Aufgabe Vorschlag B - 2.2 (Grüne Gentrifizierung) · Abitur Hessen Erdkunde GK 2021

Thema: Stadtentwicklung, Gentrifizierung und nachhaltige Stadt · Aus der Prüfung GK (2021)

Aufgabenstellung

Material 1

Urban Farming in New York City (2017)

Urbanes Gärtnern (urban farming) erfreut sich in New York City wachsender Beliebtheit. Nicht nur Bewohner bauen Lebensmittel für den Eigenverbrauch an, auch kommerzielle Akteure wie Supermarktketten sehen einen Mehrwert in der Direktvermarktung lokal produzierter Lebensmittel. Die Global City blickt auf eine bewegte Vergangenheit des urbanen Gärtnerns zurück: Was mit Ernährungssicherheit während der Weltkriege begann, ist heute einem Akteursfeld von Nachbarschaftsgärten, Dachgärten und kommerziellen Praktiken eines nachhaltigen urbanen Lebensstils gewichen. In einem der angespanntesten Wohnungsmärkte Nordamerikas eröffnet sich die Möglichkeit, soziale und ökologische Intentionen für ökonomische Verwertungsinteressen einzusetzen. [...]

Stadtgärten, die nicht nur zur Verschönerung, sondern auch zur Nahrungsmittelselbstversorgung dienen, basieren damals wie heute auf dem Wunsch nach Unabhängigkeit. Während in der Vergangenheit die Bekämpfung eines akuten Nahrungsmangels angestrebt wurde, trägt heute die soziale Komponente gemeinsamer Aktivität im Freien zur individuellen Lebensqualität in der Großstadt bei. Außerdem gewinnen Glaubwürdigkeit und Vertrauen in die Lebensmittelqualität zunehmend an Bedeutung. Urbanes Gärtnern ist somit emanzipatorisch im Sinne einer urbanen Resilienz 1. Es beinhaltet die Aspekte der Nahrungsmittelsicherheit in Krisenzeiten, des Bildungszugangs und -erwerbs, der individuellen Mitwirkungsmöglichkeiten und sozialen Interaktion sowie der Interessens- und Lebensstilverwirklichung. [...] New York City hat heute das größte städtische Landwirtschaftssystem der Vereinigten Staaten. Mit aktuell ca. 600 Nachbarschaftsgärten sowie weiteren 700 Gärten im öffentlichen Wohnungsbau [...], die kürzlich um vier neue Stadtfarmen und einem mehr als 700 km² großen Hydrokulturgewächshaus ergänzt wurden, wird deutlich, dass auch in stark verdichteten urbanen Umgebungen der Zugang zu grünen Flächen möglich ist.

1 Resilienz – die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen

Yvonne Franz: Urban farming in New York – von Ernährungssicherheit zur „Grünen Gentrifizierung“?, in: Geographische Rundschau (Heft 11) 2017, S. 18–23.

Material 2

Ziele und Effekte ausgewählter Projekte (2017)

Urbanes Gärtnern in New York City hat viele Facetten. Das Akteursfeld beinhaltet nicht nur selbstorganisierte Projekte, die aus bildungs- oder ernährungspolitischer Motivation heraus Farmen sowie Stadt- oder Dachgärten betreiben. Auch kommerzielle Akteure wie Biosupermärkte oder die gehobene Gastronomie verfolgen die Versorgung der Stadtbevölkerung mit lokalen Produkten. Basierend auf einer Auswahl von EcoWatch (2013) werden zehn ausgewählte Projekte des urban gardening in New York City hinsichtlich ihrer Ziele gegenübergestellt und potenzielle Effekte für den Stadtteil abgeleitet. In dieser Auswahl sind sechs gemeinschaftliche (non-for-profit) Initiativen inklusive der Stadtgärten und -farmen des Green Thumb Program der städtischen Parkverwaltung sowie vier kommerzielle (for-profit) Projekte enthalten. [...]

Vor allem die nicht-kommerziell orientierten Akteure stellen soziale und bildungspolitische Ziele in den Vordergrund ihrer Aktivitäten. Dies beinhaltet die Einbindung der Bewohner vor Ort unter Berücksichtigung marginalisierter Gruppen sowie die bildungspolitische Zielvorgabe, Bewusstseinsbildung und kritische Selbsthilfe für einen Zugang zu frischen und schadstofffreien Lebensmitteln zu schaffen. Ökologische Ziele wie die Versorgung mit lokalen Lebensmitteln oder die Verbesserung des Mikroklimas in der Stadt finden sich fast ausnahmslos in allen Projekten wieder. Dies steht konträr zu ökonomischen Zielen, die ausschließlich von for-profit Akteuren formuliert werden. Dazu zählen die kommerzielle Verwertung lokal angebauter Lebensmittel auf Bauernmärkten und in Biosupermärkten, aber auch die Erschließung neuer Konsumenten- und Produzentenmärkte durch Gastronomiekooperationen oder Verkauf „aus dem Gewächshaus heraus“ (z.B. der Konzern Whole Foods Market Inc.). Dies entspricht der Nachfrage einer urbanen Bevölkerung mit dem Anspruch eines nachhaltigen Lebensstils.

Yvonne Franz: Urban farming in New York – von Ernährungssicherheit zur „Grünen Gentrifizierung“?, in: Geographische Rundschau (Heft 11) 2017, S. 18–23.

Material 3

Grüne Gentrifizierung? (2017)

Gegenwärtig zeigt sich die Tendenz, dass nicht nur die Nähe zu attraktiven Freiräumen oder das urbane Image von Stadtfarmen als Standortqualität vermarktet werden. Auch Investitionen in neue grüne Infrastrukturen werden aus ökonomischen Verwertungsinteressen getätigt. Internationale Unternehmen wie IKEA oder Whole Foods Market Inc. investieren Millionen in New York City, um attraktiven Freiraum (z.B. die IKEA-Filiale in Red Hook an der Upper Bay in Brooklyn) oder einen Vorzeigebiosupermarkt mit eigener Gewächshausproduktion (z.B. Whole-Foods-Filiale in Brooklyn) zu schaffen. In diesem Zusammenhang wird der Begriff der green gentrification verwendet, um den Prozess zu benennen, dass wohlhabendere Bevölkerungsgruppen durch das Schaffen ökologischer Annehmlichkeiten in ehemals unattraktive Stadtteile ziehen.

Yvonne Franz: Urban farming in New York – von Ernährungssicherheit zur „Grünen Gentrifizierung“?, in: Geographische Rundschau (Heft 11) 2017, S. 18–23.

Material 4

Urban farming in NY

Die Smiling Hogshead Ranch liegt in Long Island City in Queens und wird ehrenamtlich betrieben. Sie wurde 2011 eröffnet und hat keine kommerziellen Interessen.

URL: https://www.atlasobscura.com/places/smiling-hogshead-ranch (abgerufen am 21.09.2020).

Material 5

Urbane Landwirtschaft in Entwicklungsländern (2011)

Dass auch auf kleinsten Flächen profitabel produziert werden kann, zeigt die urbane Landwirtschaft. Sie gilt als Überlebensstrategie für arme und einkommensschwache Haushalte in den Städten, um Nahrungsengpässe auszugleichen und wird als Beitrag zur Hungerbekämpfung immer wichtiger. Auch wenn Nahrungsmittel in stadtnahen ländlichen Regionen produziert werden, müssen sie in die Zentren geliefert werden, was ihren Preis deutlich steigert. Stadtbewohner, die Zugang zu brachliegenden Flächen haben oder kleine Gärten nutzen, können zumindest einen Teil ihrer Lebensmittel, meist Gemüse, selbst produzieren.

Die urbane Landwirtschaft verwendet unkonventionelle Anbaumethoden – mitunter sind ihre „Felder“ mobil, weil etwa Tomaten oder Kräuter auch in einfachen Plastikbehältern oder mit Erde gefüllten Säcken wachsen. Ackerflächen sind nicht notwendig und machen die Erzeugung unabhängig von Bodenbesitz. Die Produzenten, oft Frauen oder Jugendliche, betreiben die Nahrungsmittelproduktion als Nebenerwerb und arbeiten hauptsächlich als Tagelöhner oder Händler. Manchmal wird neben dem Anbau von Kräutern und Gemüse Kleinvieh gehalten, Hühner oder Schweine. Der Verkauf auf lokalen Märkten in der Nachbarschaft wird selbst organisiert. Dies gilt auch für die Hausgärten der Landlosen im ländlichen Raum.

Beispiel: Urbane Landwirtschaftsförderung in Liberia

Die Welthungerhilfe unterstützt 1.500 Kleinproduzenten im Großraum Monrovia, der Hauptstadt von Liberia, wo nach langen Jahren des Bürgerkriegs viele innerstädtische Flächen brachliegen und wieder nutzbar gemacht werden sollen. Die städtische Landwirtschaft soll dort in einen Flächennutzungsplan integriert und auf lokaler wie nationaler Ebene verankert werden. Das klärt die Besitzverhältnisse und schafft Nutzflächen für die urbanen Bauernfamilien. In den neu angelegten Hausgärten und nahen Feldern wachsen Gemüse, Obst und Kräuter für den Eigenbedarf oder den lokalen Markt. Einige Familien halten Kleinvieh. Die Produzenten werden in Betriebsführung und Vermarktung unterrichtet und unterstützt. Der Eigenverbrauch wie auch das Nebeneinkommen durch den Anbau tragen zur Sicherung der Ernährung bei. Jugendliche erhalten Jobs und werden in soziale Strukturen eingebunden.

Lioba Weingärtner, Claudia Trentmann: Handbuch Welternährung, Deutsche Welthungerhilfe e.V., 2011.

Material 6

Urban farming in Entwicklungsländern (2013)

Hinweise

A: Anteil der Haushalte mit städtischer Landwirtschaft (in %)

B: Anteil des Haushaltseinkommens aus städtischer Landwirtschaft am Gesamthaushaltseinkommen

Klaus Claaßen: Diercke spezial – Die Stadt, 2013.

2.2 Erklären Sie das Verlaufsmodell der Gentrifizierung und ordnen Sie begründet die „Grüne Gentrifizierung“ einer Phase des Modells zu. (Material 1–4) [25 BE]

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag B - 2.2 (Grüne Gentrifizierung) · Abitur Hessen Erdkunde GK 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2.2 Erklären Sie das Verlaufsmodell der Gentrifizierung und ordnen Sie begründet die „Grüne Gentrifizierung“ einer Phase des Modells zu.

Lösung: Verlaufsmodell der Gentrifizierung: - Aufwertungsprozesse innerstädtischer Stadtviertel in Industrieländern. - Phase I (Invasionsphase I der Pioniere): Zuzug von Studenten, Alternativen und Künstlern (Pioniere) in heruntergekommene, günstige Altbauviertel. - Phase II (Invasionsphase II der Pioniere / Phase I der Gentrifier): Pioniere renovieren Gebäude, verändern Infrastruktur (neue Gastronomie, Kultur, alternative Geschäfte); Stadtteil wird zum Szeneviertel. - Phase III (Invasionsphase II der Gentrifier): Erste einkommensstärkere Gruppen (Gentrifier) interessieren sich für das Viertel; Pioniere etablieren sich beruflich. - Phase IV/V (Invasionsphase III der Gentrifier): Makler und Spekulanten investieren intensiv in Sanierung; Mieten steigen drastisch; Verdrängung der einkommensschwachen Stammbevölkerung und früherer Pioniere. - Ziel: Aufwertung und Modernisierung, führt aber zur Veränderung der Sozialstruktur (höheres Einkommen, höhere Bildung). Einordnung der „Grünen Gentrifizierung“: - Definition: Zuzug wohlhabender Bevölkerungsgruppen aufgrund der Schaffung ökologischer Annehmlichkeiten (Grünflächen, Gärten, Bio-Supermärkte) in ehemals unattraktive Stadtviertel. - Investitionen in grüne Infrastruktur schaffen ein neues Stadtteilimage mit Pull-Effekt auf einkommensstarke Bewohner mit nachhaltigem Lebensstil. - Zuordnung: Entspricht den Invasionsphasen II und III der Gentrifier, da professionelle Investoren (z. B. IKEA, Whole Foods) und wohlhabende Konsumenten den Raum ökonomisch inwertsetzen und die Verdrängung beschleunigen.

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