Aufgabe 1 - Sozialisation, Identität, Gruppen und… · Abitur NRW Soziologie LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: Sozialisation, Identität, Gruppen und abweichendes Verhalten · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg) (2021)
Aufgabenstellung
Teresa Bücker
Ist es radikal, ein Kind ohne Partner zu bekommen?
[...] Wie wir Familie leben werden, ist durch das Kleinfamilienideal sehr klar vorgezeich-
net. Alles andere gilt als Abweichung. [...] Was wäre ungewöhnlich daran, sich allein für
ein Kind zu entscheiden? Schließlich sind alleinerziehende Eltern keine Seltenheit. Mehr
als 2,6 Millionen Erwachsene, davon neunzig Prozent Frauen, leben in Deutschland als Ein-
5 Eltern-Familien mit Kindern in einem Haushalt. Das ist rund jede fünfte aller derzeitigen
Familien. Trotzdem ist unsere Gesellschaft nicht auf die Bedürfnisse dieser Lebensgemein-
schaften eingestellt. Wer Kinder allein erzieht, hat mit mehr als 30 Prozent ein doppelt so
hohes Risiko, in Armut zu geraten, wie der Bevölkerungsdurchschnitt. Wer würde sich schon
bewusst dafür entscheiden, wenn doch ein anderes Familienmodell mit hoher Wahrscheinlich-
10 keit ein Leben mit weniger finanziellen Sorgen verspricht? Eines, in dem man den eigenen
Kindern „mehr bieten“ kann, und ab und zu auch mal durchatmen? Alleinerziehende treffen
zudem negative Stereotype: verlassen, verbittert, überfordert. Daher nennen sich Frauen, die
bewusst ohne Partner*in ein Kind großziehen, auch selten alleinerziehend, sondern zum Bei-
spiel Single- oder Solo-Mama. Das ist die Empowerment 1 -Version der Alleinerziehenden:
15 Der Modus der Elternschaft soll frei gewählt sein, man ist unabhängig, glücklich und kein
Sozialfall. [...]
[Die] freiwillig Alleinerziehenden treffen [auf] Vorurteile, die ihnen ihr Elternglück abspre-
chen wollen: Die haben doch keine*n abbekommen, oder: Das ist egoistisch, sie enthalten
dem Kind eine normale Familie vor! Viele können sich nicht vorstellen, dass Menschen die
20 Solo-Elternschaft ohne Not frei wählen, das ist unsere patriarchale Prägung. Auf die Klein-
familie zu verzichten, als Frau ohne männlichen Partner ein Kind zu bekommen und damit
die vorsorgende Funktion des Mannes in Frage zu stellen, weicht ab von dem, was viele Men-
schen als die Idee eines gelungenen Lebens kennengelernt haben. Aber vor allem fordert es
die gesellschaftlichen Strukturen heraus – ganz besonders die Wirtschaft, die sich darauf ver-
25 lässt, dass die Kleinfamilie weiterhin in Manier der Heinzelmännchen 2 die unbezahlte Care-
Arbeit 3 übernimmt. Denn eine Wirtschaft, die sich um die zeitliche Verfügbarkeit von Allein-
erziehenden und die Bedürfnisse dieser Familienform herum strukturieren würde, wäre eine
gänzlich andere als die, die wir kennen. Politik, die Ein-Eltern-Familien angemessen berück-
sichtigen und aufgrund ihrer Vulnerabilität 4 besonders unterstützen würde, hätte schon lange
30 die Steuerklassen so reformiert, dass Alleinerziehende die höchste Entlastung erhalten wür-
den und nicht Ehepaare, unabhängig davon, ob diese Kinder haben oder nicht. Aktuell wer-
den Alleinerziehende jedoch in allen gesellschaftlichen Bereichen so behandelt, als wären sie
eine Ausnahmeerscheinung, als wäre das Leben als Single-Elternteil etwas rasch Vorüberge-
hendes und als würden sich all diese Familien danach sehnen, in die Schablone einer Klein-
35 familie zu passen, die in der Realität immer seltener so existiert.
Denn trotz schwieriger Umstände für Alleinerziehende trennen sich Paare mit Kindern heute
eher als früher, und Scheidungen werden in etwas mehr als der Hälfte der Fälle von Frauen
eingereicht. Das kann auch als gesellschaftlicher Fortschritt gewertet werden, als Ausdruck
von Emanzipation und zunehmender Gleichberechtigung: Alleinerziehende müssen nicht ver-
40 bittert und verlassen sein, sondern können diesen Schritt selbstbestimmt gewählt haben, sich
danach erleichtert fühlen und zufriedener leben als in ihrer vorigen Beziehung. Alleinerzie-
hend zu sein verliert zum Glück nach und nach sein Stigma, und weniger Frauen sind finan-
ziell abhängig von einer Versorgerehe – oder sie entscheiden sich trotz geringen eigenen Ein-
kommens für diesen Schritt. Mit der Reduzierung des Stigmas, alleinerziehend zu sein, er-
45 scheint die Idee, sich als alleinstehende Person für die Single-Elternschaft zu entscheiden,
zumindest nicht mehr als bewusster Schritt ins soziale Abseits. [...]
Der Kinderwunsch ohne Partner*in wird bislang eher als Thema von cis 5 -Frauen und Men-
schen, die schwanger werden können, verhandelt. Zum einen, da ein Kind selbst zu gebären,
als einfachster Weg zur Familie gesehen wird – auch wenn das nicht immer zutreffen muss.
50 Zum anderen ist der Wunsch nach Kindern zwischen den Geschlechtern asymmetrisch ver-
teilt. Frauen wünschen sich im Schnitt häufiger und eher Nachwuchs und möchten zudem oft
mehr Kinder haben als Männer das wollen. Laut „Generations and Gender Survey 6 “ gaben
unter den befragten deutschen Singles 67 Prozent der Männer an, keine Kinder haben zu wol-
len, aber nur 26 Prozent der Frauen. Auch in Partnerschaften und Ehen geben mehr Männer
55 an, kinderlos bleiben zu wollen. Frauen wünschen sich zudem häufiger drei Kinder als Män-
ner, die mehrheitlich ein bis zwei Kinder als ihren Wunsch angeben. [...]
Männer sollten nicht erwarten, dass Frauen mit ihrem Kinderwunsch auf sie warten, auch
wenn genau das die aktuelle gesellschaftliche Realität ist. „Social Freezing“, das Einfrieren
von Eizellen, um sie zu einem späteren Zeitpunkt befruchten zu lassen und damit schwanger
60 zu werden, ist als neue kulturelle Praxis als Reaktion entstanden – sowohl auf die zeitliche
Bereitschaft von Männern, Vater zu werden, als auch auf die mächtige Norm der Kleinfami-
lie, die Frauen dazu nötigt, auf das ideale zweite Elternteil zu warten. [...]
Ein Kind zu wollen um des Kindes selbst willen kann auch ein Impuls für eine gleichberech-
tigte Elternschaft sein. Denn wenn bei einer Person der Kinderwunsch sehr viel stärker aus-
65 geprägt ist als bei der anderen und die Entscheidung für ein Kind das Ergebnis einer langen
Verhandlung ist, die von einer Person nur halbherzig mitgetragen wird, könnte ein Effekt
davon sein, dass dieser Mensch sich weniger verantwortlich für das Kind fühlen wird. Ist
eine Paarbeziehung zwischen zwei Menschen der richtige Ort für ein Kind, wenn nur eine
Person dieses Kind wirklich will?
70 Immer wieder und in den Corona-Monaten noch einmal mehr wird darüber diskutiert, warum
Frauen im Schnitt so viel mehr Care-Arbeit rund um ihre Kinder übernehmen als die dazu-
hörigen Väter: Sie nehmen längere Elternzeiten, sie arbeiten mit einem riesigen Vorsprung
in den familienfreundlicheren Teilzeitjobs, und selbst wenn sie in Vollzeit arbeiten, verbrin-
gen sie daneben nachweislich mehr Zeit mit den Kindern als die in Vollzeit arbeitenden Väter.
75 Könnte es sein, dass in vielen Mann-Frau-Konstellationen die gleichberechtigte Elternschaft
nie der Plan war oder sie zumindest dadurch erschwert wird, dass eine Person einen größeren
Wunsch nach dem Leben mit Kindern hatte als die andere – und sich dementsprechend mehr
kümmern möchte oder diese Rolle zumindest zähneknirschend annimmt?
Die traditionelle Kleinfamilie – hetero, cis, verheiratet – erodiert schon lange, und das nicht
80 nur, weil sich die Akzeptanz anderer Lebensmodelle vergrößert hat, sondern auch, weil sie
die vielfältigen Bedürfnisse von Kindern und Erwachsenen nicht erfüllen kann. Sie scheitert
nicht an zu wenig Liebe, sondern am Alltag. Sie wird oft nicht von Zuneigung zusammen-
gehalten, sondern von wirtschaftlicher Notwendigkeit. Die Kleinfamilie stabilisiert Geschlech-
terungleichheit und ist als Ort, an dem überwiegend Frauen jeden Tag viele Stunden unbe-
85 zahlter Arbeit übernehmen, immanenter Bestandteil der gegenwärtigen Wirtschaft. Daher
haben Politik, Unternehmen, Menschen, die Gesellschaft und Wirtschaft so bewahren wollen,
wie sie sind, auch kein Interesse daran, das Ideal der Kleinfamilie in Frage zu stellen. Im
Gegenteil: Sowohl politische Regelungen als auch wirtschaftliche Rahmenbedingungen tra-
gen dazu bei, dass die heteronormative 7 Kleinfamilie das kulturelle Leitbild bleibt. [...]
Zur Autorin:
Teresa Bücker, geb. 1984, ist Journalistin, die u. a. im SZ-Magazin eine vierzehntägig erscheinende Kolumne veröffentlicht.
1 Empowerment: Selbstwertsteigerung oder auch Selbstermächtigung
2 Heinzelmännchen: einer Sage nach fleißige Hausgeister, die nachts, wenn die Bürger schliefen, deren Arbeit erledigten
3 Care-Arbeit: Tätigkeiten des Sichkümmerns, z. B. Fürsorge-, Pflege- und Erziehungsaufgaben
4 Vulnerabilität: Verletzlichkeit
5 cis: bezeichnet die Übereinstimmung von Geschlechtsidentität und dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht
6 Generations and Gender Survey: internationale Studie
7 Das heteronormative Geschlechtermodell geht von einer heterosexuellen Geschlechtereinteilung in Mann und Frau aus und sieht diese Vorstellung als „normal“ an.
2. Stellen Sie das Modell der bürgerlichen Kleinfamilie sowie deren Funktionen dar. Beschreiben Sie zudem, wie Sozialisation verläuft. Erläutern Sie auf dieser Grundlage die Aussage der Autorin, wonach eine bewusst gewählte Solo-Elternschaft als Abweichung betrachtet werde (vgl. Z. 2) und mit Vorurteilen behaftet sei (vgl. Z. 17 ff.). [26 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2. Stellen Sie das Modell der bürgerlichen Kleinfamilie sowie deren Funktionen dar. Beschreiben Sie zudem, wie Sozialisation verläuft. Erläutern Sie auf dieser Grundlage die Aussage der Autorin, wonach eine bewusst gewählte Solo-Elternschaft als Abweichung betrachtet werde (vgl. Z. 2) und mit Vorurteilen behaftet sei (vgl. Z. 17 ff.).
Lösung: Ausführliche Darstellung und Verknüpfung gemäß den offiziellen Kriterien: 1. Modell und Funktionen der bürgerlichen Kleinfamilie: - Entstehung im 18. Jahrhundert, prägende Leitform bis in die 1960er-Jahre: privater Rückzugsort, Intimgruppe auf Basis von Liebe und lebenslanger Ehe mit geschlechtsspezifischer Rollenteilung (Mann: Erwerb/Versorger; Frau: Haushalt/Familie). - Kernfunktionen: Biologische und kulturelle Reproduktion; primäre Erziehungs- und Sozialisationsinstanz; Platzierungs- bzw. Statuszuweisungsfunktion; materielle Sicherung und Schutzfunktion; Regeneration und Freizeit als Ausgleich zur Erwerbswelt. 2. Prozess der Sozialisation: - Lebenslanger Prozess der Persönlichkeitsentwicklung und Einbindung in die Gesellschaft in Wechselwirkung mit der sozialen Umwelt (Entwicklung von Identität). - Teilprozesse: Soziabilisierung (grundlegende soziale Anpassung), Enkulturation (Hineinwachsen in Sprache und Kultur), Personalisation (Ausbildung einer eigenständigen Ich-Identität). - Phasen: Primäre Sozialisation (frühe Kindheit, Kerninstanz Familie), sekundäre Sozialisation (Jugend/Heranwachsen, Instanzen Schule, Peers, Medien), tertiäre Sozialisation (Erwachsenenalter, Instanzen Beruf, Organisationen). 3. Erläuterung der Abweichung und Vorurteilsbelastung der Solo-Elternschaft: - Dominanz des Leitbilds: Durch die primäre und sekundäre Sozialisation verinnerlichen Individuen die Zweielternfamilie als normative Idealform für ein gesundes Aufwachsen. - Unterstellung von Defiziten: Aus normativer Sicht wird befürchtet, dem Kind fehle eine männliche/väterliche Bezugsperson als geschlechterrollenprägende Sozialisationsinstanz in der primären Phase. - Ökonomische und versorgungstechnische Skepsis: Da die Versorgungsfunktion des Mannes bzw. eines zweiten Einkommens entfällt, wird Solo-Elternschaft mit einem hohen Armutsrisiko und Überforderung assoziiert, weshalb der bewusste Entschluss dazu traditionellen Erwartungen widerspricht und als egoistisch oder unvernünftig abgestempelt wird.
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