Abitur Hessen Erdkunde 2021 · GK
Abiturprüfung Erdkunde in Hessen 2021, GK: 15 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Globale Disparitäten, Entwicklungsstand und Nachhaltigkeitsziele. Kostenlos.
Themen der Prüfung: Globale Disparitäten, Entwicklungsstand und Nachhaltigkeitsziele · Einbindung in die Weltwirtschaft und Entwicklungsstrategien · Landwirtschaft in Industrieländern und nachhaltige Bewirtschaftung · Stadtentwicklung, Gentrifizierung und nachhaltige Stadt · Regionale Disparitäten in Europa und Raumordnung · Rohstoffe: Erschließung, Abbau und Strategien gegen Knappheit
Aufgabe Vorschlag A - 1 · Regionale Disparitäten in Europa und Raumordnung
1
Nennen Sie die wesentlichen Ziele und Schwerpunkte der Raumordnung für eine nachhaltige Entwicklung in der Europäischen Union.
(10 BE)
Aufgabe Vorschlag A · Regionale Disparitäten in Europa und Raumordnung
Nachhaltigkeit als Prinzip der Raumordnung: Verkehrsentwicklungsziele der EU versus Natur- und Tourismusraum – Die feste Fehmarnbeltquerung in Raumkonstruktionen
Material 1
Dänemark: Verkehr, Transport, Logistik (2017)
URL: https://www.ln-online.de/Nachrichten/Fotostrecken-Nachrichten/Das-Erfolgsprojekt-am-Grossen-Belt/1 (abgerufen am 15.06.2020).
Dänemark verfügt über ein gut ausgebautes Straßennetz von ca. 74.500 Kilometern [...]. Seit der Eröffnung der Storebeltbrücke [Großer-Belt-Brücke] 1998 ist auch Ost-Dänemark mit der Hauptstadt Kopenhagen an Europa über den Straßen- und Schienenweg angebunden. Durch die im Jahre 2000 fertiggestellte Öresundbrücke ist Schweden ebenfalls Teil des europäischen Straßen- und Schienennetzes geworden. Die geplante feste Verbindung über den Fehmarnbelt, die 2028 eröffnet werden soll, wird Skandinavien und Festlandeuropa noch enger miteinander verbinden. Die dänische Eisenbahninfrastruktur wurde lange vernachlässigt, was seit einigen Jahren historisch große Investitionen in diesem Bereich bedingt. [...] Neben der Sanierung bestehender Strecken erfolgen auch Erweiterungen und Neubaustrecken, zumal das Schienennetz bereits an seine Kapazitätsgrenzen stößt. Mit der geplanten festen Fehmarn[beltquerung] wird ein stark erhöhtes Gütertransportvolumen auf der Schiene erwartet. Innerdänisch hat der Güterverkehr kaum Bedeutung, für die Achse Norwegen/Schweden-Mitteleuropa ist Dänemark allerdings ein wichtiges Transitland. Der Flughafen Kastrup am östlichen Kopenhagener Stadtrand ist Nordeuropas wichtigstes Drehkreuz. Ungefähr ein Drittel der schwedischen Bevölkerung wohnt näher am Flughafen Kopenhagen Kastrup als am schwedischen Flughafen Stockholm Arlanda. [...] Dänemark gehört zu den größten Schifffahrtsnationen. Dänische Reederei-Riesen wie Maersk (mit einer Flotte von 639 Frachtschiffen die weltweit größte Reederei), Torm, DFDS und Norden tragen zu dieser Topplatzierung bei. Dennoch ist die Bedeutung der Häfen generell zurückgegangen. Kopenhagen und Malmö sind für moderne, große Containerschiffe aufgrund der zu niedrigen Wassertiefe nicht mehr geeignet.
Außenwirtschaft Austria (Hg.): Exportbericht Dänemark, Nürnberg 2019, S. 3, URL: https://www.auwi-bayern.de/awp/inhalte/Anhaenge/Exportbericht-Daenemark.pdf (abgerufen am 15.06.2020).
Material 2
Verkehrstechnischer Vergleich – Dänemark und Deutschland: Transport (2017)
· Dänemark · Deutschland
Landesfläche in km² · 42.921 · 357.380
Einwohner · 5.770.000 · 82.695.000
Einwohner pro km² · 134,4 · 231,4
Straßennetz insgesamt in km · 74.558 · 645.000
davon Autobahnen in km · 1.255 · 12.996
Länge des Schienennetzes in km · 3.476 · 33.590
Güter transportiert auf der Schiene in Tonnen · 9.314.000 · 348.559.000
Güter transportiert auf der Straße in Tonnen (2018) · 167.534.000 · 3.200.925.000
Güter transportiert als Luftfracht in Tonnen (2019) · 244.977 · 4.684.553
Strecke von auf der Schiene beförderten Personen in Mio. km (2018) · 6.182 · 98.161
mit dem Flugzeug beförderte Personen (2019 / absolut) · 34.780.127 · 226.764.086
Material 3
Wirtschaftsdaten Dänemark (2019)
URL: https://wko.at/statistik/laenderprofile/lp-daenemark.pdf (abgerufen am 15.06.2020).
Material 4
Siim Kallas: Fahrplan zu einem einheitlichen europäischen Verkehrsraum, Vorwort (2011)
Ich bin stolz darauf, diesen „Fahrplan zu einem einheitlichen europäischen Verkehrsraum“ präsentieren zu können. In diesem strategischen Dokument stellt die Kommission ihre Vision der Zukunft des europäischen Verkehrssystems vor und definiert einen politischen Rahmen für die kommenden zehn Jahre. Dieser ist Teil der Strategie „Europa 2020“ und ihrer Leitinitiative „Ressourcenschonendes Europa“. Effizienter Verkehr ist eine Voraussetzung für das künftige Wohlergehen der EU – wir brauchen weniger Überlastung, einen Rückgang der Emissionen, mehr Beschäftigung und mehr Wachstum. Er ist ebenfalls der Schlüssel zu einem gut funktionierenden Binnenmarkt und die Voraussetzung dafür, dass unsere Regionen auch künftig Teil einer voll integrierten Weltwirtschaft sein werden. Der Verkehr ist zudem ein wichtiger Bestandteil der Wirtschaft selbst: Viele europäische Unternehmen sind in den Bereichen Infrastruktur, Logistik, Verkehrsmanagementsysteme und Herstellung von Verkehrsmitteln weltweit führend. Dies muss auch so bleiben. In einer Welt der steigenden Ölpreise, der zunehmenden Überlastung der Verkehrswege und des drohenden Klimawandels muss das Verkehrssystem der EU grundlegend geändert werden, damit es seine Rolle als Wachstumsmotor behalten und mit dem zunehmenden weltweiten Wettbewerb Schritt halten kann. Wenn wir unsere Bewegungsfreiheit nicht einschränken wollen, müssen wir die Abhängigkeit des Verkehrs vom Öl überwinden, ohne jedoch dabei an Effizienz einzubüßen. Die [...] festgelegte Strategie zeigt, wie dieser Wandel möglich ist [und] definiert zehn ehrgeizige Ziele, die politischen Maßnahmen als Richtschnur dienen und zur Messung der Fortschritte beitragen sollen – wie etwa die Verringerung der Zahl der mit herkömmlichem Kraftstoff betriebenen Fahrzeuge in Städten bis 2050, die Verlagerung von 50% der Personenbeförderung über mittlere Entfernungen sowie der Frachtbeförderung über größere Entfernungen bis zum Jahr 2050 von der Straße auf andere Verkehrsträger, um somit die Senkung der CO₂-Emissionen um 60% sowie eine vergleichbare Verringerung der Ölabhängigkeit zu erreichen.
Generaldirektion Mobilität und Verkehr der Europäischen Kommission: Weißbuch zum Verkehr, Luxemburg 2011, S. 1, URL: https://ec.europa.eu/transport/sites/transport/files/themes/strategies/doc/2011_white_paper/white-paper-illustrated-brochure_de.pdf (abgerufen am 15.06.2020).
Hinweis: Siim Kallas war von 2011 bis 2014 EU-Kommissar für Verkehr.
Material 5
Fließender Verkehr, auch über Ländergrenzen hinweg – Bedeutung des Transeuropäischen Netzes – Verkehr (TEN-V) (2015)
Der Transportsektor ist das Rückgrat des gesamten Binnenmarktes. Mit dem Schwerpunktprogramm der Transeuropäischen Verkehrsnetze (TEN-V) wird in der EU eine bessere Vernetzung im Binnenmarkt und eine Vereinheitlichung der Verkehrssysteme angestrebt. Das TEN-V umfasst Straßen-, Eisenbahn- und Binnenwasserstraßennetze, See- und Binnenhäfen, Flughäfen und Umschlagterminals. Das TEN-Netz ist zweilagig aufgebaut; es besteht aus einem Gesamtnetz und einem Kernnetz. Das Kernnetz soll bis 2030, das Gesamtnetz bis 2050 vollendet sein. Im Kernnetz wurden neun Korridore gebildet – zwei Nord-Süd-Korridore, drei in Ost-West-Richtung und vier diagonal verlaufende Korridore; sechs davon führen durch Deutschland. Sie [...] sollen Engpässe beseitigen, die Infrastruktur modernisieren und vor allem grenzüberschreitende Verbindungen innerhalb der Union verbessern.
URL: https://bdi.eu/artikel/news/fliessender-verkehr-auch-ueber-laendergrenzen-hinweg-bedeutung-transeuropaeische-verkehrsnetze-ten-v/ (abgerufen am 15.06.2020).
Material 6
Verkehrsprognose für 2030 auf der Basis der Verkehrsdaten aus dem Jahr 2011 im Auftrag der EU für eine feste Fehmarnbeltquerung¹ (2016)
Intraplan/BVU Consult GmbH: Verkehrsprognose für eine Feste Fehmarnbeltquerung 2014 – Aktualisierung der FTC-Studie von 2002, München 2016, S. 128 und 130, URL: https://docplayer.org/42034739-Verkehrsprognose-fuer-eine-feste-fehmarnbeltquerung-2014-aktualisierung-der-ftc-studie-von-2002.html (abgerufen am 15.06.2020).
¹ Unter der festen Fehmarnbeltquerung wird eine Verkehrsverbindung zwischen den Inseln Fehmarn und Lolland verstanden. Diskutiert wurden u.a. Brücken- und Tunnellösungen.
Material 7a
Luftbild der Insel Fehmarn
URL: http://www.ln-online.de/Nachrichten/Norddeutschland/Fehmarn-Land-will-Ortsgrenze-auf-die-Ostsee-verschieben (abgerufen am 25.03.2019).
Material 7b
Ferienhof Höper – Wissenswertes über die Insel Fehmarn
Die Insel Fehmarn hat eine Fläche von 185km² mit 78km Küstenvielfalt rund[he]rum mit feinen Sandstränden, Naturstränden und Steilufern. [...] Mit fast 2.200 Sonnenstunden ist sie eine der sonnigsten und trockensten Regionen Deutschlands mit einem milden und maritimen Reizklima. Auf 171km ausgeschilderten Radwanderwegen können Sie die Insel erkunden. Genießen Sie Spaziergänge am Strand [...], schlendern Sie durch die idyllischen Häfen [...], erfreuen Sie sich an der regionalen Küche in einem der vielen guten Restaurants, erleben Sie Sonnenuntergänge an der Westküste …
Die Ostseeinsel Fehmarn ist mit den vielen Sonnenstunden ein beliebtes Urlaubs- und Freizeitziel für Familien und Paare aller Altersgruppen. Freunde des Wassersports können ihren Hobbys wie Segeln, Surfen, Kiten, Tauchen, Schwimmen ebenso frönen, wie ausgesprochene Landratten, die Golfen, Tennis spielen, Fahrrad fahren, Reiten, Wandern oder gar das Faulenzen lieben. Suchen Sie ein Wellness-Angebot, bietet der Südstrand die neuerbaute Anlage „FehMare“. Hier können Sie saunieren, Massage und Anwendungen buchen. Die vielfältigen Strände rund um Fehmarn möchten von Ihnen entdeckt werden. Suchen Sie sich jeden Tag ein neues Plätzchen. Im Sommer finden [...] regelmäßige Veranstaltungen statt: das Rapsblütenfest, das Winzerfest, das Kleinkunstfest, das Altstadtfest, das Hafenfest, Fischmärkte und vieles mehr.
URL: http://www.mittelhof-hoeper.de/wissenswertes-ueber-fehmarn.html (abgerufen am 25.03.2019).
Material 8
Beltretter e.V.: Wofür wir kämpfen
Wir setzen uns für eine ganze Region ein. Damit die Menschen hier weiter leben und Urlauber hier weiter Idylle und Ruhe genießen können. Wir wollen diese Region bewahren. Und mit ihr die Existenzgrundlage unzähliger Vermieter, Gastronomiebetriebe, Hoteliers und Einheimischer.
Denn die Region zwischen Hamburg und Fehmarn ist bedroht. Dänemark will einen 18 Kilometer langen Tunnel durch den Ostseegrund durchsetzen. [...] Der Tunnel bedroht das wertvolle, aber zugleich anfällige Ökosystem Ostsee. Er bedroht zudem eine ganze vom Tourismus abhängende Region. Der Schaden ist sicher. Der Nutzen bleibt allerdings zweifelhaft.
Niemand konnte ihn bislang zweifelsfrei nachweisen. [...] Die Planung des Fehmarn-Belttunnels [der bei Puttgarden beginnen soll] ist der vielleicht größte Erfolg der skandinavischen Baulobby und einzelner Konzerne. Ein Erfolg zu Lasten der Steuerzahler. Denn das zugrunde gelegte Verkehrsaufkommen dürfte nie erreicht werden. Der Finanzierungsplan ist wackelig. Schon jetzt mussten Kostenschätzungen und Zeitplan immer wieder korrigiert werden. Das Riesenprojekt ist bereits vor Baubeginn aus dem Ruder geraten. Die geschätzten Kosten sind mittlerweile auf mehr als 7 Milliarden Euro gestiegen. [...] Dänemark nötigt Deutschland Folgekosten in Milliardenhöhe ab und macht gleichzeitig enormen Druck. 5 Millionen Dänen bürden 80 Millionen Deutschen einen wohl historischen Bau- und Umweltfrevel auf. [...] Eine 18 Kilometer lange tiefe Schneise durch den Ostseeboden könnte eine der größten Umweltsünden Europas werden. Die Schneise soll mit gewaltigem Mitteleinsatz ausgebaggert werden. Der Tunnel wird also nicht durch den Boden gebohrt. Das Ostseewasser wird eingetrübt, die Strömung verändert. Der Tier- und Pflanzenwelt wird schmerzhaft geschadet. [...] Eine Konsequenz des Belt-Tunnels werden im schnellen Takt durch die Ostseebäder, durch Lübeck, Hamburg und über Fehmarn rasende Güterzüge sein. Das bedeutet Zug-Lärm und Bremsen-Kreischen, wo Menschen bislang Ruhe suchen. Während und nach Nord-Europas größter Baustelle werden Urlauber ausbleiben. Zunächst werden sie durch hässliche Bilder von Großbaustellen und eine eingetrübte Ostsee abgeschreckt, dann durch eine Autobahn und eine vielbefahrene Güterzugtrasse. Wer will zwischen megalangen Güterzügen und einer breiten Autobahntrasse Urlaub machen?
Text: Beltretter e.V., Fehmarn, URL: https://beltretter.de/wofuer-wir-kaempfen/
Fotomontage: Beltretter e.V., Fehmarn, URL: https://beltretter.de/ (beide abgerufen am 15.08.2020).
2.1
Beschreiben Sie die Verkehrsinfrastruktur in Dänemark sowie deren aktuelle Bedeutung für die Wirtschaft dieses Landes und setzen Sie dies in Beziehung zu den Verkehrsraumplänen der EU. (Material 1–6)
[30 BE]
2.2
Stellen Sie dar, wie der Verein „Beltretter“ und die Betreiber des Ferienhofs „Höper“ den Raum „Fehmarn“ konstruieren und vergleichen Sie dies mit der durch die EU formulierten Bedeutung Fehmarns für das Transeuropäische Verkehrsnetz. (Material 4–8)
[30 BE]
3
Nehmen Sie Stellung zum geplanten Bau der Fehmarnbeltquerung unter Berücksichtigung der Rahmenbedingungen dieses Raumnutzungskonfliktes und des Nachhaltigkeitsgedankens. (Material 1–8)
[30 BE]
Aufgabe Vorschlag B - 1 · Landwirtschaft in Industrieländern und nachhaltige Bewirtschaftung
Urban farming
1
Beschreiben Sie die Grundzüge der Entwicklung der landwirtschaftlichen Produktion in den letzten 70 Jahren in einem von Ihnen ausgewählten Industrieland. (20 BE)
Aufgabe Vorschlag B - 2.1 (Urbane Landwirtschaft) · Landwirtschaft in Industrieländern und nachhaltige Bewirtschaftung
Material 1
Urban Farming in New York City (2017)
Urbanes Gärtnern (urban farming) erfreut sich in New York City wachsender Beliebtheit. Nicht nur Bewohner bauen Lebensmittel für den Eigenverbrauch an, auch kommerzielle Akteure wie Supermarktketten sehen einen Mehrwert in der Direktvermarktung lokal produzierter Lebensmittel. Die Global City blickt auf eine bewegte Vergangenheit des urbanen Gärtnerns zurück: Was mit Ernährungssicherheit während der Weltkriege begann, ist heute einem Akteursfeld von Nachbarschaftsgärten, Dachgärten und kommerziellen Praktiken eines nachhaltigen urbanen Lebensstils gewichen. In einem der angespanntesten Wohnungsmärkte Nordamerikas eröffnet sich die Möglichkeit, soziale und ökologische Intentionen für ökonomische Verwertungsinteressen einzusetzen. [...]
Stadtgärten, die nicht nur zur Verschönerung, sondern auch zur Nahrungsmittelselbstversorgung dienen, basieren damals wie heute auf dem Wunsch nach Unabhängigkeit. Während in der Vergangenheit die Bekämpfung eines akuten Nahrungsmangels angestrebt wurde, trägt heute die soziale Komponente gemeinsamer Aktivität im Freien zur individuellen Lebensqualität in der Großstadt bei. Außerdem gewinnen Glaubwürdigkeit und Vertrauen in die Lebensmittelqualität zunehmend an Bedeutung. Urbanes Gärtnern ist somit emanzipatorisch im Sinne einer urbanen Resilienz 1. Es beinhaltet die Aspekte der Nahrungsmittelsicherheit in Krisenzeiten, des Bildungszugangs und -erwerbs, der individuellen Mitwirkungsmöglichkeiten und sozialen Interaktion sowie der Interessens- und Lebensstilverwirklichung. [...] New York City hat heute das größte städtische Landwirtschaftssystem der Vereinigten Staaten. Mit aktuell ca. 600 Nachbarschaftsgärten sowie weiteren 700 Gärten im öffentlichen Wohnungsbau [...], die kürzlich um vier neue Stadtfarmen und einem mehr als 700 km² großen Hydrokulturgewächshaus ergänzt wurden, wird deutlich, dass auch in stark verdichteten urbanen Umgebungen der Zugang zu grünen Flächen möglich ist.
1 Resilienz – die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen
Yvonne Franz: Urban farming in New York – von Ernährungssicherheit zur „Grünen Gentrifizierung“?, in: Geographische Rundschau (Heft 11) 2017, S. 18–23.
Material 2
Ziele und Effekte ausgewählter Projekte (2017)
Urbanes Gärtnern in New York City hat viele Facetten. Das Akteursfeld beinhaltet nicht nur selbstorganisierte Projekte, die aus bildungs- oder ernährungspolitischer Motivation heraus Farmen sowie Stadt- oder Dachgärten betreiben. Auch kommerzielle Akteure wie Biosupermärkte oder die gehobene Gastronomie verfolgen die Versorgung der Stadtbevölkerung mit lokalen Produkten. Basierend auf einer Auswahl von EcoWatch (2013) werden zehn ausgewählte Projekte des urban gardening in New York City hinsichtlich ihrer Ziele gegenübergestellt und potenzielle Effekte für den Stadtteil abgeleitet. In dieser Auswahl sind sechs gemeinschaftliche (non-for-profit) Initiativen inklusive der Stadtgärten und -farmen des Green Thumb Program der städtischen Parkverwaltung sowie vier kommerzielle (for-profit) Projekte enthalten. [...]
Vor allem die nicht-kommerziell orientierten Akteure stellen soziale und bildungspolitische Ziele in den Vordergrund ihrer Aktivitäten. Dies beinhaltet die Einbindung der Bewohner vor Ort unter Berücksichtigung marginalisierter Gruppen sowie die bildungspolitische Zielvorgabe, Bewusstseinsbildung und kritische Selbsthilfe für einen Zugang zu frischen und schadstofffreien Lebensmitteln zu schaffen. Ökologische Ziele wie die Versorgung mit lokalen Lebensmitteln oder die Verbesserung des Mikroklimas in der Stadt finden sich fast ausnahmslos in allen Projekten wieder. Dies steht konträr zu ökonomischen Zielen, die ausschließlich von for-profit Akteuren formuliert werden. Dazu zählen die kommerzielle Verwertung lokal angebauter Lebensmittel auf Bauernmärkten und in Biosupermärkten, aber auch die Erschließung neuer Konsumenten- und Produzentenmärkte durch Gastronomiekooperationen oder Verkauf „aus dem Gewächshaus heraus“ (z.B. der Konzern Whole Foods Market Inc.). Dies entspricht der Nachfrage einer urbanen Bevölkerung mit dem Anspruch eines nachhaltigen Lebensstils.
Yvonne Franz: Urban farming in New York – von Ernährungssicherheit zur „Grünen Gentrifizierung“?, in: Geographische Rundschau (Heft 11) 2017, S. 18–23.
Material 3
Grüne Gentrifizierung? (2017)
Gegenwärtig zeigt sich die Tendenz, dass nicht nur die Nähe zu attraktiven Freiräumen oder das urbane Image von Stadtfarmen als Standortqualität vermarktet werden. Auch Investitionen in neue grüne Infrastrukturen werden aus ökonomischen Verwertungsinteressen getätigt. Internationale Unternehmen wie IKEA oder Whole Foods Market Inc. investieren Millionen in New York City, um attraktiven Freiraum (z.B. die IKEA-Filiale in Red Hook an der Upper Bay in Brooklyn) oder einen Vorzeigebiosupermarkt mit eigener Gewächshausproduktion (z.B. Whole-Foods-Filiale in Brooklyn) zu schaffen. In diesem Zusammenhang wird der Begriff der green gentrification verwendet, um den Prozess zu benennen, dass wohlhabendere Bevölkerungsgruppen durch das Schaffen ökologischer Annehmlichkeiten in ehemals unattraktive Stadtteile ziehen.
Yvonne Franz: Urban farming in New York – von Ernährungssicherheit zur „Grünen Gentrifizierung“?, in: Geographische Rundschau (Heft 11) 2017, S. 18–23.
Material 4
Urban farming in NY
Die Smiling Hogshead Ranch liegt in Long Island City in Queens und wird ehrenamtlich betrieben. Sie wurde 2011 eröffnet und hat keine kommerziellen Interessen.
URL: https://www.atlasobscura.com/places/smiling-hogshead-ranch (abgerufen am 21.09.2020).
Material 5
Urbane Landwirtschaft in Entwicklungsländern (2011)
Dass auch auf kleinsten Flächen profitabel produziert werden kann, zeigt die urbane Landwirtschaft. Sie gilt als Überlebensstrategie für arme und einkommensschwache Haushalte in den Städten, um Nahrungsengpässe auszugleichen und wird als Beitrag zur Hungerbekämpfung immer wichtiger. Auch wenn Nahrungsmittel in stadtnahen ländlichen Regionen produziert werden, müssen sie in die Zentren geliefert werden, was ihren Preis deutlich steigert. Stadtbewohner, die Zugang zu brachliegenden Flächen haben oder kleine Gärten nutzen, können zumindest einen Teil ihrer Lebensmittel, meist Gemüse, selbst produzieren.
Die urbane Landwirtschaft verwendet unkonventionelle Anbaumethoden – mitunter sind ihre „Felder“ mobil, weil etwa Tomaten oder Kräuter auch in einfachen Plastikbehältern oder mit Erde gefüllten Säcken wachsen. Ackerflächen sind nicht notwendig und machen die Erzeugung unabhängig von Bodenbesitz. Die Produzenten, oft Frauen oder Jugendliche, betreiben die Nahrungsmittelproduktion als Nebenerwerb und arbeiten hauptsächlich als Tagelöhner oder Händler. Manchmal wird neben dem Anbau von Kräutern und Gemüse Kleinvieh gehalten, Hühner oder Schweine. Der Verkauf auf lokalen Märkten in der Nachbarschaft wird selbst organisiert. Dies gilt auch für die Hausgärten der Landlosen im ländlichen Raum.
Beispiel: Urbane Landwirtschaftsförderung in Liberia
Die Welthungerhilfe unterstützt 1.500 Kleinproduzenten im Großraum Monrovia, der Hauptstadt von Liberia, wo nach langen Jahren des Bürgerkriegs viele innerstädtische Flächen brachliegen und wieder nutzbar gemacht werden sollen. Die städtische Landwirtschaft soll dort in einen Flächennutzungsplan integriert und auf lokaler wie nationaler Ebene verankert werden. Das klärt die Besitzverhältnisse und schafft Nutzflächen für die urbanen Bauernfamilien. In den neu angelegten Hausgärten und nahen Feldern wachsen Gemüse, Obst und Kräuter für den Eigenbedarf oder den lokalen Markt. Einige Familien halten Kleinvieh. Die Produzenten werden in Betriebsführung und Vermarktung unterrichtet und unterstützt. Der Eigenverbrauch wie auch das Nebeneinkommen durch den Anbau tragen zur Sicherung der Ernährung bei. Jugendliche erhalten Jobs und werden in soziale Strukturen eingebunden.
Lioba Weingärtner, Claudia Trentmann: Handbuch Welternährung, Deutsche Welthungerhilfe e.V., 2011.
Material 6
Urban farming in Entwicklungsländern (2013)
Hinweise
A: Anteil der Haushalte mit städtischer Landwirtschaft (in %)
B: Anteil des Haushaltseinkommens aus städtischer Landwirtschaft am Gesamthaushaltseinkommen
Klaus Claaßen: Diercke spezial – Die Stadt, 2013.
2.1 Stellen Sie die Bedeutung und die Facetten der urbanen Landwirtschaft in New York dar und erläutern Sie die Unterschiede zur „klassischen“ landwirtschaftlichen Produktion. (Material 1–4) [25 BE]
Aufgabe Vorschlag B - 2.2 (Grüne Gentrifizierung) · Stadtentwicklung, Gentrifizierung und nachhaltige Stadt
Material 1
Urban Farming in New York City (2017)
Urbanes Gärtnern (urban farming) erfreut sich in New York City wachsender Beliebtheit. Nicht nur Bewohner bauen Lebensmittel für den Eigenverbrauch an, auch kommerzielle Akteure wie Supermarktketten sehen einen Mehrwert in der Direktvermarktung lokal produzierter Lebensmittel. Die Global City blickt auf eine bewegte Vergangenheit des urbanen Gärtnerns zurück: Was mit Ernährungssicherheit während der Weltkriege begann, ist heute einem Akteursfeld von Nachbarschaftsgärten, Dachgärten und kommerziellen Praktiken eines nachhaltigen urbanen Lebensstils gewichen. In einem der angespanntesten Wohnungsmärkte Nordamerikas eröffnet sich die Möglichkeit, soziale und ökologische Intentionen für ökonomische Verwertungsinteressen einzusetzen. [...]
Stadtgärten, die nicht nur zur Verschönerung, sondern auch zur Nahrungsmittelselbstversorgung dienen, basieren damals wie heute auf dem Wunsch nach Unabhängigkeit. Während in der Vergangenheit die Bekämpfung eines akuten Nahrungsmangels angestrebt wurde, trägt heute die soziale Komponente gemeinsamer Aktivität im Freien zur individuellen Lebensqualität in der Großstadt bei. Außerdem gewinnen Glaubwürdigkeit und Vertrauen in die Lebensmittelqualität zunehmend an Bedeutung. Urbanes Gärtnern ist somit emanzipatorisch im Sinne einer urbanen Resilienz 1. Es beinhaltet die Aspekte der Nahrungsmittelsicherheit in Krisenzeiten, des Bildungszugangs und -erwerbs, der individuellen Mitwirkungsmöglichkeiten und sozialen Interaktion sowie der Interessens- und Lebensstilverwirklichung. [...] New York City hat heute das größte städtische Landwirtschaftssystem der Vereinigten Staaten. Mit aktuell ca. 600 Nachbarschaftsgärten sowie weiteren 700 Gärten im öffentlichen Wohnungsbau [...], die kürzlich um vier neue Stadtfarmen und einem mehr als 700 km² großen Hydrokulturgewächshaus ergänzt wurden, wird deutlich, dass auch in stark verdichteten urbanen Umgebungen der Zugang zu grünen Flächen möglich ist.
1 Resilienz – die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen
Yvonne Franz: Urban farming in New York – von Ernährungssicherheit zur „Grünen Gentrifizierung“?, in: Geographische Rundschau (Heft 11) 2017, S. 18–23.
Material 2
Ziele und Effekte ausgewählter Projekte (2017)
Urbanes Gärtnern in New York City hat viele Facetten. Das Akteursfeld beinhaltet nicht nur selbstorganisierte Projekte, die aus bildungs- oder ernährungspolitischer Motivation heraus Farmen sowie Stadt- oder Dachgärten betreiben. Auch kommerzielle Akteure wie Biosupermärkte oder die gehobene Gastronomie verfolgen die Versorgung der Stadtbevölkerung mit lokalen Produkten. Basierend auf einer Auswahl von EcoWatch (2013) werden zehn ausgewählte Projekte des urban gardening in New York City hinsichtlich ihrer Ziele gegenübergestellt und potenzielle Effekte für den Stadtteil abgeleitet. In dieser Auswahl sind sechs gemeinschaftliche (non-for-profit) Initiativen inklusive der Stadtgärten und -farmen des Green Thumb Program der städtischen Parkverwaltung sowie vier kommerzielle (for-profit) Projekte enthalten. [...]
Vor allem die nicht-kommerziell orientierten Akteure stellen soziale und bildungspolitische Ziele in den Vordergrund ihrer Aktivitäten. Dies beinhaltet die Einbindung der Bewohner vor Ort unter Berücksichtigung marginalisierter Gruppen sowie die bildungspolitische Zielvorgabe, Bewusstseinsbildung und kritische Selbsthilfe für einen Zugang zu frischen und schadstofffreien Lebensmitteln zu schaffen. Ökologische Ziele wie die Versorgung mit lokalen Lebensmitteln oder die Verbesserung des Mikroklimas in der Stadt finden sich fast ausnahmslos in allen Projekten wieder. Dies steht konträr zu ökonomischen Zielen, die ausschließlich von for-profit Akteuren formuliert werden. Dazu zählen die kommerzielle Verwertung lokal angebauter Lebensmittel auf Bauernmärkten und in Biosupermärkten, aber auch die Erschließung neuer Konsumenten- und Produzentenmärkte durch Gastronomiekooperationen oder Verkauf „aus dem Gewächshaus heraus“ (z.B. der Konzern Whole Foods Market Inc.). Dies entspricht der Nachfrage einer urbanen Bevölkerung mit dem Anspruch eines nachhaltigen Lebensstils.
Yvonne Franz: Urban farming in New York – von Ernährungssicherheit zur „Grünen Gentrifizierung“?, in: Geographische Rundschau (Heft 11) 2017, S. 18–23.
Material 3
Grüne Gentrifizierung? (2017)
Gegenwärtig zeigt sich die Tendenz, dass nicht nur die Nähe zu attraktiven Freiräumen oder das urbane Image von Stadtfarmen als Standortqualität vermarktet werden. Auch Investitionen in neue grüne Infrastrukturen werden aus ökonomischen Verwertungsinteressen getätigt. Internationale Unternehmen wie IKEA oder Whole Foods Market Inc. investieren Millionen in New York City, um attraktiven Freiraum (z.B. die IKEA-Filiale in Red Hook an der Upper Bay in Brooklyn) oder einen Vorzeigebiosupermarkt mit eigener Gewächshausproduktion (z.B. Whole-Foods-Filiale in Brooklyn) zu schaffen. In diesem Zusammenhang wird der Begriff der green gentrification verwendet, um den Prozess zu benennen, dass wohlhabendere Bevölkerungsgruppen durch das Schaffen ökologischer Annehmlichkeiten in ehemals unattraktive Stadtteile ziehen.
Yvonne Franz: Urban farming in New York – von Ernährungssicherheit zur „Grünen Gentrifizierung“?, in: Geographische Rundschau (Heft 11) 2017, S. 18–23.
Material 4
Urban farming in NY
Die Smiling Hogshead Ranch liegt in Long Island City in Queens und wird ehrenamtlich betrieben. Sie wurde 2011 eröffnet und hat keine kommerziellen Interessen.
URL: https://www.atlasobscura.com/places/smiling-hogshead-ranch (abgerufen am 21.09.2020).
Material 5
Urbane Landwirtschaft in Entwicklungsländern (2011)
Dass auch auf kleinsten Flächen profitabel produziert werden kann, zeigt die urbane Landwirtschaft. Sie gilt als Überlebensstrategie für arme und einkommensschwache Haushalte in den Städten, um Nahrungsengpässe auszugleichen und wird als Beitrag zur Hungerbekämpfung immer wichtiger. Auch wenn Nahrungsmittel in stadtnahen ländlichen Regionen produziert werden, müssen sie in die Zentren geliefert werden, was ihren Preis deutlich steigert. Stadtbewohner, die Zugang zu brachliegenden Flächen haben oder kleine Gärten nutzen, können zumindest einen Teil ihrer Lebensmittel, meist Gemüse, selbst produzieren.
Die urbane Landwirtschaft verwendet unkonventionelle Anbaumethoden – mitunter sind ihre „Felder“ mobil, weil etwa Tomaten oder Kräuter auch in einfachen Plastikbehältern oder mit Erde gefüllten Säcken wachsen. Ackerflächen sind nicht notwendig und machen die Erzeugung unabhängig von Bodenbesitz. Die Produzenten, oft Frauen oder Jugendliche, betreiben die Nahrungsmittelproduktion als Nebenerwerb und arbeiten hauptsächlich als Tagelöhner oder Händler. Manchmal wird neben dem Anbau von Kräutern und Gemüse Kleinvieh gehalten, Hühner oder Schweine. Der Verkauf auf lokalen Märkten in der Nachbarschaft wird selbst organisiert. Dies gilt auch für die Hausgärten der Landlosen im ländlichen Raum.
Beispiel: Urbane Landwirtschaftsförderung in Liberia
Die Welthungerhilfe unterstützt 1.500 Kleinproduzenten im Großraum Monrovia, der Hauptstadt von Liberia, wo nach langen Jahren des Bürgerkriegs viele innerstädtische Flächen brachliegen und wieder nutzbar gemacht werden sollen. Die städtische Landwirtschaft soll dort in einen Flächennutzungsplan integriert und auf lokaler wie nationaler Ebene verankert werden. Das klärt die Besitzverhältnisse und schafft Nutzflächen für die urbanen Bauernfamilien. In den neu angelegten Hausgärten und nahen Feldern wachsen Gemüse, Obst und Kräuter für den Eigenbedarf oder den lokalen Markt. Einige Familien halten Kleinvieh. Die Produzenten werden in Betriebsführung und Vermarktung unterrichtet und unterstützt. Der Eigenverbrauch wie auch das Nebeneinkommen durch den Anbau tragen zur Sicherung der Ernährung bei. Jugendliche erhalten Jobs und werden in soziale Strukturen eingebunden.
Lioba Weingärtner, Claudia Trentmann: Handbuch Welternährung, Deutsche Welthungerhilfe e.V., 2011.
Material 6
Urban farming in Entwicklungsländern (2013)
Hinweise
A: Anteil der Haushalte mit städtischer Landwirtschaft (in %)
B: Anteil des Haushaltseinkommens aus städtischer Landwirtschaft am Gesamthaushaltseinkommen
Klaus Claaßen: Diercke spezial – Die Stadt, 2013.
2.2 Erklären Sie das Verlaufsmodell der Gentrifizierung und ordnen Sie begründet die „Grüne Gentrifizierung“ einer Phase des Modells zu. (Material 1–4) [25 BE]
Aufgabe Vorschlag B - 3 · Landwirtschaft in Industrieländern und nachhaltige Bewirtschaftung
Material 1
Urban Farming in New York City (2017)
Urbanes Gärtnern (urban farming) erfreut sich in New York City wachsender Beliebtheit. Nicht nur Bewohner bauen Lebensmittel für den Eigenverbrauch an, auch kommerzielle Akteure wie Supermarktketten sehen einen Mehrwert in der Direktvermarktung lokal produzierter Lebensmittel. Die Global City blickt auf eine bewegte Vergangenheit des urbanen Gärtnerns zurück: Was mit Ernährungssicherheit während der Weltkriege begann, ist heute einem Akteursfeld von Nachbarschaftsgärten, Dachgärten und kommerziellen Praktiken eines nachhaltigen urbanen Lebensstils gewichen. In einem der angespanntesten Wohnungsmärkte Nordamerikas eröffnet sich die Möglichkeit, soziale und ökologische Intentionen für ökonomische Verwertungsinteressen einzusetzen. [...]
Stadtgärten, die nicht nur zur Verschönerung, sondern auch zur Nahrungsmittelselbstversorgung dienen, basieren damals wie heute auf dem Wunsch nach Unabhängigkeit. Während in der Vergangenheit die Bekämpfung eines akuten Nahrungsmangels angestrebt wurde, trägt heute die soziale Komponente gemeinsamer Aktivität im Freien zur individuellen Lebensqualität in der Großstadt bei. Außerdem gewinnen Glaubwürdigkeit und Vertrauen in die Lebensmittelqualität zunehmend an Bedeutung. Urbanes Gärtnern ist somit emanzipatorisch im Sinne einer urbanen Resilienz 1. Es beinhaltet die Aspekte der Nahrungsmittelsicherheit in Krisenzeiten, des Bildungszugangs und -erwerbs, der individuellen Mitwirkungsmöglichkeiten und sozialen Interaktion sowie der Interessens- und Lebensstilverwirklichung. [...] New York City hat heute das größte städtische Landwirtschaftssystem der Vereinigten Staaten. Mit aktuell ca. 600 Nachbarschaftsgärten sowie weiteren 700 Gärten im öffentlichen Wohnungsbau [...], die kürzlich um vier neue Stadtfarmen und einem mehr als 700 km² großen Hydrokulturgewächshaus ergänzt wurden, wird deutlich, dass auch in stark verdichteten urbanen Umgebungen der Zugang zu grünen Flächen möglich ist.
1 Resilienz – die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen
Yvonne Franz: Urban farming in New York – von Ernährungssicherheit zur „Grünen Gentrifizierung“?, in: Geographische Rundschau (Heft 11) 2017, S. 18–23.
Material 2
Ziele und Effekte ausgewählter Projekte (2017)
Urbanes Gärtnern in New York City hat viele Facetten. Das Akteursfeld beinhaltet nicht nur selbstorganisierte Projekte, die aus bildungs- oder ernährungspolitischer Motivation heraus Farmen sowie Stadt- oder Dachgärten betreiben. Auch kommerzielle Akteure wie Biosupermärkte oder die gehobene Gastronomie verfolgen die Versorgung der Stadtbevölkerung mit lokalen Produkten. Basierend auf einer Auswahl von EcoWatch (2013) werden zehn ausgewählte Projekte des urban gardening in New York City hinsichtlich ihrer Ziele gegenübergestellt und potenzielle Effekte für den Stadtteil abgeleitet. In dieser Auswahl sind sechs gemeinschaftliche (non-for-profit) Initiativen inklusive der Stadtgärten und -farmen des Green Thumb Program der städtischen Parkverwaltung sowie vier kommerzielle (for-profit) Projekte enthalten. [...]
Vor allem die nicht-kommerziell orientierten Akteure stellen soziale und bildungspolitische Ziele in den Vordergrund ihrer Aktivitäten. Dies beinhaltet die Einbindung der Bewohner vor Ort unter Berücksichtigung marginalisierter Gruppen sowie die bildungspolitische Zielvorgabe, Bewusstseinsbildung und kritische Selbsthilfe für einen Zugang zu frischen und schadstofffreien Lebensmitteln zu schaffen. Ökologische Ziele wie die Versorgung mit lokalen Lebensmitteln oder die Verbesserung des Mikroklimas in der Stadt finden sich fast ausnahmslos in allen Projekten wieder. Dies steht konträr zu ökonomischen Zielen, die ausschließlich von for-profit Akteuren formuliert werden. Dazu zählen die kommerzielle Verwertung lokal angebauter Lebensmittel auf Bauernmärkten und in Biosupermärkten, aber auch die Erschließung neuer Konsumenten- und Produzentenmärkte durch Gastronomiekooperationen oder Verkauf „aus dem Gewächshaus heraus“ (z.B. der Konzern Whole Foods Market Inc.). Dies entspricht der Nachfrage einer urbanen Bevölkerung mit dem Anspruch eines nachhaltigen Lebensstils.
Yvonne Franz: Urban farming in New York – von Ernährungssicherheit zur „Grünen Gentrifizierung“?, in: Geographische Rundschau (Heft 11) 2017, S. 18–23.
Material 3
Grüne Gentrifizierung? (2017)
Gegenwärtig zeigt sich die Tendenz, dass nicht nur die Nähe zu attraktiven Freiräumen oder das urbane Image von Stadtfarmen als Standortqualität vermarktet werden. Auch Investitionen in neue grüne Infrastrukturen werden aus ökonomischen Verwertungsinteressen getätigt. Internationale Unternehmen wie IKEA oder Whole Foods Market Inc. investieren Millionen in New York City, um attraktiven Freiraum (z.B. die IKEA-Filiale in Red Hook an der Upper Bay in Brooklyn) oder einen Vorzeigebiosupermarkt mit eigener Gewächshausproduktion (z.B. Whole-Foods-Filiale in Brooklyn) zu schaffen. In diesem Zusammenhang wird der Begriff der green gentrification verwendet, um den Prozess zu benennen, dass wohlhabendere Bevölkerungsgruppen durch das Schaffen ökologischer Annehmlichkeiten in ehemals unattraktive Stadtteile ziehen.
Yvonne Franz: Urban farming in New York – von Ernährungssicherheit zur „Grünen Gentrifizierung“?, in: Geographische Rundschau (Heft 11) 2017, S. 18–23.
Material 4
Urban farming in NY
Die Smiling Hogshead Ranch liegt in Long Island City in Queens und wird ehrenamtlich betrieben. Sie wurde 2011 eröffnet und hat keine kommerziellen Interessen.
URL: https://www.atlasobscura.com/places/smiling-hogshead-ranch (abgerufen am 21.09.2020).
Material 5
Urbane Landwirtschaft in Entwicklungsländern (2011)
Dass auch auf kleinsten Flächen profitabel produziert werden kann, zeigt die urbane Landwirtschaft. Sie gilt als Überlebensstrategie für arme und einkommensschwache Haushalte in den Städten, um Nahrungsengpässe auszugleichen und wird als Beitrag zur Hungerbekämpfung immer wichtiger. Auch wenn Nahrungsmittel in stadtnahen ländlichen Regionen produziert werden, müssen sie in die Zentren geliefert werden, was ihren Preis deutlich steigert. Stadtbewohner, die Zugang zu brachliegenden Flächen haben oder kleine Gärten nutzen, können zumindest einen Teil ihrer Lebensmittel, meist Gemüse, selbst produzieren.
Die urbane Landwirtschaft verwendet unkonventionelle Anbaumethoden – mitunter sind ihre „Felder“ mobil, weil etwa Tomaten oder Kräuter auch in einfachen Plastikbehältern oder mit Erde gefüllten Säcken wachsen. Ackerflächen sind nicht notwendig und machen die Erzeugung unabhängig von Bodenbesitz. Die Produzenten, oft Frauen oder Jugendliche, betreiben die Nahrungsmittelproduktion als Nebenerwerb und arbeiten hauptsächlich als Tagelöhner oder Händler. Manchmal wird neben dem Anbau von Kräutern und Gemüse Kleinvieh gehalten, Hühner oder Schweine. Der Verkauf auf lokalen Märkten in der Nachbarschaft wird selbst organisiert. Dies gilt auch für die Hausgärten der Landlosen im ländlichen Raum.
Beispiel: Urbane Landwirtschaftsförderung in Liberia
Die Welthungerhilfe unterstützt 1.500 Kleinproduzenten im Großraum Monrovia, der Hauptstadt von Liberia, wo nach langen Jahren des Bürgerkriegs viele innerstädtische Flächen brachliegen und wieder nutzbar gemacht werden sollen. Die städtische Landwirtschaft soll dort in einen Flächennutzungsplan integriert und auf lokaler wie nationaler Ebene verankert werden. Das klärt die Besitzverhältnisse und schafft Nutzflächen für die urbanen Bauernfamilien. In den neu angelegten Hausgärten und nahen Feldern wachsen Gemüse, Obst und Kräuter für den Eigenbedarf oder den lokalen Markt. Einige Familien halten Kleinvieh. Die Produzenten werden in Betriebsführung und Vermarktung unterrichtet und unterstützt. Der Eigenverbrauch wie auch das Nebeneinkommen durch den Anbau tragen zur Sicherung der Ernährung bei. Jugendliche erhalten Jobs und werden in soziale Strukturen eingebunden.
Lioba Weingärtner, Claudia Trentmann: Handbuch Welternährung, Deutsche Welthungerhilfe e.V., 2011.
Material 6
Urban farming in Entwicklungsländern (2013)
Hinweise
A: Anteil der Haushalte mit städtischer Landwirtschaft (in %)
B: Anteil des Haushaltseinkommens aus städtischer Landwirtschaft am Gesamthaushaltseinkommen
Klaus Claaßen: Diercke spezial – Die Stadt, 2013.
3
Arbeiten Sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede der urbanen Landwirtschaft in Industrie- und Entwicklungsländern heraus und bewerten Sie diese vor dem Hintergrund der Nachhaltigkeit. (Material 1–6) [30 BE]
Aufgabe Vorschlag C - 1 · Globale Disparitäten, Entwicklungsstand und Nachhaltigkeitsziele
Material 1
Klimadiagramme
Daten nach: Deutscher Wetterdienst, 2019, URL: https://www.dwd.de/DWD/klima/beratung/ak/ak_442920_di.pdf, URL: https://www.dwd.de/DWD/klima/beratung/ak/ak_443730_di.pdf (abgerufen am 20.06.2020).
Material 2
Minen und mineralische Vorkommen in der Mongolei (2017)
A. Gantumur et al. (2017): Environmental and social consequences of gold mining in Mongolia, Monitoring Środowiska Przyrodniczego (Heft 19) S. 11–15, URL: https://www.researchgate.net/figure/Major-Operating-Mines-and-Mineral-Deposits-in-Mongolia-Source-Mongolia-A-Review-of_fig1_322128697 (abgerufen am 20.06.2020).
Material 3
Strukturdaten Mongolei 2019
Landesfläche in km² · 1.564.116
Gesamtbevölkerung · 3.300.000
Lebenserwartung bei Geburt in Jahren · 70,5
Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze in % der Gesamtbevölkerung (2018) · 28,4
HDI Wert/Rang (2018) · 0,735/92
BIP in Mrd. US-Dollar · 13,6
BIP/Kopf in US-Dollar · 4.133
Wertschöpfung in % des BIP (2017)
Landwirtschaft
Bergbau
Industrie/Produktion
Dienstleistungen
10,6
22,6
16,8
50,0
Anteil der Beschäftigten in % (2017)
Landwirtschaft
Bergbau
Industrie/Produktion
Dienstleistungen
30,0
4,4
14,0
51,6
Anteil der Beschäftigten im produzierenden Sektor in % · 19,4
Anteil der Beschäftigten im Dienstleistungssektor in % · 53,2
Export in Mrd. US-Dollar
Hauptexportprodukte (2018): Kohle, Metallurgische Erze, Gold, Erdöl/Erdölerzeugnisse, Spinnstoffe
Hauptexportländer (2018): China (89%), Schweiz (5%), Großbritannien (1,3%) · 7,1
Import in Mrd. US-Dollar
Hauptimportprodukte (2018): Erdöl/Erdölerzeugnisse, Straßenfahrzeuge, Maschinen, Metallwaren
Hauptimportländer (2018): China (33,5%), Russland (29,1%), Japan (9,5%), Südkorea (4,5%), USA (3,6%) · 6,3
Stadtbevölkerung in % · 68,5
Korruptionswahrnehmungsindex, Rang (von 180)
Je höher der Rang, umso mehr Korruption ist wahrnehmbar. · 106
Material 4
Jörg Janzen: Die Mongolei im Zeichen von Marktwirtschaft und Globalisierung (2012)
Auf der Grundlage der physischen Rahmenbedingungen und natürlichen Ressourcen haben sich
unterschiedliche Landnutzungsformen entwickelt. Über Jahrtausende bildete im heutigen Gebiet der
Mongolei der Nomadismus die Lebensgrundlage für den Menschen. Obwohl die mobile Tierhaltung
seit Anfang des 20. Jhs. starken Veränderungen unterliegt, stellt sie bis heute in weiten Teilen des
5 ländlichen Raumes die wichtigste Quelle der Existenzsicherung dar [...].
Ackerbauliche Aktivitäten größeren Umfangs gehen erst auf die sowjetische Einflussnahme in der
zweiten Hälfte des 20. Jhs. zurück [...]. Sie haben in den vergangenen Jahren eine deutliche Zunahme
erfahren. Außer den weitläufigen Naturweiden der mongolischen Steppen liegt ein weiterer Reichtum
des Landes in seiner großen Vielfalt an mineralischen und fossilen Bodenschätzen, wie Kohle, Erdöl,
10 Erdgas, Kupfer, Gold, Eisen, Uran, Flussspat und Seltene Erden. Im primären Sektor ist auch die
Forst- und Sammelwirtschaft [...] von Bedeutung. Die überwiegend aus Lärchen bestehenden
Waldgebiete könnten bei nachhaltiger Bewirtschaftung einen Großteil des Holzbedarfs des Landes
decken. [...]
Auch nach der politischen Wende und dem Ende von UdSSR¹ und DDR ist die Mongolei aufgrund
15 ihrer Binnenlage zwischen der Russischen Föderation und der Volksrepublik China politisch wie
wirtschaftlich verletzlich und erpressbar geblieben. Insbesondere eine Einrichtung, die von der UdSSR
gebaute Transmongolische Eisenbahn, die nach wie vor die wichtigste Verkehrsverbindung des
Landes darstellt, kann bei Zwistigkeiten mit China und Russland als Druckmittel gegen die Mongolei
eingesetzt werden. Der bis heute als russisch-mongolisches Joint-Venture betriebenen
20 Eisenbahngesellschaft kann durch Transportbehinderungen aller Art und unangemessene Erhöhungen
der Transitgebühren volkswirtschaftlicher Schaden zugefügt werden. Darüber hinaus gehören bei
politischen Querelen die Abschaltung von Stromlieferungen und die willkürliche Verknappung von
Kraftstoffexporten aus Sibirien zur gängigen Praxis. Da China nach der Wende Russland als
wichtigsten Handelspartner abgelöst hat, ist auch die Abhängigkeit der Mongolei von China extrem
25 angewachsen. Als wichtigster Investor beeinflusst China in erheblichem Maße die Preisgestaltung der
mongolischen Rohstoffe. Das gilt vor allem für Kaschmir-Wolle, das wichtigste Verkaufsgut der
mongolischen Tierhalter. Um die große Abhängigkeit von seinen mächtigen Nachbarn zu verringern,
unterhält die Mongolei im Rahmen einer ausgewogenen Außenpolitik gute politische und
wirtschaftliche Beziehungen insbesondere zu den USA, aber auch zu Japan, der Türkei, Indien und zur
30 Europäischen Union, hierbei vor allem zu Deutschland. Seit dem Ende des Sozialismus ist die
Mongolei zusätzlich zu den Altschulden bei der Russischen Föderation in eine starke finanzielle
Abhängigkeit von internationalen Organisationen wie Internationalem Währungsfond, Weltbank,
Asiatischer Entwicklungsbank, Europäischer Union und anderen nationalen Geldgebern geraten. [...]
Nach der politischen Wende von 1989/90 und dem ökonomischen Zusammenbruch eines Großteils der
35 Staatsbetriebe und Kollektivwirtschaften erfolgte in den 1990er Jahren die Auflösung und
Privatisierung dieser Unternehmen. Das war eine wichtige Voraussetzung für einen wirtschaftlichen
Neuanfang in der Mongolei. Insbesondere die Aufteilung der kollektiv gehaltenen Tierbestände unter
allen Mitgliedern der viehwirtschaftlichen Vereinigungen bereits Anfang der 1990er Jahre sicherte die
Ernährung der Land- und auch großer Teile der Stadtbevölkerung. Die wirtschaftliche Erholung
40 verlief in den 1990er Jahren jedoch schleppend, da in den neu gegründeten Privatfirmen
marktwirtschaftliches Knowhow, Zugang zum Weltmarkt und ausreichendes Kapital fehlten. Ein
großes Problem stellten das Wegbrechen des sowjetischen Marktes und das Fehlen von
Alternativmärkten dar. Daraus resultierte, dass zahlreiche Betriebe schon nach kurzer Zeit bankrott
gingen. Erschwert wurde die wirtschaftliche Erholung auch dadurch, dass kaum inländische und noch
45 weniger ausländische Investoren vorhanden waren, die das Risiko eingehen wollten, vor allem in den
produktiven Wirtschaftssektoren zu investieren. Das hatte zur Folge, dass die Mongolei immer
weniger Fertigprodukte herstellte und zu einem Lieferanten von tierischen und mineralischen
Rohstoffen abstieg. Dadurch war die junge Demokratie den damals starken Preisschwankungen
insbesondere bei Kaschmirwolle und Metallen ausgesetzt. [...] Seit der Jahrtausendwende hat sich die
50 wirtschaftliche Situation insgesamt deutlich verbessert, was in erster Linie auf die Investitionen im
boomenden Bergbausektor und den Höhenflug der Rohstoffpreise an den internationalen Märkten
zurückzuführen ist [...]. Weitere wichtige Motoren für die positive Wirtschaftsentwicklung waren der
Infrastrukturausbau, Wohnungsbau sowie der stark gestiegene staatliche und private Konsum. Das
reale Wirtschaftswachstum lag vor dem Krisenjahr 2009 bereits bei fast 10% und erreichte 2011 sogar
55 17,3%. Das BIP konnte seit 2009 deutlich gesteigert und die Inflationsrate seit 2008 erheblich gesenkt
werden [...].
Mit fortschreitender Einbindung der Mongolei in den globalen Markt entstehen mit den großen
Tagebauen zwar punktuell neue prosperierende Standorte, der größte Teil der ländlichen Peripherie
verharrt jedoch in Unterentwicklung. Ein weiteres Schlüsselproblem der Mongolei stellt die
60 zunehmende Zerstörung der natürlichen Umwelt dar. Zu hohe Viehzahlen bei gleichzeitiger
räumlicher Konzentration und fehlendem Weidemanagement, illegaler Raubbau an den Wäldern,
rücksichtslose Ausplünderung der bergbaulichen Ressourcen sowie unkontrolliertes Wachstum von
randstädtischen Jurtensiedlungen ohne umweltschonende Infrastruktur sind die Hauptursachen für das
Entstehen meist irreparabler Umweltschäden wie Landschaftszerstörung, Degradation der Vegetation,
65 Bodenerosion und Kontaminierung von Wasser, Boden und Luft. Obwohl eine umfangreiche
Umweltgesetzgebung vorliegt, ist das Hauptproblem deren Nichtbeachtung sowie die fehlende
Ahndung von Verstößen.
Jörg Janzen: Die Mongolei im Zeichen von Marktwirtschaft und Globalisierung (2012), in: Geographische Rundschau (Heft 12), S. 4–10.
Hinweis
Jurten sind die traditionellen Zelte der Nomaden in West- und Zentralasien.
¹ UdSSR – Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken
Material 5
Daniel Schmücking et al.: Die Bedeutung der Rohstoffe für die Mongolei (2016)
Die Mongolei zählt zu den zehn rohstoffreichsten Ländern der Welt. Das Land verfügt über 6.000
nachgewiesene Rohstofflagerstätten mit über 80 verschiedenen Rohstoffen, darunter Gold, Kupfer,
Kohle, Silber und Uran. Trotz dieses Rohstoffreichtums befindet sich die mongolische Wirtschaft
derzeit in einer schlechten Lage. [...]
5 Seit 2012 [ging] das Wirtschaftswachstum stark zurück. In den letzten Jahrzehnten wurde der Bergbau
stetig bedeutender und ist mittlerweile der Grundpfeiler der mongolischen Wirtschaft. Dies zeigt sich
daran, dass 85% aller Exporte Rohstoffe sind. Der Bergbau machte der Weltbank zufolge ca. 20
Prozent des gesamten mongolischen Bruttoinlandsprodukts aus und mehr als 150.000 Mongolen sind
im Bergbausektor beschäftigt. Obwohl die mongolische Wirtschaft stark vom Bergbau abhängt, ist die
10 Rohstoffpolitik der Regierung nicht von Stabilität und Kontinuität geprägt. Unter anderem führte in
den letzten Jahrzehnten der ständige Wechsel von investitionsfreundlicher und investitionsfeindlicher
Gesetzgebung zu einer nachhaltigen Verunsicherung vieler Anleger. 1997 markierte die
Verabschiedung eines investitionsfreundlichen Bergbaugesetzes zunächst den Beginn reger
Explorationstätigkeiten in der Mongolei. Die Einführung einer Sondergewinnsteuer im Jahr 2006
15 sorgte hingegen für Unmut unter ausländischen Anlegern. Die Annullierung dieses Steuergesetzes
2011 führte wieder zu einem deutlich verbesserten Investitionsklima, das mit dem Gesetz zur
Begrenzung ausländischer Investitionen in strategischen Bereichen 2012 jedoch beinahe umgehend
wieder getrübt wurde. Für den Ausbau des Bergbausektors in der Mongolei sind aus finanziellen
Gründen ausländische Investoren unabdingbar. Sie benötigen jedoch stabile Rahmenbedingungen, die
20 durch die häufigen Änderungen der Gesetzgebung in der mongolischen Rohstoffpolitik aber nicht
gegeben sind.
Daniel Schmücking et al.: Die Rohstoffpolitik der Mongolei am Beispiel der Kohlemine Tawan Tolgoi, Länderbericht Mongolei, Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. (2016), URL: https://www.kas.de/de/laenderberichte/detail/-/content/die-rohstoffpolitik-der-mongolei1 (abgerufen am 20.06.2020).
Aufgaben
1.1
Beschreiben Sie die naturräumlichen Voraussetzungen der Mongolei unter besonderer Berücksichtigung der Bodenschätze. (Material 1–2, Atlas) [20 BE]
1.2
Ordnen Sie der Mongolei begründet einen Entwicklungsstand zu. (Material 3) [10 BE]
Aufgabe Vorschlag C - 2 · Rohstoffe: Erschließung, Abbau und Strategien gegen Knappheit
Material 1
Klimadiagramme
Daten nach: Deutscher Wetterdienst, 2019, URL: https://www.dwd.de/DWD/klima/beratung/ak/ak_442920_di.pdf, URL: https://www.dwd.de/DWD/klima/beratung/ak/ak_443730_di.pdf (abgerufen am 20.06.2020).
Material 2
Minen und mineralische Vorkommen in der Mongolei (2017)
A. Gantumur et al. (2017): Environmental and social consequences of gold mining in Mongolia, Monitoring Środowiska Przyrodniczego (Heft 19) S. 11–15, URL: https://www.researchgate.net/figure/Major-Operating-Mines-and-Mineral-Deposits-in-Mongolia-Source-Mongolia-A-Review-of_fig1_322128697 (abgerufen am 20.06.2020).
Material 3
Strukturdaten Mongolei 2019
Landesfläche in km² · 1.564.116
Gesamtbevölkerung · 3.300.000
Lebenserwartung bei Geburt in Jahren · 70,5
Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze in % der Gesamtbevölkerung (2018) · 28,4
HDI Wert/Rang (2018) · 0,735/92
BIP in Mrd. US-Dollar · 13,6
BIP/Kopf in US-Dollar · 4.133
Wertschöpfung in % des BIP (2017)
Landwirtschaft
Bergbau
Industrie/Produktion
Dienstleistungen
10,6
22,6
16,8
50,0
Anteil der Beschäftigten in % (2017)
Landwirtschaft
Bergbau
Industrie/Produktion
Dienstleistungen
30,0
4,4
14,0
51,6
Anteil der Beschäftigten im produzierenden Sektor in % · 19,4
Anteil der Beschäftigten im Dienstleistungssektor in % · 53,2
Export in Mrd. US-Dollar
Hauptexportprodukte (2018): Kohle, Metallurgische Erze, Gold, Erdöl/Erdölerzeugnisse, Spinnstoffe
Hauptexportländer (2018): China (89%), Schweiz (5%), Großbritannien (1,3%) · 7,1
Import in Mrd. US-Dollar
Hauptimportprodukte (2018): Erdöl/Erdölerzeugnisse, Straßenfahrzeuge, Maschinen, Metallwaren
Hauptimportländer (2018): China (33,5%), Russland (29,1%), Japan (9,5%), Südkorea (4,5%), USA (3,6%) · 6,3
Stadtbevölkerung in % · 68,5
Korruptionswahrnehmungsindex, Rang (von 180)
Je höher der Rang, umso mehr Korruption ist wahrnehmbar. · 106
Material 4
Jörg Janzen: Die Mongolei im Zeichen von Marktwirtschaft und Globalisierung (2012)
Auf der Grundlage der physischen Rahmenbedingungen und natürlichen Ressourcen haben sich
unterschiedliche Landnutzungsformen entwickelt. Über Jahrtausende bildete im heutigen Gebiet der
Mongolei der Nomadismus die Lebensgrundlage für den Menschen. Obwohl die mobile Tierhaltung
seit Anfang des 20. Jhs. starken Veränderungen unterliegt, stellt sie bis heute in weiten Teilen des
5 ländlichen Raumes die wichtigste Quelle der Existenzsicherung dar [...].
Ackerbauliche Aktivitäten größeren Umfangs gehen erst auf die sowjetische Einflussnahme in der
zweiten Hälfte des 20. Jhs. zurück [...]. Sie haben in den vergangenen Jahren eine deutliche Zunahme
erfahren. Außer den weitläufigen Naturweiden der mongolischen Steppen liegt ein weiterer Reichtum
des Landes in seiner großen Vielfalt an mineralischen und fossilen Bodenschätzen, wie Kohle, Erdöl,
10 Erdgas, Kupfer, Gold, Eisen, Uran, Flussspat und Seltene Erden. Im primären Sektor ist auch die
Forst- und Sammelwirtschaft [...] von Bedeutung. Die überwiegend aus Lärchen bestehenden
Waldgebiete könnten bei nachhaltiger Bewirtschaftung einen Großteil des Holzbedarfs des Landes
decken. [...]
Auch nach der politischen Wende und dem Ende von UdSSR¹ und DDR ist die Mongolei aufgrund
15 ihrer Binnenlage zwischen der Russischen Föderation und der Volksrepublik China politisch wie
wirtschaftlich verletzlich und erpressbar geblieben. Insbesondere eine Einrichtung, die von der UdSSR
gebaute Transmongolische Eisenbahn, die nach wie vor die wichtigste Verkehrsverbindung des
Landes darstellt, kann bei Zwistigkeiten mit China und Russland als Druckmittel gegen die Mongolei
eingesetzt werden. Der bis heute als russisch-mongolisches Joint-Venture betriebenen
20 Eisenbahngesellschaft kann durch Transportbehinderungen aller Art und unangemessene Erhöhungen
der Transitgebühren volkswirtschaftlicher Schaden zugefügt werden. Darüber hinaus gehören bei
politischen Querelen die Abschaltung von Stromlieferungen und die willkürliche Verknappung von
Kraftstoffexporten aus Sibirien zur gängigen Praxis. Da China nach der Wende Russland als
wichtigsten Handelspartner abgelöst hat, ist auch die Abhängigkeit der Mongolei von China extrem
25 angewachsen. Als wichtigster Investor beeinflusst China in erheblichem Maße die Preisgestaltung der
mongolischen Rohstoffe. Das gilt vor allem für Kaschmir-Wolle, das wichtigste Verkaufsgut der
mongolischen Tierhalter. Um die große Abhängigkeit von seinen mächtigen Nachbarn zu verringern,
unterhält die Mongolei im Rahmen einer ausgewogenen Außenpolitik gute politische und
wirtschaftliche Beziehungen insbesondere zu den USA, aber auch zu Japan, der Türkei, Indien und zur
30 Europäischen Union, hierbei vor allem zu Deutschland. Seit dem Ende des Sozialismus ist die
Mongolei zusätzlich zu den Altschulden bei der Russischen Föderation in eine starke finanzielle
Abhängigkeit von internationalen Organisationen wie Internationalem Währungsfond, Weltbank,
Asiatischer Entwicklungsbank, Europäischer Union und anderen nationalen Geldgebern geraten. [...]
Nach der politischen Wende von 1989/90 und dem ökonomischen Zusammenbruch eines Großteils der
35 Staatsbetriebe und Kollektivwirtschaften erfolgte in den 1990er Jahren die Auflösung und
Privatisierung dieser Unternehmen. Das war eine wichtige Voraussetzung für einen wirtschaftlichen
Neuanfang in der Mongolei. Insbesondere die Aufteilung der kollektiv gehaltenen Tierbestände unter
allen Mitgliedern der viehwirtschaftlichen Vereinigungen bereits Anfang der 1990er Jahre sicherte die
Ernährung der Land- und auch großer Teile der Stadtbevölkerung. Die wirtschaftliche Erholung
40 verlief in den 1990er Jahren jedoch schleppend, da in den neu gegründeten Privatfirmen
marktwirtschaftliches Knowhow, Zugang zum Weltmarkt und ausreichendes Kapital fehlten. Ein
großes Problem stellten das Wegbrechen des sowjetischen Marktes und das Fehlen von
Alternativmärkten dar. Daraus resultierte, dass zahlreiche Betriebe schon nach kurzer Zeit bankrott
gingen. Erschwert wurde die wirtschaftliche Erholung auch dadurch, dass kaum inländische und noch
45 weniger ausländische Investoren vorhanden waren, die das Risiko eingehen wollten, vor allem in den
produktiven Wirtschaftssektoren zu investieren. Das hatte zur Folge, dass die Mongolei immer
weniger Fertigprodukte herstellte und zu einem Lieferanten von tierischen und mineralischen
Rohstoffen abstieg. Dadurch war die junge Demokratie den damals starken Preisschwankungen
insbesondere bei Kaschmirwolle und Metallen ausgesetzt. [...] Seit der Jahrtausendwende hat sich die
50 wirtschaftliche Situation insgesamt deutlich verbessert, was in erster Linie auf die Investitionen im
boomenden Bergbausektor und den Höhenflug der Rohstoffpreise an den internationalen Märkten
zurückzuführen ist [...]. Weitere wichtige Motoren für die positive Wirtschaftsentwicklung waren der
Infrastrukturausbau, Wohnungsbau sowie der stark gestiegene staatliche und private Konsum. Das
reale Wirtschaftswachstum lag vor dem Krisenjahr 2009 bereits bei fast 10% und erreichte 2011 sogar
55 17,3%. Das BIP konnte seit 2009 deutlich gesteigert und die Inflationsrate seit 2008 erheblich gesenkt
werden [...].
Mit fortschreitender Einbindung der Mongolei in den globalen Markt entstehen mit den großen
Tagebauen zwar punktuell neue prosperierende Standorte, der größte Teil der ländlichen Peripherie
verharrt jedoch in Unterentwicklung. Ein weiteres Schlüsselproblem der Mongolei stellt die
60 zunehmende Zerstörung der natürlichen Umwelt dar. Zu hohe Viehzahlen bei gleichzeitiger
räumlicher Konzentration und fehlendem Weidemanagement, illegaler Raubbau an den Wäldern,
rücksichtslose Ausplünderung der bergbaulichen Ressourcen sowie unkontrolliertes Wachstum von
randstädtischen Jurtensiedlungen ohne umweltschonende Infrastruktur sind die Hauptursachen für das
Entstehen meist irreparabler Umweltschäden wie Landschaftszerstörung, Degradation der Vegetation,
65 Bodenerosion und Kontaminierung von Wasser, Boden und Luft. Obwohl eine umfangreiche
Umweltgesetzgebung vorliegt, ist das Hauptproblem deren Nichtbeachtung sowie die fehlende
Ahndung von Verstößen.
Jörg Janzen: Die Mongolei im Zeichen von Marktwirtschaft und Globalisierung (2012), in: Geographische Rundschau (Heft 12), S. 4–10.
Hinweis
Jurten sind die traditionellen Zelte der Nomaden in West- und Zentralasien.
¹ UdSSR – Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken
Material 5
Daniel Schmücking et al.: Die Bedeutung der Rohstoffe für die Mongolei (2016)
Die Mongolei zählt zu den zehn rohstoffreichsten Ländern der Welt. Das Land verfügt über 6.000
nachgewiesene Rohstofflagerstätten mit über 80 verschiedenen Rohstoffen, darunter Gold, Kupfer,
Kohle, Silber und Uran. Trotz dieses Rohstoffreichtums befindet sich die mongolische Wirtschaft
derzeit in einer schlechten Lage. [...]
5 Seit 2012 [ging] das Wirtschaftswachstum stark zurück. In den letzten Jahrzehnten wurde der Bergbau
stetig bedeutender und ist mittlerweile der Grundpfeiler der mongolischen Wirtschaft. Dies zeigt sich
daran, dass 85% aller Exporte Rohstoffe sind. Der Bergbau machte der Weltbank zufolge ca. 20
Prozent des gesamten mongolischen Bruttoinlandsprodukts aus und mehr als 150.000 Mongolen sind
im Bergbausektor beschäftigt. Obwohl die mongolische Wirtschaft stark vom Bergbau abhängt, ist die
10 Rohstoffpolitik der Regierung nicht von Stabilität und Kontinuität geprägt. Unter anderem führte in
den letzten Jahrzehnten der ständige Wechsel von investitionsfreundlicher und investitionsfeindlicher
Gesetzgebung zu einer nachhaltigen Verunsicherung vieler Anleger. 1997 markierte die
Verabschiedung eines investitionsfreundlichen Bergbaugesetzes zunächst den Beginn reger
Explorationstätigkeiten in der Mongolei. Die Einführung einer Sondergewinnsteuer im Jahr 2006
15 sorgte hingegen für Unmut unter ausländischen Anlegern. Die Annullierung dieses Steuergesetzes
2011 führte wieder zu einem deutlich verbesserten Investitionsklima, das mit dem Gesetz zur
Begrenzung ausländischer Investitionen in strategischen Bereichen 2012 jedoch beinahe umgehend
wieder getrübt wurde. Für den Ausbau des Bergbausektors in der Mongolei sind aus finanziellen
Gründen ausländische Investoren unabdingbar. Sie benötigen jedoch stabile Rahmenbedingungen, die
20 durch die häufigen Änderungen der Gesetzgebung in der mongolischen Rohstoffpolitik aber nicht
gegeben sind.
Daniel Schmücking et al.: Die Rohstoffpolitik der Mongolei am Beispiel der Kohlemine Tawan Tolgoi, Länderbericht Mongolei, Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. (2016), URL: https://www.kas.de/de/laenderberichte/detail/-/content/die-rohstoffpolitik-der-mongolei1 (abgerufen am 20.06.2020).
2
Stellen Sie auf der Basis ihrer Ausführungen zur Aufgabe 1.1 die Probleme dar, die sich für die Mongolei bezüglich des Abbaus der Rohstoffe ergeben. (Material 1–4, Atlas)
[20 BE]
Aufgabe Vorschlag C - 3 · Globale Disparitäten, Entwicklungsstand und Nachhaltigkeitsziele
Material 1
Klimadiagramme
Daten nach: Deutscher Wetterdienst, 2019, URL: https://www.dwd.de/DWD/klima/beratung/ak/ak_442920_di.pdf, URL: https://www.dwd.de/DWD/klima/beratung/ak/ak_443730_di.pdf (abgerufen am 20.06.2020).
Material 2
Minen und mineralische Vorkommen in der Mongolei (2017)
A. Gantumur et al. (2017): Environmental and social consequences of gold mining in Mongolia, Monitoring Środowiska Przyrodniczego (Heft 19) S. 11–15, URL: https://www.researchgate.net/figure/Major-Operating-Mines-and-Mineral-Deposits-in-Mongolia-Source-Mongolia-A-Review-of_fig1_322128697 (abgerufen am 20.06.2020).
Material 3
Strukturdaten Mongolei 2019
Landesfläche in km² · 1.564.116
Gesamtbevölkerung · 3.300.000
Lebenserwartung bei Geburt in Jahren · 70,5
Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze in % der Gesamtbevölkerung (2018) · 28,4
HDI Wert/Rang (2018) · 0,735/92
BIP in Mrd. US-Dollar · 13,6
BIP/Kopf in US-Dollar · 4.133
Wertschöpfung in % des BIP (2017)
Landwirtschaft
Bergbau
Industrie/Produktion
Dienstleistungen
10,6
22,6
16,8
50,0
Anteil der Beschäftigten in % (2017)
Landwirtschaft
Bergbau
Industrie/Produktion
Dienstleistungen
30,0
4,4
14,0
51,6
Anteil der Beschäftigten im produzierenden Sektor in % · 19,4
Anteil der Beschäftigten im Dienstleistungssektor in % · 53,2
Export in Mrd. US-Dollar
Hauptexportprodukte (2018): Kohle, Metallurgische Erze, Gold, Erdöl/Erdölerzeugnisse, Spinnstoffe
Hauptexportländer (2018): China (89%), Schweiz (5%), Großbritannien (1,3%) · 7,1
Import in Mrd. US-Dollar
Hauptimportprodukte (2018): Erdöl/Erdölerzeugnisse, Straßenfahrzeuge, Maschinen, Metallwaren
Hauptimportländer (2018): China (33,5%), Russland (29,1%), Japan (9,5%), Südkorea (4,5%), USA (3,6%) · 6,3
Stadtbevölkerung in % · 68,5
Korruptionswahrnehmungsindex, Rang (von 180)
Je höher der Rang, umso mehr Korruption ist wahrnehmbar. · 106
Material 4
Jörg Janzen: Die Mongolei im Zeichen von Marktwirtschaft und Globalisierung (2012)
Auf der Grundlage der physischen Rahmenbedingungen und natürlichen Ressourcen haben sich
unterschiedliche Landnutzungsformen entwickelt. Über Jahrtausende bildete im heutigen Gebiet der
Mongolei der Nomadismus die Lebensgrundlage für den Menschen. Obwohl die mobile Tierhaltung
seit Anfang des 20. Jhs. starken Veränderungen unterliegt, stellt sie bis heute in weiten Teilen des
5 ländlichen Raumes die wichtigste Quelle der Existenzsicherung dar [...].
Ackerbauliche Aktivitäten größeren Umfangs gehen erst auf die sowjetische Einflussnahme in der
zweiten Hälfte des 20. Jhs. zurück [...]. Sie haben in den vergangenen Jahren eine deutliche Zunahme
erfahren. Außer den weitläufigen Naturweiden der mongolischen Steppen liegt ein weiterer Reichtum
des Landes in seiner großen Vielfalt an mineralischen und fossilen Bodenschätzen, wie Kohle, Erdöl,
10 Erdgas, Kupfer, Gold, Eisen, Uran, Flussspat und Seltene Erden. Im primären Sektor ist auch die
Forst- und Sammelwirtschaft [...] von Bedeutung. Die überwiegend aus Lärchen bestehenden
Waldgebiete könnten bei nachhaltiger Bewirtschaftung einen Großteil des Holzbedarfs des Landes
decken. [...]
Auch nach der politischen Wende und dem Ende von UdSSR¹ und DDR ist die Mongolei aufgrund
15 ihrer Binnenlage zwischen der Russischen Föderation und der Volksrepublik China politisch wie
wirtschaftlich verletzlich und erpressbar geblieben. Insbesondere eine Einrichtung, die von der UdSSR
gebaute Transmongolische Eisenbahn, die nach wie vor die wichtigste Verkehrsverbindung des
Landes darstellt, kann bei Zwistigkeiten mit China und Russland als Druckmittel gegen die Mongolei
eingesetzt werden. Der bis heute als russisch-mongolisches Joint-Venture betriebenen
20 Eisenbahngesellschaft kann durch Transportbehinderungen aller Art und unangemessene Erhöhungen
der Transitgebühren volkswirtschaftlicher Schaden zugefügt werden. Darüber hinaus gehören bei
politischen Querelen die Abschaltung von Stromlieferungen und die willkürliche Verknappung von
Kraftstoffexporten aus Sibirien zur gängigen Praxis. Da China nach der Wende Russland als
wichtigsten Handelspartner abgelöst hat, ist auch die Abhängigkeit der Mongolei von China extrem
25 angewachsen. Als wichtigster Investor beeinflusst China in erheblichem Maße die Preisgestaltung der
mongolischen Rohstoffe. Das gilt vor allem für Kaschmir-Wolle, das wichtigste Verkaufsgut der
mongolischen Tierhalter. Um die große Abhängigkeit von seinen mächtigen Nachbarn zu verringern,
unterhält die Mongolei im Rahmen einer ausgewogenen Außenpolitik gute politische und
wirtschaftliche Beziehungen insbesondere zu den USA, aber auch zu Japan, der Türkei, Indien und zur
30 Europäischen Union, hierbei vor allem zu Deutschland. Seit dem Ende des Sozialismus ist die
Mongolei zusätzlich zu den Altschulden bei der Russischen Föderation in eine starke finanzielle
Abhängigkeit von internationalen Organisationen wie Internationalem Währungsfond, Weltbank,
Asiatischer Entwicklungsbank, Europäischer Union und anderen nationalen Geldgebern geraten. [...]
Nach der politischen Wende von 1989/90 und dem ökonomischen Zusammenbruch eines Großteils der
35 Staatsbetriebe und Kollektivwirtschaften erfolgte in den 1990er Jahren die Auflösung und
Privatisierung dieser Unternehmen. Das war eine wichtige Voraussetzung für einen wirtschaftlichen
Neuanfang in der Mongolei. Insbesondere die Aufteilung der kollektiv gehaltenen Tierbestände unter
allen Mitgliedern der viehwirtschaftlichen Vereinigungen bereits Anfang der 1990er Jahre sicherte die
Ernährung der Land- und auch großer Teile der Stadtbevölkerung. Die wirtschaftliche Erholung
40 verlief in den 1990er Jahren jedoch schleppend, da in den neu gegründeten Privatfirmen
marktwirtschaftliches Knowhow, Zugang zum Weltmarkt und ausreichendes Kapital fehlten. Ein
großes Problem stellten das Wegbrechen des sowjetischen Marktes und das Fehlen von
Alternativmärkten dar. Daraus resultierte, dass zahlreiche Betriebe schon nach kurzer Zeit bankrott
gingen. Erschwert wurde die wirtschaftliche Erholung auch dadurch, dass kaum inländische und noch
45 weniger ausländische Investoren vorhanden waren, die das Risiko eingehen wollten, vor allem in den
produktiven Wirtschaftssektoren zu investieren. Das hatte zur Folge, dass die Mongolei immer
weniger Fertigprodukte herstellte und zu einem Lieferanten von tierischen und mineralischen
Rohstoffen abstieg. Dadurch war die junge Demokratie den damals starken Preisschwankungen
insbesondere bei Kaschmirwolle und Metallen ausgesetzt. [...] Seit der Jahrtausendwende hat sich die
50 wirtschaftliche Situation insgesamt deutlich verbessert, was in erster Linie auf die Investitionen im
boomenden Bergbausektor und den Höhenflug der Rohstoffpreise an den internationalen Märkten
zurückzuführen ist [...]. Weitere wichtige Motoren für die positive Wirtschaftsentwicklung waren der
Infrastrukturausbau, Wohnungsbau sowie der stark gestiegene staatliche und private Konsum. Das
reale Wirtschaftswachstum lag vor dem Krisenjahr 2009 bereits bei fast 10% und erreichte 2011 sogar
55 17,3%. Das BIP konnte seit 2009 deutlich gesteigert und die Inflationsrate seit 2008 erheblich gesenkt
werden [...].
Mit fortschreitender Einbindung der Mongolei in den globalen Markt entstehen mit den großen
Tagebauen zwar punktuell neue prosperierende Standorte, der größte Teil der ländlichen Peripherie
verharrt jedoch in Unterentwicklung. Ein weiteres Schlüsselproblem der Mongolei stellt die
60 zunehmende Zerstörung der natürlichen Umwelt dar. Zu hohe Viehzahlen bei gleichzeitiger
räumlicher Konzentration und fehlendem Weidemanagement, illegaler Raubbau an den Wäldern,
rücksichtslose Ausplünderung der bergbaulichen Ressourcen sowie unkontrolliertes Wachstum von
randstädtischen Jurtensiedlungen ohne umweltschonende Infrastruktur sind die Hauptursachen für das
Entstehen meist irreparabler Umweltschäden wie Landschaftszerstörung, Degradation der Vegetation,
65 Bodenerosion und Kontaminierung von Wasser, Boden und Luft. Obwohl eine umfangreiche
Umweltgesetzgebung vorliegt, ist das Hauptproblem deren Nichtbeachtung sowie die fehlende
Ahndung von Verstößen.
Jörg Janzen: Die Mongolei im Zeichen von Marktwirtschaft und Globalisierung (2012), in: Geographische Rundschau (Heft 12), S. 4–10.
Hinweis
Jurten sind die traditionellen Zelte der Nomaden in West- und Zentralasien.
¹ UdSSR – Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken
Material 5
Daniel Schmücking et al.: Die Bedeutung der Rohstoffe für die Mongolei (2016)
Die Mongolei zählt zu den zehn rohstoffreichsten Ländern der Welt. Das Land verfügt über 6.000
nachgewiesene Rohstofflagerstätten mit über 80 verschiedenen Rohstoffen, darunter Gold, Kupfer,
Kohle, Silber und Uran. Trotz dieses Rohstoffreichtums befindet sich die mongolische Wirtschaft
derzeit in einer schlechten Lage. [...]
5 Seit 2012 [ging] das Wirtschaftswachstum stark zurück. In den letzten Jahrzehnten wurde der Bergbau
stetig bedeutender und ist mittlerweile der Grundpfeiler der mongolischen Wirtschaft. Dies zeigt sich
daran, dass 85% aller Exporte Rohstoffe sind. Der Bergbau machte der Weltbank zufolge ca. 20
Prozent des gesamten mongolischen Bruttoinlandsprodukts aus und mehr als 150.000 Mongolen sind
im Bergbausektor beschäftigt. Obwohl die mongolische Wirtschaft stark vom Bergbau abhängt, ist die
10 Rohstoffpolitik der Regierung nicht von Stabilität und Kontinuität geprägt. Unter anderem führte in
den letzten Jahrzehnten der ständige Wechsel von investitionsfreundlicher und investitionsfeindlicher
Gesetzgebung zu einer nachhaltigen Verunsicherung vieler Anleger. 1997 markierte die
Verabschiedung eines investitionsfreundlichen Bergbaugesetzes zunächst den Beginn reger
Explorationstätigkeiten in der Mongolei. Die Einführung einer Sondergewinnsteuer im Jahr 2006
15 sorgte hingegen für Unmut unter ausländischen Anlegern. Die Annullierung dieses Steuergesetzes
2011 führte wieder zu einem deutlich verbesserten Investitionsklima, das mit dem Gesetz zur
Begrenzung ausländischer Investitionen in strategischen Bereichen 2012 jedoch beinahe umgehend
wieder getrübt wurde. Für den Ausbau des Bergbausektors in der Mongolei sind aus finanziellen
Gründen ausländische Investoren unabdingbar. Sie benötigen jedoch stabile Rahmenbedingungen, die
20 durch die häufigen Änderungen der Gesetzgebung in der mongolischen Rohstoffpolitik aber nicht
gegeben sind.
Daniel Schmücking et al.: Die Rohstoffpolitik der Mongolei am Beispiel der Kohlemine Tawan Tolgoi, Länderbericht Mongolei, Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. (2016), URL: https://www.kas.de/de/laenderberichte/detail/-/content/die-rohstoffpolitik-der-mongolei1 (abgerufen am 20.06.2020).
3
Arbeiten Sie die wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungshemmnisse in der Mongolei heraus. (Material 1–5, Atlas)
[25 BE]
Aufgabe Vorschlag C - 4 · Einbindung in die Weltwirtschaft und Entwicklungsstrategien
Material 1
Klimadiagramme
Daten nach: Deutscher Wetterdienst, 2019, URL: https://www.dwd.de/DWD/klima/beratung/ak/ak_442920_di.pdf, URL: https://www.dwd.de/DWD/klima/beratung/ak/ak_443730_di.pdf (abgerufen am 20.06.2020).
Material 2
Minen und mineralische Vorkommen in der Mongolei (2017)
A. Gantumur et al. (2017): Environmental and social consequences of gold mining in Mongolia, Monitoring Środowiska Przyrodniczego (Heft 19) S. 11–15, URL: https://www.researchgate.net/figure/Major-Operating-Mines-and-Mineral-Deposits-in-Mongolia-Source-Mongolia-A-Review-of_fig1_322128697 (abgerufen am 20.06.2020).
Material 3
Strukturdaten Mongolei 2019
Landesfläche in km² · 1.564.116
Gesamtbevölkerung · 3.300.000
Lebenserwartung bei Geburt in Jahren · 70,5
Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze in % der Gesamtbevölkerung (2018) · 28,4
HDI Wert/Rang (2018) · 0,735/92
BIP in Mrd. US-Dollar · 13,6
BIP/Kopf in US-Dollar · 4.133
Wertschöpfung in % des BIP (2017)
Landwirtschaft
Bergbau
Industrie/Produktion
Dienstleistungen
10,6
22,6
16,8
50,0
Anteil der Beschäftigten in % (2017)
Landwirtschaft
Bergbau
Industrie/Produktion
Dienstleistungen
30,0
4,4
14,0
51,6
Anteil der Beschäftigten im produzierenden Sektor in % · 19,4
Anteil der Beschäftigten im Dienstleistungssektor in % · 53,2
Export in Mrd. US-Dollar
Hauptexportprodukte (2018): Kohle, Metallurgische Erze, Gold, Erdöl/Erdölerzeugnisse, Spinnstoffe
Hauptexportländer (2018): China (89%), Schweiz (5%), Großbritannien (1,3%) · 7,1
Import in Mrd. US-Dollar
Hauptimportprodukte (2018): Erdöl/Erdölerzeugnisse, Straßenfahrzeuge, Maschinen, Metallwaren
Hauptimportländer (2018): China (33,5%), Russland (29,1%), Japan (9,5%), Südkorea (4,5%), USA (3,6%) · 6,3
Stadtbevölkerung in % · 68,5
Korruptionswahrnehmungsindex, Rang (von 180)
Je höher der Rang, umso mehr Korruption ist wahrnehmbar. · 106
Material 4
Jörg Janzen: Die Mongolei im Zeichen von Marktwirtschaft und Globalisierung (2012)
Auf der Grundlage der physischen Rahmenbedingungen und natürlichen Ressourcen haben sich
unterschiedliche Landnutzungsformen entwickelt. Über Jahrtausende bildete im heutigen Gebiet der
Mongolei der Nomadismus die Lebensgrundlage für den Menschen. Obwohl die mobile Tierhaltung
seit Anfang des 20. Jhs. starken Veränderungen unterliegt, stellt sie bis heute in weiten Teilen des
5 ländlichen Raumes die wichtigste Quelle der Existenzsicherung dar [...].
Ackerbauliche Aktivitäten größeren Umfangs gehen erst auf die sowjetische Einflussnahme in der
zweiten Hälfte des 20. Jhs. zurück [...]. Sie haben in den vergangenen Jahren eine deutliche Zunahme
erfahren. Außer den weitläufigen Naturweiden der mongolischen Steppen liegt ein weiterer Reichtum
des Landes in seiner großen Vielfalt an mineralischen und fossilen Bodenschätzen, wie Kohle, Erdöl,
10 Erdgas, Kupfer, Gold, Eisen, Uran, Flussspat und Seltene Erden. Im primären Sektor ist auch die
Forst- und Sammelwirtschaft [...] von Bedeutung. Die überwiegend aus Lärchen bestehenden
Waldgebiete könnten bei nachhaltiger Bewirtschaftung einen Großteil des Holzbedarfs des Landes
decken. [...]
Auch nach der politischen Wende und dem Ende von UdSSR¹ und DDR ist die Mongolei aufgrund
15 ihrer Binnenlage zwischen der Russischen Föderation und der Volksrepublik China politisch wie
wirtschaftlich verletzlich und erpressbar geblieben. Insbesondere eine Einrichtung, die von der UdSSR
gebaute Transmongolische Eisenbahn, die nach wie vor die wichtigste Verkehrsverbindung des
Landes darstellt, kann bei Zwistigkeiten mit China und Russland als Druckmittel gegen die Mongolei
eingesetzt werden. Der bis heute als russisch-mongolisches Joint-Venture betriebenen
20 Eisenbahngesellschaft kann durch Transportbehinderungen aller Art und unangemessene Erhöhungen
der Transitgebühren volkswirtschaftlicher Schaden zugefügt werden. Darüber hinaus gehören bei
politischen Querelen die Abschaltung von Stromlieferungen und die willkürliche Verknappung von
Kraftstoffexporten aus Sibirien zur gängigen Praxis. Da China nach der Wende Russland als
wichtigsten Handelspartner abgelöst hat, ist auch die Abhängigkeit der Mongolei von China extrem
25 angewachsen. Als wichtigster Investor beeinflusst China in erheblichem Maße die Preisgestaltung der
mongolischen Rohstoffe. Das gilt vor allem für Kaschmir-Wolle, das wichtigste Verkaufsgut der
mongolischen Tierhalter. Um die große Abhängigkeit von seinen mächtigen Nachbarn zu verringern,
unterhält die Mongolei im Rahmen einer ausgewogenen Außenpolitik gute politische und
wirtschaftliche Beziehungen insbesondere zu den USA, aber auch zu Japan, der Türkei, Indien und zur
30 Europäischen Union, hierbei vor allem zu Deutschland. Seit dem Ende des Sozialismus ist die
Mongolei zusätzlich zu den Altschulden bei der Russischen Föderation in eine starke finanzielle
Abhängigkeit von internationalen Organisationen wie Internationalem Währungsfond, Weltbank,
Asiatischer Entwicklungsbank, Europäischer Union und anderen nationalen Geldgebern geraten. [...]
Nach der politischen Wende von 1989/90 und dem ökonomischen Zusammenbruch eines Großteils der
35 Staatsbetriebe und Kollektivwirtschaften erfolgte in den 1990er Jahren die Auflösung und
Privatisierung dieser Unternehmen. Das war eine wichtige Voraussetzung für einen wirtschaftlichen
Neuanfang in der Mongolei. Insbesondere die Aufteilung der kollektiv gehaltenen Tierbestände unter
allen Mitgliedern der viehwirtschaftlichen Vereinigungen bereits Anfang der 1990er Jahre sicherte die
Ernährung der Land- und auch großer Teile der Stadtbevölkerung. Die wirtschaftliche Erholung
40 verlief in den 1990er Jahren jedoch schleppend, da in den neu gegründeten Privatfirmen
marktwirtschaftliches Knowhow, Zugang zum Weltmarkt und ausreichendes Kapital fehlten. Ein
großes Problem stellten das Wegbrechen des sowjetischen Marktes und das Fehlen von
Alternativmärkten dar. Daraus resultierte, dass zahlreiche Betriebe schon nach kurzer Zeit bankrott
gingen. Erschwert wurde die wirtschaftliche Erholung auch dadurch, dass kaum inländische und noch
45 weniger ausländische Investoren vorhanden waren, die das Risiko eingehen wollten, vor allem in den
produktiven Wirtschaftssektoren zu investieren. Das hatte zur Folge, dass die Mongolei immer
weniger Fertigprodukte herstellte und zu einem Lieferanten von tierischen und mineralischen
Rohstoffen abstieg. Dadurch war die junge Demokratie den damals starken Preisschwankungen
insbesondere bei Kaschmirwolle und Metallen ausgesetzt. [...] Seit der Jahrtausendwende hat sich die
50 wirtschaftliche Situation insgesamt deutlich verbessert, was in erster Linie auf die Investitionen im
boomenden Bergbausektor und den Höhenflug der Rohstoffpreise an den internationalen Märkten
zurückzuführen ist [...]. Weitere wichtige Motoren für die positive Wirtschaftsentwicklung waren der
Infrastrukturausbau, Wohnungsbau sowie der stark gestiegene staatliche und private Konsum. Das
reale Wirtschaftswachstum lag vor dem Krisenjahr 2009 bereits bei fast 10% und erreichte 2011 sogar
55 17,3%. Das BIP konnte seit 2009 deutlich gesteigert und die Inflationsrate seit 2008 erheblich gesenkt
werden [...].
Mit fortschreitender Einbindung der Mongolei in den globalen Markt entstehen mit den großen
Tagebauen zwar punktuell neue prosperierende Standorte, der größte Teil der ländlichen Peripherie
verharrt jedoch in Unterentwicklung. Ein weiteres Schlüsselproblem der Mongolei stellt die
60 zunehmende Zerstörung der natürlichen Umwelt dar. Zu hohe Viehzahlen bei gleichzeitiger
räumlicher Konzentration und fehlendem Weidemanagement, illegaler Raubbau an den Wäldern,
rücksichtslose Ausplünderung der bergbaulichen Ressourcen sowie unkontrolliertes Wachstum von
randstädtischen Jurtensiedlungen ohne umweltschonende Infrastruktur sind die Hauptursachen für das
Entstehen meist irreparabler Umweltschäden wie Landschaftszerstörung, Degradation der Vegetation,
65 Bodenerosion und Kontaminierung von Wasser, Boden und Luft. Obwohl eine umfangreiche
Umweltgesetzgebung vorliegt, ist das Hauptproblem deren Nichtbeachtung sowie die fehlende
Ahndung von Verstößen.
Jörg Janzen: Die Mongolei im Zeichen von Marktwirtschaft und Globalisierung (2012), in: Geographische Rundschau (Heft 12), S. 4–10.
Hinweis
Jurten sind die traditionellen Zelte der Nomaden in West- und Zentralasien.
¹ UdSSR – Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken
Material 5
Daniel Schmücking et al.: Die Bedeutung der Rohstoffe für die Mongolei (2016)
Die Mongolei zählt zu den zehn rohstoffreichsten Ländern der Welt. Das Land verfügt über 6.000
nachgewiesene Rohstofflagerstätten mit über 80 verschiedenen Rohstoffen, darunter Gold, Kupfer,
Kohle, Silber und Uran. Trotz dieses Rohstoffreichtums befindet sich die mongolische Wirtschaft
derzeit in einer schlechten Lage. [...]
5 Seit 2012 [ging] das Wirtschaftswachstum stark zurück. In den letzten Jahrzehnten wurde der Bergbau
stetig bedeutender und ist mittlerweile der Grundpfeiler der mongolischen Wirtschaft. Dies zeigt sich
daran, dass 85% aller Exporte Rohstoffe sind. Der Bergbau machte der Weltbank zufolge ca. 20
Prozent des gesamten mongolischen Bruttoinlandsprodukts aus und mehr als 150.000 Mongolen sind
im Bergbausektor beschäftigt. Obwohl die mongolische Wirtschaft stark vom Bergbau abhängt, ist die
10 Rohstoffpolitik der Regierung nicht von Stabilität und Kontinuität geprägt. Unter anderem führte in
den letzten Jahrzehnten der ständige Wechsel von investitionsfreundlicher und investitionsfeindlicher
Gesetzgebung zu einer nachhaltigen Verunsicherung vieler Anleger. 1997 markierte die
Verabschiedung eines investitionsfreundlichen Bergbaugesetzes zunächst den Beginn reger
Explorationstätigkeiten in der Mongolei. Die Einführung einer Sondergewinnsteuer im Jahr 2006
15 sorgte hingegen für Unmut unter ausländischen Anlegern. Die Annullierung dieses Steuergesetzes
2011 führte wieder zu einem deutlich verbesserten Investitionsklima, das mit dem Gesetz zur
Begrenzung ausländischer Investitionen in strategischen Bereichen 2012 jedoch beinahe umgehend
wieder getrübt wurde. Für den Ausbau des Bergbausektors in der Mongolei sind aus finanziellen
Gründen ausländische Investoren unabdingbar. Sie benötigen jedoch stabile Rahmenbedingungen, die
20 durch die häufigen Änderungen der Gesetzgebung in der mongolischen Rohstoffpolitik aber nicht
gegeben sind.
Daniel Schmücking et al.: Die Rohstoffpolitik der Mongolei am Beispiel der Kohlemine Tawan Tolgoi, Länderbericht Mongolei, Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. (2016), URL: https://www.kas.de/de/laenderberichte/detail/-/content/die-rohstoffpolitik-der-mongolei1 (abgerufen am 20.06.2020).
4
Entwerfen Sie konkrete Handlungsoptionen des Staates, mit denen sich die Mongolei nachhaltig entwickeln kann.
[25 BE]
Aufgabe Vorschlag D - 1.1 (Entwicklung Singapurs) · Einbindung in die Weltwirtschaft und Entwicklungsstrategien
Vorschlag D · Singapur – ein Vorbild für nachhaltige Stadtentwicklung?
1.1
Beschreiben Sie die Entwicklung des Stadtstaats Singapur von 1978 bis heute. (Material 1–2, Atlas) [25 BE]
Aufgabe Vorschlag D - 1.2 (Entwicklungsstand) · Globale Disparitäten, Entwicklungsstand und Nachhaltigkeitsziele
1.2
Ordnen Sie Singapur begründet einen Entwicklungsstand zu. (Material 2–3)
(10 BE)
Aufgabe Vorschlag D - 2 · Globale Disparitäten, Entwicklungsstand und Nachhaltigkeitsziele
2 Arbeiten Sie Entwicklungschancen bzw. -hemmnisse für Singapur heraus.
(Material 1–3, Atlas) [25 BE]
Aufgabe Vorschlag D - 3.1 (UN-Nachhaltigkeitsziele) · Globale Disparitäten, Entwicklungsstand und Nachhaltigkeitsziele
3.1
Skizzieren Sie die Grundgedanken der UN-Ziele einer nachhaltigen Entwicklung 2030. (Material 7) [10 BE]
Aufgabe Vorschlag D - 3.2 (Singapur als nachhaltige Stadt) · Stadtentwicklung, Gentrifizierung und nachhaltige Stadt
3.2 Stellen Sie Singapurs Nachhaltigkeitsstrategien dem Ziel 11 der UN-Ziele einer nachhaltigen Entwicklung 2030 gegenüber und diskutieren Sie die These: Singapur ist als Vorbild für eine nachhaltige Stadt geeignet. (Material 1–8) [30 BE]
a)
b)
Du kannst auch nach Themen lernen
Übe ein Thema mit gemischten Aufgaben aus den Prüfungen aller Jahre.
- Globale Disparitäten, Entwicklungsstand und Nachhaltigkeitsziele · 9 Aufgaben · 80 % Wahrscheinlichkeit
- Rohstoffe: Erschließung, Abbau und Strategien gegen Knappheit · 9 Aufgaben · 80 % Wahrscheinlichkeit
- Stadtentwicklung, Gentrifizierung und nachhaltige Stadt · 7 Aufgaben · 70 % Wahrscheinlichkeit
- Landwirtschaft in Industrieländern und nachhaltige Bewirtschaftung · 4 Aufgaben · 60 % Wahrscheinlichkeit
- Regionale Disparitäten in Europa und Raumordnung · 3 Aufgaben · 60 % Wahrscheinlichkeit
- Einbindung in die Weltwirtschaft und Entwicklungsstrategien · 4 Aufgaben · 55 % Wahrscheinlichkeit