Abitur NRW Soziologie 2021 · LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg)

Abiturprüfung Soziologie in Nordrhein-Westfalen 2021, LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg): 10 Aufgaben mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.

Themen der Prüfung: Sozialisation, Identität, Gruppen und abweichendes Verhalten · Rollentheorien und Rollenkonflikte · Wertewandel und Individualisierung · Wandel von Familie, Lebensformen und Arbeitswelt · Soziale Ungleichheit: Dimensionen, Modelle und Armut · Sozialstaat und soziale Sicherung

Aufgabe 1 - Wertewandel und Individualisierung · Wertewandel und Individualisierung

Teresa Bücker

Ist es radikal, ein Kind ohne Partner zu bekommen?

[...] Wie wir Familie leben werden, ist durch das Kleinfamilienideal sehr klar vorgezeich-

net. Alles andere gilt als Abweichung. [...] Was wäre ungewöhnlich daran, sich allein für

ein Kind zu entscheiden? Schließlich sind alleinerziehende Eltern keine Seltenheit. Mehr

als 2,6 Millionen Erwachsene, davon neunzig Prozent Frauen, leben in Deutschland als Ein-

5 Eltern-Familien mit Kindern in einem Haushalt. Das ist rund jede fünfte aller derzeitigen

Familien. Trotzdem ist unsere Gesellschaft nicht auf die Bedürfnisse dieser Lebensgemein-

schaften eingestellt. Wer Kinder allein erzieht, hat mit mehr als 30 Prozent ein doppelt so

hohes Risiko, in Armut zu geraten, wie der Bevölkerungsdurchschnitt. Wer würde sich schon

bewusst dafür entscheiden, wenn doch ein anderes Familienmodell mit hoher Wahrscheinlich-

10 keit ein Leben mit weniger finanziellen Sorgen verspricht? Eines, in dem man den eigenen

Kindern „mehr bieten“ kann, und ab und zu auch mal durchatmen? Alleinerziehende treffen

zudem negative Stereotype: verlassen, verbittert, überfordert. Daher nennen sich Frauen, die

bewusst ohne Partner*in ein Kind großziehen, auch selten alleinerziehend, sondern zum Bei-

spiel Single- oder Solo-Mama. Das ist die Empowerment 1 -Version der Alleinerziehenden:

15 Der Modus der Elternschaft soll frei gewählt sein, man ist unabhängig, glücklich und kein

Sozialfall. [...]

[Die] freiwillig Alleinerziehenden treffen [auf] Vorurteile, die ihnen ihr Elternglück abspre-

chen wollen: Die haben doch keine*n abbekommen, oder: Das ist egoistisch, sie enthalten

dem Kind eine normale Familie vor! Viele können sich nicht vorstellen, dass Menschen die

20 Solo-Elternschaft ohne Not frei wählen, das ist unsere patriarchale Prägung. Auf die Klein-

familie zu verzichten, als Frau ohne männlichen Partner ein Kind zu bekommen und damit

die vorsorgende Funktion des Mannes in Frage zu stellen, weicht ab von dem, was viele Men-

schen als die Idee eines gelungenen Lebens kennengelernt haben. Aber vor allem fordert es

die gesellschaftlichen Strukturen heraus – ganz besonders die Wirtschaft, die sich darauf ver-

25 lässt, dass die Kleinfamilie weiterhin in Manier der Heinzelmännchen 2 die unbezahlte Care-

Arbeit 3 übernimmt. Denn eine Wirtschaft, die sich um die zeitliche Verfügbarkeit von Allein-

erziehenden und die Bedürfnisse dieser Familienform herum strukturieren würde, wäre eine

gänzlich andere als die, die wir kennen. Politik, die Ein-Eltern-Familien angemessen berück-

sichtigen und aufgrund ihrer Vulnerabilität 4 besonders unterstützen würde, hätte schon lange

30 die Steuerklassen so reformiert, dass Alleinerziehende die höchste Entlastung erhalten wür-

den und nicht Ehepaare, unabhängig davon, ob diese Kinder haben oder nicht. Aktuell wer-

den Alleinerziehende jedoch in allen gesellschaftlichen Bereichen so behandelt, als wären sie

eine Ausnahmeerscheinung, als wäre das Leben als Single-Elternteil etwas rasch Vorüberge-

hendes und als würden sich all diese Familien danach sehnen, in die Schablone einer Klein-

35 familie zu passen, die in der Realität immer seltener so existiert.

Denn trotz schwieriger Umstände für Alleinerziehende trennen sich Paare mit Kindern heute

eher als früher, und Scheidungen werden in etwas mehr als der Hälfte der Fälle von Frauen

eingereicht. Das kann auch als gesellschaftlicher Fortschritt gewertet werden, als Ausdruck

von Emanzipation und zunehmender Gleichberechtigung: Alleinerziehende müssen nicht ver-

40 bittert und verlassen sein, sondern können diesen Schritt selbstbestimmt gewählt haben, sich

danach erleichtert fühlen und zufriedener leben als in ihrer vorigen Beziehung. Alleinerzie-

hend zu sein verliert zum Glück nach und nach sein Stigma, und weniger Frauen sind finan-

ziell abhängig von einer Versorgerehe – oder sie entscheiden sich trotz geringen eigenen Ein-

kommens für diesen Schritt. Mit der Reduzierung des Stigmas, alleinerziehend zu sein, er-

45 scheint die Idee, sich als alleinstehende Person für die Single-Elternschaft zu entscheiden,

zumindest nicht mehr als bewusster Schritt ins soziale Abseits. [...]

Der Kinderwunsch ohne Partner*in wird bislang eher als Thema von cis 5 -Frauen und Men-

schen, die schwanger werden können, verhandelt. Zum einen, da ein Kind selbst zu gebären,

als einfachster Weg zur Familie gesehen wird – auch wenn das nicht immer zutreffen muss.

50 Zum anderen ist der Wunsch nach Kindern zwischen den Geschlechtern asymmetrisch ver-

teilt. Frauen wünschen sich im Schnitt häufiger und eher Nachwuchs und möchten zudem oft

mehr Kinder haben als Männer das wollen. Laut „Generations and Gender Survey 6 “ gaben

unter den befragten deutschen Singles 67 Prozent der Männer an, keine Kinder haben zu wol-

len, aber nur 26 Prozent der Frauen. Auch in Partnerschaften und Ehen geben mehr Männer

55 an, kinderlos bleiben zu wollen. Frauen wünschen sich zudem häufiger drei Kinder als Män-

ner, die mehrheitlich ein bis zwei Kinder als ihren Wunsch angeben. [...]

Männer sollten nicht erwarten, dass Frauen mit ihrem Kinderwunsch auf sie warten, auch

wenn genau das die aktuelle gesellschaftliche Realität ist. „Social Freezing“, das Einfrieren

von Eizellen, um sie zu einem späteren Zeitpunkt befruchten zu lassen und damit schwanger

60 zu werden, ist als neue kulturelle Praxis als Reaktion entstanden – sowohl auf die zeitliche

Bereitschaft von Männern, Vater zu werden, als auch auf die mächtige Norm der Kleinfami-

lie, die Frauen dazu nötigt, auf das ideale zweite Elternteil zu warten. [...]

Ein Kind zu wollen um des Kindes selbst willen kann auch ein Impuls für eine gleichberech-

tigte Elternschaft sein. Denn wenn bei einer Person der Kinderwunsch sehr viel stärker aus-

65 geprägt ist als bei der anderen und die Entscheidung für ein Kind das Ergebnis einer langen

Verhandlung ist, die von einer Person nur halbherzig mitgetragen wird, könnte ein Effekt

davon sein, dass dieser Mensch sich weniger verantwortlich für das Kind fühlen wird. Ist

eine Paarbeziehung zwischen zwei Menschen der richtige Ort für ein Kind, wenn nur eine

Person dieses Kind wirklich will?

70 Immer wieder und in den Corona-Monaten noch einmal mehr wird darüber diskutiert, warum

Frauen im Schnitt so viel mehr Care-Arbeit rund um ihre Kinder übernehmen als die dazu-

hörigen Väter: Sie nehmen längere Elternzeiten, sie arbeiten mit einem riesigen Vorsprung

in den familienfreundlicheren Teilzeitjobs, und selbst wenn sie in Vollzeit arbeiten, verbrin-

gen sie daneben nachweislich mehr Zeit mit den Kindern als die in Vollzeit arbeitenden Väter.

75 Könnte es sein, dass in vielen Mann-Frau-Konstellationen die gleichberechtigte Elternschaft

nie der Plan war oder sie zumindest dadurch erschwert wird, dass eine Person einen größeren

Wunsch nach dem Leben mit Kindern hatte als die andere – und sich dementsprechend mehr

kümmern möchte oder diese Rolle zumindest zähneknirschend annimmt?

Die traditionelle Kleinfamilie – hetero, cis, verheiratet – erodiert schon lange, und das nicht

80 nur, weil sich die Akzeptanz anderer Lebensmodelle vergrößert hat, sondern auch, weil sie

die vielfältigen Bedürfnisse von Kindern und Erwachsenen nicht erfüllen kann. Sie scheitert

nicht an zu wenig Liebe, sondern am Alltag. Sie wird oft nicht von Zuneigung zusammen-

gehalten, sondern von wirtschaftlicher Notwendigkeit. Die Kleinfamilie stabilisiert Geschlech-

terungleichheit und ist als Ort, an dem überwiegend Frauen jeden Tag viele Stunden unbe-

85 zahlter Arbeit übernehmen, immanenter Bestandteil der gegenwärtigen Wirtschaft. Daher

haben Politik, Unternehmen, Menschen, die Gesellschaft und Wirtschaft so bewahren wollen,

wie sie sind, auch kein Interesse daran, das Ideal der Kleinfamilie in Frage zu stellen. Im

Gegenteil: Sowohl politische Regelungen als auch wirtschaftliche Rahmenbedingungen tra-

gen dazu bei, dass die heteronormative 7 Kleinfamilie das kulturelle Leitbild bleibt. [...]

Zur Autorin:

Teresa Bücker, geb. 1984, ist Journalistin, die u. a. im SZ-Magazin eine vierzehntägig erscheinende Kolumne veröffentlicht.

1 Empowerment: Selbstwertsteigerung oder auch Selbstermächtigung

2 Heinzelmännchen: einer Sage nach fleißige Hausgeister, die nachts, wenn die Bürger schliefen, deren Arbeit erledigten

3 Care-Arbeit: Tätigkeiten des Sichkümmerns, z. B. Fürsorge-, Pflege- und Erziehungsaufgaben

4 Vulnerabilität: Verletzlichkeit

5 cis: bezeichnet die Übereinstimmung von Geschlechtsidentität und dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht

6 Generations and Gender Survey: internationale Studie

7 Das heteronormative Geschlechtermodell geht von einer heterosexuellen Geschlechtereinteilung in Mann und Frau aus und sieht diese Vorstellung als „normal“ an.

1. Analysieren Sie, was die Autorin zum Thema Solo-Elternschaft ausführt. Erläutern Sie in diesem Zusammenhang, welche Veränderungen von Wertorientierungen und Geschlechterrollen dahinterstehen. [30 Punkte]

Aufgabe 1 - Sozialisation, Identität, Gruppen und… · Sozialisation, Identität, Gruppen und abweichendes Verhalten

Teresa Bücker

Ist es radikal, ein Kind ohne Partner zu bekommen?

[...] Wie wir Familie leben werden, ist durch das Kleinfamilienideal sehr klar vorgezeich-

net. Alles andere gilt als Abweichung. [...] Was wäre ungewöhnlich daran, sich allein für

ein Kind zu entscheiden? Schließlich sind alleinerziehende Eltern keine Seltenheit. Mehr

als 2,6 Millionen Erwachsene, davon neunzig Prozent Frauen, leben in Deutschland als Ein-

5 Eltern-Familien mit Kindern in einem Haushalt. Das ist rund jede fünfte aller derzeitigen

Familien. Trotzdem ist unsere Gesellschaft nicht auf die Bedürfnisse dieser Lebensgemein-

schaften eingestellt. Wer Kinder allein erzieht, hat mit mehr als 30 Prozent ein doppelt so

hohes Risiko, in Armut zu geraten, wie der Bevölkerungsdurchschnitt. Wer würde sich schon

bewusst dafür entscheiden, wenn doch ein anderes Familienmodell mit hoher Wahrscheinlich-

10 keit ein Leben mit weniger finanziellen Sorgen verspricht? Eines, in dem man den eigenen

Kindern „mehr bieten“ kann, und ab und zu auch mal durchatmen? Alleinerziehende treffen

zudem negative Stereotype: verlassen, verbittert, überfordert. Daher nennen sich Frauen, die

bewusst ohne Partner*in ein Kind großziehen, auch selten alleinerziehend, sondern zum Bei-

spiel Single- oder Solo-Mama. Das ist die Empowerment 1 -Version der Alleinerziehenden:

15 Der Modus der Elternschaft soll frei gewählt sein, man ist unabhängig, glücklich und kein

Sozialfall. [...]

[Die] freiwillig Alleinerziehenden treffen [auf] Vorurteile, die ihnen ihr Elternglück abspre-

chen wollen: Die haben doch keine*n abbekommen, oder: Das ist egoistisch, sie enthalten

dem Kind eine normale Familie vor! Viele können sich nicht vorstellen, dass Menschen die

20 Solo-Elternschaft ohne Not frei wählen, das ist unsere patriarchale Prägung. Auf die Klein-

familie zu verzichten, als Frau ohne männlichen Partner ein Kind zu bekommen und damit

die vorsorgende Funktion des Mannes in Frage zu stellen, weicht ab von dem, was viele Men-

schen als die Idee eines gelungenen Lebens kennengelernt haben. Aber vor allem fordert es

die gesellschaftlichen Strukturen heraus – ganz besonders die Wirtschaft, die sich darauf ver-

25 lässt, dass die Kleinfamilie weiterhin in Manier der Heinzelmännchen 2 die unbezahlte Care-

Arbeit 3 übernimmt. Denn eine Wirtschaft, die sich um die zeitliche Verfügbarkeit von Allein-

erziehenden und die Bedürfnisse dieser Familienform herum strukturieren würde, wäre eine

gänzlich andere als die, die wir kennen. Politik, die Ein-Eltern-Familien angemessen berück-

sichtigen und aufgrund ihrer Vulnerabilität 4 besonders unterstützen würde, hätte schon lange

30 die Steuerklassen so reformiert, dass Alleinerziehende die höchste Entlastung erhalten wür-

den und nicht Ehepaare, unabhängig davon, ob diese Kinder haben oder nicht. Aktuell wer-

den Alleinerziehende jedoch in allen gesellschaftlichen Bereichen so behandelt, als wären sie

eine Ausnahmeerscheinung, als wäre das Leben als Single-Elternteil etwas rasch Vorüberge-

hendes und als würden sich all diese Familien danach sehnen, in die Schablone einer Klein-

35 familie zu passen, die in der Realität immer seltener so existiert.

Denn trotz schwieriger Umstände für Alleinerziehende trennen sich Paare mit Kindern heute

eher als früher, und Scheidungen werden in etwas mehr als der Hälfte der Fälle von Frauen

eingereicht. Das kann auch als gesellschaftlicher Fortschritt gewertet werden, als Ausdruck

von Emanzipation und zunehmender Gleichberechtigung: Alleinerziehende müssen nicht ver-

40 bittert und verlassen sein, sondern können diesen Schritt selbstbestimmt gewählt haben, sich

danach erleichtert fühlen und zufriedener leben als in ihrer vorigen Beziehung. Alleinerzie-

hend zu sein verliert zum Glück nach und nach sein Stigma, und weniger Frauen sind finan-

ziell abhängig von einer Versorgerehe – oder sie entscheiden sich trotz geringen eigenen Ein-

kommens für diesen Schritt. Mit der Reduzierung des Stigmas, alleinerziehend zu sein, er-

45 scheint die Idee, sich als alleinstehende Person für die Single-Elternschaft zu entscheiden,

zumindest nicht mehr als bewusster Schritt ins soziale Abseits. [...]

Der Kinderwunsch ohne Partner*in wird bislang eher als Thema von cis 5 -Frauen und Men-

schen, die schwanger werden können, verhandelt. Zum einen, da ein Kind selbst zu gebären,

als einfachster Weg zur Familie gesehen wird – auch wenn das nicht immer zutreffen muss.

50 Zum anderen ist der Wunsch nach Kindern zwischen den Geschlechtern asymmetrisch ver-

teilt. Frauen wünschen sich im Schnitt häufiger und eher Nachwuchs und möchten zudem oft

mehr Kinder haben als Männer das wollen. Laut „Generations and Gender Survey 6 “ gaben

unter den befragten deutschen Singles 67 Prozent der Männer an, keine Kinder haben zu wol-

len, aber nur 26 Prozent der Frauen. Auch in Partnerschaften und Ehen geben mehr Männer

55 an, kinderlos bleiben zu wollen. Frauen wünschen sich zudem häufiger drei Kinder als Män-

ner, die mehrheitlich ein bis zwei Kinder als ihren Wunsch angeben. [...]

Männer sollten nicht erwarten, dass Frauen mit ihrem Kinderwunsch auf sie warten, auch

wenn genau das die aktuelle gesellschaftliche Realität ist. „Social Freezing“, das Einfrieren

von Eizellen, um sie zu einem späteren Zeitpunkt befruchten zu lassen und damit schwanger

60 zu werden, ist als neue kulturelle Praxis als Reaktion entstanden – sowohl auf die zeitliche

Bereitschaft von Männern, Vater zu werden, als auch auf die mächtige Norm der Kleinfami-

lie, die Frauen dazu nötigt, auf das ideale zweite Elternteil zu warten. [...]

Ein Kind zu wollen um des Kindes selbst willen kann auch ein Impuls für eine gleichberech-

tigte Elternschaft sein. Denn wenn bei einer Person der Kinderwunsch sehr viel stärker aus-

65 geprägt ist als bei der anderen und die Entscheidung für ein Kind das Ergebnis einer langen

Verhandlung ist, die von einer Person nur halbherzig mitgetragen wird, könnte ein Effekt

davon sein, dass dieser Mensch sich weniger verantwortlich für das Kind fühlen wird. Ist

eine Paarbeziehung zwischen zwei Menschen der richtige Ort für ein Kind, wenn nur eine

Person dieses Kind wirklich will?

70 Immer wieder und in den Corona-Monaten noch einmal mehr wird darüber diskutiert, warum

Frauen im Schnitt so viel mehr Care-Arbeit rund um ihre Kinder übernehmen als die dazu-

hörigen Väter: Sie nehmen längere Elternzeiten, sie arbeiten mit einem riesigen Vorsprung

in den familienfreundlicheren Teilzeitjobs, und selbst wenn sie in Vollzeit arbeiten, verbrin-

gen sie daneben nachweislich mehr Zeit mit den Kindern als die in Vollzeit arbeitenden Väter.

75 Könnte es sein, dass in vielen Mann-Frau-Konstellationen die gleichberechtigte Elternschaft

nie der Plan war oder sie zumindest dadurch erschwert wird, dass eine Person einen größeren

Wunsch nach dem Leben mit Kindern hatte als die andere – und sich dementsprechend mehr

kümmern möchte oder diese Rolle zumindest zähneknirschend annimmt?

Die traditionelle Kleinfamilie – hetero, cis, verheiratet – erodiert schon lange, und das nicht

80 nur, weil sich die Akzeptanz anderer Lebensmodelle vergrößert hat, sondern auch, weil sie

die vielfältigen Bedürfnisse von Kindern und Erwachsenen nicht erfüllen kann. Sie scheitert

nicht an zu wenig Liebe, sondern am Alltag. Sie wird oft nicht von Zuneigung zusammen-

gehalten, sondern von wirtschaftlicher Notwendigkeit. Die Kleinfamilie stabilisiert Geschlech-

terungleichheit und ist als Ort, an dem überwiegend Frauen jeden Tag viele Stunden unbe-

85 zahlter Arbeit übernehmen, immanenter Bestandteil der gegenwärtigen Wirtschaft. Daher

haben Politik, Unternehmen, Menschen, die Gesellschaft und Wirtschaft so bewahren wollen,

wie sie sind, auch kein Interesse daran, das Ideal der Kleinfamilie in Frage zu stellen. Im

Gegenteil: Sowohl politische Regelungen als auch wirtschaftliche Rahmenbedingungen tra-

gen dazu bei, dass die heteronormative 7 Kleinfamilie das kulturelle Leitbild bleibt. [...]

Zur Autorin:

Teresa Bücker, geb. 1984, ist Journalistin, die u. a. im SZ-Magazin eine vierzehntägig erscheinende Kolumne veröffentlicht.

1 Empowerment: Selbstwertsteigerung oder auch Selbstermächtigung

2 Heinzelmännchen: einer Sage nach fleißige Hausgeister, die nachts, wenn die Bürger schliefen, deren Arbeit erledigten

3 Care-Arbeit: Tätigkeiten des Sichkümmerns, z. B. Fürsorge-, Pflege- und Erziehungsaufgaben

4 Vulnerabilität: Verletzlichkeit

5 cis: bezeichnet die Übereinstimmung von Geschlechtsidentität und dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht

6 Generations and Gender Survey: internationale Studie

7 Das heteronormative Geschlechtermodell geht von einer heterosexuellen Geschlechtereinteilung in Mann und Frau aus und sieht diese Vorstellung als „normal“ an.

2. Stellen Sie das Modell der bürgerlichen Kleinfamilie sowie deren Funktionen dar. Beschreiben Sie zudem, wie Sozialisation verläuft. Erläutern Sie auf dieser Grundlage die Aussage der Autorin, wonach eine bewusst gewählte Solo-Elternschaft als Abweichung betrachtet werde (vgl. Z. 2) und mit Vorurteilen behaftet sei (vgl. Z. 17 ff.). [26 Punkte]

Aufgabe 1 - Wandel von Familie, Lebensformen und… · Wandel von Familie, Lebensformen und Arbeitswelt

Teresa Bücker

Ist es radikal, ein Kind ohne Partner zu bekommen?

[...] Wie wir Familie leben werden, ist durch das Kleinfamilienideal sehr klar vorgezeich-

net. Alles andere gilt als Abweichung. [...] Was wäre ungewöhnlich daran, sich allein für

ein Kind zu entscheiden? Schließlich sind alleinerziehende Eltern keine Seltenheit. Mehr

als 2,6 Millionen Erwachsene, davon neunzig Prozent Frauen, leben in Deutschland als Ein-

5 Eltern-Familien mit Kindern in einem Haushalt. Das ist rund jede fünfte aller derzeitigen

Familien. Trotzdem ist unsere Gesellschaft nicht auf die Bedürfnisse dieser Lebensgemein-

schaften eingestellt. Wer Kinder allein erzieht, hat mit mehr als 30 Prozent ein doppelt so

hohes Risiko, in Armut zu geraten, wie der Bevölkerungsdurchschnitt. Wer würde sich schon

bewusst dafür entscheiden, wenn doch ein anderes Familienmodell mit hoher Wahrscheinlich-

10 keit ein Leben mit weniger finanziellen Sorgen verspricht? Eines, in dem man den eigenen

Kindern „mehr bieten“ kann, und ab und zu auch mal durchatmen? Alleinerziehende treffen

zudem negative Stereotype: verlassen, verbittert, überfordert. Daher nennen sich Frauen, die

bewusst ohne Partner*in ein Kind großziehen, auch selten alleinerziehend, sondern zum Bei-

spiel Single- oder Solo-Mama. Das ist die Empowerment 1 -Version der Alleinerziehenden:

15 Der Modus der Elternschaft soll frei gewählt sein, man ist unabhängig, glücklich und kein

Sozialfall. [...]

[Die] freiwillig Alleinerziehenden treffen [auf] Vorurteile, die ihnen ihr Elternglück abspre-

chen wollen: Die haben doch keine*n abbekommen, oder: Das ist egoistisch, sie enthalten

dem Kind eine normale Familie vor! Viele können sich nicht vorstellen, dass Menschen die

20 Solo-Elternschaft ohne Not frei wählen, das ist unsere patriarchale Prägung. Auf die Klein-

familie zu verzichten, als Frau ohne männlichen Partner ein Kind zu bekommen und damit

die vorsorgende Funktion des Mannes in Frage zu stellen, weicht ab von dem, was viele Men-

schen als die Idee eines gelungenen Lebens kennengelernt haben. Aber vor allem fordert es

die gesellschaftlichen Strukturen heraus – ganz besonders die Wirtschaft, die sich darauf ver-

25 lässt, dass die Kleinfamilie weiterhin in Manier der Heinzelmännchen 2 die unbezahlte Care-

Arbeit 3 übernimmt. Denn eine Wirtschaft, die sich um die zeitliche Verfügbarkeit von Allein-

erziehenden und die Bedürfnisse dieser Familienform herum strukturieren würde, wäre eine

gänzlich andere als die, die wir kennen. Politik, die Ein-Eltern-Familien angemessen berück-

sichtigen und aufgrund ihrer Vulnerabilität 4 besonders unterstützen würde, hätte schon lange

30 die Steuerklassen so reformiert, dass Alleinerziehende die höchste Entlastung erhalten wür-

den und nicht Ehepaare, unabhängig davon, ob diese Kinder haben oder nicht. Aktuell wer-

den Alleinerziehende jedoch in allen gesellschaftlichen Bereichen so behandelt, als wären sie

eine Ausnahmeerscheinung, als wäre das Leben als Single-Elternteil etwas rasch Vorüberge-

hendes und als würden sich all diese Familien danach sehnen, in die Schablone einer Klein-

35 familie zu passen, die in der Realität immer seltener so existiert.

Denn trotz schwieriger Umstände für Alleinerziehende trennen sich Paare mit Kindern heute

eher als früher, und Scheidungen werden in etwas mehr als der Hälfte der Fälle von Frauen

eingereicht. Das kann auch als gesellschaftlicher Fortschritt gewertet werden, als Ausdruck

von Emanzipation und zunehmender Gleichberechtigung: Alleinerziehende müssen nicht ver-

40 bittert und verlassen sein, sondern können diesen Schritt selbstbestimmt gewählt haben, sich

danach erleichtert fühlen und zufriedener leben als in ihrer vorigen Beziehung. Alleinerzie-

hend zu sein verliert zum Glück nach und nach sein Stigma, und weniger Frauen sind finan-

ziell abhängig von einer Versorgerehe – oder sie entscheiden sich trotz geringen eigenen Ein-

kommens für diesen Schritt. Mit der Reduzierung des Stigmas, alleinerziehend zu sein, er-

45 scheint die Idee, sich als alleinstehende Person für die Single-Elternschaft zu entscheiden,

zumindest nicht mehr als bewusster Schritt ins soziale Abseits. [...]

Der Kinderwunsch ohne Partner*in wird bislang eher als Thema von cis 5 -Frauen und Men-

schen, die schwanger werden können, verhandelt. Zum einen, da ein Kind selbst zu gebären,

als einfachster Weg zur Familie gesehen wird – auch wenn das nicht immer zutreffen muss.

50 Zum anderen ist der Wunsch nach Kindern zwischen den Geschlechtern asymmetrisch ver-

teilt. Frauen wünschen sich im Schnitt häufiger und eher Nachwuchs und möchten zudem oft

mehr Kinder haben als Männer das wollen. Laut „Generations and Gender Survey 6 “ gaben

unter den befragten deutschen Singles 67 Prozent der Männer an, keine Kinder haben zu wol-

len, aber nur 26 Prozent der Frauen. Auch in Partnerschaften und Ehen geben mehr Männer

55 an, kinderlos bleiben zu wollen. Frauen wünschen sich zudem häufiger drei Kinder als Män-

ner, die mehrheitlich ein bis zwei Kinder als ihren Wunsch angeben. [...]

Männer sollten nicht erwarten, dass Frauen mit ihrem Kinderwunsch auf sie warten, auch

wenn genau das die aktuelle gesellschaftliche Realität ist. „Social Freezing“, das Einfrieren

von Eizellen, um sie zu einem späteren Zeitpunkt befruchten zu lassen und damit schwanger

60 zu werden, ist als neue kulturelle Praxis als Reaktion entstanden – sowohl auf die zeitliche

Bereitschaft von Männern, Vater zu werden, als auch auf die mächtige Norm der Kleinfami-

lie, die Frauen dazu nötigt, auf das ideale zweite Elternteil zu warten. [...]

Ein Kind zu wollen um des Kindes selbst willen kann auch ein Impuls für eine gleichberech-

tigte Elternschaft sein. Denn wenn bei einer Person der Kinderwunsch sehr viel stärker aus-

65 geprägt ist als bei der anderen und die Entscheidung für ein Kind das Ergebnis einer langen

Verhandlung ist, die von einer Person nur halbherzig mitgetragen wird, könnte ein Effekt

davon sein, dass dieser Mensch sich weniger verantwortlich für das Kind fühlen wird. Ist

eine Paarbeziehung zwischen zwei Menschen der richtige Ort für ein Kind, wenn nur eine

Person dieses Kind wirklich will?

70 Immer wieder und in den Corona-Monaten noch einmal mehr wird darüber diskutiert, warum

Frauen im Schnitt so viel mehr Care-Arbeit rund um ihre Kinder übernehmen als die dazu-

hörigen Väter: Sie nehmen längere Elternzeiten, sie arbeiten mit einem riesigen Vorsprung

in den familienfreundlicheren Teilzeitjobs, und selbst wenn sie in Vollzeit arbeiten, verbrin-

gen sie daneben nachweislich mehr Zeit mit den Kindern als die in Vollzeit arbeitenden Väter.

75 Könnte es sein, dass in vielen Mann-Frau-Konstellationen die gleichberechtigte Elternschaft

nie der Plan war oder sie zumindest dadurch erschwert wird, dass eine Person einen größeren

Wunsch nach dem Leben mit Kindern hatte als die andere – und sich dementsprechend mehr

kümmern möchte oder diese Rolle zumindest zähneknirschend annimmt?

Die traditionelle Kleinfamilie – hetero, cis, verheiratet – erodiert schon lange, und das nicht

80 nur, weil sich die Akzeptanz anderer Lebensmodelle vergrößert hat, sondern auch, weil sie

die vielfältigen Bedürfnisse von Kindern und Erwachsenen nicht erfüllen kann. Sie scheitert

nicht an zu wenig Liebe, sondern am Alltag. Sie wird oft nicht von Zuneigung zusammen-

gehalten, sondern von wirtschaftlicher Notwendigkeit. Die Kleinfamilie stabilisiert Geschlech-

terungleichheit und ist als Ort, an dem überwiegend Frauen jeden Tag viele Stunden unbe-

85 zahlter Arbeit übernehmen, immanenter Bestandteil der gegenwärtigen Wirtschaft. Daher

haben Politik, Unternehmen, Menschen, die Gesellschaft und Wirtschaft so bewahren wollen,

wie sie sind, auch kein Interesse daran, das Ideal der Kleinfamilie in Frage zu stellen. Im

Gegenteil: Sowohl politische Regelungen als auch wirtschaftliche Rahmenbedingungen tra-

gen dazu bei, dass die heteronormative 7 Kleinfamilie das kulturelle Leitbild bleibt. [...]

Zur Autorin:

Teresa Bücker, geb. 1984, ist Journalistin, die u. a. im SZ-Magazin eine vierzehntägig erscheinende Kolumne veröffentlicht.

1 Empowerment: Selbstwertsteigerung oder auch Selbstermächtigung

2 Heinzelmännchen: einer Sage nach fleißige Hausgeister, die nachts, wenn die Bürger schliefen, deren Arbeit erledigten

3 Care-Arbeit: Tätigkeiten des Sichkümmerns, z. B. Fürsorge-, Pflege- und Erziehungsaufgaben

4 Vulnerabilität: Verletzlichkeit

5 cis: bezeichnet die Übereinstimmung von Geschlechtsidentität und dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht

6 Generations and Gender Survey: internationale Studie

7 Das heteronormative Geschlechtermodell geht von einer heterosexuellen Geschlechtereinteilung in Mann und Frau aus und sieht diese Vorstellung als „normal“ an.

3. Diskutieren Sie, welche Chancen und welche Risiken sich aus der im Text beschriebenen bewussten Entscheidung für eine Solo-Elternschaft ergeben. [24 Punkte]

Aufgabe 2 - Wandel von Familie, Lebensformen und… · Wandel von Familie, Lebensformen und Arbeitswelt

Aufgabenstellung

Thema: Soziale Ungleichheit – lässt sich das Armutsrisiko verringern?

M 1

Marcel Fratzscher

Armut nimmt Zukunftschancen

Die Ungleichheit der verfügbaren Einkommen in Deutschland hat einen historischen Höchststand erreicht. Als dies die Hans-Böckler-Stiftung 1 vor Kurzem in einer Analyse zeigte, wurde sie dafür von einigen heftig kritisiert: Der Anstieg der Ungleichheit sei ein Artefakt verschiedener Umstände und vor allem der Zuwanderung von Geflüchteten geschuldet; dieser Umstand würde verschleiern, dass es in Deutschland, seitdem die Wirtschaft wieder boomt, allen Einkommensgruppen deutlich besser geht.

Wie berechtigt ist diese Kritik? Schauen wir uns die einzelnen Argumente einmal genauer an, zeigt sich, dass die Einwände größtenteils unbegründet sind und vor allem der Anstieg des Armutsrisikos ein massives Problem darstellt – nicht nur für die betroffenen Menschen, sondern für die Gesellschaft als Ganzes.

Der Einwand, dass der Anstieg der Ungleichheit von verfügbaren Haushaltseinkommen lediglich das Resultat der Zuwanderung von Geflüchteten sei, ist nicht nur falsch, sondern auch zynisch. Auch ohne Geflüchtete ist die Ungleichheit gestiegen [...]. Und wie zynisch ist es zu behaupten, ein Anstieg der Ungleichheit sei nur deswegen weniger problematisch, weil es „nur“ bestimmte Gruppen betrifft? [...]

Viele Kritiker haben den Anstieg der Ungleichheit bis zum Jahr 2005 und nach 2010 vor allem damit begründet, dass mehr Frauen erwerbstätig sind, dabei aber häufig geringere Löhne und Einkommen erzielen als Männer. Natürlich ist es wichtig zu verstehen, wie sich Ungleichheit zusammensetzt und verändert. Nur so können Ursachen und Lösungsmöglichkeiten identifiziert werden. Der Punkt bleibt jedoch, dass ein Anstieg der Ungleichheit nicht weniger problematisch ist, „nur“ weil bestimmte Gruppen stärker davon betroffen sind als andere.

Ein zweiter Einwand in der Debatte ist, dass der Anstieg der Einkommensungleichheit in Deutschland nicht überraschend sei, da Geflüchtete und andere Migranten nun mal viel häufiger (zumindest anfänglich) nicht berufstätig seien. Je kleiner also der Anteil der arbeitenden Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung ist, desto höher sei tendenziell auch die Ungleichheit der Haushaltseinkommen. Aber auch dieses Argument lässt sich faktisch nicht untermauern: Tatsächlich ist die Erwerbsquote in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland deutlich gestiegen, vor allem weil viele Frauen und auch ältere Menschen zunehmend berufstätig sind, aber auch weil viele Migranten im berufsfähigen Alter nach Deutschland kommen und hier arbeiten, vor allem aus dem europäischen Ausland. Nach dieser Logik müsste also die Ungleichheit der Haushaltseinkommen eher gefallen sein.

Argumentiert wird weiterhin, dass die hohe und gestiegene Ungleichheit kein Problem sei, da ja viele Menschen in den untersten Einkommensgruppen lediglich temporär wenig verdienten und dann bald den Aufstieg schafften. Eine Auszubildende oder eine Studentin mag wenig Einkommen haben, sie habe aber gute Aussichten, mit der ersten Anstellung ein besseres Einkommen zu erzielen und somit den Aufstieg zu schaffen. Dieses Beispiel ist zwar richtig, aber auch irreführend.

Tatsache ist, dass die Aufstiegschancen bei Einkommen und Löhnen in Deutschland im Vergleich zu anderen Industrieländern relativ gering sind. Nicht nur hängt das Einkommen der Kinder in Deutschland ungewöhnlich stark von Einkommen und Bildung der Eltern ab. Auch die Chancen, sich und seine Familie während der Erwerbsphase besserzustellen, sind in Deutschland geringer als in vergleichbaren Ländern. Dieses Argument ist daher kein Grund zur Entwarnung, sondern ganz im Gegenteil, es deutet darauf hin, dass sich Ungleichheiten bei Einkommen und Chancen in unserem Land verschärfen.

Der vierte Einwand ist, dass der Anstieg der Ungleichheit unproblematisch sei, da fast alle Einkommensgruppen in den vergangenen zehn Jahren eine Erhöhung von Löhnen und Einkommen erfahren konnten, jedoch die höheren Einkommensgruppen lediglich stärker von dieser Entwicklung profitiert hätten. Dieses Argument wird immer wieder als Keule herausgeholt, um eine Diskussion über Verteilung und Ungleichheit abzublocken. Es wird versucht, hierüber die Diskussion als eine Neiddebatte abzutun, bei der die Armen lediglich den Reichen ihren Erfolg nicht gönnten. [...]

Sicher gibt es auch Menschen, die den Gutverdienenden ihr hohes Einkommen nicht gönnen, aber es geht beim Anstieg der Ungleichheit nicht nur um die Frage von Gerechtigkeit, sondern um die Frage der sozialen Teilhabe und Chancengleichheit. Natürlich hat Deutschland einen starken Sozialstaat, der im globalen Vergleich eine hervorragende Absicherung gewährleistet. Vom Armutsrisiko betroffen zu sein bedeutet hierzulande eben nicht, dass diese Menschen nun keine Gesundheitsvorsorge oder Unterkunft mehr haben. Der Anstieg des Armutsrisikos von rund elf Prozent vor 20 Jahren auf knapp 17 Prozent aktuell bedeutet aber durchaus, dass zunehmend viele Menschen keine ausreichende soziale Teilhabe in unserer Gesellschaft mehr haben und vor allem Kinder und Jugendliche ihrer Zukunftschancen beraubt werden.

Wenn wir unseren Gesellschaftsvertrag der sozialen Marktwirtschaft ernst nehmen wollen, dann muss uns der Anstieg des Armutsrisikos und der Einkommensungleichheit Sorge bereiten – egal wen es betrifft. Denn diese Entwicklungen spiegeln zu einem erheblichen Maße eine abnehmende soziale Teilhabe, fehlende Chancengleichheit und eine zunehmende soziale Polarisierung wider.

Mit der Analyse liegen die Lösungen auf der Hand. Der Anstieg von Armutsrisiko und Ungleichheit ist vor allem drei Entwicklungen in Deutschland geschuldet: einem ungewöhnlich großen Niedriglohnbereich, einem hohen Anteil an Teilzeitkräften im Arbeitsmarkt und einem Steuersystem, das vor allem geringere mittlere Einkommen auf Arbeit stark besteuert [...]. Eine Stärkung der Sozialpartnerschaften und des Bildungssystems, ein Abbau von Diskriminierung im Arbeitsmarkt und ein Steuersystem, das Arbeit belohnt, würde Deutschland einen großen Schritt voranbringen. Damit unser Gesellschaftsvertrag wieder die Ideale der sozialen Marktwirtschaft erfüllt.

Zum Autor:

Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung e. V. (DIW) und Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

1 Hans-Böckler-Stiftung: Mitbestimmungs-, Forschungs- und Studienförderungswerk des Deutschen Gewerkschaftsbundes

M 2

Armutsgefährdung in Deutschland

1.

Analysieren Sie, was der Autor in M 1 über die Entwicklung der sozialen Ungleichheit in Deutschland aussagt. Beschreiben Sie in diesem Zusammenhang sozioökonomische Gründe für den thematisierten Anstieg von Armutsrisiko und Einkommensungleichheit. (27 Punkte)

Aufgabe 2 - Soziale Ungleichheit: Dimensionen, Mo… · Soziale Ungleichheit: Dimensionen, Modelle und Armut

Aufgabenstellung

Thema: Soziale Ungleichheit – kann das Armutsrisiko gesenkt werden?

M 1

Marcel Fratzscher

Armut nimmt Zukunftschancen

Die Ungleichheit der verfügbaren Einkommen in Deutschland hat einen historischen Höchststand erreicht. Als dies die Hans-Böckler-Stiftung 1 vor Kurzem in einer Analyse zeigte, wurde sie dafür von einigen heftig kritisiert: Der Anstieg der Ungleichheit sei ein Artefakt verschiedener Umstände und vor allem der Zuwanderung von Geflüchteten geschuldet; dieser Umstand würde verschleiern, dass es in Deutschland, seitdem die Wirtschaft wieder boomt, allen Einkommensgruppen deutlich besser geht.

Wie berechtigt ist diese Kritik? Schauen wir uns die einzelnen Argumente einmal genauer an, zeigt sich, dass die Einwände größtenteils unbegründet sind und vor allem der Anstieg des Armutsrisikos ein massives Problem darstellt – nicht nur für die betroffenen Menschen, sondern für die Gesellschaft als Ganzes.

Der Einwand, dass der Anstieg der Ungleichheit von verfügbaren Haushaltseinkommen lediglich das Resultat der Zuwanderung von Geflüchteten sei, ist nicht nur falsch, sondern auch zynisch. Auch ohne Geflüchtete ist die Ungleichheit gestiegen [...]. Und wie zynisch ist es zu behaupten, ein Anstieg der Ungleichheit sei nur deswegen weniger problematisch, weil es „nur“ bestimmte Gruppen betrifft? [...]

Viele Kritiker haben den Anstieg der Ungleichheit bis zum Jahr 2005 und nach 2010 vor allem damit begründet, dass mehr Frauen erwerbstätig sind, dabei aber häufig geringere Löhne und Einkommen erzielen als Männer. Natürlich ist es wichtig zu verstehen, wie sich Ungleichheit zusammensetzt und verändert. Nur so können Ursachen und Lösungsmöglichkeiten identifiziert werden. Der Punkt bleibt jedoch, dass ein Anstieg der Ungleichheit nicht weniger problematisch ist, „nur“ weil bestimmte Gruppen stärker davon betroffen sind als andere.

Ein zweiter Einwand in der Debatte ist, dass der Anstieg der Einkommensungleichheit in Deutschland nicht überraschend sei, da Geflüchtete und andere Migranten nun mal viel häufiger (zumindest anfänglich) nicht berufstätig seien. Je kleiner also der Anteil der arbeitenden Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung ist, desto höher sei tendenziell auch die Ungleichheit der Haushaltseinkommen. Aber auch dieses Argument lässt sich faktisch nicht untermauern: Tatsächlich ist die Erwerbsquote in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland deutlich gestiegen, vor allem weil viele Frauen und auch ältere Menschen zunehmend berufstätig sind, aber auch weil viele Migranten im berufsfähigen Alter nach Deutschland kommen und hier arbeiten, vor allem aus dem europäischen Ausland. Nach dieser Logik müsste also die Ungleichheit der Haushaltseinkommen eher gefallen sein.

Argumentiert wird weiterhin, dass die hohe und gestiegene Ungleichheit kein Problem sei, da ja viele Menschen in den untersten Einkommensgruppen lediglich temporär wenig verdienten und dann bald den Aufstieg schafften. Eine Auszubildende oder eine Studentin mag wenig Einkommen haben, sie habe aber gute Aussichten, mit der ersten Anstellung ein besseres Einkommen zu erzielen und somit den Aufstieg zu schaffen. Dieses Beispiel ist zwar richtig, aber auch irreführend.

Tatsache ist, dass die Aufstiegschancen bei Einkommen und Löhnen in Deutschland im Vergleich zu anderen Industrieländern relativ gering sind. Nicht nur hängt das Einkommen der Kinder in Deutschland ungewöhnlich stark von Einkommen und Bildung der Eltern ab. Auch die Chancen, sich und seine Familie während der Erwerbsphase besserzustellen, sind in Deutschland geringer als in vergleichbaren Ländern. Dieses Argument ist daher kein Grund zur Entwarnung, sondern ganz im Gegenteil, es deutet darauf hin, dass sich Ungleichheiten bei Einkommen und Chancen in unserem Land verschärfen.

Der vierte Einwand ist, dass der Anstieg der Ungleichheit unproblematisch sei, da fast alle Einkommensgruppen in den vergangenen zehn Jahren eine Erhöhung von Löhnen und Einkommen erfahren konnten, jedoch die höheren Einkommensgruppen lediglich stärker von dieser Entwicklung profitiert hätten. Dieses Argument wird immer wieder als Keule herausgeholt, um eine Diskussion über Verteilung und Ungleichheit abzublocken. Es wird versucht, hierüber die Diskussion als eine Neiddebatte abzutun, bei der die Armen lediglich den Reichen ihren Erfolg nicht gönnten. [...]

Sicher gibt es auch Menschen, die den Gutverdienenden ihr hohes Einkommen nicht gönnen, aber es geht beim Anstieg der Ungleichheit nicht nur um die Frage von Gerechtigkeit, sondern um die Frage der sozialen Teilhabe und Chancengleichheit. Natürlich hat Deutschland einen starken Sozialstaat, der im globalen Vergleich eine hervorragende Absicherung gewährleistet. Vom Armutsrisiko betroffen zu sein bedeutet hierzulande eben nicht, dass diese Menschen nun keine Gesundheitsvorsorge oder Unterkunft mehr haben. Der Anstieg des Armutsrisikos von rund elf Prozent vor 20 Jahren auf knapp 17 Prozent aktuell bedeutet aber durchaus, dass zunehmend viele Menschen keine ausreichende soziale Teilhabe in unserer Gesellschaft mehr haben und vor allem Kinder und Jugendliche ihrer Zukunftschancen beraubt werden.

Wenn wir unseren Gesellschaftsvertrag der sozialen Marktwirtschaft ernst nehmen wollen, dann muss uns der Anstieg des Armutsrisikos und der Einkommensungleichheit Sorge bereiten – egal wen es betrifft. Denn diese Entwicklungen spiegeln zu einem erheblichen Maße eine abnehmende soziale Teilhabe, fehlende Chancengleichheit und eine zunehmende soziale Polarisierung wider.

Mit der Analyse liegen die Lösungen auf der Hand. Der Anstieg von Armutsrisiko und Ungleichheit ist vor allem drei Entwicklungen in Deutschland geschuldet: einem ungewöhnlich großen Niedriglohnbereich, einem hohen Anteil an Teilzeitkräften im Arbeitsmarkt und einem Steuersystem, das vor allem geringere mittlere Einkommen auf Arbeit stark besteuert [...]. Eine Stärkung der Sozialpartnerschaften und des Bildungssystems, ein Abbau von Diskriminierung im Arbeitsmarkt und ein Steuersystem, das Arbeit belohnt, würde Deutschland einen großen Schritt voranbringen. Damit unser Gesellschaftsvertrag wieder die Ideale der sozialen Marktwirtschaft erfüllt.

Zum Autor:

Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung e. V. (DIW) und Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

1 Hans-Böckler-Stiftung: Mitbestimmungs-, Forschungs- und Studienförderungswerk des Deutschen Gewerkschaftsbundes

M 2

Armutsgefährdung in Deutschland

2.

Stellen Sie dar, auf welche Weise Armut in Wohlstandsgesellschaften bestimmt und erfasst wird. Werten Sie M 2 im Hinblick auf den vom Autor beschriebenen Anstieg des Armutsrisikos aus. Erläutern Sie auf dieser Grundlage die Aussage, „dass zunehmend viele Menschen keine ausreichende soziale Teilhabe in unserer Gesellschaft mehr haben und vor allem Kinder und Jugendliche ihrer Zukunftschancen beraubt werden“ (Z. 59 ff.). (26 Punkte)

Aufgabe 2 - Sozialstaat und soziale Sicherung · Sozialstaat und soziale Sicherung

Aufgabenstellung

Thema: Soziale Ungleichheit – kann das Armutsrisiko gesenkt werden?

M 1

Marcel Fratzscher

Armut nimmt Zukunftschancen

Die Ungleichheit der verfügbaren Einkommen in Deutschland hat einen historischen Höchststand erreicht. Als dies die Hans-Böckler-Stiftung 1 vor Kurzem in einer Analyse zeigte, wurde sie dafür von einigen heftig kritisiert: Der Anstieg der Ungleichheit sei ein Artefakt verschiedener Umstände und vor allem der Zuwanderung von Geflüchteten geschuldet; dieser Umstand würde verschleiern, dass es in Deutschland, seitdem die Wirtschaft wieder boomt, allen Einkommensgruppen deutlich besser geht.

Wie berechtigt ist diese Kritik? Schauen wir uns die einzelnen Argumente einmal genauer an, zeigt sich, dass die Einwände größtenteils unbegründet sind und vor allem der Anstieg des Armutsrisikos ein massives Problem darstellt – nicht nur für die betroffenen Menschen, sondern für die Gesellschaft als Ganzes.

Der Einwand, dass der Anstieg der Ungleichheit von verfügbaren Haushaltseinkommen lediglich das Resultat der Zuwanderung von Geflüchteten sei, ist nicht nur falsch, sondern auch zynisch. Auch ohne Geflüchtete ist die Ungleichheit gestiegen [...]. Und wie zynisch ist es zu behaupten, ein Anstieg der Ungleichheit sei nur deswegen weniger problematisch, weil es „nur“ bestimmte Gruppen betrifft? [...]

Viele Kritiker haben den Anstieg der Ungleichheit bis zum Jahr 2005 und nach 2010 vor allem damit begründet, dass mehr Frauen erwerbstätig sind, dabei aber häufig geringere Löhne und Einkommen erzielen als Männer. Natürlich ist es wichtig zu verstehen, wie sich Ungleichheit zusammensetzt und verändert. Nur so können Ursachen und Lösungsmöglichkeiten identifiziert werden. Der Punkt bleibt jedoch, dass ein Anstieg der Ungleichheit nicht weniger problematisch ist, „nur“ weil bestimmte Gruppen stärker davon betroffen sind als andere.

Ein zweiter Einwand in der Debatte ist, dass der Anstieg der Einkommensungleichheit in Deutschland nicht überraschend sei, da Geflüchtete und andere Migranten nun mal viel häufiger (zumindest anfänglich) nicht berufstätig seien. Je kleiner also der Anteil der arbeitenden Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung ist, desto höher sei tendenziell auch die Ungleichheit der Haushaltseinkommen. Aber auch dieses Argument lässt sich faktisch nicht untermauern: Tatsächlich ist die Erwerbsquote in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland deutlich gestiegen, vor allem weil viele Frauen und auch ältere Menschen zunehmend berufstätig sind, aber auch weil viele Migranten im berufsfähigen Alter nach Deutschland kommen und hier arbeiten, vor allem aus dem europäischen Ausland. Nach dieser Logik müsste also die Ungleichheit der Haushaltseinkommen eher gefallen sein.

Argumentiert wird weiterhin, dass die hohe und gestiegene Ungleichheit kein Problem sei, da ja viele Menschen in den untersten Einkommensgruppen lediglich temporär wenig verdienten und dann bald den Aufstieg schafften. Eine Auszubildende oder eine Studentin mag wenig Einkommen haben, sie habe aber gute Aussichten, mit der ersten Anstellung ein besseres Einkommen zu erzielen und somit den Aufstieg zu schaffen. Dieses Beispiel ist zwar richtig, aber auch irreführend.

Tatsache ist, dass die Aufstiegschancen bei Einkommen und Löhnen in Deutschland im Vergleich zu anderen Industrieländern relativ gering sind. Nicht nur hängt das Einkommen der Kinder in Deutschland ungewöhnlich stark von Einkommen und Bildung der Eltern ab. Auch die Chancen, sich und seine Familie während der Erwerbsphase besserzustellen, sind in Deutschland geringer als in vergleichbaren Ländern. Dieses Argument ist daher kein Grund zur Entwarnung, sondern ganz im Gegenteil, es deutet darauf hin, dass sich Ungleichheiten bei Einkommen und Chancen in unserem Land verschärfen.

Der vierte Einwand ist, dass der Anstieg der Ungleichheit unproblematisch sei, da fast alle Einkommensgruppen in den vergangenen zehn Jahren eine Erhöhung von Löhnen und Einkommen erfahren konnten, jedoch die höheren Einkommensgruppen lediglich stärker von dieser Entwicklung profitiert hätten. Dieses Argument wird immer wieder als Keule herausgeholt, um eine Diskussion über Verteilung und Ungleichheit abzublocken. Es wird versucht, hierüber die Diskussion als eine Neiddebatte abzutun, bei der die Armen lediglich den Reichen ihren Erfolg nicht gönnten. [...]

Sicher gibt es auch Menschen, die den Gutverdienenden ihr hohes Einkommen nicht gönnen, aber es geht beim Anstieg der Ungleichheit nicht nur um die Frage von Gerechtigkeit, sondern um die Frage der sozialen Teilhabe und Chancengleichheit. Natürlich hat Deutschland einen starken Sozialstaat, der im globalen Vergleich eine hervorragende Absicherung gewährleistet. Vom Armutsrisiko betroffen zu sein bedeutet hierzulande eben nicht, dass diese Menschen nun keine Gesundheitsvorsorge oder Unterkunft mehr haben. Der Anstieg des Armutsrisikos von rund elf Prozent vor 20 Jahren auf knapp 17 Prozent aktuell bedeutet aber durchaus, dass zunehmend viele Menschen keine ausreichende soziale Teilhabe in unserer Gesellschaft mehr haben und vor allem Kinder und Jugendliche ihrer Zukunftschancen beraubt werden.

Wenn wir unseren Gesellschaftsvertrag der sozialen Marktwirtschaft ernst nehmen wollen, dann muss uns der Anstieg des Armutsrisikos und der Einkommensungleichheit Sorge bereiten – egal wen es betrifft. Denn diese Entwicklungen spiegeln zu einem erheblichen Maße eine abnehmende soziale Teilhabe, fehlende Chancengleichheit und eine zunehmende soziale Polarisierung wider.

Mit der Analyse liegen die Lösungen auf der Hand. Der Anstieg von Armutsrisiko und Ungleichheit ist vor allem drei Entwicklungen in Deutschland geschuldet: einem ungewöhnlich großen Niedriglohnbereich, einem hohen Anteil an Teilzeitkräften im Arbeitsmarkt und einem Steuersystem, das vor allem geringere mittlere Einkommen auf Arbeit stark besteuert [...]. Eine Stärkung der Sozialpartnerschaften und des Bildungssystems, ein Abbau von Diskriminierung im Arbeitsmarkt und ein Steuersystem, das Arbeit belohnt, würde Deutschland einen großen Schritt voranbringen. Damit unser Gesellschaftsvertrag wieder die Ideale der sozialen Marktwirtschaft erfüllt.

Zum Autor:

Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung e. V. (DIW) und Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

1 Hans-Böckler-Stiftung: Mitbestimmungs-, Forschungs- und Studienförderungswerk des Deutschen Gewerkschaftsbundes

M 2

Armutsgefährdung in Deutschland

3.

Gestalten Sie in der Rolle eines Soziologen oder einer Soziologin für eine sozialpolitische Fachtagung einen Redebeitrag, der darlegt, wie sich das Armutsrisiko verringern lässt. Berücksichtigen Sie darin drei sozialstaatliche Maßnahmen zur Bekämpfung von Armut. (27 Punkte)

Aufgabe 3 - Wandel von Familie, Lebensformen und… · Wandel von Familie, Lebensformen und Arbeitswelt

Oliver Geyer

Vom Mögen

[...]

fluter: Freunde zu haben erscheint vielen als etwas Selbstverständliches. Warum ist es

so wichtig, Freundschaft zu erforschen?

Alleweldt: Genau aus diesem Grund – weil Freundschaft zum Leben dazugehört und auch

immer bedeutender wird. Angesichts des [sozialen] Wandels [...] erlangt Freundschaft zuneh-

5 mend die Form von sozialem Kapital. Und das ist in unserer Gesellschaft ungleich verteilt.

Wer wenig Freunde hat, kann stark isoliert sein. Die Vereinsamung von Teilen der Bevölke-

rung nimmt zu. Wer aber viele Freunde hat, für den können sie zu einer Ersatzfamilie werden.

All das müssen wir uns genau anschauen.

Freundschaft wird wichtiger, und zugleich vereinsamen immer mehr Menschen? Wie

10 kann das sein?

Tatsächlich wird Freundschaft als zu selbstverständlich betrachtet. Es wird zu wenig darüber

gesprochen, dass es auch voraussetzungsvoll ist, Freundschaften zu führen. Wir können fest-

stellen, dass mit steigendem sozialen Status die Freundeskreisgrößen wachsen. Man braucht

also auch die nötigen Ressourcen, um Freundschaften zu pflegen.

15 Welche Art von Ressourcen?

Erst einmal finanzielle. Zusammen in die Kneipe gehen kostet ja schon Geld, erst recht ein ge-

meinsamer Ausflug oder Urlaub. Auch leben Freunde heute oft nicht mehr alle in der näheren

Umgebung, man muss sich also auch die nötige Mobilität leisten können. Außerdem braucht

man Kommunikationskompetenzen und Konfliktfähigkeit, die man am besten schon früh er-

20 lernt. Was wir bei höheren Bildungsschichten beobachten, ist, dass die Eltern die Kontakte

für ihre Kinder zunächst organisieren und sie unterstützen, wenn es mal Konflikte gibt. Das

kommt bei den unteren sozialen Schichten seltener vor.

Stichwort „soziales Kapital“: Welche Vorteile bringen einem diese Fähigkeiten später

im Leben?

25 Ich habe in meiner Studie Frauen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten befragt,

welche Bedeutung Freundschaften für sie haben. Besonders deutlich wurde an den Frauen

in Leitungspositionen, die eine höhere Bildung haben und einem starken beruflichen Druck

ausgesetzt sind, wie wichtig es für sie ist, einen großen und repräsentativen Freundeskreis zu

haben. Und auch ein gutes berufliches Netzwerk vorweisen zu können, das vom Freundes-

30 kreis oft gar nicht mehr klar zu trennen ist. Eine Teilnehmerin, die im Kultursektor tätig ist,

sagte, dass sie auf Veranstaltungen immer zeigen können müsse, dass sie die halbe Stadt und

die wichtigen Leute kennt. Freunde sind schon etwas, das man heute haben muss.

Was bedeutet das für eine Freundschaft, wenn es nur noch um Networking geht?

Manche Studienteilnehmerinnen sagten wirklich, dass sie da gewisse Störgefühle haben, weil

35 sie mit Freundschaft ja eigentlich etwas anderes verbinden. Ich denke, dass so eine Nutzen-

freundschaft aber auch gut funktionieren kann, wenn man sich zu diesem Zweck trifft und

einander sympathisch findet. Wenn beide Seiten damit offen umgehen, dann ist das keine

Entwertung, sondern eben eine bestimmte Form von Freundschaft.

Sind die Kontakte in sozialen Netzwerken richtige Freunde?

40 Die große Befürchtung, dass durch das Aufkommen der sozialen Netzwerke irgendwann

reale Freundschaften nicht mehr geführt werden, hat sich nicht bewahrheitet. Wir können

eher positiv feststellen, dass mit Social Media ein zusätzlicher Rahmen entstanden ist, um

Freundschaften zu pflegen. Meine Untersuchungen zeigen, dass die sozialen Medien haupt-

sächlich dazu genutzt werden, bestehende Kontakte zu pflegen, und weniger, um neue aufzu-

45 bauen. Wichtig ist nur, sich bewusst zu machen, dass das keine reale, sondern eine virtuelle

Verbundenheit ist.

[...]

Und wenn man die Sache ganz nüchtern sozialwissenschaftlich betrachtet: Wie würden

Sie Freundschaft definieren?

50 Aus einer soziologischen Perspektive lassen sich Freundschaften als freiwillige, gegenseitige

und persönliche Beziehungen beschreiben. Auch Kriterien wie Ganzheitlichkeit, Vertrauen

und Intimität werden oft genannt.

Macht der Umstand, dass es sich um eine freiwillige und informelle Beziehung handelt,

für die es keine klaren Regeln gibt, Freundschaft eher stark oder eher verletzlich?

55 Dass Freundschaft nichts Institutionalisiertes wie etwa die Ehe ist, macht es zunächst schwie-

riger. Aber es gibt durchaus Regeln impliziter Natur. Dass man zum Beispiel, wenn eine

Freundin in Not ist, alles stehen und liegen lässt und ihr zu Hilfe kommt. Die Freiwilligkeit

und das Informelle machen dabei gerade die Attraktivität dieser Beziehung aus.

Der Soziologe Shmuel Eisenstadt 1 sagte, dass darin auch ein subversives Potenzial steckt.

60 Was ist gemeint?

Eisenstadt beschreibt, dass Freundschaft einen Ort bildet, an dem man über gesellschaftli-

che Normen hinausgehen und politischen Widerstand entwickeln kann. Freundschaft ist im

Gegensatz zur Familie frei gewählt. Da komme ich mit meinesgleichen zusammen und bin

eher geneigt, gemeinsam bestimmte Ideen zu verfolgen. Gerade in repressiven Systemen ist

65 es natürlich umso wichtiger, dass Loyalität und Vertrauen als die Urkriterien von Freund-

schaft erfüllt sind. Aber diesen Geborgenheitsraum, den Freundschaft mit sich bringt, brau-

chen die Menschen auch in unserer Gesellschaft. Auch hier gibt es Härten, für die Freund-

schaft eine Kompensationsfunktion hat. Als ein Raum, in dem ich mich sozial sicher und

anerkannt fühle, so wie ich bin. [...]

70 [...] Wie oft werden denn Freundschaften über Milieugrenzen hinweg geschlossen?

Sie meinen wie in dem Film „Ziemlich beste Freunde“, wo ein wohlhabender weißer Indus-

trieller sich mit seinem Schwarzen Krankenpfleger anfreundet, der aus einfachen Verhältnis-

sen kommt? Das ist leider immer noch die große Ausnahme. In Wirklichkeit sind Freundes-

kreise recht homogen, was Milieu, Bildung, Einkommen und sozialen Status betrifft. Gleich

75 und Gleich gesellt sich gern. Dieser Effekt ist leider stärker als die Überzeugung, Unterschiede

zögen sich an.

Wie ließe sich da gegensteuern?

Es gibt ein Konzept, das in den USA modellhaft praktiziert wird: Schulen organisieren, dass

zu Kindergeburtstagen grundsätzlich immer alle Kinder aus einer Klasse eingeladen werden.

80 Um so einem sozialen Ausschluss von vornherein entgegenzuwirken. Das hat dann noch den

schönen Nebeneffekt, dass auch die Eltern sich bei solchen Gelegenheiten treffen. Aber das

ist nur ein Beispiel. Niemand will Freundschaften verordnen. Es ist aber möglich, Bedingun-

gen zu schaffen, in denen Freundschaft besser entstehen kann, sodass sich die Grenzen zwi-

schen sozialen Milieus nicht noch weiter festigen. Überhaupt bin ich überzeugt, dass man

85 durch ganz neue Institutionen alternative Lebenspraxen und damit auch neue Formen von

Freundschaft entstehen lassen kann.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel in Mehrgenerationenhäusern. Eine Freundschaft zwischen einer 90- und einer

40-Jährigen, die ihr im Alltag helfen kann, gibt es im normalen Leben leider selten. Hier kann

90 sie sich entwickeln, und hier ist es auch vollkommen in Ordnung, dass sie auf so einer Hilfe-

beziehung beruht. Denn wer im Alter auf seine Freunde hofft, sollte sich klarmachen, dass

dauerhafte Unterstützungsaufgaben innerhalb von bestehenden Freundschaften problematisch

sind. Weil Freundschaft ja eigentlich von Reziprozität lebt, also davon, dass man das, was

man bekommt, auch zurückgeben will. Und das funktioniert ab einem bestimmten Punkt nicht

95 mehr, wenn man hilfsbedürftig ist.

1 Shmuel Eisenstadt: israelischer Soziologe, der vor allem im Bereich der Generationenforschung tätig war

Zum Interviewer: Oliver Geyer (geb. 1973) schreibt als freier Autor Reportagen für verschiedene Magazine und Zeitungen.

Zur Interviewten: Erika Alleweldt lehrt an der Hochschule für angewandte Pädagogik Berlin im Bereich Soziale Arbeit und Sozialpädagogik.

Aufgabenstellung – Teilaufgabe 1

1.

Analysieren Sie, was die Interviewten über die Entwicklung von Freundschaften und deren Stellenwert sagen. Erläutern Sie in diesem Zusammenhang bedeutsame Veränderungsprozesse in den Feldern Arbeit, Familie und Medien. [30 Punkte]

Aufgabe 3 - Soziale Ungleichheit: Dimensionen, Mo… · Soziale Ungleichheit: Dimensionen, Modelle und Armut

Oliver Geyer

Vom Mögen

[...]

fluter: Freunde zu haben erscheint vielen als etwas Selbstverständliches. Warum ist es

so wichtig, Freundschaft zu erforschen?

Alleweldt: Genau aus diesem Grund – weil Freundschaft zum Leben dazugehört und auch

immer bedeutender wird. Angesichts des [sozialen] Wandels [...] erlangt Freundschaft zuneh-

5 mend die Form von sozialem Kapital. Und das ist in unserer Gesellschaft ungleich verteilt.

Wer wenig Freunde hat, kann stark isoliert sein. Die Vereinsamung von Teilen der Bevölke-

rung nimmt zu. Wer aber viele Freunde hat, für den können sie zu einer Ersatzfamilie werden.

All das müssen wir uns genau anschauen.

Freundschaft wird wichtiger, und zugleich vereinsamen immer mehr Menschen? Wie

10 kann das sein?

Tatsächlich wird Freundschaft als zu selbstverständlich betrachtet. Es wird zu wenig darüber

gesprochen, dass es auch voraussetzungsvoll ist, Freundschaften zu führen. Wir können fest-

stellen, dass mit steigendem sozialen Status die Freundeskreisgrößen wachsen. Man braucht

also auch die nötigen Ressourcen, um Freundschaften zu pflegen.

15 Welche Art von Ressourcen?

Erst einmal finanzielle. Zusammen in die Kneipe gehen kostet ja schon Geld, erst recht ein ge-

meinsamer Ausflug oder Urlaub. Auch leben Freunde heute oft nicht mehr alle in der näheren

Umgebung, man muss sich also auch die nötige Mobilität leisten können. Außerdem braucht

man Kommunikationskompetenzen und Konfliktfähigkeit, die man am besten schon früh er-

20 lernt. Was wir bei höheren Bildungsschichten beobachten, ist, dass die Eltern die Kontakte

für ihre Kinder zunächst organisieren und sie unterstützen, wenn es mal Konflikte gibt. Das

kommt bei den unteren sozialen Schichten seltener vor.

Stichwort „soziales Kapital“: Welche Vorteile bringen einem diese Fähigkeiten später

im Leben?

25 Ich habe in meiner Studie Frauen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten befragt,

welche Bedeutung Freundschaften für sie haben. Besonders deutlich wurde an den Frauen

in Leitungspositionen, die eine höhere Bildung haben und einem starken beruflichen Druck

ausgesetzt sind, wie wichtig es für sie ist, einen großen und repräsentativen Freundeskreis zu

haben. Und auch ein gutes berufliches Netzwerk vorweisen zu können, das vom Freundes-

30 kreis oft gar nicht mehr klar zu trennen ist. Eine Teilnehmerin, die im Kultursektor tätig ist,

sagte, dass sie auf Veranstaltungen immer zeigen können müsse, dass sie die halbe Stadt und

die wichtigen Leute kennt. Freunde sind schon etwas, das man heute haben muss.

Was bedeutet das für eine Freundschaft, wenn es nur noch um Networking geht?

Manche Studienteilnehmerinnen sagten wirklich, dass sie da gewisse Störgefühle haben, weil

35 sie mit Freundschaft ja eigentlich etwas anderes verbinden. Ich denke, dass so eine Nutzen-

freundschaft aber auch gut funktionieren kann, wenn man sich zu diesem Zweck trifft und

einander sympathisch findet. Wenn beide Seiten damit offen umgehen, dann ist das keine

Entwertung, sondern eben eine bestimmte Form von Freundschaft.

Sind die Kontakte in sozialen Netzwerken richtige Freunde?

40 Die große Befürchtung, dass durch das Aufkommen der sozialen Netzwerke irgendwann

reale Freundschaften nicht mehr geführt werden, hat sich nicht bewahrheitet. Wir können

eher positiv feststellen, dass mit Social Media ein zusätzlicher Rahmen entstanden ist, um

Freundschaften zu pflegen. Meine Untersuchungen zeigen, dass die sozialen Medien haupt-

sächlich dazu genutzt werden, bestehende Kontakte zu pflegen, und weniger, um neue aufzu-

45 bauen. Wichtig ist nur, sich bewusst zu machen, dass das keine reale, sondern eine virtuelle

Verbundenheit ist.

[...]

Und wenn man die Sache ganz nüchtern sozialwissenschaftlich betrachtet: Wie würden

Sie Freundschaft definieren?

50 Aus einer soziologischen Perspektive lassen sich Freundschaften als freiwillige, gegenseitige

und persönliche Beziehungen beschreiben. Auch Kriterien wie Ganzheitlichkeit, Vertrauen

und Intimität werden oft genannt.

Macht der Umstand, dass es sich um eine freiwillige und informelle Beziehung handelt,

für die es keine klaren Regeln gibt, Freundschaft eher stark oder eher verletzlich?

55 Dass Freundschaft nichts Institutionalisiertes wie etwa die Ehe ist, macht es zunächst schwie-

riger. Aber es gibt durchaus Regeln impliziter Natur. Dass man zum Beispiel, wenn eine

Freundin in Not ist, alles stehen und liegen lässt und ihr zu Hilfe kommt. Die Freiwilligkeit

und das Informelle machen dabei gerade die Attraktivität dieser Beziehung aus.

Der Soziologe Shmuel Eisenstadt 1 sagte, dass darin auch ein subversives Potenzial steckt.

60 Was ist gemeint?

Eisenstadt beschreibt, dass Freundschaft einen Ort bildet, an dem man über gesellschaftli-

che Normen hinausgehen und politischen Widerstand entwickeln kann. Freundschaft ist im

Gegensatz zur Familie frei gewählt. Da komme ich mit meinesgleichen zusammen und bin

eher geneigt, gemeinsam bestimmte Ideen zu verfolgen. Gerade in repressiven Systemen ist

65 es natürlich umso wichtiger, dass Loyalität und Vertrauen als die Urkriterien von Freund-

schaft erfüllt sind. Aber diesen Geborgenheitsraum, den Freundschaft mit sich bringt, brau-

chen die Menschen auch in unserer Gesellschaft. Auch hier gibt es Härten, für die Freund-

schaft eine Kompensationsfunktion hat. Als ein Raum, in dem ich mich sozial sicher und

anerkannt fühle, so wie ich bin. [...]

70 [...] Wie oft werden denn Freundschaften über Milieugrenzen hinweg geschlossen?

Sie meinen wie in dem Film „Ziemlich beste Freunde“, wo ein wohlhabender weißer Indus-

trieller sich mit seinem Schwarzen Krankenpfleger anfreundet, der aus einfachen Verhältnis-

sen kommt? Das ist leider immer noch die große Ausnahme. In Wirklichkeit sind Freundes-

kreise recht homogen, was Milieu, Bildung, Einkommen und sozialen Status betrifft. Gleich

75 und Gleich gesellt sich gern. Dieser Effekt ist leider stärker als die Überzeugung, Unterschiede

zögen sich an.

Wie ließe sich da gegensteuern?

Es gibt ein Konzept, das in den USA modellhaft praktiziert wird: Schulen organisieren, dass

zu Kindergeburtstagen grundsätzlich immer alle Kinder aus einer Klasse eingeladen werden.

80 Um so einem sozialen Ausschluss von vornherein entgegenzuwirken. Das hat dann noch den

schönen Nebeneffekt, dass auch die Eltern sich bei solchen Gelegenheiten treffen. Aber das

ist nur ein Beispiel. Niemand will Freundschaften verordnen. Es ist aber möglich, Bedingun-

gen zu schaffen, in denen Freundschaft besser entstehen kann, sodass sich die Grenzen zwi-

schen sozialen Milieus nicht noch weiter festigen. Überhaupt bin ich überzeugt, dass man

85 durch ganz neue Institutionen alternative Lebenspraxen und damit auch neue Formen von

Freundschaft entstehen lassen kann.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel in Mehrgenerationenhäusern. Eine Freundschaft zwischen einer 90- und einer

40-Jährigen, die ihr im Alltag helfen kann, gibt es im normalen Leben leider selten. Hier kann

90 sie sich entwickeln, und hier ist es auch vollkommen in Ordnung, dass sie auf so einer Hilfe-

beziehung beruht. Denn wer im Alter auf seine Freunde hofft, sollte sich klarmachen, dass

dauerhafte Unterstützungsaufgaben innerhalb von bestehenden Freundschaften problematisch

sind. Weil Freundschaft ja eigentlich von Reziprozität lebt, also davon, dass man das, was

man bekommt, auch zurückgeben will. Und das funktioniert ab einem bestimmten Punkt nicht

95 mehr, wenn man hilfsbedürftig ist.

1 Shmuel Eisenstadt: israelischer Soziologe, der vor allem im Bereich der Generationenforschung tätig war

Zum Interviewer: Oliver Geyer (geb. 1973) schreibt als freier Autor Reportagen für verschiedene Magazine und Zeitungen.

Zur Interviewten: Erika Alleweldt lehrt an der Hochschule für angewandte Pädagogik Berlin im Bereich Soziale Arbeit und Sozialpädagogik.

Aufgabenstellung – Teilaufgaben 2 und 3

2.

Stellen Sie die unterschiedlichen Kapitalienbegriffe und ihr Zusammenwirken (z. B. nach Bourdieu) dar. Erläutern Sie vor diesem Hintergrund die Aussage, dass Freundschaftskreise sich überwiegend homogen gestalten (vgl. Z. 73 ff.). [26 Punkte]

3.

Beurteilen Sie die Folgen für den Einzelnen und für die Gesellschaft, die sich ergeben könnten, wenn sich Freundschaft zu einer Form sozialen Kapitals entwickelt. [24 Punkte]

Aufgabe 4 - Rollentheorien und Rollenkonflikte · Rollentheorien und Rollenkonflikte

Thema: Viertagewoche – ein Beitrag zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie?

Nora Schareika

Kein Kopf für die Karriere

[...]

Wenn Karoline Iwersen auf Dienstreise geht, organisiert sie für zwei. Einmal bucht sie für sich Fahrt und Hotelzimmer in der Fremde, bereitet ihre Unterlagen vor. Und dann plant sie für ihren Mann, welche Aufgaben er während ihrer Abwesenheit übernehmen soll: das jüngste der vier Kinder von der Kita abholen, eines der älteren Geschwister zum Sport bringen, Haus- 5 aufgaben prüfen, Pausenbrote, Kühlschrank nachfüllen – die Liste ist lang und detailliert. „Meistens brummt trotzdem das Handy, während ich verreist bin“, sagt Iwersen. Was sie besonders ärgert: „Wenn mein Mann auf Dienstreise geht, dann ist er eben weg.“

Dieser permanente Stress begleitet nicht nur Karoline Iwersen, nicht nur Eltern – und nicht nur Frauen. Und doch sind es vor allem berufstätige Mütter, die sich mitunter von der Last 10 erdrückt fühlen, neben dem Job alles rund um die Familie zu bedenken, zu erledigen – oder auch nur den Partner daran zu erinnern. Die Wissenschaft bezeichnet diese Belastung als Mental Load 1. Ständiges Multitasking, so zeigte etwa eine Studie der Universität London, wirkt wie eine durchzechte Nacht aufs Gehirn. Ein Grund, warum viele Mütter über Dauermüdigkeit klagen. Der kanadische Autor Chris Bailey schreibt in seinem Buch „Hyperfocus“, 15 dass der Aufmerksamkeitsraum des Gehirns wie ein RAM-Speicher 2 am besten funktioniert, wenn maximal eine anspruchsvolle und eine Routineaufgabe gleichzeitig erledigt werden. Bei Überlastung nehmen Leistungsfähigkeit und Effizienz ab.

Beschrieben wurde Mental Load bereits in den Siebzigerjahren, echte Aufmerksamkeit aber erfährt das Phänomen erst in jüngster Zeit: Seit Unternehmen beginnen, sich ernsthaft für die 20 Förderung von Frauen einzusetzen, und oft feststellen, dass es ihnen an Mitarbeiterinnen fehlt, die die geförderten Karrieren auch durchhalten.

Ob Geschenke, Einkaufslisten, Kenntnis von Kleidergrößen, Kitalogistik, Chatgruppen-Kommunikation oder Geld für die Putzhilfe – es ist vor allem die Häufung der vielen vermeintlich kleinen Zusatzaufgaben, die Müttern mit Karriereambitionen zu schaffen macht. Und die fast 25 immer an ihnen hängen bleibt. [...] Für die Karrieren besonders prägend [...] ist diese Belastung bei Müttern um die 30, 35 Jahre, wenn die Weichen für Höheres gestellt werden. In diesem Alter verabschieden sich viele von der Karriere.

Nur 14 Prozent aller Elternpaare, das zeigen Zahlen des Bundesfamilienministeriums, schaffen es, die Aufgaben, die der Job und die Arbeit zu Hause mit sich bringen, gerecht untereinander 30 aufzuteilen, obwohl mehr als die Hälfte genau dies gerne tun würde. Eine Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) rechnete vor, dass Frauen in deutschen Doppelverdiener-Vollzeit-Konstellationen im Schnitt fast doppelt so viel täglich anfallende Hausarbeit erledigten [...]. An den Rollenbildern hat sich dabei erstaunlich wenig getan: Während sich Männer häufiger um Rechnungen oder Handwerkliches kümmern, machen Frauen 35 die Wäsche, putzen, waschen ab und kaufen ein. Das hat finanzielle Folgen, wie jüngst eine Bertelsmann-Studie zeigte: Je mehr Kinder sie bekommen, desto weniger Einkommen haben Frauen zu erwarten.

Unternehmen, die sich um die Förderung von Frauen bemühen, stehen zunächst vor einem Rätsel: Die Instrumente für Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind da – aber sie reichen 40 offenbar nicht. Das musste auch der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim feststellen, wo sich die Inklusionsbeauftragte Denise Hottmann vor einiger Zeit auf die Suche nach Gründen dafür gemacht hat, warum trotz diverser Angebote die Geschlechterparität in den Altersklassen ab Anfang 30 auf einmal endet: „Die Mitarbeiterinnen führten Vereinbarkeit von Beruf und Familie als Begründung dafür an“, sagt Hottmann.

45 Führungstandems in Teilzeit sind dabei sowohl Teil der Lösung als auch des Problems. Einerseits ermöglichen sie es vielen Müttern, eine Führungsrolle einzunehmen. Andererseits zementieren sie das Rollenbild, die Frauen seien für den zweiten Job zu Hause zuständig. Die Soziologin Jutta Allmendinger warnt mit diesem Argument auch vor einem gesetzlichen Anspruch auf Homeoffice: Dies würde nur dazu führen, dass Frauen in Zukunft viel von zu Hause arbei- 50 teten und dabei Haushalt statt Karriere machten. Allmendinger glaubt dennoch, dass Politiker und Arbeitgeber Einfluss auf die Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit innerhalb von Paaren nehmen sollten. „Ehegattensplitting 3, Minijobs 4 und die kostenlose Mitversicherung 5 sind wichtige Faktoren, die die Elternzeiten für Frauen verlängern, und das wiederum erschwert die Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt“, sagt sie.

55 Als Chefin des Wissenschaftszentrums Berlin hat Allmendinger selbst regelmäßig mit Elternzeitanträgen zu tun. Und versucht dabei, subtil die Rollenverteilung zwischen den Eltern zu steuern. „Ich sage schwangeren Mitarbeiterinnen:,Wenn Sie sieben Monate zu Hause bleiben, kommen wir als Wissenschaftsbetrieb damit gut klar, aber bei zwölf Monaten wird es deutlich schwieriger.‘“ Damit formuliert sie indirekt einen Anspruch an die werdenden Väter. 60 „Dadurch stärke ich die innerhäusliche Verhandlungsposition der Frauen:,Wenn es uns darum geht, dass auch ich gute Karrierechancen habe, dann müssen wir uns als Paar jetzt gemeinsam folgende Schritte überlegen.‘“ Wer künftige Karriereschritte einpreise, komme aus der auch vom deutschen Steuerrecht geförderten Ungleichheit heraus.

Bei den Frauen, die sich dann für die Karriere entscheiden, endet das oft aber erst recht in 65 Überarbeitung. Die britische Autorin Sally Howard nennt dies in ihrem Buch „The Home Stretch“ über ihre Erfahrungen mit Mental Load den „Superwoman“-Modus. So wurde Frauen in den Achtziger- und Neunzigerjahren der Vollzeitjob sogar empfohlen. „Die Idee war, Frauen könnten alles haben“, sagt Howard. Und bei manchen klappe das auch, aber „mit allen Folgen wie Depressionen, Erschöpfung und schlechter Gesundheit“, sagt Howard. Eine Studie im 70 US-amerikanischen „Journal of Science and Medicine“ zeigte vor einiger Zeit, dass Frauen, die die Doppelschicht machen, am meisten gestresst sind. Trotz der Belastung führe eine eigene Karriere letztendlich aber zu größerer Zufriedenheit, als wenn Frauen zu Hause blieben. [...]

Soziologin Allmendinger würde das Problem gerne grundlegender anpacken und plädiert für 75 eine radikale Senkung der Normalarbeitszeit auf 32 Stunden. „Am besten wäre das skandinavische Modell mit einer Viertagewoche für Mütter wie Väter. Dadurch könnten die Aufgaben besser verteilt werden, man könnte sich ohne Druck um Kinder oder die eigenen Eltern kümmern, in Ruhe einkaufen gehen“, sagt sie. „Da bei einer Viertagewoche Männer durchschnittlich etwas weniger als heute arbeiten würden, Frauen aber durchschnittlich etwas mehr, wür- 80 den wir insgesamt das Arbeitsvolumen nicht verringern, es gäbe also keine Verluste für unsere Volkswirtschaft.“ [...]

Karoline Iwersen hat mit ihrem Mann eine [...] Lösung gefunden. Er bezahlt ihr die halbe Differenz zu seinem höheren Gehalt monatlich auf ein Anlagekonto. Im Falle einer Scheidung würde Iwersen dort den Lohn für all ihre zu Hause geleisteten Arbeitsstunden finden – und 85 wäre abgesichert. „Wir haben nicht nur eine Ehe, sondern auch eine Geschäftsbeziehung“.

Zur Autorin: Nora Schareika war von 2018 bis Januar 2021 u. a. als Redakteurin bei der WirtschaftsWoche tätig.

1 Mental Load: psychische Belastung, die aus dem Organisieren alltäglicher Aufgaben resultiert

2 RAM-Speicher: Arbeitsspeichereinheit im Computer

3 Ehegattensplitting: Verfahren zur gemeinsamen Besteuerung von Ehepaaren; es führt in der Regel dazu, dass Ehepaare mit unterschiedlicher Einkommensverteilung geringer besteuert werden, als wenn jeder Ehepartner Steuern zahlen würde.

4 Minijob: eine geringfügig entlohnte Beschäftigung, die einen gesetzlich definierten Höchstbetrag nicht übersteigt

5 kostenlose Mitversicherung: In der gesetzlichen Krankenversicherung können Ehepartner und Kinder beitragsfrei mitversichert werden, wenn ihre Einkommen gering sind.

1.

Analysieren Sie, was die Autorin über die berufliche Gleichstellung von Frauen und Männern ausführt. Stellen Sie in diesem Zusammenhang dar, welche Arten von Rollenkonflikten auftreten können, und erläutern Sie aus interaktionistischer Perspektive, welche Anforderungen sich daraus für erwerbstätige Mütter ergeben. (30 Punkte)

Aufgabe 4 - Wandel von Familie, Lebensformen und… · Wandel von Familie, Lebensformen und Arbeitswelt

Thema: Viertagewoche – ein Beitrag zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie?

Nora Schareika

Kein Kopf für die Karriere

[...]

Wenn Karoline Iwersen auf Dienstreise geht, organisiert sie für zwei. Einmal bucht sie für sich Fahrt und Hotelzimmer in der Fremde, bereitet ihre Unterlagen vor. Und dann plant sie für ihren Mann, welche Aufgaben er während ihrer Abwesenheit übernehmen soll: das jüngste der vier Kinder von der Kita abholen, eines der älteren Geschwister zum Sport bringen, Haus- 5 aufgaben prüfen, Pausenbrote, Kühlschrank nachfüllen – die Liste ist lang und detailliert. „Meistens brummt trotzdem das Handy, während ich verreist bin“, sagt Iwersen. Was sie besonders ärgert: „Wenn mein Mann auf Dienstreise geht, dann ist er eben weg.“

Dieser permanente Stress begleitet nicht nur Karoline Iwersen, nicht nur Eltern – und nicht nur Frauen. Und doch sind es vor allem berufstätige Mütter, die sich mitunter von der Last 10 erdrückt fühlen, neben dem Job alles rund um die Familie zu bedenken, zu erledigen – oder auch nur den Partner daran zu erinnern. Die Wissenschaft bezeichnet diese Belastung als Mental Load 1. Ständiges Multitasking, so zeigte etwa eine Studie der Universität London, wirkt wie eine durchzechte Nacht aufs Gehirn. Ein Grund, warum viele Mütter über Dauermüdigkeit klagen. Der kanadische Autor Chris Bailey schreibt in seinem Buch „Hyperfocus“, 15 dass der Aufmerksamkeitsraum des Gehirns wie ein RAM-Speicher 2 am besten funktioniert, wenn maximal eine anspruchsvolle und eine Routineaufgabe gleichzeitig erledigt werden. Bei Überlastung nehmen Leistungsfähigkeit und Effizienz ab.

Beschrieben wurde Mental Load bereits in den Siebzigerjahren, echte Aufmerksamkeit aber erfährt das Phänomen erst in jüngster Zeit: Seit Unternehmen beginnen, sich ernsthaft für die 20 Förderung von Frauen einzusetzen, und oft feststellen, dass es ihnen an Mitarbeiterinnen fehlt, die die geförderten Karrieren auch durchhalten.

Ob Geschenke, Einkaufslisten, Kenntnis von Kleidergrößen, Kitalogistik, Chatgruppen-Kommunikation oder Geld für die Putzhilfe – es ist vor allem die Häufung der vielen vermeintlich kleinen Zusatzaufgaben, die Müttern mit Karriereambitionen zu schaffen macht. Und die fast 25 immer an ihnen hängen bleibt. [...] Für die Karrieren besonders prägend [...] ist diese Belastung bei Müttern um die 30, 35 Jahre, wenn die Weichen für Höheres gestellt werden. In diesem Alter verabschieden sich viele von der Karriere.

Nur 14 Prozent aller Elternpaare, das zeigen Zahlen des Bundesfamilienministeriums, schaffen es, die Aufgaben, die der Job und die Arbeit zu Hause mit sich bringen, gerecht untereinander 30 aufzuteilen, obwohl mehr als die Hälfte genau dies gerne tun würde. Eine Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) rechnete vor, dass Frauen in deutschen Doppelverdiener-Vollzeit-Konstellationen im Schnitt fast doppelt so viel täglich anfallende Hausarbeit erledigten [...]. An den Rollenbildern hat sich dabei erstaunlich wenig getan: Während sich Männer häufiger um Rechnungen oder Handwerkliches kümmern, machen Frauen 35 die Wäsche, putzen, waschen ab und kaufen ein. Das hat finanzielle Folgen, wie jüngst eine Bertelsmann-Studie zeigte: Je mehr Kinder sie bekommen, desto weniger Einkommen haben Frauen zu erwarten.

Unternehmen, die sich um die Förderung von Frauen bemühen, stehen zunächst vor einem Rätsel: Die Instrumente für Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind da – aber sie reichen 40 offenbar nicht. Das musste auch der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim feststellen, wo sich die Inklusionsbeauftragte Denise Hottmann vor einiger Zeit auf die Suche nach Gründen dafür gemacht hat, warum trotz diverser Angebote die Geschlechterparität in den Altersklassen ab Anfang 30 auf einmal endet: „Die Mitarbeiterinnen führten Vereinbarkeit von Beruf und Familie als Begründung dafür an“, sagt Hottmann.

45 Führungstandems in Teilzeit sind dabei sowohl Teil der Lösung als auch des Problems. Einerseits ermöglichen sie es vielen Müttern, eine Führungsrolle einzunehmen. Andererseits zementieren sie das Rollenbild, die Frauen seien für den zweiten Job zu Hause zuständig. Die Soziologin Jutta Allmendinger warnt mit diesem Argument auch vor einem gesetzlichen Anspruch auf Homeoffice: Dies würde nur dazu führen, dass Frauen in Zukunft viel von zu Hause arbei- 50 teten und dabei Haushalt statt Karriere machten. Allmendinger glaubt dennoch, dass Politiker und Arbeitgeber Einfluss auf die Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit innerhalb von Paaren nehmen sollten. „Ehegattensplitting 3, Minijobs 4 und die kostenlose Mitversicherung 5 sind wichtige Faktoren, die die Elternzeiten für Frauen verlängern, und das wiederum erschwert die Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt“, sagt sie.

55 Als Chefin des Wissenschaftszentrums Berlin hat Allmendinger selbst regelmäßig mit Elternzeitanträgen zu tun. Und versucht dabei, subtil die Rollenverteilung zwischen den Eltern zu steuern. „Ich sage schwangeren Mitarbeiterinnen:,Wenn Sie sieben Monate zu Hause bleiben, kommen wir als Wissenschaftsbetrieb damit gut klar, aber bei zwölf Monaten wird es deutlich schwieriger.‘“ Damit formuliert sie indirekt einen Anspruch an die werdenden Väter. 60 „Dadurch stärke ich die innerhäusliche Verhandlungsposition der Frauen:,Wenn es uns darum geht, dass auch ich gute Karrierechancen habe, dann müssen wir uns als Paar jetzt gemeinsam folgende Schritte überlegen.‘“ Wer künftige Karriereschritte einpreise, komme aus der auch vom deutschen Steuerrecht geförderten Ungleichheit heraus.

Bei den Frauen, die sich dann für die Karriere entscheiden, endet das oft aber erst recht in 65 Überarbeitung. Die britische Autorin Sally Howard nennt dies in ihrem Buch „The Home Stretch“ über ihre Erfahrungen mit Mental Load den „Superwoman“-Modus. So wurde Frauen in den Achtziger- und Neunzigerjahren der Vollzeitjob sogar empfohlen. „Die Idee war, Frauen könnten alles haben“, sagt Howard. Und bei manchen klappe das auch, aber „mit allen Folgen wie Depressionen, Erschöpfung und schlechter Gesundheit“, sagt Howard. Eine Studie im 70 US-amerikanischen „Journal of Science and Medicine“ zeigte vor einiger Zeit, dass Frauen, die die Doppelschicht machen, am meisten gestresst sind. Trotz der Belastung führe eine eigene Karriere letztendlich aber zu größerer Zufriedenheit, als wenn Frauen zu Hause blieben. [...]

Soziologin Allmendinger würde das Problem gerne grundlegender anpacken und plädiert für 75 eine radikale Senkung der Normalarbeitszeit auf 32 Stunden. „Am besten wäre das skandinavische Modell mit einer Viertagewoche für Mütter wie Väter. Dadurch könnten die Aufgaben besser verteilt werden, man könnte sich ohne Druck um Kinder oder die eigenen Eltern kümmern, in Ruhe einkaufen gehen“, sagt sie. „Da bei einer Viertagewoche Männer durchschnittlich etwas weniger als heute arbeiten würden, Frauen aber durchschnittlich etwas mehr, wür- 80 den wir insgesamt das Arbeitsvolumen nicht verringern, es gäbe also keine Verluste für unsere Volkswirtschaft.“ [...]

Karoline Iwersen hat mit ihrem Mann eine [...] Lösung gefunden. Er bezahlt ihr die halbe Differenz zu seinem höheren Gehalt monatlich auf ein Anlagekonto. Im Falle einer Scheidung würde Iwersen dort den Lohn für all ihre zu Hause geleisteten Arbeitsstunden finden – und 85 wäre abgesichert. „Wir haben nicht nur eine Ehe, sondern auch eine Geschäftsbeziehung“.

Zur Autorin: Nora Schareika war von 2018 bis Januar 2021 u. a. als Redakteurin bei der WirtschaftsWoche tätig.

1 Mental Load: psychische Belastung, die aus dem Organisieren alltäglicher Aufgaben resultiert

2 RAM-Speicher: Arbeitsspeichereinheit im Computer

3 Ehegattensplitting: Verfahren zur gemeinsamen Besteuerung von Ehepaaren; es führt in der Regel dazu, dass Ehepaare mit unterschiedlicher Einkommensverteilung geringer besteuert werden, als wenn jeder Ehepartner Steuern zahlen würde.

4 Minijob: eine geringfügig entlohnte Beschäftigung, die einen gesetzlich definierten Höchstbetrag nicht übersteigt

5 kostenlose Mitversicherung: In der gesetzlichen Krankenversicherung können Ehepartner und Kinder beitragsfrei mitversichert werden, wenn ihre Einkommen gering sind.

2.

Stellen Sie dar, wie sich Arbeitsstrukturen und Erwerbsbiografien im Zuge des Übergangs zur postindustriellen Arbeitsgesellschaft verändert haben. Erläutern Sie dazu die Aussage, diese Belastung wirke sich bei Müttern im Alter von etwa 30 bis 35 Jahren besonders prägend auf die Karriere aus (vgl. Z. 25 f.). (26 Punkte)

3.

Diskutieren Sie unter sozialen und ökonomischen Gesichtspunkten den im Text dargelegten Vorschlag der Soziologin Allmendinger, die Normalarbeitszeit auf 32 Stunden zu verringern und für Mütter und Väter eine Viertagewoche zu schaffen (vgl. Z. 74 ff.). (24 Punkte)

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