star Jan Fedder sind untrennbar mit dem Viertel verbunden.

1 Schauerleute – alte Bezeichnung für Hafenarbeiter, deren Aufgabe im Stauen bzw. dem Be- und Entladen von Frachtschiffen besteht; Festmacher – Personen, die anlegenden Schiffen von Land aus oder unter Verwendung eines Festmacherbootes beim Festmachen behilflich sind.

Westfälische Rundschau: Herzschlag der Stadt: Der Hamburger Hafen und seine Zukunft, 11.07.2018, URL: https://www.wr.de/reise/herzschlag-der-stadt-der-hamburger-hafen-und-seine-zukunft-id214819221.html (abgerufen am 21.09.2020).

Material 2

Größtes Hafenfest der Welt (2019)

Am 7. Mai 1189 stellte Kaiser Friedrich Barbarossa den Hamburgern einen Freibrief aus, der Schiffen

auf der Elbe bis an die Nordsee Zollfreiheit gewährte. Diese Geburtsstunde des Hamburger Hafens

jährt sich 2019 zum 830. Mal und wird vom 10. bis 12. Mai gefeiert. […]

Vor der einzigartigen Kulisse des laufenden Hafenbetriebs finden traditionelle Highlights, wie die

5 große Einlaufparade und die große Auslaufparade mit zahlreichen Schiffen und wunderschönen

Großseglern der Weltmeere und die beliebten Open-Ship-Aktionen, statt. […]

An Land sorgen mehr als 200 maritime, kulturelle und kulinarische Programmpunkte für abwechs-

lungsreiches Vergnügen bei Groß und Klein. Die „Bunte Hafenmeile“ bietet gastronomische Genüsse

und Unterhaltung vom Baumwall bis zu den Landungsbrücken. Kostenlose Konzerte und Live-Acts

10 auf den Bühnen mit nationalen und internationalen Stars verwandeln die Veranstaltungsfläche des

größten Hafenfestes der Welt in eine riesige Festivallandschaft. […]

Den traditionellen Auftakt des Hafengeburtstag Hamburg bildet der Internationale Ökumenische

Gottesdienst in der Hauptkirche St. Michaelis („Michel“). Ein weiterer stimmungsvoller Höhepunkt ist

das große AIDA Feuerwerk am späten Samstagabend, das den Nachthimmel über der Elbe in ein

15 funkelndes Farbenmeer verwandelt. […]

Es gibt viele gute Gründe, den Hamburger Hafen zu feiern: Er ist der mit Abstand bedeutendste Hafen

in Deutschland und einer der führenden Seegüterumschlagplätze der Welt. Er ist das Tor zu den

Märkten in Nord-, Mittel- und Osteuropa, Brücke zwischen Kontinent und Übersee sowie einer der

wichtigsten Überseehäfen für Containerverkehr. Ob HafenCity, Speicherstadt, Elbphilharmonie,

20 Fischmarkt oder die großen Musicaltheater, der Puls der Metropole schlägt an der Elbe.

Hansestadt Hamburg: Größtes Hafenfest der Welt, 2019, URL: https://www.hamburg.de/hafengeburtstag/4264552/ueberblick-hafengeburtstag/ (abgerufen am 19.04.2019).

Material 3

Containerumschlag des Hamburger Hafens 1990 bis 2019

Hafen Hamburg Marketing e.V., 2019, URL: https://www.hafen-hamburg.de/de/statistiken/containerumschlag (abgerufen am 21.09.2020).

Hinweis: TEU (Twenty Foot Equivalent Unit) – Standardcontainergröße

Material 4

Wichtigste Handelspartner im seeseitigen Containerverkehr des Hamburger Hafens 2018 und 2019

Hafen Hamburg Marketing e.V., 2019, URL: https://www.hafen-hamburg.de/de/statistiken/handelspartner (abgerufen am 21.09.2020).

Material 5

HafenCity Hamburg GmbH: Das Projekt HafenCity

Mit der Entwicklung eines neuen City-Raums entlang der Elbe setzt Hamburg mindestens europaweit

neue Maßstäbe: Auf einer Fläche von 157 ha entsteht eine lebendige Stadt mit maritimem Flair.

Anders als reine büro- und einzelhandelsdominierte City-Räume verbindet sie die verschiedenen

Nutzungen Arbeiten, Wohnen, Kultur, Freizeit, Tourismus und Einzelhandel miteinander. Was die

5 HafenCity ebenfalls von anderen großen Stadtentwicklungsvorhaben in Wasserlage unterscheidet, sind

ihre besonders zentrale Lage und der hohe Qualitätsanspruch, der sich u.a. in der feinkörnigen

Nutzungsmischung, dem Anspruch an Urbanität und ökologische Nachhaltigkeit, soziale Mischung

und Begegnungsfähigkeit sowie einem innovativen Entwicklungsprozess niederschlägt. […]

10 Die Zielsetzungen der HafenCity-Entwicklung sind sehr weitreichend. Es gilt, ein neues Stück Stadt

am Wasser städtebaulich-architektonisch, nutzungs- und identitätsbezogen, aber auch emotional neu

zu definieren. Dass die HafenCity fast ausschließlich aus Neubauten besteht, hat verschiedene Gründe:

Zunächst erfordert der Hochwasserschutz eine völlig neue Stadtebene mit neuer Infrastruktur. Darüber

hinaus war das Areal früher […] überwiegend mit eingeschossigen Schuppen bebaut […]. Insgesamt

15 werden daher mehr als 2,4 Mio. m² Bruttogrundfläche neu gebaut. Es entstehen über 7.500 Wohn-

ungen für mehr als 15.000 Einwohner. Dienstleistungsflächen (nicht nur Büroflächen) mit bis zu

45.000 Arbeitsplätzen, Bildungseinrichtungen, Gastronomie, Einzelhandels-, Kultur- und

Freizeitangebote sowie Parks, Plätze und Promenaden – für rund 80.000 Besucher täglich, die nach

der Gesamtfertigstellung prognostiziert werden.

HafenCity Hamburg GmbH, ohne Jahr, URL: https://www.hafencity.com/de/ueberblick/das-projekt-hafencity.html (abgerufen am 21.09.2020).

Material 6

Ort der Stille (2016)

Ja, es gibt ein paar Restaurants, die gut funktionieren. Das „Hafenhunger“ zum Beispiel oder das

„Kaiser Perle“, das allerdings nur bei gutem Wetter im Sommer geöffnet hat, Bistros wie das „Carls“

oder „Lieblingsplatz“. Die Pizza-Lounge „H’ugo’s“ dagegen hat kürzlich nach nur einem halben Jahr

ihre Konzession wieder abgegeben. Und außer Restaurants? Die Suche nach Bars oder gar einer

5 Eckkneipe ist schon deutlich schwieriger. Und hat schon mal jemand von einer legendären Party in der

HafenCity gehört? Gibt es einen Kiosk, der nach 20 Uhr noch geöffnet hat? Einen Biergarten, einen

Park, in dem man im Sommer einfach auf der Wiese sitzen kann, in dem vielleicht mal Musik gespielt

wird? Gibt es mittlerweile irgendwo ein gutes Graffiti? Nein, all das gibt es eben nicht.

Denn die HafenCity ist über zehn Jahre nach dem Einzug der ersten Bewohner immer noch nicht

10 besonders belebt. Vor allem abends, wenn die Touristen weg sind, wenn sich die Büros leeren, ist es

häufig gruselig still auf den Straßen zwischen Sandtorkai und HafenCity Universität. […]

„Richtig Leben wird es aber erst dann geben, wenn tatsächlich alle Bewohner, alle Beschäftigten und

Besucher da sind“, sagt Bruns-Berentelg [Vorsitzender der Geschäftsführung der HafenCity GmbH].

Aktuell, so Bruns-Berentelg, wohnen erst 2.600 Menschen in der HafenCity und nur 12.000 arbeiten

15 dort. Viele Büroflächen stehen noch leer, viele Projekte sind noch in der Vorbereitung oder in der

Bauphase. […] „Wir glauben alle an die HafenCity“, sagt Frederik Braun [Gründer des Miniatur

Wunderlandes]: „Wenn man aber ehrlich ist, fehlt noch ein wenig Herz und ein paar Ecken und

Kanten. Wir sind angetreten, das zu ändern.“

Bastian Henrichs: Ort der Stille, 12.06.2016, URL: https://www.welt.de/print/wams/hamburg/article156151203/Ort-der-Stille.html (abgerufen am 21.09.2020).

Material 7

Nachhaltige Entwicklungsziele der UN – Ziel 11: Nachhaltige Städte und Siedlungen

Zielvorgaben

Bis 2030 den Zugang zu angemessenem, sicherem und bezahlbarem Wohnraum und zur Grundversorgung für alle sicherstellen und Slums sanieren.

Bis 2030 den Zugang zu sicheren, bezahlbaren, zugänglichen und nachhaltigen Verkehrssystemen für alle ermöglichen und die Sicherheit im Straßenverkehr verbessern, insbesondere durch den Ausbau des öffentlichen Verkehrs, mit besonderem Augenmerk auf den Bedürfnissen von Menschen in prekären Situationen, Frauen, Kindern, Menschen mit Behinderungen und älteren Menschen.

Bis 2030 die Verstädterung inklusiver und nachhaltiger gestalten und die Kapazitäten für eine partizipatorische, integrierte und nachhaltige Siedlungsplanung und -steuerung in allen Ländern verstärken.

Die Anstrengungen zum Schutz und zur Wahrung des Weltkultur- und -naturerbes verstärken.

Bis 2030 die Zahl der durch Katastrophen, einschließlich Wasserkatastrophen, bedingten Todesfälle und der davon betroffenen Menschen deutlich reduzieren und die dadurch verursachten unmittelbaren wirtschaftlichen Verluste im Verhältnis zum globalen Bruttoinlandsprodukt wesentlich verringern, mit Schwerpunkt auf dem Schutz der Armen und von Menschen in prekären Situationen.

Bis 2030 die von den Städten ausgehende Umweltbelastung pro Kopf senken, unter anderem mit besonderer Aufmerksamkeit auf der Luftqualität und der kommunalen und sonstigen Abfallbehandlung.

Bis 2030 den allgemeinen Zugang zu sicheren, inklusiven und zugänglichen Grünflächen und öffentlichen Räumen gewährleisten, insbesondere für Frauen und Kinder, ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen.

Bundesvereinigung Nachhaltigkeit e.V., ohne Jahr, URL: https://nachhaltigkeit.bvng.org/die-globalen-ziele-fuer-nachhaltige-entwicklung/sdg-ziel-11-nachhaltige-staedte-und-siedlungen/ (abgerufen am 23.05.2020).

Die globalen Ziele für Nachhaltige Entwicklung der UN thematisieren auch die nachhaltige Entwicklung von Städten und Siedlungen.

3

Untersuchen Sie, welche Zielvorgaben des UN-Entwicklungsziels Nr. 11 beim „Projekt HafenCity“ berücksichtigt werden. (Material 7)

(15 BE)

Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 4 · Stadtentwicklung, Gentrifizierung und nachhaltige Stadt

Material 1

Herzschlag der Stadt: Der Hamburger Hafen und seine Zukunft (2018)

Mit einer Wertschöpfung von 12,6 Milliarden Euro und 155.000 angekoppelten Arbeitsplätzen ist der

Hafen das wirtschaftliche Herz der Hansestadt, gleichzeitig aber auch vieles mehr: Maritime Kulisse

für Film und Fernsehen, Attraktion für Touristen, Arbeitsplatz für Schauerleute und Festmacher 1 oder

Schauplatz von Musikfestivals. Was macht den Hamburger Hafen aus?

5 Hafenrundfahrten gehören zu Hamburg wie Fisch- und Franzbrötchen. An den Landungsbrücken, dem

touristischen Herzstück des Hafens, sammeln eine Vielzahl von Betreibern ihre Fahrgäste zu Törns

durch den Hafen mit seinen riesigen Containerterminals ein.

Auch als Filmkulisse ist der Hafen attraktiv. Dauergast sind die Polizisten-Schauspieler von „Notruf

Hafenkante“, die derzeit für die 14. Staffel der ZDF-Vorabendserie vor der Kamera stehen. […]

10 Mehr als 8.000 Seeschiffe erreichen jährlich den Hamburger Hafen, darunter mehr als 3.600 Contai-

nerschiffe sowie mehr als 2.700 Tanker und Massengutschiffe. Gut 1.000 dieser Schiffe sind mehr als

330 Meter lang und/oder mehr als 45 Meter breit – die Ozeanriesen unserer Tage. Mit einem Gesamt-

umschlag von zuletzt 136,5 Millionen Tonnen ist Hamburg der größte Hafen in Deutschland und der

drittgrößte in Europa nach Rotterdam und Antwerpen. 150 Container-Liniendienste verbinden

15 Hamburg mit 100 Ländern auf allen Kontinenten. […]

Mit rund 220 Anläufen von Kreuzfahrtschiffen und geschätzt rund 880.000 Passagieren erwartet der

Terminalbetreiber Cruise Gate Hamburg 2018 ein Rekordjahr. […]

Auf 157 Hektar ehemaligem Hafen- und Industrieareal ist direkt an der Elbe die schicke Hamburger

HafenCity entstanden, ein städtebauliches Vorzeigeprojekt. […]

20 Alljährlich ist das Elbjazz-Festival mit seinen Musikern zu Gast im Hafen und nutzt als Ambiente für

seine Bühnen den Industriecharme der Werft Blohm+Voss. Tausende Zuhörer lassen sich die Klänge

auf und über das Werftgelände nicht entgehen. […]

Was wäre der Hafen ohne die Reeperbahn: Schließlich waren die Reepschläger, die anno dazumal

Taue auf langen Bahnen fertigten, für die Schifffahrt unverzichtbar. Die Nähe der Hamburger

25 Reeperbahn nur wenige Fußminuten vom Hafenrand entfernt, ließ die Seeleute über Jahrhunderte in

das Amüsierviertel am Spielbudenplatz auf St. Pauli strömen. Schauspieler Hans Albers, Sänger

Freddy Quinn und „Großstadtrevier“-Star Jan Fedder sind untrennbar mit dem Viertel verbunden.

1 Schauerleute – alte Bezeichnung für Hafenarbeiter, deren Aufgabe im Stauen bzw. dem Be- und Entladen von Frachtschiffen besteht; Festmacher – Personen, die anlegenden Schiffen von Land aus oder unter Verwendung eines Festmacherbootes beim Festmachen behilflich sind.

Westfälische Rundschau: Herzschlag der Stadt: Der Hamburger Hafen und seine Zukunft, 11.07.2018, URL: https://www.wr.de/reise/herzschlag-der-stadt-der-hamburger-hafen-und-seine-zukunft-id214819221.html (abgerufen am 21.09.2020).

Material 2

Größtes Hafenfest der Welt (2019)

Am 7. Mai 1189 stellte Kaiser Friedrich Barbarossa den Hamburgern einen Freibrief aus, der Schiffen

auf der Elbe bis an die Nordsee Zollfreiheit gewährte. Diese Geburtsstunde des Hamburger Hafens

jährt sich 2019 zum 830. Mal und wird vom 10. bis 12. Mai gefeiert. […]

Vor der einzigartigen Kulisse des laufenden Hafenbetriebs finden traditionelle Highlights, wie die

5 große Einlaufparade und die große Auslaufparade mit zahlreichen Schiffen und wunderschönen

Großseglern der Weltmeere und die beliebten Open-Ship-Aktionen, statt. […]

An Land sorgen mehr als 200 maritime, kulturelle und kulinarische Programmpunkte für abwechs-

lungsreiches Vergnügen bei Groß und Klein. Die „Bunte Hafenmeile“ bietet gastronomische Genüsse

und Unterhaltung vom Baumwall bis zu den Landungsbrücken. Kostenlose Konzerte und Live-Acts

10 auf den Bühnen mit nationalen und internationalen Stars verwandeln die Veranstaltungsfläche des

größten Hafenfestes der Welt in eine riesige Festivallandschaft. […]

Den traditionellen Auftakt des Hafengeburtstag Hamburg bildet der Internationale Ökumenische

Gottesdienst in der Hauptkirche St. Michaelis („Michel“). Ein weiterer stimmungsvoller Höhepunkt ist

das große AIDA Feuerwerk am späten Samstagabend, das den Nachthimmel über der Elbe in ein

15 funkelndes Farbenmeer verwandelt. […]

Es gibt viele gute Gründe, den Hamburger Hafen zu feiern: Er ist der mit Abstand bedeutendste Hafen

in Deutschland und einer der führenden Seegüterumschlagplätze der Welt. Er ist das Tor zu den

Märkten in Nord-, Mittel- und Osteuropa, Brücke zwischen Kontinent und Übersee sowie einer der

wichtigsten Überseehäfen für Containerverkehr. Ob HafenCity, Speicherstadt, Elbphilharmonie,

20 Fischmarkt oder die großen Musicaltheater, der Puls der Metropole schlägt an der Elbe.

Hansestadt Hamburg: Größtes Hafenfest der Welt, 2019, URL: https://www.hamburg.de/hafengeburtstag/4264552/ueberblick-hafengeburtstag/ (abgerufen am 19.04.2019).

Material 3

Containerumschlag des Hamburger Hafens 1990 bis 2019

Hafen Hamburg Marketing e.V., 2019, URL: https://www.hafen-hamburg.de/de/statistiken/containerumschlag (abgerufen am 21.09.2020).

Hinweis: TEU (Twenty Foot Equivalent Unit) – Standardcontainergröße

Material 4

Wichtigste Handelspartner im seeseitigen Containerverkehr des Hamburger Hafens 2018 und 2019

Hafen Hamburg Marketing e.V., 2019, URL: https://www.hafen-hamburg.de/de/statistiken/handelspartner (abgerufen am 21.09.2020).

Material 5

HafenCity Hamburg GmbH: Das Projekt HafenCity

Mit der Entwicklung eines neuen City-Raums entlang der Elbe setzt Hamburg mindestens europaweit

neue Maßstäbe: Auf einer Fläche von 157 ha entsteht eine lebendige Stadt mit maritimem Flair.

Anders als reine büro- und einzelhandelsdominierte City-Räume verbindet sie die verschiedenen

Nutzungen Arbeiten, Wohnen, Kultur, Freizeit, Tourismus und Einzelhandel miteinander. Was die

5 HafenCity ebenfalls von anderen großen Stadtentwicklungsvorhaben in Wasserlage unterscheidet, sind

ihre besonders zentrale Lage und der hohe Qualitätsanspruch, der sich u.a. in der feinkörnigen

Nutzungsmischung, dem Anspruch an Urbanität und ökologische Nachhaltigkeit, soziale Mischung

und Begegnungsfähigkeit sowie einem innovativen Entwicklungsprozess niederschlägt. […]

10 Die Zielsetzungen der HafenCity-Entwicklung sind sehr weitreichend. Es gilt, ein neues Stück Stadt

am Wasser städtebaulich-architektonisch, nutzungs- und identitätsbezogen, aber auch emotional neu

zu definieren. Dass die HafenCity fast ausschließlich aus Neubauten besteht, hat verschiedene Gründe:

Zunächst erfordert der Hochwasserschutz eine völlig neue Stadtebene mit neuer Infrastruktur. Darüber

hinaus war das Areal früher […] überwiegend mit eingeschossigen Schuppen bebaut […]. Insgesamt

15 werden daher mehr als 2,4 Mio. m² Bruttogrundfläche neu gebaut. Es entstehen über 7.500 Wohn-

ungen für mehr als 15.000 Einwohner. Dienstleistungsflächen (nicht nur Büroflächen) mit bis zu

45.000 Arbeitsplätzen, Bildungseinrichtungen, Gastronomie, Einzelhandels-, Kultur- und

Freizeitangebote sowie Parks, Plätze und Promenaden – für rund 80.000 Besucher täglich, die nach

der Gesamtfertigstellung prognostiziert werden.

HafenCity Hamburg GmbH, ohne Jahr, URL: https://www.hafencity.com/de/ueberblick/das-projekt-hafencity.html (abgerufen am 21.09.2020).

Material 6

Ort der Stille (2016)

Ja, es gibt ein paar Restaurants, die gut funktionieren. Das „Hafenhunger“ zum Beispiel oder das

„Kaiser Perle“, das allerdings nur bei gutem Wetter im Sommer geöffnet hat, Bistros wie das „Carls“

oder „Lieblingsplatz“. Die Pizza-Lounge „H’ugo’s“ dagegen hat kürzlich nach nur einem halben Jahr

ihre Konzession wieder abgegeben. Und außer Restaurants? Die Suche nach Bars oder gar einer

5 Eckkneipe ist schon deutlich schwieriger. Und hat schon mal jemand von einer legendären Party in der

HafenCity gehört? Gibt es einen Kiosk, der nach 20 Uhr noch geöffnet hat? Einen Biergarten, einen

Park, in dem man im Sommer einfach auf der Wiese sitzen kann, in dem vielleicht mal Musik gespielt

wird? Gibt es mittlerweile irgendwo ein gutes Graffiti? Nein, all das gibt es eben nicht.

Denn die HafenCity ist über zehn Jahre nach dem Einzug der ersten Bewohner immer noch nicht

10 besonders belebt. Vor allem abends, wenn die Touristen weg sind, wenn sich die Büros leeren, ist es

häufig gruselig still auf den Straßen zwischen Sandtorkai und HafenCity Universität. […]

„Richtig Leben wird es aber erst dann geben, wenn tatsächlich alle Bewohner, alle Beschäftigten und

Besucher da sind“, sagt Bruns-Berentelg [Vorsitzender der Geschäftsführung der HafenCity GmbH].

Aktuell, so Bruns-Berentelg, wohnen erst 2.600 Menschen in der HafenCity und nur 12.000 arbeiten

15 dort. Viele Büroflächen stehen noch leer, viele Projekte sind noch in der Vorbereitung oder in der

Bauphase. […] „Wir glauben alle an die HafenCity“, sagt Frederik Braun [Gründer des Miniatur

Wunderlandes]: „Wenn man aber ehrlich ist, fehlt noch ein wenig Herz und ein paar Ecken und

Kanten. Wir sind angetreten, das zu ändern.“

Bastian Henrichs: Ort der Stille, 12.06.2016, URL: https://www.welt.de/print/wams/hamburg/article156151203/Ort-der-Stille.html (abgerufen am 21.09.2020).

Material 7

Nachhaltige Entwicklungsziele der UN – Ziel 11: Nachhaltige Städte und Siedlungen

Zielvorgaben

Bis 2030 den Zugang zu angemessenem, sicherem und bezahlbarem Wohnraum und zur Grundversorgung für alle sicherstellen und Slums sanieren.

Bis 2030 den Zugang zu sicheren, bezahlbaren, zugänglichen und nachhaltigen Verkehrssystemen für alle ermöglichen und die Sicherheit im Straßenverkehr verbessern, insbesondere durch den Ausbau des öffentlichen Verkehrs, mit besonderem Augenmerk auf den Bedürfnissen von Menschen in prekären Situationen, Frauen, Kindern, Menschen mit Behinderungen und älteren Menschen.

Bis 2030 die Verstädterung inklusiver und nachhaltiger gestalten und die Kapazitäten für eine partizipatorische, integrierte und nachhaltige Siedlungsplanung und -steuerung in allen Ländern verstärken.

Die Anstrengungen zum Schutz und zur Wahrung des Weltkultur- und -naturerbes verstärken.

Bis 2030 die Zahl der durch Katastrophen, einschließlich Wasserkatastrophen, bedingten Todesfälle und der davon betroffenen Menschen deutlich reduzieren und die dadurch verursachten unmittelbaren wirtschaftlichen Verluste im Verhältnis zum globalen Bruttoinlandsprodukt wesentlich verringern, mit Schwerpunkt auf dem Schutz der Armen und von Menschen in prekären Situationen.

Bis 2030 die von den Städten ausgehende Umweltbelastung pro Kopf senken, unter anderem mit besonderer Aufmerksamkeit auf der Luftqualität und der kommunalen und sonstigen Abfallbehandlung.

Bis 2030 den allgemeinen Zugang zu sicheren, inklusiven und zugänglichen Grünflächen und öffentlichen Räumen gewährleisten, insbesondere für Frauen und Kinder, ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen.

Bundesvereinigung Nachhaltigkeit e.V., ohne Jahr, URL: https://nachhaltigkeit.bvng.org/die-globalen-ziele-fuer-nachhaltige-entwicklung/sdg-ziel-11-nachhaltige-staedte-und-siedlungen/ (abgerufen am 23.05.2020).

4

„Denkt man an den Hamburger Hafen, fallen jedem Interessierten schnell zahlreiche Bilder ein. Bei den meisten dieser Bilder werden automatisch Gefühle geweckt. In den letzten Jahren sind es vermutlich vor allem die Containerriesen an den Terminals gegenüber vom Övelgönner Strand oder Kreuzfahrtschiffe, wie die Queen Mary 2, die einem zu allererst in den Sinn kommen. Es sind Assoziationen von weiter Welt und Seefahrtromantik.“, schreibt Oliver Lieber in seinem Buch „Hafen versus Stadt“ (2018) und er stellt daher die These auf: „Der Hafen entzieht sich einer streng rationalen Betrachtung.“

Beurteilen Sie diese Aussage vor dem Hintergrund Ihrer Analyse zum Raumkonzept „Wahrnehmungsraum“ aus Aufgabe 1. (Material 1–7, Atlas)

(30 BE)

Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 1 · Rohstoffe: Erschließung, Abbau und Strategien gegen Knappheit

1 Beschreiben Sie den Abbau und den Transport der Kohle im Galilee-Becken in Australien. (Material 1–3, Atlas)

(25 BE)

Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 2 · Rohstoffe: Erschließung, Abbau und Strategien gegen Knappheit

2

Erläutern Sie die Entwicklungen im Galilee-Becken vor dem Hintergrund der Exportwirtschaft Australiens. (Material 1–2, 5–8, Atlas)

(25 BE)

Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 3 · Rohstoffe: Erschließung, Abbau und Strategien gegen Knappheit

3

Setzen Sie die Bedeutung der Rohstoffexporte Australiens in Beziehung mit der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas seit Beginn des 21. Jahrhunderts. (Material 8–10, Atlas) [20 BE]

Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 4 · Rohstoffe: Erschließung, Abbau und Strategien gegen Knappheit

4 „Die Zweifel daran, ob sich Australiens Wirtschaft langfristig mit Kohle und China durchschlagen kann, dürften jedenfalls gewachsen sein.“ (Material 10)

Bewerten Sie den Inhalt dieser Aussage vor dem Hintergrund der drei Dimensionen der Nachhaltigkeit. (Material 1–10)

(30 BE)

Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 1 · Globale Disparitäten, Entwicklungsstand und Nachhaltigkeitsziele

Material 1

Strukturdaten Peru 2018

Einwohnerzahl · 31.989.256

Fläche in km² · 1.285.220

Städtische Bevölkerung in % · 77,9

Lebenserwartung in Jahren · 76,5

Bevölkerung zwischen 0 und 14 Jahren in % der Gesamtbevölkerung · 25,8

Bevölkerung über 65 Jahren in % · 8,1

Bevölkerungswachstum in % · 1,7

Säuglingssterblichkeit (von 1.000) · 15

Alphabetisierung Erwachsene in % · 94,1

Anteil Bevölkerung unter der Armutsgrenze (3,2 US-Dollar/Tag) in % der Gesamtbevölkerung · 11

Anteil der Bevölkerung unterhalb der nationalen Armutsgrenze in % · 20,5

Zugang zu sicheren sanitären Einrichtungen in % aller Personen (2017) · 42,8

Zugang zu sauberem Trinkwasser in % aller Personen (2017) · 50,4

BIP pro Kopf in US-Dollar · 6.470

Reales BIP-Wachstum in % · 4,0

Bruttowertschöpfung nach Sektoren in % des BIP (2018) · Primärer Sektor · 7,5

Sekundärer Sektor · 34,2

Tertiärer Sektor · 58,3

HDI-Rang von 189 Staaten (Wert 0–1,00) · 82 (0,76)

Gini-Koeffizient Einkommen

(Wert 0 bedeutet absolute Gleichheit / Wert 1 bedeutet absolute Ungleichheit) · 0,428

Arbeitslosenquote in % · 6,7

Erwerbstätigkeit nach Sektoren in % (2017) · Primärer Sektor · 25,8

Sekundärer Sektor · 17,4

Tertiärer Sektor · 56,8

Export in Mrd. US-Dollar (2017) · 44,92

Hauptexportgüter in % des Gesamtexports · Rohstoffe (außer Brennstoffe) · 39,1

Nahrungsmittel · 19,1

NE-Metalle · 7,7

Petrochemie · 6,3

Chem. Erzeugnisse · 2,7

Textilien/Bekleidung · 2,7

Gas · 2,2

Sonstige · 20,2

Hauptexportländer in % des Gesamtexports · China · 27,6

USA · 26,7

Indien · 5,2

Südkorea · 5,1

Import in Mrd. US-Dollar · 38,65

Hauptimportgüter in % des Gesamtimports · chem. Erzeugnisse · 15,0

Maschinen · 10,0

Nahrungsmittel · 9,5

Petrochemie · 8,6

Kfz und -Teile · 8,4

Elektronik · 8,4

Erdöl · 6,6

Textilien/Bekleidung · 4,4

Eisen und Stahl · 4,4

Elektrotechnik · 3,6

Sonstige · 21,1

Hauptimportländer in % des Gesamtexports · China · 23,3

USA · 21,3

Brasilien · 5,6

Mexiko · 4,5

Ecuador · 4,5

Tourismuseinnahmen in Mrd. US-Dollar · 4.894

Rang im Korruptionswahrnehmungsindex · 35/105

Hinweis: NE-Metalle: Als Nichteisenmetalle werden alle Metalle außer Eisen bezeichnet sowie Metall-Legierungen, in denen Eisen nicht als Hauptelement enthalten ist.

Material 2

Produktion metallischer Rohstoffe in Peru 2017

Produktion · Einheit · 2017 · Weltweites Ranking

Kupfer · Mio. Tonnen · 2,445 · 2

Gold · Tonnen · 151,96 · 6

Zink · Mio. Tonnen · 1,473 · 2

Silber · Tonnen · 4,418 · 2

Blei · Tonnen · 306,784 · 3

Eisen · Mio. Tonnen · 8,806 · /

Zinn · Tonnen · 17,790 · 4

Molybdän · Tonnen · 28,141 · 4

URL: https://peru.ahk.de/dienstleistungen/bergbau-peru (abgerufen am 04.02.2020).

Hinweis: Molybdän wird als Nebenprodukt bei der Kupferherstellung gewonnen und nur zu ca. 30% direkt aus Molybdänerzen. Molybdän wird hauptsächlich in Legierungen verwendet (z.B. in säurebeständigen Edelstählen). Nach: URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Molybdän (abgerufen am 19.10.2019).

Material 3

Gold – gefragter Rohstoff

Gold wird für die verschiedensten Verwendungszwecke genutzt. Gleichwohl haben sich einige Schlüsselbranchen als Hauptverbraucher herauskristallisiert.

Die jüngste Nutzerbranche ist die Industrie. Insbesondere die Elektroindustrie verwendet Gold auf Platinen, Computerchips und vielen anderen Bauteilen. Obwohl das Edelmetall sehr kostspielig ist, wird es aufgrund seiner Korrosionsbeständigkeit, der guten Kontaktgabe und der einfachen Verarbeitung eingesetzt. So lassen sich beispielsweise 10 Gramm Gold zu einem dünnen Faden ausdehnen, der über eine Länge von 33 Kilometern verfügt und zur Kontaktierung von Computerchips eingesetzt wird.

Die Elektroindustrie verwendet ca. 10 Prozent des jährlichen Goldverbrauchs in ihren Produktionsabläufen.

URL: https://www.gold.de/gold-geschichte/#goldfoerderlaender (abgerufen am 09.04.2020).

Material 4

Gold-Verwendung weltweit (2017)

Hartmut Heidenreich: Steckbrief Gold, Kampagne „Bergwerk Peru – Reichtum geht, Armut bleibt“, 2017, URL: http://www.kampagne-bergwerk-peru.de/wp-content/uploads/Factsheet-Gold-2017_Web.pdf (abgerufen am 09.04.2020).

Material 5

Das Raubbau-Syndrom

Diercke Modellregister, Braunschweig 2014, S. 12.

Material 6

Kleinbergbau

In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern werden mineralische Rohstoffe neben dem industriellen Bergbau auch im Kleinbergbau gefördert. Mit einfachen Mitteln und unter geringem Einsatz von Maschinen werden mineralische Rohstoffe aus Lagerstätten abgebaut, die für den industriellen Bergbau ungeeignet sind. Die Aufbereitung ist häufig ineffizient und geschieht unter Verwendung umweltschädlicher und giftiger Chemikalien. Kleinbergleute verfügen selten über einen Arbeitsvertrag oder Schürflizenzen, sind also nicht formalisiert. Sie arbeiten häufig selbstorganisiert oder unter der Kontrolle lokaler Patrone, aber auch illegal. Der Rohstoffabbau geschieht meist unter prekären Arbeitsbedingungen, ohne Beachtung von Arbeits-, Kinder- oder Frauenrechten. Nicht selten verdienen Kleinbergleute nur wenige Euro am Tag, während die Gewinne an Zwischenhändler und lokale Patrone gehen. Die Ursachen dieser Probleme sind schwache staatliche Institutionen, ungenügende gesetzliche Rahmenbedingungen sowie die fehlende Regulierung des Sektors.

Der Kleinbergbausektor birgt jedoch gleichzeitig große Entwicklungspotenziale. Weltweit sind schätzungsweise 15 bis 30 Millionen Menschen in mehr als 30 Ländern im Kleinbergbau beschäftigt. Unter Berücksichtigung von zu versorgenden Familienangehörigen und nachgelagerter Lieferketten sind nach Schätzungen der Weltbank global 80 bis 100 Millionen Menschen existenziell vom Kleinbergbau abhängig. Damit trägt der Kleinbergbau als wichtige Einkommensquelle maßgeblich zur Existenzsicherung der lokalen Bevölkerung bei.

Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: Kleinbergbau, ohne Jahr, URL: https://www.bmz.de/rue/de/konzepte_themen/aspekte/kleinbergbau/index.html (abgerufen am 09.04.2020).

Material 7

Hildegard Willer: Das glänzende Schweizer Gold kommt vom dreckigsten Ort der Welt (2018)

Juliaca gilt als die Schmuggel-Hauptstadt Perus und, seit vor 18 Jahren der Gold-Boom ausgebrochen ist, auch als Hotspot der Goldschürfer und Goldhändler. […]

Peru ist der sechstgrößte Goldproduzent der Welt. Entsprechend wichtig ist der Goldbergbau für Perus Wirtschaft. Die Goldminen werden hier in groß, mittel, klein und artisanal [Kleinbergbau, bei dem die bergmännischen Arbeiten nur manuell getätigt werden] eingeteilt. Die großen und mittleren Minen sind meist in den Händen ausländischer Unternehmen und werden industriell im Tagebau betrieben. Die ausländischen Investoren werden vom peruanischen Staat bevorzugt. Die kleineren Minen dagegen sind in der Hand einst armer Bauern, die aufgelassene Minen oder Grundstücke besetzt haben und zuerst mit Schaufel und Hacke, seit den hohen Goldpreisen auch mit großen Maschinen nach Gold schürfen oder buddeln. Den kleinen Goldbergbau gibt es sowohl im Tagebau […] oder unter Tage.

Im Gegensatz zum großen Goldbergbau haben die kleinen Bergleute oft keine Genehmigungen, arbeiten im rechtsfreien Raum und zahlen keine Steuern. Die Umwelt verschmutzen und verschandeln alle, große wie kleine.

Da rund 150.000 Peruaner direkt und 650.000 indirekt vom Kleinbergbau leben und dieser mindestens 20 Prozent der nationalen Goldproduktion ausmacht, möchte der peruanische Staat die kleinen Bergleute in einem sogenannten Formalisierungsprozess zu legalen Minenbetreibern machen. […]

Die Männer arbeiten im sogenannten Cachorreo-System: Anstatt eines festen Lohns dürfen sie nach 25 Tagen Arbeit für den Minenbesitzer einen oder zwei Tage für ihren eigenen Gewinn schürfen. Die Aussicht auf die große Goldader motiviert mehr als jeder feste Lohn mit Sozialversicherung.

Quecksilberdampf lässt sich auf Dächern und Ebenen nieder, die nahe Lagune Lunar de Oro ist längst eine Quecksilberleiche. Die Bauern unten am Ramis-Fluss klagen, dass ihre Tiere durch das verschmutzte Wasser sterben. Auch die Fische im nahen Titicaca-See weisen viele Schwermetalle auf. Wahrscheinlich wegen der Goldschürferei in Rinconada und Ananea.

Staatliche Stellen gibt es in La Rinconada so gut wie nicht. Welcher Polizist, Lehrer oder Arzt möchte schon hier leben? Wenn sich doch einer hochtraut, dann dauert es nicht lange, und er geht selber in die Mine und verdient damit ein Vielfaches seines kleinen Lehrer- oder Polizistengehaltes.

Aus der Rinconada, beherrscht von Menschenhandel, Mord, Vergewaltigungen und Umweltvergiftung, […] kommt ein guter Teil des Goldes, das Peru in die Schweiz exportiert. Dort wird es in einer der vier großen Raffinerien zu Feingold weiterverarbeitet.

[…] „Niemand hier in Puno kann die legale Herkunft von Gold garantieren, es sei denn, es kommt aus einer zertifizierten Mine“, sagt der junge Staatsanwalt Federico Chavarrí. Mit einem Kollegen und fünf Polizisten ist er für alle Umweltdelikte in der Region Puno zuständig. 200 Fälle illegalen Goldbergbaus hat er momentan auf dem Schreibtisch.

Als illegal gilt das Goldschürfen dann, wenn es zum Beispiel in einem Naturschutz- oder Wasserschutzgebiet betrieben wird, oder wenn sich der Schürfer nicht im staatlichen Formalisierungsregister einschreibt.

Allerdings, und da ist der Haken: Wer sich ins Register einschreibt, darf weiterarbeiten wie bisher. Er verpflichtet sich nur, bis 2020 alle staatlichen Vorgaben geregelt zu haben. […] Informelle Goldschürfer dürfen ihr Gold legal verkaufen […].

Die regionale Bergbaubehörde mit ihren 15 Angestellten hat viel zu wenig Kapazitäten, um zu kontrollieren, ob die angegebenen Konzessionen wirklich stimmen und ob das Quecksilber wirklich sachgemäß verwendet wurde. 5.530 Bergleute aus Puno haben sich als „informell“ ins staatliche Register eingeschrieben. 10.000 bis 15.000, darunter auch viele „Cachorreros“ aus La Rinconada, so schätzt Chavarrí, arbeiten gänzlich illegal.

[…] Ob denn der illegal-informelle Goldabbau in Puno wenigstens die Entwicklung der Region voranbringe, wenn er schon die Umwelt zerstört, frage ich. Staatsanwalt Chavarrí schüttelt heftig den Kopf: „Die Goldwirtschaft verzerrt alle Preise. Wir, die wir nicht so viel verdienen, müssen auf einmal das Doppelte an Miete bezahlen.“

[Mein Taxifahrer] ist anderer Meinung. Er fährt mich zurück zum Flughafen von Juliaca, das Auto hüpft von einem Erdloch zum anderen, die Straßen sind noch nicht geteert. Regenwasser staut sich in großen Lachen, die Kanalisation funktioniert nicht. „Natürlich ist das Gold gut für uns, ohne den Goldbergbau hätten wir ja gar keinen Umsatz“, meint mein […] Taxifahrer.

Hildegard Willer: Das glänzende Schweizer Gold kommt vom dreckigsten Ort der Welt, 22.03.2018, URL: https://tageswoche.ch/form/reportage/das-glaenzende-schweizer-gold-kommt-vom-dreckigsten-ort-der-welt/ (abgerufen am 09.04.2020).

Material 8

Roxana Isabel Duerr: Edelmetalle: Im Regenwald hinterlassen die Goldgräber toxische Wüsten (2016)

Neben dem Giftausstoß schädigt der unkontrollierte Goldabbau die Umwelt auch durch großflächige Grabungen. […]

Auch in Peru, wo der gesamte Bergbausektor in den frühen 90er Jahren einen Boom erlebte, kam es – vor allem im Amazonasgebiet – zu einem regelrechten Goldrausch. Laut der NGO Amazon Aid landen noch immer jedes Jahr bis zu 40 Tonnen Quecksilber im Amazonas. In den Flussniederungen in Südostperu halten sich Betreiber und Goldwäscher noch nicht einmal an die im Land geltenden Mindeststandards für den Einsatz giftiger Substanzen. Auch scheren sich die Schürfer nicht darum, ob sie mit ihren Grabungen gerade ein Stück Regenwald unwiederbringlich zerstören. Zurück bleiben nur toxische Wüsten. Da sich das an den Oberläufen der Flüsse abspielt, wird das gesamte Amazonassystem beeinflusst. Mehr als 50.000 Hektar Regenwald wurden so in den letzten Jahren zerstört.

Wie schlimm die Folgen der Goldgewinnung für Mensch und Natur tatsächlich sind, hängt auch von der Art der Goldverarbeitung und vor allem vom Quecksilbereinsatz ab. „Gutes Gold“, sagt Christof Schenck, Biologe und Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt, „wird legal und unter strengen Umwelt- und Sozialstandards gewonnen und schafft zudem Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen für Landschaftseinflüsse.“ In Südamerika gibt es inzwischen die ersten Goldproduktionsstätten, die mit dem Fairtrade-Gütesiegel ausgezeichnet wurden. Dafür müssen sie eine Reihe von Kriterien erfüllen, zu denen geregelte Arbeitsbedingungen und Versicherungsschutz sowie die Einhaltung von Umweltauflagen gehören. Allerdings erlaubt Fairtrade unter Beachtung bestimmter Vergabebedingungen und Anwendungsbeschränkungen auch einen reduzierten Einsatz von Quecksilber und Zyanid.

[…] Experten sind sich einig, dass Alternativen zum gängigen Produktionsmodell möglich sind. „Es gibt in der Tat für Mensch und Natur unbedenklichere Herstellungsmethoden, wie beispielsweise das Goldwaschen ohne Chemikalien, das auf rein mechanischen Prozessen beruht“ […]. Allerdings müsste das Verfahren genauestens geplant und stetig vor Ort kontrolliert werden, da für diese Prozesse etwa nur eine bestimmte Art Golderz verarbeitet werden könne. Derartige Alternativen sind jedoch dringend notwendig, denn: „Die größten Gold- und Mineralienvorräte der Welt werden bereits von großen Bergbaufirmen ausgebeutet – und die restlichen Vorkommen liegen in Naturschutzgebieten und auf den Gebieten indigener Völker“ […]. Im Grunde aber wäre es das Beste, gleich bei der treibenden Kraft dahinter anzusetzen: „Wir sollten endlich aufhören, in der Erde zu schaben, und stattdessen lernen, Gier und Konsum besser ins Gleichgewicht zu bringen.“

Es ist ein Elfenbeinturmwunsch. Die junge Goldwäscherin Amanda Santos und ihre achtköpfige Familie am unteren Ende der Lieferkette sehen keine Alternative: „Unser tägliches Überleben hängt vom Gold ab.“

Roxana Isabel Duerr: Tödliche Gier nach Gold, 07.11.2016, URL: https://www.sueddeutsche.de/wissen/edelmetalle-toedliche-gier-nach-gold-1.3231437-3 (abgerufen am 09.04.2020).

Vorschlag C – Aufgabe 1

Beschreiben Sie unter Berücksichtigung der naturräumlichen Voraussetzungen die wirtschaftliche Situation Perus und ordnen Sie auf dieser Basis Peru im internationalen Vergleich einen Entwicklungsstand zu. (Material 1–2, Atlas)

(30 BE)

1.

2.

3.

Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 2 · Rohstoffe: Erschließung, Abbau und Strategien gegen Knappheit

Material 1

Strukturdaten Peru 2018

Einwohnerzahl · 31.989.256

Fläche in km² · 1.285.220

Städtische Bevölkerung in % · 77,9

Lebenserwartung in Jahren · 76,5

Bevölkerung zwischen 0 und 14 Jahren in % der Gesamtbevölkerung · 25,8

Bevölkerung über 65 Jahren in % · 8,1

Bevölkerungswachstum in % · 1,7

Säuglingssterblichkeit (von 1.000) · 15

Alphabetisierung Erwachsene in % · 94,1

Anteil Bevölkerung unter der Armutsgrenze (3,2 US-Dollar/Tag) in % der Gesamtbevölkerung · 11

Anteil der Bevölkerung unterhalb der nationalen Armutsgrenze in % · 20,5

Zugang zu sicheren sanitären Einrichtungen in % aller Personen (2017) · 42,8

Zugang zu sauberem Trinkwasser in % aller Personen (2017) · 50,4

BIP pro Kopf in US-Dollar · 6.470

Reales BIP-Wachstum in % · 4,0

Bruttowertschöpfung nach Sektoren in % des BIP (2018) · Primärer Sektor · 7,5

Sekundärer Sektor · 34,2

Tertiärer Sektor · 58,3

HDI-Rang von 189 Staaten (Wert 0–1,00) · 82 (0,76)

Gini-Koeffizient Einkommen

(Wert 0 bedeutet absolute Gleichheit / Wert 1 bedeutet absolute Ungleichheit) · 0,428

Arbeitslosenquote in % · 6,7

Erwerbstätigkeit nach Sektoren in % (2017) · Primärer Sektor · 25,8

Sekundärer Sektor · 17,4

Tertiärer Sektor · 56,8

Export in Mrd. US-Dollar (2017) · 44,92

Hauptexportgüter in % des Gesamtexports · Rohstoffe (außer Brennstoffe) · 39,1

Nahrungsmittel · 19,1

NE-Metalle · 7,7

Petrochemie · 6,3

Chem. Erzeugnisse · 2,7

Textilien/Bekleidung · 2,7

Gas · 2,2

Sonstige · 20,2

Hauptexportländer in % des Gesamtexports · China · 27,6

USA · 26,7

Indien · 5,2

Südkorea · 5,1

Import in Mrd. US-Dollar · 38,65

Hauptimportgüter in % des Gesamtimports · chem. Erzeugnisse · 15,0

Maschinen · 10,0

Nahrungsmittel · 9,5

Petrochemie · 8,6

Kfz und -Teile · 8,4

Elektronik · 8,4

Erdöl · 6,6

Textilien/Bekleidung · 4,4

Eisen und Stahl · 4,4

Elektrotechnik · 3,6

Sonstige · 21,1

Hauptimportländer in % des Gesamtexports · China · 23,3

USA · 21,3

Brasilien · 5,6

Mexiko · 4,5

Ecuador · 4,5

Tourismuseinnahmen in Mrd. US-Dollar · 4.894

Rang im Korruptionswahrnehmungsindex · 35/105

Hinweis: NE-Metalle: Als Nichteisenmetalle werden alle Metalle außer Eisen bezeichnet sowie Metall-Legierungen, in denen Eisen nicht als Hauptelement enthalten ist.

Material 2

Produktion metallischer Rohstoffe in Peru 2017

Produktion · Einheit · 2017 · Weltweites Ranking

Kupfer · Mio. Tonnen · 2,445 · 2

Gold · Tonnen · 151,96 · 6

Zink · Mio. Tonnen · 1,473 · 2

Silber · Tonnen · 4,418 · 2

Blei · Tonnen · 306,784 · 3

Eisen · Mio. Tonnen · 8,806 · /

Zinn · Tonnen · 17,790 · 4

Molybdän · Tonnen · 28,141 · 4

URL: https://peru.ahk.de/dienstleistungen/bergbau-peru (abgerufen am 04.02.2020).

Hinweis: Molybdän wird als Nebenprodukt bei der Kupferherstellung gewonnen und nur zu ca. 30% direkt aus Molybdänerzen. Molybdän wird hauptsächlich in Legierungen verwendet (z.B. in säurebeständigen Edelstählen). Nach: URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Molybdän (abgerufen am 19.10.2019).

Material 3

Gold – gefragter Rohstoff

Gold wird für die verschiedensten Verwendungszwecke genutzt. Gleichwohl haben sich einige Schlüsselbranchen als Hauptverbraucher herauskristallisiert.

Die jüngste Nutzerbranche ist die Industrie. Insbesondere die Elektroindustrie verwendet Gold auf Platinen, Computerchips und vielen anderen Bauteilen. Obwohl das Edelmetall sehr kostspielig ist, wird es aufgrund seiner Korrosionsbeständigkeit, der guten Kontaktgabe und der einfachen Verarbeitung eingesetzt. So lassen sich beispielsweise 10 Gramm Gold zu einem dünnen Faden ausdehnen, der über eine Länge von 33 Kilometern verfügt und zur Kontaktierung von Computerchips eingesetzt wird.

Die Elektroindustrie verwendet ca. 10 Prozent des jährlichen Goldverbrauchs in ihren Produktionsabläufen.

URL: https://www.gold.de/gold-geschichte/#goldfoerderlaender (abgerufen am 09.04.2020).

Material 4

Gold-Verwendung weltweit (2017)

Hartmut Heidenreich: Steckbrief Gold, Kampagne „Bergwerk Peru – Reichtum geht, Armut bleibt“, 2017, URL: http://www.kampagne-bergwerk-peru.de/wp-content/uploads/Factsheet-Gold-2017_Web.pdf (abgerufen am 09.04.2020).

Material 5

Das Raubbau-Syndrom

Diercke Modellregister, Braunschweig 2014, S. 12.

Material 6

Kleinbergbau

In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern werden mineralische Rohstoffe neben dem industriellen Bergbau auch im Kleinbergbau gefördert. Mit einfachen Mitteln und unter geringem Einsatz von Maschinen werden mineralische Rohstoffe aus Lagerstätten abgebaut, die für den industriellen Bergbau ungeeignet sind. Die Aufbereitung ist häufig ineffizient und geschieht unter Verwendung umweltschädlicher und giftiger Chemikalien. Kleinbergleute verfügen selten über einen Arbeitsvertrag oder Schürflizenzen, sind also nicht formalisiert. Sie arbeiten häufig selbstorganisiert oder unter der Kontrolle lokaler Patrone, aber auch illegal. Der Rohstoffabbau geschieht meist unter prekären Arbeitsbedingungen, ohne Beachtung von Arbeits-, Kinder- oder Frauenrechten. Nicht selten verdienen Kleinbergleute nur wenige Euro am Tag, während die Gewinne an Zwischenhändler und lokale Patrone gehen. Die Ursachen dieser Probleme sind schwache staatliche Institutionen, ungenügende gesetzliche Rahmenbedingungen sowie die fehlende Regulierung des Sektors.

Der Kleinbergbausektor birgt jedoch gleichzeitig große Entwicklungspotenziale. Weltweit sind schätzungsweise 15 bis 30 Millionen Menschen in mehr als 30 Ländern im Kleinbergbau beschäftigt. Unter Berücksichtigung von zu versorgenden Familienangehörigen und nachgelagerter Lieferketten sind nach Schätzungen der Weltbank global 80 bis 100 Millionen Menschen existenziell vom Kleinbergbau abhängig. Damit trägt der Kleinbergbau als wichtige Einkommensquelle maßgeblich zur Existenzsicherung der lokalen Bevölkerung bei.

Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: Kleinbergbau, ohne Jahr, URL: https://www.bmz.de/rue/de/konzepte_themen/aspekte/kleinbergbau/index.html (abgerufen am 09.04.2020).

Material 7

Hildegard Willer: Das glänzende Schweizer Gold kommt vom dreckigsten Ort der Welt (2018)

Juliaca gilt als die Schmuggel-Hauptstadt Perus und, seit vor 18 Jahren der Gold-Boom ausgebrochen ist, auch als Hotspot der Goldschürfer und Goldhändler. […]

Peru ist der sechstgrößte Goldproduzent der Welt. Entsprechend wichtig ist der Goldbergbau für Perus Wirtschaft. Die Goldminen werden hier in groß, mittel, klein und artisanal [Kleinbergbau, bei dem die bergmännischen Arbeiten nur manuell getätigt werden] eingeteilt. Die großen und mittleren Minen sind meist in den Händen ausländischer Unternehmen und werden industriell im Tagebau betrieben. Die ausländischen Investoren werden vom peruanischen Staat bevorzugt. Die kleineren Minen dagegen sind in der Hand einst armer Bauern, die aufgelassene Minen oder Grundstücke besetzt haben und zuerst mit Schaufel und Hacke, seit den hohen Goldpreisen auch mit großen Maschinen nach Gold schürfen oder buddeln. Den kleinen Goldbergbau gibt es sowohl im Tagebau […] oder unter Tage.

Im Gegensatz zum großen Goldbergbau haben die kleinen Bergleute oft keine Genehmigungen, arbeiten im rechtsfreien Raum und zahlen keine Steuern. Die Umwelt verschmutzen und verschandeln alle, große wie kleine.

Da rund 150.000 Peruaner direkt und 650.000 indirekt vom Kleinbergbau leben und dieser mindestens 20 Prozent der nationalen Goldproduktion ausmacht, möchte der peruanische Staat die kleinen Bergleute in einem sogenannten Formalisierungsprozess zu legalen Minenbetreibern machen. […]

Die Männer arbeiten im sogenannten Cachorreo-System: Anstatt eines festen Lohns dürfen sie nach 25 Tagen Arbeit für den Minenbesitzer einen oder zwei Tage für ihren eigenen Gewinn schürfen. Die Aussicht auf die große Goldader motiviert mehr als jeder feste Lohn mit Sozialversicherung.

Quecksilberdampf lässt sich auf Dächern und Ebenen nieder, die nahe Lagune Lunar de Oro ist längst eine Quecksilberleiche. Die Bauern unten am Ramis-Fluss klagen, dass ihre Tiere durch das verschmutzte Wasser sterben. Auch die Fische im nahen Titicaca-See weisen viele Schwermetalle auf. Wahrscheinlich wegen der Goldschürferei in Rinconada und Ananea.

Staatliche Stellen gibt es in La Rinconada so gut wie nicht. Welcher Polizist, Lehrer oder Arzt möchte schon hier leben? Wenn sich doch einer hochtraut, dann dauert es nicht lange, und er geht selber in die Mine und verdient damit ein Vielfaches seines kleinen Lehrer- oder Polizistengehaltes.

Aus der Rinconada, beherrscht von Menschenhandel, Mord, Vergewaltigungen und Umweltvergiftung, […] kommt ein guter Teil des Goldes, das Peru in die Schweiz exportiert. Dort wird es in einer der vier großen Raffinerien zu Feingold weiterverarbeitet.

[…] „Niemand hier in Puno kann die legale Herkunft von Gold garantieren, es sei denn, es kommt aus einer zertifizierten Mine“, sagt der junge Staatsanwalt Federico Chavarrí. Mit einem Kollegen und fünf Polizisten ist er für alle Umweltdelikte in der Region Puno zuständig. 200 Fälle illegalen Goldbergbaus hat er momentan auf dem Schreibtisch.

Als illegal gilt das Goldschürfen dann, wenn es zum Beispiel in einem Naturschutz- oder Wasserschutzgebiet betrieben wird, oder wenn sich der Schürfer nicht im staatlichen Formalisierungsregister einschreibt.

Allerdings, und da ist der Haken: Wer sich ins Register einschreibt, darf weiterarbeiten wie bisher. Er verpflichtet sich nur, bis 2020 alle staatlichen Vorgaben geregelt zu haben. […] Informelle Goldschürfer dürfen ihr Gold legal verkaufen […].

Die regionale Bergbaubehörde mit ihren 15 Angestellten hat viel zu wenig Kapazitäten, um zu kontrollieren, ob die angegebenen Konzessionen wirklich stimmen und ob das Quecksilber wirklich sachgemäß verwendet wurde. 5.530 Bergleute aus Puno haben sich als „informell“ ins staatliche Register eingeschrieben. 10.000 bis 15.000, darunter auch viele „Cachorreros“ aus La Rinconada, so schätzt Chavarrí, arbeiten gänzlich illegal.

[…] Ob denn der illegal-informelle Goldabbau in Puno wenigstens die Entwicklung der Region voranbringe, wenn er schon die Umwelt zerstört, frage ich. Staatsanwalt Chavarrí schüttelt heftig den Kopf: „Die Goldwirtschaft verzerrt alle Preise. Wir, die wir nicht so viel verdienen, müssen auf einmal das Doppelte an Miete bezahlen.“

[Mein Taxifahrer] ist anderer Meinung. Er fährt mich zurück zum Flughafen von Juliaca, das Auto hüpft von einem Erdloch zum anderen, die Straßen sind noch nicht geteert. Regenwasser staut sich in großen Lachen, die Kanalisation funktioniert nicht. „Natürlich ist das Gold gut für uns, ohne den Goldbergbau hätten wir ja gar keinen Umsatz“, meint mein […] Taxifahrer.

Hildegard Willer: Das glänzende Schweizer Gold kommt vom dreckigsten Ort der Welt, 22.03.2018, URL: https://tageswoche.ch/form/reportage/das-glaenzende-schweizer-gold-kommt-vom-dreckigsten-ort-der-welt/ (abgerufen am 09.04.2020).

Material 8

Roxana Isabel Duerr: Edelmetalle: Im Regenwald hinterlassen die Goldgräber toxische Wüsten (2016)

Neben dem Giftausstoß schädigt der unkontrollierte Goldabbau die Umwelt auch durch großflächige Grabungen. […]

Auch in Peru, wo der gesamte Bergbausektor in den frühen 90er Jahren einen Boom erlebte, kam es – vor allem im Amazonasgebiet – zu einem regelrechten Goldrausch. Laut der NGO Amazon Aid landen noch immer jedes Jahr bis zu 40 Tonnen Quecksilber im Amazonas. In den Flussniederungen in Südostperu halten sich Betreiber und Goldwäscher noch nicht einmal an die im Land geltenden Mindeststandards für den Einsatz giftiger Substanzen. Auch scheren sich die Schürfer nicht darum, ob sie mit ihren Grabungen gerade ein Stück Regenwald unwiederbringlich zerstören. Zurück bleiben nur toxische Wüsten. Da sich das an den Oberläufen der Flüsse abspielt, wird das gesamte Amazonassystem beeinflusst. Mehr als 50.000 Hektar Regenwald wurden so in den letzten Jahren zerstört.

Wie schlimm die Folgen der Goldgewinnung für Mensch und Natur tatsächlich sind, hängt auch von der Art der Goldverarbeitung und vor allem vom Quecksilbereinsatz ab. „Gutes Gold“, sagt Christof Schenck, Biologe und Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt, „wird legal und unter strengen Umwelt- und Sozialstandards gewonnen und schafft zudem Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen für Landschaftseinflüsse.“ In Südamerika gibt es inzwischen die ersten Goldproduktionsstätten, die mit dem Fairtrade-Gütesiegel ausgezeichnet wurden. Dafür müssen sie eine Reihe von Kriterien erfüllen, zu denen geregelte Arbeitsbedingungen und Versicherungsschutz sowie die Einhaltung von Umweltauflagen gehören. Allerdings erlaubt Fairtrade unter Beachtung bestimmter Vergabebedingungen und Anwendungsbeschränkungen auch einen reduzierten Einsatz von Quecksilber und Zyanid.

[…] Experten sind sich einig, dass Alternativen zum gängigen Produktionsmodell möglich sind. „Es gibt in der Tat für Mensch und Natur unbedenklichere Herstellungsmethoden, wie beispielsweise das Goldwaschen ohne Chemikalien, das auf rein mechanischen Prozessen beruht“ […]. Allerdings müsste das Verfahren genauestens geplant und stetig vor Ort kontrolliert werden, da für diese Prozesse etwa nur eine bestimmte Art Golderz verarbeitet werden könne. Derartige Alternativen sind jedoch dringend notwendig, denn: „Die größten Gold- und Mineralienvorräte der Welt werden bereits von großen Bergbaufirmen ausgebeutet – und die restlichen Vorkommen liegen in Naturschutzgebieten und auf den Gebieten indigener Völker“ […]. Im Grunde aber wäre es das Beste, gleich bei der treibenden Kraft dahinter anzusetzen: „Wir sollten endlich aufhören, in der Erde zu schaben, und stattdessen lernen, Gier und Konsum besser ins Gleichgewicht zu bringen.“

Es ist ein Elfenbeinturmwunsch. Die junge Goldwäscherin Amanda Santos und ihre achtköpfige Familie am unteren Ende der Lieferkette sehen keine Alternative: „Unser tägliches Überleben hängt vom Gold ab.“

Roxana Isabel Duerr: Tödliche Gier nach Gold, 07.11.2016, URL: https://www.sueddeutsche.de/wissen/edelmetalle-toedliche-gier-nach-gold-1.3231437-3 (abgerufen am 09.04.2020).

2.1

Ordnen Sie den Rohstoff Gold in die Systematik der Rohstoffe ein und arbeiten Sie die wesentlichen Merkmale des Gold-Kleinbergbaus in Peru heraus. (Material 3–4, 6–8) [20 BE]

2.2

Stellen Sie den Grundgedanken des Syndromansatzes dar und erläutern Sie anhand der einzelnen Sphären das Raubbau-Syndrom am Beispiel des Kleinbergbaus in Peru. (Material 4–8) [25 BE]

Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 3 · Rohstoffe: Erschließung, Abbau und Strategien gegen Knappheit

Material 1

Strukturdaten Peru 2018

Einwohnerzahl · 31.989.256

Fläche in km² · 1.285.220

Städtische Bevölkerung in % · 77,9

Lebenserwartung in Jahren · 76,5

Bevölkerung zwischen 0 und 14 Jahren in % der Gesamtbevölkerung · 25,8

Bevölkerung über 65 Jahren in % · 8,1

Bevölkerungswachstum in % · 1,7

Säuglingssterblichkeit (von 1.000) · 15

Alphabetisierung Erwachsene in % · 94,1

Anteil Bevölkerung unter der Armutsgrenze (3,2 US-Dollar/Tag) in % der Gesamtbevölkerung · 11

Anteil der Bevölkerung unterhalb der nationalen Armutsgrenze in % · 20,5

Zugang zu sicheren sanitären Einrichtungen in % aller Personen (2017) · 42,8

Zugang zu sauberem Trinkwasser in % aller Personen (2017) · 50,4

BIP pro Kopf in US-Dollar · 6.470

Reales BIP-Wachstum in % · 4,0

Bruttowertschöpfung nach Sektoren in % des BIP (2018) · Primärer Sektor · 7,5

Sekundärer Sektor · 34,2

Tertiärer Sektor · 58,3

HDI-Rang von 189 Staaten (Wert 0–1,00) · 82 (0,76)

Gini-Koeffizient Einkommen

(Wert 0 bedeutet absolute Gleichheit / Wert 1 bedeutet absolute Ungleichheit) · 0,428

Arbeitslosenquote in % · 6,7

Erwerbstätigkeit nach Sektoren in % (2017) · Primärer Sektor · 25,8

Sekundärer Sektor · 17,4

Tertiärer Sektor · 56,8

Export in Mrd. US-Dollar (2017) · 44,92

Hauptexportgüter in % des Gesamtexports · Rohstoffe (außer Brennstoffe) · 39,1

Nahrungsmittel · 19,1

NE-Metalle · 7,7

Petrochemie · 6,3

Chem. Erzeugnisse · 2,7

Textilien/Bekleidung · 2,7

Gas · 2,2

Sonstige · 20,2

Hauptexportländer in % des Gesamtexports · China · 27,6

USA · 26,7

Indien · 5,2

Südkorea · 5,1

Import in Mrd. US-Dollar · 38,65

Hauptimportgüter in % des Gesamtimports · chem. Erzeugnisse · 15,0

Maschinen · 10,0

Nahrungsmittel · 9,5

Petrochemie · 8,6

Kfz und -Teile · 8,4

Elektronik · 8,4

Erdöl · 6,6

Textilien/Bekleidung · 4,4

Eisen und Stahl · 4,4

Elektrotechnik · 3,6

Sonstige · 21,1

Hauptimportländer in % des Gesamtexports · China · 23,3

USA · 21,3

Brasilien · 5,6

Mexiko · 4,5

Ecuador · 4,5

Tourismuseinnahmen in Mrd. US-Dollar · 4.894

Rang im Korruptionswahrnehmungsindex · 35/105

Hinweis: NE-Metalle: Als Nichteisenmetalle werden alle Metalle außer Eisen bezeichnet sowie Metall-Legierungen, in denen Eisen nicht als Hauptelement enthalten ist.

Material 2

Produktion metallischer Rohstoffe in Peru 2017

Produktion · Einheit · 2017 · Weltweites Ranking

Kupfer · Mio. Tonnen · 2,445 · 2

Gold · Tonnen · 151,96 · 6

Zink · Mio. Tonnen · 1,473 · 2

Silber · Tonnen · 4,418 · 2

Blei · Tonnen · 306,784 · 3

Eisen · Mio. Tonnen · 8,806 · /

Zinn · Tonnen · 17,790 · 4

Molybdän · Tonnen · 28,141 · 4

URL: https://peru.ahk.de/dienstleistungen/bergbau-peru (abgerufen am 04.02.2020).

Hinweis: Molybdän wird als Nebenprodukt bei der Kupferherstellung gewonnen und nur zu ca. 30% direkt aus Molybdänerzen. Molybdän wird hauptsächlich in Legierungen verwendet (z.B. in säurebeständigen Edelstählen). Nach: URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Molybdän (abgerufen am 19.10.2019).

Material 3

Gold – gefragter Rohstoff

Gold wird für die verschiedensten Verwendungszwecke genutzt. Gleichwohl haben sich einige Schlüsselbranchen als Hauptverbraucher herauskristallisiert.

Die jüngste Nutzerbranche ist die Industrie. Insbesondere die Elektroindustrie verwendet Gold auf Platinen, Computerchips und vielen anderen Bauteilen. Obwohl das Edelmetall sehr kostspielig ist, wird es aufgrund seiner Korrosionsbeständigkeit, der guten Kontaktgabe und der einfachen Verarbeitung eingesetzt. So lassen sich beispielsweise 10 Gramm Gold zu einem dünnen Faden ausdehnen, der über eine Länge von 33 Kilometern verfügt und zur Kontaktierung von Computerchips eingesetzt wird.

Die Elektroindustrie verwendet ca. 10 Prozent des jährlichen Goldverbrauchs in ihren Produktionsabläufen.

URL: https://www.gold.de/gold-geschichte/#goldfoerderlaender (abgerufen am 09.04.2020).

Material 4

Gold-Verwendung weltweit (2017)

Hartmut Heidenreich: Steckbrief Gold, Kampagne „Bergwerk Peru – Reichtum geht, Armut bleibt“, 2017, URL: http://www.kampagne-bergwerk-peru.de/wp-content/uploads/Factsheet-Gold-2017_Web.pdf (abgerufen am 09.04.2020).

Material 5

Das Raubbau-Syndrom

Diercke Modellregister, Braunschweig 2014, S. 12.

Material 6

Kleinbergbau

In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern werden mineralische Rohstoffe neben dem industriellen Bergbau auch im Kleinbergbau gefördert. Mit einfachen Mitteln und unter geringem Einsatz von Maschinen werden mineralische Rohstoffe aus Lagerstätten abgebaut, die für den industriellen Bergbau ungeeignet sind. Die Aufbereitung ist häufig ineffizient und geschieht unter Verwendung umweltschädlicher und giftiger Chemikalien. Kleinbergleute verfügen selten über einen Arbeitsvertrag oder Schürflizenzen, sind also nicht formalisiert. Sie arbeiten häufig selbstorganisiert oder unter der Kontrolle lokaler Patrone, aber auch illegal. Der Rohstoffabbau geschieht meist unter prekären Arbeitsbedingungen, ohne Beachtung von Arbeits-, Kinder- oder Frauenrechten. Nicht selten verdienen Kleinbergleute nur wenige Euro am Tag, während die Gewinne an Zwischenhändler und lokale Patrone gehen. Die Ursachen dieser Probleme sind schwache staatliche Institutionen, ungenügende gesetzliche Rahmenbedingungen sowie die fehlende Regulierung des Sektors.

Der Kleinbergbausektor birgt jedoch gleichzeitig große Entwicklungspotenziale. Weltweit sind schätzungsweise 15 bis 30 Millionen Menschen in mehr als 30 Ländern im Kleinbergbau beschäftigt. Unter Berücksichtigung von zu versorgenden Familienangehörigen und nachgelagerter Lieferketten sind nach Schätzungen der Weltbank global 80 bis 100 Millionen Menschen existenziell vom Kleinbergbau abhängig. Damit trägt der Kleinbergbau als wichtige Einkommensquelle maßgeblich zur Existenzsicherung der lokalen Bevölkerung bei.

Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: Kleinbergbau, ohne Jahr, URL: https://www.bmz.de/rue/de/konzepte_themen/aspekte/kleinbergbau/index.html (abgerufen am 09.04.2020).

Material 7

Hildegard Willer: Das glänzende Schweizer Gold kommt vom dreckigsten Ort der Welt (2018)

Juliaca gilt als die Schmuggel-Hauptstadt Perus und, seit vor 18 Jahren der Gold-Boom ausgebrochen ist, auch als Hotspot der Goldschürfer und Goldhändler. […]

Peru ist der sechstgrößte Goldproduzent der Welt. Entsprechend wichtig ist der Goldbergbau für Perus Wirtschaft. Die Goldminen werden hier in groß, mittel, klein und artisanal [Kleinbergbau, bei dem die bergmännischen Arbeiten nur manuell getätigt werden] eingeteilt. Die großen und mittleren Minen sind meist in den Händen ausländischer Unternehmen und werden industriell im Tagebau betrieben. Die ausländischen Investoren werden vom peruanischen Staat bevorzugt. Die kleineren Minen dagegen sind in der Hand einst armer Bauern, die aufgelassene Minen oder Grundstücke besetzt haben und zuerst mit Schaufel und Hacke, seit den hohen Goldpreisen auch mit großen Maschinen nach Gold schürfen oder buddeln. Den kleinen Goldbergbau gibt es sowohl im Tagebau […] oder unter Tage.

Im Gegensatz zum großen Goldbergbau haben die kleinen Bergleute oft keine Genehmigungen, arbeiten im rechtsfreien Raum und zahlen keine Steuern. Die Umwelt verschmutzen und verschandeln alle, große wie kleine.

Da rund 150.000 Peruaner direkt und 650.000 indirekt vom Kleinbergbau leben und dieser mindestens 20 Prozent der nationalen Goldproduktion ausmacht, möchte der peruanische Staat die kleinen Bergleute in einem sogenannten Formalisierungsprozess zu legalen Minenbetreibern machen. […]

Die Männer arbeiten im sogenannten Cachorreo-System: Anstatt eines festen Lohns dürfen sie nach 25 Tagen Arbeit für den Minenbesitzer einen oder zwei Tage für ihren eigenen Gewinn schürfen. Die Aussicht auf die große Goldader motiviert mehr als jeder feste Lohn mit Sozialversicherung.

Quecksilberdampf lässt sich auf Dächern und Ebenen nieder, die nahe Lagune Lunar de Oro ist längst eine Quecksilberleiche. Die Bauern unten am Ramis-Fluss klagen, dass ihre Tiere durch das verschmutzte Wasser sterben. Auch die Fische im nahen Titicaca-See weisen viele Schwermetalle auf. Wahrscheinlich wegen der Goldschürferei in Rinconada und Ananea.

Staatliche Stellen gibt es in La Rinconada so gut wie nicht. Welcher Polizist, Lehrer oder Arzt möchte schon hier leben? Wenn sich doch einer hochtraut, dann dauert es nicht lange, und er geht selber in die Mine und verdient damit ein Vielfaches seines kleinen Lehrer- oder Polizistengehaltes.

Aus der Rinconada, beherrscht von Menschenhandel, Mord, Vergewaltigungen und Umweltvergiftung, […] kommt ein guter Teil des Goldes, das Peru in die Schweiz exportiert. Dort wird es in einer der vier großen Raffinerien zu Feingold weiterverarbeitet.

[…] „Niemand hier in Puno kann die legale Herkunft von Gold garantieren, es sei denn, es kommt aus einer zertifizierten Mine“, sagt der junge Staatsanwalt Federico Chavarrí. Mit einem Kollegen und fünf Polizisten ist er für alle Umweltdelikte in der Region Puno zuständig. 200 Fälle illegalen Goldbergbaus hat er momentan auf dem Schreibtisch.

Als illegal gilt das Goldschürfen dann, wenn es zum Beispiel in einem Naturschutz- oder Wasserschutzgebiet betrieben wird, oder wenn sich der Schürfer nicht im staatlichen Formalisierungsregister einschreibt.

Allerdings, und da ist der Haken: Wer sich ins Register einschreibt, darf weiterarbeiten wie bisher. Er verpflichtet sich nur, bis 2020 alle staatlichen Vorgaben geregelt zu haben. […] Informelle Goldschürfer dürfen ihr Gold legal verkaufen […].

Die regionale Bergbaubehörde mit ihren 15 Angestellten hat viel zu wenig Kapazitäten, um zu kontrollieren, ob die angegebenen Konzessionen wirklich stimmen und ob das Quecksilber wirklich sachgemäß verwendet wurde. 5.530 Bergleute aus Puno haben sich als „informell“ ins staatliche Register eingeschrieben. 10.000 bis 15.000, darunter auch viele „Cachorreros“ aus La Rinconada, so schätzt Chavarrí, arbeiten gänzlich illegal.

[…] Ob denn der illegal-informelle Goldabbau in Puno wenigstens die Entwicklung der Region voranbringe, wenn er schon die Umwelt zerstört, frage ich. Staatsanwalt Chavarrí schüttelt heftig den Kopf: „Die Goldwirtschaft verzerrt alle Preise. Wir, die wir nicht so viel verdienen, müssen auf einmal das Doppelte an Miete bezahlen.“

[Mein Taxifahrer] ist anderer Meinung. Er fährt mich zurück zum Flughafen von Juliaca, das Auto hüpft von einem Erdloch zum anderen, die Straßen sind noch nicht geteert. Regenwasser staut sich in großen Lachen, die Kanalisation funktioniert nicht. „Natürlich ist das Gold gut für uns, ohne den Goldbergbau hätten wir ja gar keinen Umsatz“, meint mein […] Taxifahrer.

Hildegard Willer: Das glänzende Schweizer Gold kommt vom dreckigsten Ort der Welt, 22.03.2018, URL: https://tageswoche.ch/form/reportage/das-glaenzende-schweizer-gold-kommt-vom-dreckigsten-ort-der-welt/ (abgerufen am 09.04.2020).

Material 8

Roxana Isabel Duerr: Edelmetalle: Im Regenwald hinterlassen die Goldgräber toxische Wüsten (2016)

Neben dem Giftausstoß schädigt der unkontrollierte Goldabbau die Umwelt auch durch großflächige Grabungen. […]

Auch in Peru, wo der gesamte Bergbausektor in den frühen 90er Jahren einen Boom erlebte, kam es – vor allem im Amazonasgebiet – zu einem regelrechten Goldrausch. Laut der NGO Amazon Aid landen noch immer jedes Jahr bis zu 40 Tonnen Quecksilber im Amazonas. In den Flussniederungen in Südostperu halten sich Betreiber und Goldwäscher noch nicht einmal an die im Land geltenden Mindeststandards für den Einsatz giftiger Substanzen. Auch scheren sich die Schürfer nicht darum, ob sie mit ihren Grabungen gerade ein Stück Regenwald unwiederbringlich zerstören. Zurück bleiben nur toxische Wüsten. Da sich das an den Oberläufen der Flüsse abspielt, wird das gesamte Amazonassystem beeinflusst. Mehr als 50.000 Hektar Regenwald wurden so in den letzten Jahren zerstört.

Wie schlimm die Folgen der Goldgewinnung für Mensch und Natur tatsächlich sind, hängt auch von der Art der Goldverarbeitung und vor allem vom Quecksilbereinsatz ab. „Gutes Gold“, sagt Christof Schenck, Biologe und Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt, „wird legal und unter strengen Umwelt- und Sozialstandards gewonnen und schafft zudem Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen für Landschaftseinflüsse.“ In Südamerika gibt es inzwischen die ersten Goldproduktionsstätten, die mit dem Fairtrade-Gütesiegel ausgezeichnet wurden. Dafür müssen sie eine Reihe von Kriterien erfüllen, zu denen geregelte Arbeitsbedingungen und Versicherungsschutz sowie die Einhaltung von Umweltauflagen gehören. Allerdings erlaubt Fairtrade unter Beachtung bestimmter Vergabebedingungen und Anwendungsbeschränkungen auch einen reduzierten Einsatz von Quecksilber und Zyanid.

[…] Experten sind sich einig, dass Alternativen zum gängigen Produktionsmodell möglich sind. „Es gibt in der Tat für Mensch und Natur unbedenklichere Herstellungsmethoden, wie beispielsweise das Goldwaschen ohne Chemikalien, das auf rein mechanischen Prozessen beruht“ […]. Allerdings müsste das Verfahren genauestens geplant und stetig vor Ort kontrolliert werden, da für diese Prozesse etwa nur eine bestimmte Art Golderz verarbeitet werden könne. Derartige Alternativen sind jedoch dringend notwendig, denn: „Die größten Gold- und Mineralienvorräte der Welt werden bereits von großen Bergbaufirmen ausgebeutet – und die restlichen Vorkommen liegen in Naturschutzgebieten und auf den Gebieten indigener Völker“ […]. Im Grunde aber wäre es das Beste, gleich bei der treibenden Kraft dahinter anzusetzen: „Wir sollten endlich aufhören, in der Erde zu schaben, und stattdessen lernen, Gier und Konsum besser ins Gleichgewicht zu bringen.“

Es ist ein Elfenbeinturmwunsch. Die junge Goldwäscherin Amanda Santos und ihre achtköpfige Familie am unteren Ende der Lieferkette sehen keine Alternative: „Unser tägliches Überleben hängt vom Gold ab.“

Roxana Isabel Duerr: Tödliche Gier nach Gold, 07.11.2016, URL: https://www.sueddeutsche.de/wissen/edelmetalle-toedliche-gier-nach-gold-1.3231437-3 (abgerufen am 09.04.2020).

3

Nehmen Sie unter Berücksichtigung der Nachhaltigkeitsdimensionen Stellung zur Frage, inwieweit der Kleinbergbau in Peru als Entwicklungschance dienen kann. (Material 1–8)

(25 BE)

Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 1 · Globale Disparitäten, Entwicklungsstand und Nachhaltigkeitsziele

Material 1: Strukturdaten Tansania (2019)

Einwohner · 56.322.000

Fläche in km² · 947.300

BIP/Kopf in US-Dollar · 1.105

Wertschöpfung nach Sektoren in % des BIP (2018)

Primärer Sektor · 30,5

Sekundärer Sektor · 28,8

Tertiärer Sektor · 40,7

Anteil der Erwerbstätigen nach Wirtschaftssektoren in %

Primärer Sektor · 65,3

Sekundärer Sektor · 6,8

Tertiärer Sektor · 27,9

HDI Wert/ Rang (von 188; 2018) · 0,53/ 159

Export in Mrd. US-Dollar · 5,4

Hauptexportgüter · Tabak, Gold, Gemüse und Früchte

Import in Mrd. US-Dollar · 10,8

Hauptimportgüter · Erdöl, Konsumgüter, Maschinen

Lebenserwartung in Jahren · 65,46

Bevölkerungswachstum in % · 2,95

Säuglingssterblichkeit (von 1.000) · 39,03

Alphabetisierung Erwachsene in % (2015) · 77,9

Anteil Bevölkerung unter der Armutsgrenze (3,2 US-Dollar/Tag) in % der Gesamtbevölkerung · 76,6

Anteil der Bevölkerung unterhalb der nationalen Armutsgrenze in % (2018) · 26,4

Gini-Koeffizient Einkommen (2018)

(Wert 0 bedeutet absolute Gleichheit/Wert 1 bedeutet absolute Ungleichheit) · 0,422

URL: http://wko.at/statistik/laenderprofile/lp-tansania.pdf (abgerufen am 30.05.2020).

URL: https://knoema.de/atlas/Vereinigte-Republik-Tansania (abgerufen am 25.10.2020).

Material 2: Entwicklungskorridore im südlichen und östlichen Afrika

Detlef Müller-Mahn, Peter Dannenberg, Britta Knagge: Das ländliche Afrika im Umbruch, in: Geographische Rundschau (Heft 11) 2019, S. 10.

Material 3: Das ländliche Afrika im Umbruch: Entwicklungskorridore und die Transformation des Agrarsektors – Teil 1 (2019)

Lange Zeit galt der ländliche Raum in den Ländern des subsaharischen Afrika als eine Art „Wartezimmer der Entwicklung“, während sich die gesellschaftliche Transformation auf die Städte zu konzentrieren schien. Doch das Bild hat sich grundlegend geändert, seit der rasante Wandel fast überall bis in die Peripherie vordringt. Besonders deutlich zeigen dies die Entwicklungskorridore, die sich über den Kontinent ausbreiten und ein Netz von Modernisierungsachsen bilden. Sie werden vorangetrieben von internationalen Entwicklungsagenturen und globalen Finanzinvestitionen [...]. Doch die damit einhergehende Transformation des Agrarsektors ist umstritten. Einerseits zielt die Modernisierung auf Produktions- und Gewinnsteigerungen. Andererseits geht dies einher mit radikalen Eingriffen in traditionelle Besitz- und Produktionsverhältnisse, einer partiellen Enteignung und Vertreibung von Kleinbauern und Nomaden und anderen schwerwiegenden Auswirkungen auf die Lebensbedingungen der ländlichen Bevölkerung. [...]

Afrika [ist erstens] der Kontinent mit dem weltweit höchsten Bevölkerungswachstum. [...] Angesichts dieser hohen Wachstumszahlen und der bereits heute bestehenden Engpässe stellt sich die Frage, wie die Menschen in Zukunft ernährt werden sollen. [...]

Afrika [ist zweitens] der Kontinent mit der am schnellsten zunehmenden Urbanisierung. Zwar liegt der Anteil der Stadtbevölkerung mit 43% immer noch deutlich unter dem globalen Durchschnitt von 56%. Nach UN-Prognosen wird dieser Anteil bis zur Jahrhundertmitte aber auf fast 60% anwachsen. Die verstärkte Abwanderung vor allem junger Leute vom Land in die Stadt wird dazu führen, dass sich der Bevölkerungszuwachs in Afrika vor allem auf die Städte konzentriert, während die Wachstumsraten auf dem Land rückläufig sind. Eine entscheidende Herausforderung für die Zukunft liegt in der Versorgung der wachsenden Städte nicht nur mit Nahrung, sondern auch mit Energie und Wasser. Zur Finanzierung des steigenden Bedarfs sind anhaltend hohe wirtschaftliche Wachstumsraten erforderlich.

Die dritte essenzielle Verknüpfung zwischen städtischer und ländlicher Entwicklung in Afrika hängt mit den Grundlagen des Wirtschaftswachstums zusammen. Im Verlauf des vergangenen Jahrzehnts waren überall auf dem Kontinent bemerkenswert hohe Wachstumsraten zu verzeichnen. Internationale Entwicklungsagenturen sprachen bereits von „Africa Rising“ und gaben der Hoffnung Ausdruck, die „afrikanischen Löwen“ würden dem Vorbild der „Tigerstaaten“ Südostasiens folgen. Doch der Boom ist inzwischen bereits wieder ins Stocken geraten, weil er auf einer nicht nachhaltigen Extraktionswirtschaft beruhte, die sich auf die Ausbeutung von Bodenschätzen und den erhöhten Ressourcenhunger der asiatischen Wachstumsökonomien stützte. [...]

Fast alle afrikanischen Länder verfolgen ambitionierte Entwicklungspläne mit konkreten Vorstellungen für die Gestaltung des ländlichen Raumes. [...] Entwicklungs- oder Wachstumskorridore dienen als Leitlinien der Regionalentwicklung in strukturschwachen Räumen. Ihr Ziel ist es, die urbanen Zentren mit ländlichen Peripherien zu verbinden, um dort Wachstumsimpulse in Gang zu setzen und regionale Disparitäten auszugleichen. [...]

Inzwischen erstreckt sich ein Netz von Korridoren über den gesamten afrikanischen Kontinent. Dabei unterscheiden sich diese Korridore wesentlich hinsichtlich ihrer Funktion (Transport und Logistik, Handel, Agrarentwicklung) und dem Grad ihrer Fertigstellung.

Detlef Müller-Mahn, Peter Dannenberg, Britta Knagge: Das ländliche Afrika im Umbruch, in: Geographische Rundschau (Heft 11) 2019, S. 10–11.

Material 4: Das ländliche Afrika im Umbruch: Entwicklungskorridore und die Transformation des Agrarsektors – Teil 2 (2019)

Der Entwicklungskorridor SAGCOT (Southern Agricultural Growth Corridor of Tansania) wurde 2010 von der tansanischen Regierung ins Leben gerufen. Im Mittelpunkt steht hier die Förderung von landwirtschaftlichen Wertschöpfungsketten, um die Agrarproduktion zu steigern und der Landbevölkerung einen besseren Zugang zu Lebensmitteln und Einkommen zu ermöglichen. Zu dem Zweck werden die Fernverkehrsstraßen, Stromleitungen und weitere Transport- und Versorgungsinfrastruktur zwischen Daressalam und der Grenze nach Sambia ausgebaut, um den ländlichen Raum zu erschließen. Die Hafenstadt Daressalam hat als Ausgangspunkt des Korridors die Funktion eines global orientierten Umschlagortes für den Export landwirtschaftlicher Produkte und den Import der für die Landwirtschaft benötigten Zulieferprodukte. Zugleich liegen hier die Zentralen zahlreicher Unternehmen und Organisationen, die im SAGCOT aktiv sind. Andere Städte entlang des Korridors wie Morogoro und Mbeya dienen als regionale Ankerpunkte und Handelsknoten mit Lagerhallen und Logistikzentren. Die landwirtschaftliche Produktion innerhalb des Korridors konzentriert sich auf mehrere Cluster. Die Landwirtschaft erfuhr hierbei im Rahmen der staatlich gelenkten Regionalentwicklung eine Neuorganisation, bei der z. B. Kleinbauern in Vertragsanbausystemen zusammengeschlossen und koordiniert werden. Für die Weiterverarbeitung der agrarischen Rohprodukte entstanden verschiedene Lebensmittelbetriebe (z.B. eine Ketchup-Fabrik). Hierdurch soll die örtliche Bevölkerung nicht mehr nur an den Erträgen der Landwirtschaft, sondern auch an den oft höheren Gewinnen der nachgelagerten Wertschöpfungsschritte beteiligt werden. Ziel ist es, auch weit entfernte Exportmärkte mit fertigen Produkten zu beliefern. Weitere Maßnahmen umfassen die Errichtung sowie den Ausbau von Forschungs- und Beratungseinrichtungen zur Unterstützung der wirtschaftlichen Aktivitäten. Bis 2030 sollen so rund 420.000 Menschen direkt beschäftigt und insgesamt ca. 2 Mio. anderweitig davon wirtschaftlich profitieren. Die Finanzierung dieser Aktivitäten erfolgt weitgehend durch internationale Geldgeber. [...]

Das wohl intensivste Aktivitätsfeld rund um SAGCOT ist aktuell die regulative Ebene: Sowohl die finanzielle Unterstützung seitens der nichtkommerziellen Geber als auch erste Interessenbekundungen multinationaler Agrarunternehmen sind eng an eine Ebnung des institutionellen Rahmens gebunden. So ist SAGCOT seit seiner Implementierung von der Aushandlung neuer Gesetze geprägt. Hierzu zählen die Novellierung der Saatgutpatentierung, Regelungen zur Dokumentation von Landrechten sowie die Erleichterung ausländischer Direktinvestitionen und Public-Private-Partnerships in Tansania. Insgesamt weisen diese Veränderungen somit zunächst auf eine schrittweise Modernisierung und Entwicklung der regionalen Wirtschaft entsprechend der Korridorziele hin. Trotz des anvisierten Nutzens des Korridors gibt es eine Reihe von Kritikpunkten: Generell wird hinterfragt, inwieweit afrikanische Länder überhaupt einem europäischen Konzept folgen sollten, obwohl sich doch die Wirtschaft und der institutionelle Rahmen in Tansania, aber auch die spezifischen lokalen Bedingungen vor Ort ganz erheblich unterscheiden. In den ländlichen Räumen Tansanias sind noch immer rund 75% der Bevölkerung von kleinbäuerlicher Landwirtschaft und Weidewirtschaft abhängig, wobei häufig die Eigentumsrechte über Land und Wasser strittig sind. Durch SAGCOT, so der Vorwurf der Kritiker, könnten große Agrarunternehmen nun leichter dieses Land erwerben und die lokale Bevölkerung verdrängen oder durch ungerechte Verträge abhängig machen. Die Folgen wären demnach neben einer verschärften Hungerkrise, da die großen Unternehmen bevorzugt kaufkraftstärkere Märkte außerhalb der Region beliefern würden, auch Umweltprobleme aufgrund eines erheblich gestiegenen Wasserverbrauchs und einer auf chemischen Zulieferprodukten basierenden Landwirtschaft, und ein Ausschluss der Bevölkerung von möglichen Gewinnen.

Detlef Müller-Mahn, Peter Dannenberg, Britta Knagge: Das ländliche Afrika im Umbruch, in: Geographische Rundschau (Heft 11) 2019, S. 11–16.

Material 5: Der Entwicklungskorridor SAGCOT in Tansania

Detlef Müller-Mahn, Peter Dannenberg, Britta Knagge: Das ländliche Afrika im Umbruch, in: Geographische Rundschau (Heft 11) 2019, S. 12.

Material 6: Finanzierung von SAGCOT

Material 7: Ernährungssicherheit in Tansania: Die SAGCOT-Strategie schlägt fehl (2017)

Industrielle Landwirtschaft im großen Stil wird als die Lösung für den globalen Hunger betrachtet. Ein Beispiel ist SAGCOT, der „Southern Agricultural Growth Corridor of Tansania“. Mit Unterstützung großer privater Investoren und unter Beteiligung der G7 wird auf einer Fläche von der Größe Italiens eine „moderne“ Landwirtschaft vorangetrieben. Das Ziel: Etwa zwei Millionen Menschen aus der Armut befreien und hunderttausende Arbeitsplätze schaffen. Frank Ademba, Programmkoordinator bei der Bauernorganisation MVIWATA in Tansania, begleitet die Initiative seit ihrer Gründung kritisch und ist sich sicher: Landnahme, Landkonflikte und Ernährungsunsicherheit sind stattdessen die Folge. [Im Folgenden ein Interview von MISEREOR mit Frank Ademba:]

MISEREOR: Sie berichten von Landraub, seitdem private Investoren nach Tansania gekommen sind. Was ist das Grundproblem?

Ademba: Das größte Problem ist, dass Investoren Land übertragen bekommen, ohne den „free prior and informed consent“ der lokalen Bevölkerung. Das heißt, ohne dass die betroffene Bevölkerung frühzeitig oder umfassend über die Pläne informiert wird oder die Risiken und Auswirkungen des Verkaufs an einen Investor kennt. So kann man nicht von freier Zustimmung sprechen. Dazu kommt: in Tansania ist ein Großteil des Landes nicht amtlich registriert. Die Menschen leben seit vielen Generationen auf ihren Ländereien, haben aber keine offiziellen Landtitel 1. Umso leichter ist es für Investoren, Kleinbauern zu übergehen. Umso wichtiger ist es daher, dass das Land ausgewiesen und die Rechte der Kleinbauern daran offiziell anerkannt werden.

MISEREOR: Sie arbeiten mit ihrer Organisation MVIWATA mit Kleinbauern zusammen. Haben sie ein Beispiel für einen solchen Konflikt?

Ademba: Die Dorfgemeinschaft Lipokela bei Songea ist ein Beispiel. Dort wurde doppelt so viel Land an einen Investor verkauft, als die Dorfgemeinschaft ursprünglich zugestimmt hat. Der Landvergabeprozess in Tansania ist komplex, im Idealfall läuft er so ab: Die Bewohner werden in einer Dorfversammlung durch den Investor über sein Vorhaben informiert und befragt und die Dorfräte einbezogen. Jeder Dorfbewohner muss mit der Landvergabe einverstanden sein, erst dann wird ein Vertrag abgeschlossen, der vor allem die soziale Verantwortung des Investors herausstellt. Doch die Realität sieht anders aus. In Lipokela wurden Dorfbewohner ausgeschlossen oder vorab nicht befragt, viele verloren ihr Land, andere profitierten und nur wenige wurden auf der Kaffeeplantage vor Ort angestellt. Außerdem machten die Investoren den Menschen in Lipokela sehr viele Versprechen. Dass sie Schulen oder eine Krankenstation für die Dorfgemeinschaft bauen, die Infrastruktur verbessern, Arbeitsplätze schaffen – dass sich das Leben der Menschen zum Positiven verändert. Das hat sich nicht bewahrheitet. Die Menschen sind wütend, hilflos und fordern ihr Land zurück. So entstehen Konflikte mit dem Investor, vor allem aber innerhalb der Dorfgemeinschaft.

MISEREOR: Gibt es weitere Probleme?

Ademba: Durch Großinvestitionen in Tansania wird auch das Menschenrecht auf Nahrung verletzt. Die meisten Investoren produzieren wie in Lipokela Kaffee oder Holz oder andere Lebensmittel für den Export, aber keinen Mais, den die Menschen brauchen. So produzieren Arbeiter das, was sie nicht brauchen und konsumieren das, was in ihrer Region nicht angebaut wird. Die Folge: Sie müssen weite Strecken zu Feldern zurücklegen, auf denen sie ihre Nahrungsmittel anbauen. Ihr Land haben sie ja verkauft. Verschärft wird das durch Nukleus-Farmen, ein Konzept, dass die tansanische Regierung unterstützt. Rund um die Plantage sollen Kleinbauern z.B. Kaffee als Vertragsbauern produzieren. Sie haben dabei aber keinerlei Abnahmesicherheit für ihre Produkte. Die SAGCOT-Strategie, die Ernährungssicherheit in Tansania zu erhöhen, schlägt aus unserer Sicht fehl.

MISEREOR: Von welcher Fläche sprechen wir? Wie viele Hektar Land sind in Tansania für private Investoren im Rahmen der SAGCOT-Initiative ausgewiesen bzw. wie viele Kleinbauern sind betroffen?

Ademba: Es geht um eine riesige Fläche im Süden des Landes, der fruchtbarsten Region Tansanias. Ein Drittel der Bevölkerung sind direkt oder indirekt von SAGCOT betroffen; ein Großteil davon Kleinbauern. Bisher hat die Regierung den Großinvestoren innerhalb der SAGCOT-Region rund 146.000 Hektar Fläche zugesprochen. [...]

1 Landtitel – staatlich geregelte Landeigentumsrechte

Kerstin Lanje: Ernährungssicherheit in Tansania: Die SAGCOT-Strategie schlägt fehl, in: Agrar Info, Beilage der taz, 16.06.2017, S. 3–4; URL: https://www.agrarkoordination.de/fileadmin/dateiupload/PDF-Dateien/TAZ-Beilage_Artikel_Ernaehrungssicherheit_in_Tansania-_Die_SAGCOT-Strategie_schlaegt_fehl.pdf (abgerufen am 10.07.2020).

1 Beschreiben Sie die naturräumlichen Voraussetzungen sowie die wirtschaftliche Situation Tansanias und ordnen Sie Tansania im internationalen Vergleich einen Entwicklungsstand zu. (Material 1, Atlas) [25 BE]

a)

b)

c)

Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 2 · Einbindung in die Weltwirtschaft und Entwicklungsstrategien

Material 1: Strukturdaten Tansania (2019)

Einwohner · 56.322.000

Fläche in km² · 947.300

BIP/Kopf in US-Dollar · 1.105

Wertschöpfung nach Sektoren in % des BIP (2018)

Primärer Sektor · 30,5

Sekundärer Sektor · 28,8

Tertiärer Sektor · 40,7

Anteil der Erwerbstätigen nach Wirtschaftssektoren in %

Primärer Sektor · 65,3

Sekundärer Sektor · 6,8

Tertiärer Sektor · 27,9

HDI Wert/ Rang (von 188; 2018) · 0,53/ 159

Export in Mrd. US-Dollar · 5,4

Hauptexportgüter · Tabak, Gold, Gemüse und Früchte

Import in Mrd. US-Dollar · 10,8

Hauptimportgüter · Erdöl, Konsumgüter, Maschinen

Lebenserwartung in Jahren · 65,46

Bevölkerungswachstum in % · 2,95

Säuglingssterblichkeit (von 1.000) · 39,03

Alphabetisierung Erwachsene in % (2015) · 77,9

Anteil Bevölkerung unter der Armutsgrenze (3,2 US-Dollar/Tag) in % der Gesamtbevölkerung · 76,6

Anteil der Bevölkerung unterhalb der nationalen Armutsgrenze in % (2018) · 26,4

Gini-Koeffizient Einkommen (2018)

(Wert 0 bedeutet absolute Gleichheit/Wert 1 bedeutet absolute Ungleichheit) · 0,422

URL: http://wko.at/statistik/laenderprofile/lp-tansania.pdf (abgerufen am 30.05.2020).

URL: https://knoema.de/atlas/Vereinigte-Republik-Tansania (abgerufen am 25.10.2020).

Material 2: Entwicklungskorridore im südlichen und östlichen Afrika

Detlef Müller-Mahn, Peter Dannenberg, Britta Knagge: Das ländliche Afrika im Umbruch, in: Geographische Rundschau (Heft 11) 2019, S. 10.

Material 3: Das ländliche Afrika im Umbruch: Entwicklungskorridore und die Transformation des Agrarsektors – Teil 1 (2019)

Lange Zeit galt der ländliche Raum in den Ländern des subsaharischen Afrika als eine Art „Wartezimmer der Entwicklung“, während sich die gesellschaftliche Transformation auf die Städte zu konzentrieren schien. Doch das Bild hat sich grundlegend geändert, seit der rasante Wandel fast überall bis in die Peripherie vordringt. Besonders deutlich zeigen dies die Entwicklungskorridore, die sich über den Kontinent ausbreiten und ein Netz von Modernisierungsachsen bilden. Sie werden vorangetrieben von internationalen Entwicklungsagenturen und globalen Finanzinvestitionen [...]. Doch die damit einhergehende Transformation des Agrarsektors ist umstritten. Einerseits zielt die Modernisierung auf Produktions- und Gewinnsteigerungen. Andererseits geht dies einher mit radikalen Eingriffen in traditionelle Besitz- und Produktionsverhältnisse, einer partiellen Enteignung und Vertreibung von Kleinbauern und Nomaden und anderen schwerwiegenden Auswirkungen auf die Lebensbedingungen der ländlichen Bevölkerung. [...]

Afrika [ist erstens] der Kontinent mit dem weltweit höchsten Bevölkerungswachstum. [...] Angesichts dieser hohen Wachstumszahlen und der bereits heute bestehenden Engpässe stellt sich die Frage, wie die Menschen in Zukunft ernährt werden sollen. [...]

Afrika [ist zweitens] der Kontinent mit der am schnellsten zunehmenden Urbanisierung. Zwar liegt der Anteil der Stadtbevölkerung mit 43% immer noch deutlich unter dem globalen Durchschnitt von 56%. Nach UN-Prognosen wird dieser Anteil bis zur Jahrhundertmitte aber auf fast 60% anwachsen. Die verstärkte Abwanderung vor allem junger Leute vom Land in die Stadt wird dazu führen, dass sich der Bevölkerungszuwachs in Afrika vor allem auf die Städte konzentriert, während die Wachstumsraten auf dem Land rückläufig sind. Eine entscheidende Herausforderung für die Zukunft liegt in der Versorgung der wachsenden Städte nicht nur mit Nahrung, sondern auch mit Energie und Wasser. Zur Finanzierung des steigenden Bedarfs sind anhaltend hohe wirtschaftliche Wachstumsraten erforderlich.

Die dritte essenzielle Verknüpfung zwischen städtischer und ländlicher Entwicklung in Afrika hängt mit den Grundlagen des Wirtschaftswachstums zusammen. Im Verlauf des vergangenen Jahrzehnts waren überall auf dem Kontinent bemerkenswert hohe Wachstumsraten zu verzeichnen. Internationale Entwicklungsagenturen sprachen bereits von „Africa Rising“ und gaben der Hoffnung Ausdruck, die „afrikanischen Löwen“ würden dem Vorbild der „Tigerstaaten“ Südostasiens folgen. Doch der Boom ist inzwischen bereits wieder ins Stocken geraten, weil er auf einer nicht nachhaltigen Extraktionswirtschaft beruhte, die sich auf die Ausbeutung von Bodenschätzen und den erhöhten Ressourcenhunger der asiatischen Wachstumsökonomien stützte. [...]

Fast alle afrikanischen Länder verfolgen ambitionierte Entwicklungspläne mit konkreten Vorstellungen für die Gestaltung des ländlichen Raumes. [...] Entwicklungs- oder Wachstumskorridore dienen als Leitlinien der Regionalentwicklung in strukturschwachen Räumen. Ihr Ziel ist es, die urbanen Zentren mit ländlichen Peripherien zu verbinden, um dort Wachstumsimpulse in Gang zu setzen und regionale Disparitäten auszugleichen. [...]

Inzwischen erstreckt sich ein Netz von Korridoren über den gesamten afrikanischen Kontinent. Dabei unterscheiden sich diese Korridore wesentlich hinsichtlich ihrer Funktion (Transport und Logistik, Handel, Agrarentwicklung) und dem Grad ihrer Fertigstellung.

Detlef Müller-Mahn, Peter Dannenberg, Britta Knagge: Das ländliche Afrika im Umbruch, in: Geographische Rundschau (Heft 11) 2019, S. 10–11.

Material 4: Das ländliche Afrika im Umbruch: Entwicklungskorridore und die Transformation des Agrarsektors – Teil 2 (2019)

Der Entwicklungskorridor SAGCOT (Southern Agricultural Growth Corridor of Tansania) wurde 2010 von der tansanischen Regierung ins Leben gerufen. Im Mittelpunkt steht hier die Förderung von landwirtschaftlichen Wertschöpfungsketten, um die Agrarproduktion zu steigern und der Landbevölkerung einen besseren Zugang zu Lebensmitteln und Einkommen zu ermöglichen. Zu dem Zweck werden die Fernverkehrsstraßen, Stromleitungen und weitere Transport- und Versorgungsinfrastruktur zwischen Daressalam und der Grenze nach Sambia ausgebaut, um den ländlichen Raum zu erschließen. Die Hafenstadt Daressalam hat als Ausgangspunkt des Korridors die Funktion eines global orientierten Umschlagortes für den Export landwirtschaftlicher Produkte und den Import der für die Landwirtschaft benötigten Zulieferprodukte. Zugleich liegen hier die Zentralen zahlreicher Unternehmen und Organisationen, die im SAGCOT aktiv sind. Andere Städte entlang des Korridors wie Morogoro und Mbeya dienen als regionale Ankerpunkte und Handelsknoten mit Lagerhallen und Logistikzentren. Die landwirtschaftliche Produktion innerhalb des Korridors konzentriert sich auf mehrere Cluster. Die Landwirtschaft erfuhr hierbei im Rahmen der staatlich gelenkten Regionalentwicklung eine Neuorganisation, bei der z. B. Kleinbauern in Vertragsanbausystemen zusammengeschlossen und koordiniert werden. Für die Weiterverarbeitung der agrarischen Rohprodukte entstanden verschiedene Lebensmittelbetriebe (z.B. eine Ketchup-Fabrik). Hierdurch soll die örtliche Bevölkerung nicht mehr nur an den Erträgen der Landwirtschaft, sondern auch an den oft höheren Gewinnen der nachgelagerten Wertschöpfungsschritte beteiligt werden. Ziel ist es, auch weit entfernte Exportmärkte mit fertigen Produkten zu beliefern. Weitere Maßnahmen umfassen die Errichtung sowie den Ausbau von Forschungs- und Beratungseinrichtungen zur Unterstützung der wirtschaftlichen Aktivitäten. Bis 2030 sollen so rund 420.000 Menschen direkt beschäftigt und insgesamt ca. 2 Mio. anderweitig davon wirtschaftlich profitieren. Die Finanzierung dieser Aktivitäten erfolgt weitgehend durch internationale Geldgeber. [...]

Das wohl intensivste Aktivitätsfeld rund um SAGCOT ist aktuell die regulative Ebene: Sowohl die finanzielle Unterstützung seitens der nichtkommerziellen Geber als auch erste Interessenbekundungen multinationaler Agrarunternehmen sind eng an eine Ebnung des institutionellen Rahmens gebunden. So ist SAGCOT seit seiner Implementierung von der Aushandlung neuer Gesetze geprägt. Hierzu zählen die Novellierung der Saatgutpatentierung, Regelungen zur Dokumentation von Landrechten sowie die Erleichterung ausländischer Direktinvestitionen und Public-Private-Partnerships in Tansania. Insgesamt weisen diese Veränderungen somit zunächst auf eine schrittweise Modernisierung und Entwicklung der regionalen Wirtschaft entsprechend der Korridorziele hin. Trotz des anvisierten Nutzens des Korridors gibt es eine Reihe von Kritikpunkten: Generell wird hinterfragt, inwieweit afrikanische Länder überhaupt einem europäischen Konzept folgen sollten, obwohl sich doch die Wirtschaft und der institutionelle Rahmen in Tansania, aber auch die spezifischen lokalen Bedingungen vor Ort ganz erheblich unterscheiden. In den ländlichen Räumen Tansanias sind noch immer rund 75% der Bevölkerung von kleinbäuerlicher Landwirtschaft und Weidewirtschaft abhängig, wobei häufig die Eigentumsrechte über Land und Wasser strittig sind. Durch SAGCOT, so der Vorwurf der Kritiker, könnten große Agrarunternehmen nun leichter dieses Land erwerben und die lokale Bevölkerung verdrängen oder durch ungerechte Verträge abhängig machen. Die Folgen wären demnach neben einer verschärften Hungerkrise, da die großen Unternehmen bevorzugt kaufkraftstärkere Märkte außerhalb der Region beliefern würden, auch Umweltprobleme aufgrund eines erheblich gestiegenen Wasserverbrauchs und einer auf chemischen Zulieferprodukten basierenden Landwirtschaft, und ein Ausschluss der Bevölkerung von möglichen Gewinnen.

Detlef Müller-Mahn, Peter Dannenberg, Britta Knagge: Das ländliche Afrika im Umbruch, in: Geographische Rundschau (Heft 11) 2019, S. 11–16.

Material 5: Der Entwicklungskorridor SAGCOT in Tansania

Detlef Müller-Mahn, Peter Dannenberg, Britta Knagge: Das ländliche Afrika im Umbruch, in: Geographische Rundschau (Heft 11) 2019, S. 12.

Material 6: Finanzierung von SAGCOT

Material 7: Ernährungssicherheit in Tansania: Die SAGCOT-Strategie schlägt fehl (2017)

Industrielle Landwirtschaft im großen Stil wird als die Lösung für den globalen Hunger betrachtet. Ein Beispiel ist SAGCOT, der „Southern Agricultural Growth Corridor of Tansania“. Mit Unterstützung großer privater Investoren und unter Beteiligung der G7 wird auf einer Fläche von der Größe Italiens eine „moderne“ Landwirtschaft vorangetrieben. Das Ziel: Etwa zwei Millionen Menschen aus der Armut befreien und hunderttausende Arbeitsplätze schaffen. Frank Ademba, Programmkoordinator bei der Bauernorganisation MVIWATA in Tansania, begleitet die Initiative seit ihrer Gründung kritisch und ist sich sicher: Landnahme, Landkonflikte und Ernährungsunsicherheit sind stattdessen die Folge. [Im Folgenden ein Interview von MISEREOR mit Frank Ademba:]

MISEREOR: Sie berichten von Landraub, seitdem private Investoren nach Tansania gekommen sind. Was ist das Grundproblem?

Ademba: Das größte Problem ist, dass Investoren Land übertragen bekommen, ohne den „free prior and informed consent“ der lokalen Bevölkerung. Das heißt, ohne dass die betroffene Bevölkerung frühzeitig oder umfassend über die Pläne informiert wird oder die Risiken und Auswirkungen des Verkaufs an einen Investor kennt. So kann man nicht von freier Zustimmung sprechen. Dazu kommt: in Tansania ist ein Großteil des Landes nicht amtlich registriert. Die Menschen leben seit vielen Generationen auf ihren Ländereien, haben aber keine offiziellen Landtitel 1. Umso leichter ist es für Investoren, Kleinbauern zu übergehen. Umso wichtiger ist es daher, dass das Land ausgewiesen und die Rechte der Kleinbauern daran offiziell anerkannt werden.

MISEREOR: Sie arbeiten mit ihrer Organisation MVIWATA mit Kleinbauern zusammen. Haben sie ein Beispiel für einen solchen Konflikt?

Ademba: Die Dorfgemeinschaft Lipokela bei Songea ist ein Beispiel. Dort wurde doppelt so viel Land an einen Investor verkauft, als die Dorfgemeinschaft ursprünglich zugestimmt hat. Der Landvergabeprozess in Tansania ist komplex, im Idealfall läuft er so ab: Die Bewohner werden in einer Dorfversammlung durch den Investor über sein Vorhaben informiert und befragt und die Dorfräte einbezogen. Jeder Dorfbewohner muss mit der Landvergabe einverstanden sein, erst dann wird ein Vertrag abgeschlossen, der vor allem die soziale Verantwortung des Investors herausstellt. Doch die Realität sieht anders aus. In Lipokela wurden Dorfbewohner ausgeschlossen oder vorab nicht befragt, viele verloren ihr Land, andere profitierten und nur wenige wurden auf der Kaffeeplantage vor Ort angestellt. Außerdem machten die Investoren den Menschen in Lipokela sehr viele Versprechen. Dass sie Schulen oder eine Krankenstation für die Dorfgemeinschaft bauen, die Infrastruktur verbessern, Arbeitsplätze schaffen – dass sich das Leben der Menschen zum Positiven verändert. Das hat sich nicht bewahrheitet. Die Menschen sind wütend, hilflos und fordern ihr Land zurück. So entstehen Konflikte mit dem Investor, vor allem aber innerhalb der Dorfgemeinschaft.

MISEREOR: Gibt es weitere Probleme?

Ademba: Durch Großinvestitionen in Tansania wird auch das Menschenrecht auf Nahrung verletzt. Die meisten Investoren produzieren wie in Lipokela Kaffee oder Holz oder andere Lebensmittel für den Export, aber keinen Mais, den die Menschen brauchen. So produzieren Arbeiter das, was sie nicht brauchen und konsumieren das, was in ihrer Region nicht angebaut wird. Die Folge: Sie müssen weite Strecken zu Feldern zurücklegen, auf denen sie ihre Nahrungsmittel anbauen. Ihr Land haben sie ja verkauft. Verschärft wird das durch Nukleus-Farmen, ein Konzept, dass die tansanische Regierung unterstützt. Rund um die Plantage sollen Kleinbauern z.B. Kaffee als Vertragsbauern produzieren. Sie haben dabei aber keinerlei Abnahmesicherheit für ihre Produkte. Die SAGCOT-Strategie, die Ernährungssicherheit in Tansania zu erhöhen, schlägt aus unserer Sicht fehl.

MISEREOR: Von welcher Fläche sprechen wir? Wie viele Hektar Land sind in Tansania für private Investoren im Rahmen der SAGCOT-Initiative ausgewiesen bzw. wie viele Kleinbauern sind betroffen?

Ademba: Es geht um eine riesige Fläche im Süden des Landes, der fruchtbarsten Region Tansanias. Ein Drittel der Bevölkerung sind direkt oder indirekt von SAGCOT betroffen; ein Großteil davon Kleinbauern. Bisher hat die Regierung den Großinvestoren innerhalb der SAGCOT-Region rund 146.000 Hektar Fläche zugesprochen. [...]

1 Landtitel – staatlich geregelte Landeigentumsrechte

Kerstin Lanje: Ernährungssicherheit in Tansania: Die SAGCOT-Strategie schlägt fehl, in: Agrar Info, Beilage der taz, 16.06.2017, S. 3–4; URL: https://www.agrarkoordination.de/fileadmin/dateiupload/PDF-Dateien/TAZ-Beilage_Artikel_Ernaehrungssicherheit_in_Tansania-_Die_SAGCOT-Strategie_schlaegt_fehl.pdf (abgerufen am 10.07.2020).

Aufgabe 2

2.1

Stellen Sie die Ausgangsbedingungen in Subsahara-Afrika sowie die Ziele der Entwicklungskorridore dar. (Material 2–3, Atlas) [15 BE]

2.2

Arbeiten Sie die wesentlichen Merkmale des Entwicklungskorridors SAGCOT heraus und vergleichen Sie diese mit den Zielen, Leitgedanken und Instrumenten der Raumordnung in Deutschland. (Material 4–6) [30 BE]

Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 3 · Einbindung in die Weltwirtschaft und Entwicklungsstrategien

Material 1: Strukturdaten Tansania (2019)

Einwohner · 56.322.000

Fläche in km² · 947.300

BIP/Kopf in US-Dollar · 1.105

Wertschöpfung nach Sektoren in % des BIP (2018)

Primärer Sektor · 30,5

Sekundärer Sektor · 28,8

Tertiärer Sektor · 40,7

Anteil der Erwerbstätigen nach Wirtschaftssektoren in %

Primärer Sektor · 65,3

Sekundärer Sektor · 6,8

Tertiärer Sektor · 27,9

HDI Wert/ Rang (von 188; 2018) · 0,53/ 159

Export in Mrd. US-Dollar · 5,4

Hauptexportgüter · Tabak, Gold, Gemüse und Früchte

Import in Mrd. US-Dollar · 10,8

Hauptimportgüter · Erdöl, Konsumgüter, Maschinen

Lebenserwartung in Jahren · 65,46

Bevölkerungswachstum in % · 2,95

Säuglingssterblichkeit (von 1.000) · 39,03

Alphabetisierung Erwachsene in % (2015) · 77,9

Anteil Bevölkerung unter der Armutsgrenze (3,2 US-Dollar/Tag) in % der Gesamtbevölkerung · 76,6

Anteil der Bevölkerung unterhalb der nationalen Armutsgrenze in % (2018) · 26,4

Gini-Koeffizient Einkommen (2018)

(Wert 0 bedeutet absolute Gleichheit/Wert 1 bedeutet absolute Ungleichheit) · 0,422

URL: http://wko.at/statistik/laenderprofile/lp-tansania.pdf (abgerufen am 30.05.2020).

URL: https://knoema.de/atlas/Vereinigte-Republik-Tansania (abgerufen am 25.10.2020).

Material 2: Entwicklungskorridore im südlichen und östlichen Afrika

Detlef Müller-Mahn, Peter Dannenberg, Britta Knagge: Das ländliche Afrika im Umbruch, in: Geographische Rundschau (Heft 11) 2019, S. 10.

Material 3: Das ländliche Afrika im Umbruch: Entwicklungskorridore und die Transformation des Agrarsektors – Teil 1 (2019)

Lange Zeit galt der ländliche Raum in den Ländern des subsaharischen Afrika als eine Art „Wartezimmer der Entwicklung“, während sich die gesellschaftliche Transformation auf die Städte zu konzentrieren schien. Doch das Bild hat sich grundlegend geändert, seit der rasante Wandel fast überall bis in die Peripherie vordringt. Besonders deutlich zeigen dies die Entwicklungskorridore, die sich über den Kontinent ausbreiten und ein Netz von Modernisierungsachsen bilden. Sie werden vorangetrieben von internationalen Entwicklungsagenturen und globalen Finanzinvestitionen [...]. Doch die damit einhergehende Transformation des Agrarsektors ist umstritten. Einerseits zielt die Modernisierung auf Produktions- und Gewinnsteigerungen. Andererseits geht dies einher mit radikalen Eingriffen in traditionelle Besitz- und Produktionsverhältnisse, einer partiellen Enteignung und Vertreibung von Kleinbauern und Nomaden und anderen schwerwiegenden Auswirkungen auf die Lebensbedingungen der ländlichen Bevölkerung. [...]

Afrika [ist erstens] der Kontinent mit dem weltweit höchsten Bevölkerungswachstum. [...] Angesichts dieser hohen Wachstumszahlen und der bereits heute bestehenden Engpässe stellt sich die Frage, wie die Menschen in Zukunft ernährt werden sollen. [...]

Afrika [ist zweitens] der Kontinent mit der am schnellsten zunehmenden Urbanisierung. Zwar liegt der Anteil der Stadtbevölkerung mit 43% immer noch deutlich unter dem globalen Durchschnitt von 56%. Nach UN-Prognosen wird dieser Anteil bis zur Jahrhundertmitte aber auf fast 60% anwachsen. Die verstärkte Abwanderung vor allem junger Leute vom Land in die Stadt wird dazu führen, dass sich der Bevölkerungszuwachs in Afrika vor allem auf die Städte konzentriert, während die Wachstumsraten auf dem Land rückläufig sind. Eine entscheidende Herausforderung für die Zukunft liegt in der Versorgung der wachsenden Städte nicht nur mit Nahrung, sondern auch mit Energie und Wasser. Zur Finanzierung des steigenden Bedarfs sind anhaltend hohe wirtschaftliche Wachstumsraten erforderlich.

Die dritte essenzielle Verknüpfung zwischen städtischer und ländlicher Entwicklung in Afrika hängt mit den Grundlagen des Wirtschaftswachstums zusammen. Im Verlauf des vergangenen Jahrzehnts waren überall auf dem Kontinent bemerkenswert hohe Wachstumsraten zu verzeichnen. Internationale Entwicklungsagenturen sprachen bereits von „Africa Rising“ und gaben der Hoffnung Ausdruck, die „afrikanischen Löwen“ würden dem Vorbild der „Tigerstaaten“ Südostasiens folgen. Doch der Boom ist inzwischen bereits wieder ins Stocken geraten, weil er auf einer nicht nachhaltigen Extraktionswirtschaft beruhte, die sich auf die Ausbeutung von Bodenschätzen und den erhöhten Ressourcenhunger der asiatischen Wachstumsökonomien stützte. [...]

Fast alle afrikanischen Länder verfolgen ambitionierte Entwicklungspläne mit konkreten Vorstellungen für die Gestaltung des ländlichen Raumes. [...] Entwicklungs- oder Wachstumskorridore dienen als Leitlinien der Regionalentwicklung in strukturschwachen Räumen. Ihr Ziel ist es, die urbanen Zentren mit ländlichen Peripherien zu verbinden, um dort Wachstumsimpulse in Gang zu setzen und regionale Disparitäten auszugleichen. [...]

Inzwischen erstreckt sich ein Netz von Korridoren über den gesamten afrikanischen Kontinent. Dabei unterscheiden sich diese Korridore wesentlich hinsichtlich ihrer Funktion (Transport und Logistik, Handel, Agrarentwicklung) und dem Grad ihrer Fertigstellung.

Detlef Müller-Mahn, Peter Dannenberg, Britta Knagge: Das ländliche Afrika im Umbruch, in: Geographische Rundschau (Heft 11) 2019, S. 10–11.

Material 4: Das ländliche Afrika im Umbruch: Entwicklungskorridore und die Transformation des Agrarsektors – Teil 2 (2019)

Der Entwicklungskorridor SAGCOT (Southern Agricultural Growth Corridor of Tansania) wurde 2010 von der tansanischen Regierung ins Leben gerufen. Im Mittelpunkt steht hier die Förderung von landwirtschaftlichen Wertschöpfungsketten, um die Agrarproduktion zu steigern und der Landbevölkerung einen besseren Zugang zu Lebensmitteln und Einkommen zu ermöglichen. Zu dem Zweck werden die Fernverkehrsstraßen, Stromleitungen und weitere Transport- und Versorgungsinfrastruktur zwischen Daressalam und der Grenze nach Sambia ausgebaut, um den ländlichen Raum zu erschließen. Die Hafenstadt Daressalam hat als Ausgangspunkt des Korridors die Funktion eines global orientierten Umschlagortes für den Export landwirtschaftlicher Produkte und den Import der für die Landwirtschaft benötigten Zulieferprodukte. Zugleich liegen hier die Zentralen zahlreicher Unternehmen und Organisationen, die im SAGCOT aktiv sind. Andere Städte entlang des Korridors wie Morogoro und Mbeya dienen als regionale Ankerpunkte und Handelsknoten mit Lagerhallen und Logistikzentren. Die landwirtschaftliche Produktion innerhalb des Korridors konzentriert sich auf mehrere Cluster. Die Landwirtschaft erfuhr hierbei im Rahmen der staatlich gelenkten Regionalentwicklung eine Neuorganisation, bei der z. B. Kleinbauern in Vertragsanbausystemen zusammengeschlossen und koordiniert werden. Für die Weiterverarbeitung der agrarischen Rohprodukte entstanden verschiedene Lebensmittelbetriebe (z.B. eine Ketchup-Fabrik). Hierdurch soll die örtliche Bevölkerung nicht mehr nur an den Erträgen der Landwirtschaft, sondern auch an den oft höheren Gewinnen der nachgelagerten Wertschöpfungsschritte beteiligt werden. Ziel ist es, auch weit entfernte Exportmärkte mit fertigen Produkten zu beliefern. Weitere Maßnahmen umfassen die Errichtung sowie den Ausbau von Forschungs- und Beratungseinrichtungen zur Unterstützung der wirtschaftlichen Aktivitäten. Bis 2030 sollen so rund 420.000 Menschen direkt beschäftigt und insgesamt ca. 2 Mio. anderweitig davon wirtschaftlich profitieren. Die Finanzierung dieser Aktivitäten erfolgt weitgehend durch internationale Geldgeber. [...]

Das wohl intensivste Aktivitätsfeld rund um SAGCOT ist aktuell die regulative Ebene: Sowohl die finanzielle Unterstützung seitens der nichtkommerziellen Geber als auch erste Interessenbekundungen multinationaler Agrarunternehmen sind eng an eine Ebnung des institutionellen Rahmens gebunden. So ist SAGCOT seit seiner Implementierung von der Aushandlung neuer Gesetze geprägt. Hierzu zählen die Novellierung der Saatgutpatentierung, Regelungen zur Dokumentation von Landrechten sowie die Erleichterung ausländischer Direktinvestitionen und Public-Private-Partnerships in Tansania. Insgesamt weisen diese Veränderungen somit zunächst auf eine schrittweise Modernisierung und Entwicklung der regionalen Wirtschaft entsprechend der Korridorziele hin. Trotz des anvisierten Nutzens des Korridors gibt es eine Reihe von Kritikpunkten: Generell wird hinterfragt, inwieweit afrikanische Länder überhaupt einem europäischen Konzept folgen sollten, obwohl sich doch die Wirtschaft und der institutionelle Rahmen in Tansania, aber auch die spezifischen lokalen Bedingungen vor Ort ganz erheblich unterscheiden. In den ländlichen Räumen Tansanias sind noch immer rund 75% der Bevölkerung von kleinbäuerlicher Landwirtschaft und Weidewirtschaft abhängig, wobei häufig die Eigentumsrechte über Land und Wasser strittig sind. Durch SAGCOT, so der Vorwurf der Kritiker, könnten große Agrarunternehmen nun leichter dieses Land erwerben und die lokale Bevölkerung verdrängen oder durch ungerechte Verträge abhängig machen. Die Folgen wären demnach neben einer verschärften Hungerkrise, da die großen Unternehmen bevorzugt kaufkraftstärkere Märkte außerhalb der Region beliefern würden, auch Umweltprobleme aufgrund eines erheblich gestiegenen Wasserverbrauchs und einer auf chemischen Zulieferprodukten basierenden Landwirtschaft, und ein Ausschluss der Bevölkerung von möglichen Gewinnen.

Detlef Müller-Mahn, Peter Dannenberg, Britta Knagge: Das ländliche Afrika im Umbruch, in: Geographische Rundschau (Heft 11) 2019, S. 11–16.

Material 5: Der Entwicklungskorridor SAGCOT in Tansania

Detlef Müller-Mahn, Peter Dannenberg, Britta Knagge: Das ländliche Afrika im Umbruch, in: Geographische Rundschau (Heft 11) 2019, S. 12.

Material 6: Finanzierung von SAGCOT

Material 7: Ernährungssicherheit in Tansania: Die SAGCOT-Strategie schlägt fehl (2017)

Industrielle Landwirtschaft im großen Stil wird als die Lösung für den globalen Hunger betrachtet. Ein Beispiel ist SAGCOT, der „Southern Agricultural Growth Corridor of Tansania“. Mit Unterstützung großer privater Investoren und unter Beteiligung der G7 wird auf einer Fläche von der Größe Italiens eine „moderne“ Landwirtschaft vorangetrieben. Das Ziel: Etwa zwei Millionen Menschen aus der Armut befreien und hunderttausende Arbeitsplätze schaffen. Frank Ademba, Programmkoordinator bei der Bauernorganisation MVIWATA in Tansania, begleitet die Initiative seit ihrer Gründung kritisch und ist sich sicher: Landnahme, Landkonflikte und Ernährungsunsicherheit sind stattdessen die Folge. [Im Folgenden ein Interview von MISEREOR mit Frank Ademba:]

MISEREOR: Sie berichten von Landraub, seitdem private Investoren nach Tansania gekommen sind. Was ist das Grundproblem?

Ademba: Das größte Problem ist, dass Investoren Land übertragen bekommen, ohne den „free prior and informed consent“ der lokalen Bevölkerung. Das heißt, ohne dass die betroffene Bevölkerung frühzeitig oder umfassend über die Pläne informiert wird oder die Risiken und Auswirkungen des Verkaufs an einen Investor kennt. So kann man nicht von freier Zustimmung sprechen. Dazu kommt: in Tansania ist ein Großteil des Landes nicht amtlich registriert. Die Menschen leben seit vielen Generationen auf ihren Ländereien, haben aber keine offiziellen Landtitel 1. Umso leichter ist es für Investoren, Kleinbauern zu übergehen. Umso wichtiger ist es daher, dass das Land ausgewiesen und die Rechte der Kleinbauern daran offiziell anerkannt werden.

MISEREOR: Sie arbeiten mit ihrer Organisation MVIWATA mit Kleinbauern zusammen. Haben sie ein Beispiel für einen solchen Konflikt?

Ademba: Die Dorfgemeinschaft Lipokela bei Songea ist ein Beispiel. Dort wurde doppelt so viel Land an einen Investor verkauft, als die Dorfgemeinschaft ursprünglich zugestimmt hat. Der Landvergabeprozess in Tansania ist komplex, im Idealfall läuft er so ab: Die Bewohner werden in einer Dorfversammlung durch den Investor über sein Vorhaben informiert und befragt und die Dorfräte einbezogen. Jeder Dorfbewohner muss mit der Landvergabe einverstanden sein, erst dann wird ein Vertrag abgeschlossen, der vor allem die soziale Verantwortung des Investors herausstellt. Doch die Realität sieht anders aus. In Lipokela wurden Dorfbewohner ausgeschlossen oder vorab nicht befragt, viele verloren ihr Land, andere profitierten und nur wenige wurden auf der Kaffeeplantage vor Ort angestellt. Außerdem machten die Investoren den Menschen in Lipokela sehr viele Versprechen. Dass sie Schulen oder eine Krankenstation für die Dorfgemeinschaft bauen, die Infrastruktur verbessern, Arbeitsplätze schaffen – dass sich das Leben der Menschen zum Positiven verändert. Das hat sich nicht bewahrheitet. Die Menschen sind wütend, hilflos und fordern ihr Land zurück. So entstehen Konflikte mit dem Investor, vor allem aber innerhalb der Dorfgemeinschaft.

MISEREOR: Gibt es weitere Probleme?

Ademba: Durch Großinvestitionen in Tansania wird auch das Menschenrecht auf Nahrung verletzt. Die meisten Investoren produzieren wie in Lipokela Kaffee oder Holz oder andere Lebensmittel für den Export, aber keinen Mais, den die Menschen brauchen. So produzieren Arbeiter das, was sie nicht brauchen und konsumieren das, was in ihrer Region nicht angebaut wird. Die Folge: Sie müssen weite Strecken zu Feldern zurücklegen, auf denen sie ihre Nahrungsmittel anbauen. Ihr Land haben sie ja verkauft. Verschärft wird das durch Nukleus-Farmen, ein Konzept, dass die tansanische Regierung unterstützt. Rund um die Plantage sollen Kleinbauern z.B. Kaffee als Vertragsbauern produzieren. Sie haben dabei aber keinerlei Abnahmesicherheit für ihre Produkte. Die SAGCOT-Strategie, die Ernährungssicherheit in Tansania zu erhöhen, schlägt aus unserer Sicht fehl.

MISEREOR: Von welcher Fläche sprechen wir? Wie viele Hektar Land sind in Tansania für private Investoren im Rahmen der SAGCOT-Initiative ausgewiesen bzw. wie viele Kleinbauern sind betroffen?

Ademba: Es geht um eine riesige Fläche im Süden des Landes, der fruchtbarsten Region Tansanias. Ein Drittel der Bevölkerung sind direkt oder indirekt von SAGCOT betroffen; ein Großteil davon Kleinbauern. Bisher hat die Regierung den Großinvestoren innerhalb der SAGCOT-Region rund 146.000 Hektar Fläche zugesprochen. [...]

1 Landtitel – staatlich geregelte Landeigentumsrechte

Kerstin Lanje: Ernährungssicherheit in Tansania: Die SAGCOT-Strategie schlägt fehl, in: Agrar Info, Beilage der taz, 16.06.2017, S. 3–4; URL: https://www.agrarkoordination.de/fileadmin/dateiupload/PDF-Dateien/TAZ-Beilage_Artikel_Ernaehrungssicherheit_in_Tansania-_Die_SAGCOT-Strategie_schlaegt_fehl.pdf (abgerufen am 10.07.2020).

3 Bewerten Sie die Chancen und Risiken des Entwicklungskorridors SAGCOT in Tansania unter Berücksichtigung des Leitgedankens der Nachhaltigkeit. (Material 1–7) [30 BE]

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