Abitur NRW Soziologie 2021 · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg

Abiturprüfung Soziologie in Nordrhein-Westfalen 2021, GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg: 6 Aufgaben mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.

Themen der Prüfung: Sozialisation, Identität, Gruppen und abweichendes Verhalten · Rollentheorien und Rollenkonflikte · Wertewandel und Individualisierung · Wandel von Familie, Lebensformen und Arbeitswelt · Sozialstaat und soziale Sicherung

Aufgabe HT 1 - Wandel von Familie, Lebensformen und Arbei… · Wandel von Familie, Lebensformen und Arbeitswelt

Thema: Vereinbarkeit von Familie und Beruf – lässt sich die Arbeitswelt flexibler gestalten?

Meredith Haaf

Wie viel Arbeit ist genug?

Es war einmal ein Versprechen. Es richtete sich vor allem an junge Frauen in diesem Land,

und es hieß: Du kannst Kinder bekommen und weiter ein befriedigendes Berufsleben oder auf

jeden Fall ein eigenes Auskommen haben, und zwar ohne schlechtes Gewissen. Eigentlich

verrückt, vor wie kurzer Zeit so ein Satz noch als Provokation aufgefasst wurde oder zumin-

5 dest als extrem progressiv. Wenn man bedenkt, dass vor 15 Jahren noch ernsthaft über Raben-

mütter und Wickel-Volontariate 1 diskutiert wurde, hat unsere Gesellschaft einen erstaunlichen

Akt kultureller Flexibilität hingelegt, zumindest auf den ersten Blick.

Innerhalb von nur einer Generation ist es für die meisten Menschen in Deutschland normal

geworden, Kinder, Haushalt und Berufstätigkeit miteinander zu verknüpfen. Das sind an sich

10 gute Nachrichten: Die Rollenbilder werden offener und vielfältiger, für Frauen wie für Männer.

Die Zahl der berufstätigen Mütter hat sich verdoppelt. Väter kümmern sich selbstverständli-

cher um Kinder und wünschen sich mehr Zeit für sie. Sie nehmen immer häufiger Elternzeit,

auch wenn es bei den meisten immer noch spärliche zwei Monate sind. Zwar teilt sich nur eine

Minderheit der Paare die Arbeit im und außer Haus strikt paritätisch 2, aber viele möchten es.

15 Wir könnten so frei sein! Und damit wären wir beim zweiten Blick: Denn der verrät, dass der

Siegeszug des Sowohl-als-Auch bislang vor allem der deutschen Wirtschaft nutzt. Vereinbar-

keit gibt es nicht ohne Zugeständnisse. Die machen momentan vor allem Arbeitnehmer*innen

und Familien. Wer jeden Tag Kinder versorgt, Wäsche wäscht, Essen auf den Tisch stellt, auf-

räumt, sich möglicherweise noch in Betreuungsinitiativen und Sportvereinen engagiert und

20 20 bis 40 Stunden in der Woche am Arbeitsplatz verbringt, hat zwar mehr Möglichkeiten und

ein eigenes Einkommen, aber eben auch: jeden Tag verdammt viel zu tun. Das gilt genauso,

wenn man in Teilzeit arbeitet wie die Hälfte der weiblichen Erwerbstätigen. Nur dass die nicht

mal ihre Familie selbst ernähren könnten, geschweige denn etwas zur Seite legen.

Das Wort Gleichberechtigung ist nicht ohne Grund mit dem Wort „Emanzipation“ verknüpft.

25 Die eigentliche Idee ist eben nicht, dass in einer gleichberechtigten Gesellschaft alle alles

machen und immer noch mehr, sondern dass alle gleiche Rechte und Freiheiten haben. Gegen-

wärtig aber befreien sich berufstätige Eltern höchstens von ihren finanziellen Verpflichtungen

füreinander [...]. Von den Ansprüchen der Arbeitswelt fühlt sich aber kaum jemand heute

besonders frei. Noch immer orientieren wir uns vor allem an der Frage: Wie können, dürfen

30 und müssen wir arbeiten, anstatt: Wie wollen wir arbeiten? Wie viel Zeit wollen wir zur freien

Verfügung haben? Wie viel Berufstätigkeit brauchen wir gerade jetzt?

Im „Fifty-Fifty?“-Projekt 3, das derzeit am Wissenschaftszentrum Berlin läuft, zeigen erste

Befragungen, dass erschreckend viele Eltern überhaupt nicht so arbeiten, wie sie wollen. Die

meisten, egal ob in Voll- oder Teilzeit, möchten weniger arbeiten. Das gilt übrigens für Väter

35 ganz besonders. Dass sie es nicht können, liegt teilweise an Ansprüchen der Arbeitgeber und

an Schichtdiensten, teilweise einfach an niedrigen Gehältern. Hinzu kommt: Fürsorge für Kin-

der und Angehörige wird weder steuerrechtlich noch anderweitig anerkannt. Gleichstellung

auf dem Arbeitsmarkt orientiert sich noch immer am traditionellen Versorgermodell: Mütter

sollten eben genauso arbeiten wie Väter, die Kinder betreut jemand anderes, fertig. Doch das

40 ist in der Realität weder praktikabel noch besonders lebensfreundlich. Und es fällt in den

Haushalten wie im Wirtschaftsleben zu viel Arbeit auf zu wenige Menschen. Der Soziologe

Richard Sennett hat einmal gesagt: „Im modernen Kapitalismus werden Menschen von Zeit-

strukturen dominiert, die ihre Fähigkeit reduzieren, Arbeit als Genugtuung zu erleben.“ Spät-

nachmittage mit den Kindern, die nur aus Abholen und Abfüttern bestehen, sind nicht für alle

45 beglückend. Die spannendsten Projekte im Job können echten Stress verursachen, wenn man

sie nachts fertig machen muss. Und wer regelmäßig zehn Stunden am Schreibtisch, an der

Kasse oder auf Schicht verbringt, nimmt auf Dauer vor allem Erschöpfung mit vom Job.

Wir arbeiten in diesem Land vor allem so, wie es Produktivitätsvorgaben und Wachstums-

ansprüche der Wirtschaft vorsehen und nicht, wie es für Individuen und Familien gut wäre.

50 Warum formulieren wir unsere Ansprüche nicht klarer? Da viele Branchen Fachkräfte brau-

chen, verwundert es, wie wenig diese Kräfte für sich einfordern. Christian Kraus, Manager

beim Finanzdienstleister Interhyp, sagt: „Für immer mehr Unternehmen wird es überlebens-

wichtig, familienfreundlich zu sein – weil sie sonst keine guten Leute finden.“

Vielleicht hängt die allgemeine Zurückhaltung aber auch damit zusammen, dass wir bei all

55 der Arbeit vergessen, darüber nachzudenken, wie viel Arbeit genug ist: nicht für den Status,

die Karriere oder die Ansprüche der anderen, sondern für uns selbst. Der kulturelle Wandel

ist letztlich eine Aufgabe für Unternehmen und Politik. Er muss aber dort beginnen, wo wir

ihn direkt bewirken können: im eigenen Kopf.

Zur Autorin:

Meredith Haaf, geb. 1983, hat Geschichte und Philosophie studiert und arbeitet als freie Journalistin und Autorin.

1 Wickelvolontariat: abwertende Bezeichnung für die von Vätern in Anspruch genommene Elternzeit

2 paritätisch: gleichgestellt, gleichwertig, gleichberechtigt oder (zahlenmäßig) gleich

3 „Fifty-Fifty?“-Projekt: Das Projekt untersucht den Einfluss politischer und betrieblicher Rahmenbedingungen auf die innerpartnerschaftliche Aufteilung von Familien- und Erwerbsarbeit bei Eltern junger Kinder.

1.

Analysieren Sie, was die Autorin über den Wunsch nach einer Vereinbarkeit von Familie und Beruf aussagt. Erläutern Sie in diesem Zusammenhang die sozialen und ökonomischen Wandlungsprozesse, die diesem Wunsch zugrunde liegen. (30 Punkte)

3.

Gestalten Sie in der Rolle einer Unternehmensberaterin/eines Unternehmensberaters einen Redebeitrag für die Vorstandssitzung eines Unternehmens, der darauf zielt, Familie und Beruf besser vereinbar zu machen. Entwickeln Sie dabei zwei Maßnahmen, die familienfreundliche Arbeitsbedingungen fördern. (27 Punkte)

Aufgabe HT 1 - Rollentheorien und Rollenkonflikte · Rollentheorien und Rollenkonflikte

Thema: Vereinbarkeit von Familie und Beruf – lässt sich die Arbeitswelt flexibler gestalten?

Meredith Haaf

Wie viel Arbeit ist genug?

Es war einmal ein Versprechen. Es richtete sich vor allem an junge Frauen in diesem Land,

und es hieß: Du kannst Kinder bekommen und weiter ein befriedigendes Berufsleben oder auf

jeden Fall ein eigenes Auskommen haben, und zwar ohne schlechtes Gewissen. Eigentlich

verrückt, vor wie kurzer Zeit so ein Satz noch als Provokation aufgefasst wurde oder zumin-

5 dest als extrem progressiv. Wenn man bedenkt, dass vor 15 Jahren noch ernsthaft über Raben-

mütter und Wickel-Volontariate 1 diskutiert wurde, hat unsere Gesellschaft einen erstaunlichen

Akt kultureller Flexibilität hingelegt, zumindest auf den ersten Blick.

Innerhalb von nur einer Generation ist es für die meisten Menschen in Deutschland normal

geworden, Kinder, Haushalt und Berufstätigkeit miteinander zu verknüpfen. Das sind an sich

10 gute Nachrichten: Die Rollenbilder werden offener und vielfältiger, für Frauen wie für Männer.

Die Zahl der berufstätigen Mütter hat sich verdoppelt. Väter kümmern sich selbstverständli-

cher um Kinder und wünschen sich mehr Zeit für sie. Sie nehmen immer häufiger Elternzeit,

auch wenn es bei den meisten immer noch spärliche zwei Monate sind. Zwar teilt sich nur eine

Minderheit der Paare die Arbeit im und außer Haus strikt paritätisch 2, aber viele möchten es.

15 Wir könnten so frei sein! Und damit wären wir beim zweiten Blick: Denn der verrät, dass der

Siegeszug des Sowohl-als-Auch bislang vor allem der deutschen Wirtschaft nutzt. Vereinbar-

keit gibt es nicht ohne Zugeständnisse. Die machen momentan vor allem Arbeitnehmer*innen

und Familien. Wer jeden Tag Kinder versorgt, Wäsche wäscht, Essen auf den Tisch stellt, auf-

räumt, sich möglicherweise noch in Betreuungsinitiativen und Sportvereinen engagiert und

20 20 bis 40 Stunden in der Woche am Arbeitsplatz verbringt, hat zwar mehr Möglichkeiten und

ein eigenes Einkommen, aber eben auch: jeden Tag verdammt viel zu tun. Das gilt genauso,

wenn man in Teilzeit arbeitet wie die Hälfte der weiblichen Erwerbstätigen. Nur dass die nicht

mal ihre Familie selbst ernähren könnten, geschweige denn etwas zur Seite legen.

Das Wort Gleichberechtigung ist nicht ohne Grund mit dem Wort „Emanzipation“ verknüpft.

25 Die eigentliche Idee ist eben nicht, dass in einer gleichberechtigten Gesellschaft alle alles

machen und immer noch mehr, sondern dass alle gleiche Rechte und Freiheiten haben. Gegen-

wärtig aber befreien sich berufstätige Eltern höchstens von ihren finanziellen Verpflichtungen

füreinander [...]. Von den Ansprüchen der Arbeitswelt fühlt sich aber kaum jemand heute

besonders frei. Noch immer orientieren wir uns vor allem an der Frage: Wie können, dürfen

30 und müssen wir arbeiten, anstatt: Wie wollen wir arbeiten? Wie viel Zeit wollen wir zur freien

Verfügung haben? Wie viel Berufstätigkeit brauchen wir gerade jetzt?

Im „Fifty-Fifty?“-Projekt 3, das derzeit am Wissenschaftszentrum Berlin läuft, zeigen erste

Befragungen, dass erschreckend viele Eltern überhaupt nicht so arbeiten, wie sie wollen. Die

meisten, egal ob in Voll- oder Teilzeit, möchten weniger arbeiten. Das gilt übrigens für Väter

35 ganz besonders. Dass sie es nicht können, liegt teilweise an Ansprüchen der Arbeitgeber und

an Schichtdiensten, teilweise einfach an niedrigen Gehältern. Hinzu kommt: Fürsorge für Kin-

der und Angehörige wird weder steuerrechtlich noch anderweitig anerkannt. Gleichstellung

auf dem Arbeitsmarkt orientiert sich noch immer am traditionellen Versorgermodell: Mütter

sollten eben genauso arbeiten wie Väter, die Kinder betreut jemand anderes, fertig. Doch das

40 ist in der Realität weder praktikabel noch besonders lebensfreundlich. Und es fällt in den

Haushalten wie im Wirtschaftsleben zu viel Arbeit auf zu wenige Menschen. Der Soziologe

Richard Sennett hat einmal gesagt: „Im modernen Kapitalismus werden Menschen von Zeit-

strukturen dominiert, die ihre Fähigkeit reduzieren, Arbeit als Genugtuung zu erleben.“ Spät-

nachmittage mit den Kindern, die nur aus Abholen und Abfüttern bestehen, sind nicht für alle

45 beglückend. Die spannendsten Projekte im Job können echten Stress verursachen, wenn man

sie nachts fertig machen muss. Und wer regelmäßig zehn Stunden am Schreibtisch, an der

Kasse oder auf Schicht verbringt, nimmt auf Dauer vor allem Erschöpfung mit vom Job.

Wir arbeiten in diesem Land vor allem so, wie es Produktivitätsvorgaben und Wachstums-

ansprüche der Wirtschaft vorsehen und nicht, wie es für Individuen und Familien gut wäre.

50 Warum formulieren wir unsere Ansprüche nicht klarer? Da viele Branchen Fachkräfte brau-

chen, verwundert es, wie wenig diese Kräfte für sich einfordern. Christian Kraus, Manager

beim Finanzdienstleister Interhyp, sagt: „Für immer mehr Unternehmen wird es überlebens-

wichtig, familienfreundlich zu sein – weil sie sonst keine guten Leute finden.“

Vielleicht hängt die allgemeine Zurückhaltung aber auch damit zusammen, dass wir bei all

55 der Arbeit vergessen, darüber nachzudenken, wie viel Arbeit genug ist: nicht für den Status,

die Karriere oder die Ansprüche der anderen, sondern für uns selbst. Der kulturelle Wandel

ist letztlich eine Aufgabe für Unternehmen und Politik. Er muss aber dort beginnen, wo wir

ihn direkt bewirken können: im eigenen Kopf.

Zur Autorin:

Meredith Haaf, geb. 1983, hat Geschichte und Philosophie studiert und arbeitet als freie Journalistin und Autorin.

1 Wickelvolontariat: abwertende Bezeichnung für die von Vätern in Anspruch genommene Elternzeit

2 paritätisch: gleichgestellt, gleichwertig, gleichberechtigt oder (zahlenmäßig) gleich

3 „Fifty-Fifty?“-Projekt: Das Projekt untersucht den Einfluss politischer und betrieblicher Rahmenbedingungen auf die innerpartnerschaftliche Aufteilung von Familien- und Erwerbsarbeit bei Eltern junger Kinder.

2.

Stellen Sie dar, auf welche Weise die funktionalistische Rollentheorie gesellschaftliches Verhalten sowie mögliche Rollenkonflikte erklärt. Erläutern Sie auf dieser Grundlage die Auffassung der Autorin, in diesem Land richte sich die Arbeit vorrangig nach den Anforderungen der Wirtschaft und nicht danach, „wie es für Individuen und Familien gut wäre“ (Z. 49). (23 Punkte)

Aufgabe HT 2 - Wandel von Familie, Lebensformen und Arbei… · Wandel von Familie, Lebensformen und Arbeitswelt

Judith Luig

Das Ende der Kernfamilie

[...] Die Berta, die Eia, die Fine, die Trude, die Guste. Meine Großmutter hatte einen uner-

schöpflichen Schatz an Schwestern. [...] Alle hatten sie geheiratet und fast alle eine unüber-

schaubare Anzahl an Kindern und Enkeln bekommen. Das Leben meiner Großmutter mütter-

licherseits spielte sich fast ausschließlich in ihrer – meist weiblichen – Großfamilie ab. [...]

5 Meine beiden Schwestern und ich wuchsen anders auf. Wir waren eine Familie unserer Zeit,

eine Kernfamilie: Vater, Mutter, drei Kinder. Wir konzentrierten uns auf uns. Unsere Tanten

und Onkel lebten in anderen Städten, ihr Leben schien uns fern. Wenn neue Menschen in

unser Leben kamen, dann waren es Freunde, die wir fanden, oder Kollegen, die wir bei der

Arbeit kennenlernten. Sie alle hatten wir uns selbst ausgesucht. [...]

10 Irgendwann aber brauchten meine Eltern im Alter Hilfe. Unsere Tochter kam auf die Welt

und wir waren als Eltern auf Unterstützung angewiesen. In dieser Zeit machte ich zum ersten

Mal eine interessante Erfahrung. Nicht meine Freunde, nicht meine Kollegen waren diejeni-

gen, auf die ich mich am meisten verlassen konnte. Es waren Mitglieder meiner erweiterten

Familie, die halfen. Das Netzwerk, das meine Großmutter einst aufgebaut hatte, blieb intakt,

15 auch in der nächsten Generation. [...]

Mit meiner eigenen Familiengeschichte im Sinn las ich im amerikanischen Atlantic 1 einen

Essay des Publizisten David Brooks. Die Idee der Kernfamilie, schrieb er, sei ein Fehler gewe-

sen, gewissermaßen ein historischer Irrtum. [...]

Brooks schreibt weiter: „Wir haben das Leben der Erwachsenen verbessert und das der Kinder

20 verschlechtert. Wir haben uns weg bewegt von den großen, untereinander verbundenen und

erweiterten Familien, die dabei geholfen haben, die Schwächsten vor den Schwierigkeiten

des Lebens zu bewahren, hin zu kleineren, isolierten Kernfamilien (ein verheiratetes Paar und

ihre Kinder), die den Privilegierten der Gesellschaft Raum geben ihre Talente auszubauen

und ihre Möglichkeiten zu erweitern.“ Die Kernfamilie, so Brooks, habe in den USA für die

25 sozial Schwachen vor allem zu Einsamkeit und Armut geführt. Es sei Zeit, sie zu überdenken.

[...]

Auch hier [in Deutschland] ist die Kernfamilie weiterhin das Ideal, nach dem die meisten

Menschen streben. Und auch hier scheitern immer mehr Menschen daran, das Ideal zu erfül-

len. Die Zahl der Alleinerziehenden steigt auch in Deutschland. [...] Zugleich leben vor allem

30 im Alter immer mehr Menschen in Deutschland allein. Fast drei Viertel aller Haushalte beste-

hen heute aus ein bis zwei Personen. Auch in Deutschland trifft diese Entwicklung tenden-

ziell ärmere Familien. Es gibt kaum ein größeres Armutsrisiko als eine alleinerziehende Frau

mit Kind zu sein. Statistisch betrachtet ist es doppelt so hoch wie im Durchschnitt der Bevöl-

kerung. [...]

35 Anfang des 20. Jahrhunderts lebten noch durchschnittlich mehr als vier Personen in deutschen

Haushalten. Die Zahl sank bis in die Sechzigerjahre auf rund drei Personen, heute besteht ein

Haushalt aus durchschnittlich zwei Personen. Die Familien reduzierten sich mehr und mehr

auf einen Kern aus Eltern und Kindern. Das Ideal der vergangenen Jahrzehnte entstand: Eine

geringe Zahl an Kindern und zwei Eltern, die genug Zeit haben, sich der Erziehung zu wid-

40 men.

Das Leitbild dieser neuen Kernfamilie war die „Gefühlsgemeinschaft“, wie es die Soziologin

Elisabeth Beck-Gernsheim formulierte. [...]

In den Fünfzigerjahren war die Kleinfamilie für viele Menschen eine Befreiung. Anders als

früher ging es bei der Familiengründung nicht mehr darum, die Großfamilie zu stärken oder

45 Besitzstände zu wahren. Was zählte, war die individuelle Entscheidung von jungen Männern

und Frauen. Der wirtschaftliche Aufschwung machte es immer mehr Familien möglich, sich

aus den Zwängen ihrer Großfamilien zu befreien und einen eigenen selbstbestimmten Haus-

halt zu gründen. Meist entstanden diese Haushalte in den neu gebauten Mietshäusern in der

Stadt, die nun ausgerichtet waren auf die vierköpfige Familie. Andere zogen in ihr Eigenheim

50 in die Vorstädte. [...]

In den Siebzigerjahren geriet die Familienstruktur mit der Mutter im Haus und dem Vater im

Berufsleben zunehmend in die Kritik. Aus den Reihen der 68er 2 - und Frauenbewegung wurde

der Wunsch nach Emanzipation lauter. Wer welche Rechten oder Pflichten hatte, war jetzt

Teil von Verhandlungen – gesellschaftlichen und politischen wie auch privaten. Unter Druck

55 setzte die Kleinfamilie auch wirtschaftliche Zwänge: Das Wirtschaftswunder war vorbei, neue

Produktionsverfahren verringerten die Zahl der benötigten Arbeiter, die Arbeitslosenzahlen

stiegen und die Einkommen sanken. Frauen mussten wieder arbeiten. Und viele wollten auch.

Seither begannen die Sichtweisen von Frauen und Männern auseinanderzugehen, schreibt die

Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim. „Während die Lebenspläne der Frauen schnell neue

60 Formen annahmen, änderten sich die Lebenspläne der Männer längst nicht im selben Tempo

und Ausmaß.“ Die Männer, so stellte der Ehemann von Elisabeth Beck-Gernsheim, der Sozio-

loge Ulrich Beck, 1986 fest, zeigten „verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhal-

tensstarre“. Die einen wollten neue Rollen, die anderen blieben in ihren alten verhaftet. Die

Kleinfamilie geriet in die Krise.

65 [...] Wurde rein rechnerisch betrachtet in den Sechzigerjahren noch rund jede zehnte Ehe in

Deutschland geschieden, war es zum Jahrhundertwechsel mehr als jede zweite. Die Schei-

dungsquoten sind seither zwar wieder leicht gesunken. Doch noch immer wird statistisch rund

jede dritte Ehe wieder getrennt. „Was folgt auf die Familie?“, fragte Beck-Gernsheim schon

1998 in ihrem zentralen Werk über die Familienforschung. [...]

70 Eine [...] Antwort könnte in einem Familienalltag liegen, der längst existiert. In Deutschland

haben sich viele Familien in den vergangenen Jahrzehnten selbst reformiert. Sie haben neue

Familienmodelle und Netzwerke aus Menschen entwickelt, ganz so wie es die Soziologin

Beck-Gernsheim vorausgesehen hatte: „Anders, mehr, besser, die Verhandlungsfamilie, die

Wechselfamilie, die Vielfamilie, die aus Scheidung, Wiederverheiratung, Scheidung, aus Kin-

75 dern deiner, meiner, unserer Familienvergangenheiten hervorgegangen ist.“ Zwischen sieben

bis 13 Prozent aller Familien in Deutschland leben heute als Patchwork-Familie, schätzt das

Familienministerium.

Im Stillen hat sich längst eine andere, neue Familiennormalität entwickelt. Man kann sie

sehen, wenn man am Wochenende mit der Deutschen Bahn fährt und auf die vielen Väter und

80 Mütter trifft, die zu ihren Kindern in anderen Städten pendeln. Fast jeder hat heute gleich meh-

rere Patchwork-Familien in seinem Bekanntenkreis, wenn er nicht gleich selbst das Modell

lebt. Die neue Normalität hat für diese Familien neuen Stress und neue Chancen geschaffen –

vor allem aber mehr Komplexität. [...]

Was kommt nach der Großfamilie meiner Kindheit und der Kernfamilie, die zunehmend ver-

85 schwindet? Womöglich immer noch die Familie. Wir müssen uns nur trauen, sie auch so zu

nennen.

1 The Atlantic ist eine amerikanische Zeitschrift.

2 Als 68er-Bewegung werden soziale Bewegungen zusammengefasst, die in den 1960er Jahren aktiv waren und in einigen Staaten im Jahr 1968 besonders hervortraten. Sie begann in den USA mit der Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner und setzte sich im Protest gegen den Vietnamkrieg fort. Ähnliche Proteste flammten in vielen Staaten der Welt auf, darunter die westdeutsche Studentenbewegung der 1960er Jahre.

Zur Autorin:

Judith Luig, geb. 1974, ist Redakteurin im Ressort Politik, Wirtschaft, Gesellschaft von ZEIT ONLINE.

Aufgabenstellung zu HT 2 (Teilaufgaben 1 und 3)

1.

Analysieren Sie, was die Autorin über den Wandel der Familienformen ausführt. Stellen Sie in diesem Zusammenhang dar, welche individuellen und gesellschaftlichen Funktionen die beschriebene bürgerliche Kleinfamilie erfüllt. (30 Punkte)

3.

Diskutieren Sie die Chancen und Risiken, die mit der „neue Normalität“ (Z. 82) der Patchworkfamilien verbunden sind. (24 Punkte)

Aufgabe HT 2 - Wertewandel und Individualisierung · Wertewandel und Individualisierung

Judith Luig

Das Ende der Kernfamilie

[...] Die Berta, die Eia, die Fine, die Trude, die Guste. Meine Großmutter hatte einen uner-

schöpflichen Schatz an Schwestern. [...] Alle hatten sie geheiratet und fast alle eine unüber-

schaubare Anzahl an Kindern und Enkeln bekommen. Das Leben meiner Großmutter mütter-

licherseits spielte sich fast ausschließlich in ihrer – meist weiblichen – Großfamilie ab. [...]

5 Meine beiden Schwestern und ich wuchsen anders auf. Wir waren eine Familie unserer Zeit,

eine Kernfamilie: Vater, Mutter, drei Kinder. Wir konzentrierten uns auf uns. Unsere Tanten

und Onkel lebten in anderen Städten, ihr Leben schien uns fern. Wenn neue Menschen in

unser Leben kamen, dann waren es Freunde, die wir fanden, oder Kollegen, die wir bei der

Arbeit kennenlernten. Sie alle hatten wir uns selbst ausgesucht. [...]

10 Irgendwann aber brauchten meine Eltern im Alter Hilfe. Unsere Tochter kam auf die Welt

und wir waren als Eltern auf Unterstützung angewiesen. In dieser Zeit machte ich zum ersten

Mal eine interessante Erfahrung. Nicht meine Freunde, nicht meine Kollegen waren diejeni-

gen, auf die ich mich am meisten verlassen konnte. Es waren Mitglieder meiner erweiterten

Familie, die halfen. Das Netzwerk, das meine Großmutter einst aufgebaut hatte, blieb intakt,

15 auch in der nächsten Generation. [...]

Mit meiner eigenen Familiengeschichte im Sinn las ich im amerikanischen Atlantic 1 einen

Essay des Publizisten David Brooks. Die Idee der Kernfamilie, schrieb er, sei ein Fehler gewe-

sen, gewissermaßen ein historischer Irrtum. [...]

Brooks schreibt weiter: „Wir haben das Leben der Erwachsenen verbessert und das der Kinder

20 verschlechtert. Wir haben uns weg bewegt von den großen, untereinander verbundenen und

erweiterten Familien, die dabei geholfen haben, die Schwächsten vor den Schwierigkeiten

des Lebens zu bewahren, hin zu kleineren, isolierten Kernfamilien (ein verheiratetes Paar und

ihre Kinder), die den Privilegierten der Gesellschaft Raum geben ihre Talente auszubauen

und ihre Möglichkeiten zu erweitern.“ Die Kernfamilie, so Brooks, habe in den USA für die

25 sozial Schwachen vor allem zu Einsamkeit und Armut geführt. Es sei Zeit, sie zu überdenken.

[...]

Auch hier [in Deutschland] ist die Kernfamilie weiterhin das Ideal, nach dem die meisten

Menschen streben. Und auch hier scheitern immer mehr Menschen daran, das Ideal zu erfül-

len. Die Zahl der Alleinerziehenden steigt auch in Deutschland. [...] Zugleich leben vor allem

30 im Alter immer mehr Menschen in Deutschland allein. Fast drei Viertel aller Haushalte beste-

hen heute aus ein bis zwei Personen. Auch in Deutschland trifft diese Entwicklung tenden-

ziell ärmere Familien. Es gibt kaum ein größeres Armutsrisiko als eine alleinerziehende Frau

mit Kind zu sein. Statistisch betrachtet ist es doppelt so hoch wie im Durchschnitt der Bevöl-

kerung. [...]

35 Anfang des 20. Jahrhunderts lebten noch durchschnittlich mehr als vier Personen in deutschen

Haushalten. Die Zahl sank bis in die Sechzigerjahre auf rund drei Personen, heute besteht ein

Haushalt aus durchschnittlich zwei Personen. Die Familien reduzierten sich mehr und mehr

auf einen Kern aus Eltern und Kindern. Das Ideal der vergangenen Jahrzehnte entstand: Eine

geringe Zahl an Kindern und zwei Eltern, die genug Zeit haben, sich der Erziehung zu wid-

40 men.

Das Leitbild dieser neuen Kernfamilie war die „Gefühlsgemeinschaft“, wie es die Soziologin

Elisabeth Beck-Gernsheim formulierte. [...]

In den Fünfzigerjahren war die Kleinfamilie für viele Menschen eine Befreiung. Anders als

früher ging es bei der Familiengründung nicht mehr darum, die Großfamilie zu stärken oder

45 Besitzstände zu wahren. Was zählte, war die individuelle Entscheidung von jungen Männern

und Frauen. Der wirtschaftliche Aufschwung machte es immer mehr Familien möglich, sich

aus den Zwängen ihrer Großfamilien zu befreien und einen eigenen selbstbestimmten Haus-

halt zu gründen. Meist entstanden diese Haushalte in den neu gebauten Mietshäusern in der

Stadt, die nun ausgerichtet waren auf die vierköpfige Familie. Andere zogen in ihr Eigenheim

50 in die Vorstädte. [...]

In den Siebzigerjahren geriet die Familienstruktur mit der Mutter im Haus und dem Vater im

Berufsleben zunehmend in die Kritik. Aus den Reihen der 68er 2 - und Frauenbewegung wurde

der Wunsch nach Emanzipation lauter. Wer welche Rechten oder Pflichten hatte, war jetzt

Teil von Verhandlungen – gesellschaftlichen und politischen wie auch privaten. Unter Druck

55 setzte die Kleinfamilie auch wirtschaftliche Zwänge: Das Wirtschaftswunder war vorbei, neue

Produktionsverfahren verringerten die Zahl der benötigten Arbeiter, die Arbeitslosenzahlen

stiegen und die Einkommen sanken. Frauen mussten wieder arbeiten. Und viele wollten auch.

Seither begannen die Sichtweisen von Frauen und Männern auseinanderzugehen, schreibt die

Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim. „Während die Lebenspläne der Frauen schnell neue

60 Formen annahmen, änderten sich die Lebenspläne der Männer längst nicht im selben Tempo

und Ausmaß.“ Die Männer, so stellte der Ehemann von Elisabeth Beck-Gernsheim, der Sozio-

loge Ulrich Beck, 1986 fest, zeigten „verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhal-

tensstarre“. Die einen wollten neue Rollen, die anderen blieben in ihren alten verhaftet. Die

Kleinfamilie geriet in die Krise.

65 [...] Wurde rein rechnerisch betrachtet in den Sechzigerjahren noch rund jede zehnte Ehe in

Deutschland geschieden, war es zum Jahrhundertwechsel mehr als jede zweite. Die Schei-

dungsquoten sind seither zwar wieder leicht gesunken. Doch noch immer wird statistisch rund

jede dritte Ehe wieder getrennt. „Was folgt auf die Familie?“, fragte Beck-Gernsheim schon

1998 in ihrem zentralen Werk über die Familienforschung. [...]

70 Eine [...] Antwort könnte in einem Familienalltag liegen, der längst existiert. In Deutschland

haben sich viele Familien in den vergangenen Jahrzehnten selbst reformiert. Sie haben neue

Familienmodelle und Netzwerke aus Menschen entwickelt, ganz so wie es die Soziologin

Beck-Gernsheim vorausgesehen hatte: „Anders, mehr, besser, die Verhandlungsfamilie, die

Wechselfamilie, die Vielfamilie, die aus Scheidung, Wiederverheiratung, Scheidung, aus Kin-

75 dern deiner, meiner, unserer Familienvergangenheiten hervorgegangen ist.“ Zwischen sieben

bis 13 Prozent aller Familien in Deutschland leben heute als Patchwork-Familie, schätzt das

Familienministerium.

Im Stillen hat sich längst eine andere, neue Familiennormalität entwickelt. Man kann sie

sehen, wenn man am Wochenende mit der Deutschen Bahn fährt und auf die vielen Väter und

80 Mütter trifft, die zu ihren Kindern in anderen Städten pendeln. Fast jeder hat heute gleich meh-

rere Patchwork-Familien in seinem Bekanntenkreis, wenn er nicht gleich selbst das Modell

lebt. Die neue Normalität hat für diese Familien neuen Stress und neue Chancen geschaffen –

vor allem aber mehr Komplexität. [...]

Was kommt nach der Großfamilie meiner Kindheit und der Kernfamilie, die zunehmend ver-

85 schwindet? Womöglich immer noch die Familie. Wir müssen uns nur trauen, sie auch so zu

nennen.

1 The Atlantic ist eine amerikanische Zeitschrift.

2 Als 68er-Bewegung werden soziale Bewegungen zusammengefasst, die in den 1960er Jahren aktiv waren und in einigen Staaten im Jahr 1968 besonders hervortraten. Sie begann in den USA mit der Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner und setzte sich im Protest gegen den Vietnamkrieg fort. Ähnliche Proteste flammten in vielen Staaten der Welt auf, darunter die westdeutsche Studentenbewegung der 1960er Jahre.

Zur Autorin:

Judith Luig, geb. 1974, ist Redakteurin im Ressort Politik, Wirtschaft, Gesellschaft von ZEIT ONLINE.

Aufgabenstellung zu HT 2 (Teilaufgabe 2)

2.

Stellen Sie die Theorie des Wertewandels dar, die R. Inglehart für entwickelte Industriegesellschaften formuliert hat, und beschreiben Sie eine Theorie der gesellschaftlichen Entstrukturierung (z. B. die Individualisierungsthese nach Beck). Erläutern Sie auf dieser Grundlage, wodurch sich die im Text dargestellte Krise der Kleinfamilie erklären lässt (vgl. Z. 58 ff.). (26 Punkte)

Aufgabe HT 3 · Sozialisation, Identität, Gruppen und abweichendes Verhalten

Abiturprüfung 2021 – Soziologie, Grundkurs

Thema: „Migrantischer Szenejargon“ – Ausdruck von Integration und Identitätsbildung junger Migrantinnen und Migranten?

Materialgrundlage

Büsra Delikaya: Anker zwischen den Kulturen. In: ZEIT ONLINE vom 17.02.2020 (Auszüge; auf Zwischenüberschriften wurde zugunsten der besseren Lesbarkeit verzichtet; Anpassungen an die sprachliche Richtigkeit wurden vorgenommen)

1 Eine Hand schwebt über dem frisch gemähten Rasen. Mit der Nagelschere schneidet sie einen Grashalm kurz. Knips – die Melodie setzt ein. Im Liedtext geht es um altbekannte Klischees über Deutsche. Der klassische Alman, wie ihn der deutsch-österreichische YouTuber Phil Laude in seinem gleichnamigen Musikvideo karikiert, ist jemand, der mit zugeknöpftem Karo-

5 hemd für Recht und Ordnung sorgt. Almans bezeichnet meistens Deutsche. […]

Das Wort kommt aus dem Türkischen und meint nichts anderes als deutsch. Vor allem junge Leute mit ganz verschiedenen ethnischen Backgrounds nutzen das Wort. […]

Begriffe wie Alman sind in mehrheitlich türkischen, kurdischen oder arabischen Sprachgemeinschaften soziolinguistisch¹ betrachtet […] vor allem Begleiterscheinungen der Identi-

10 tätsbildung innerhalb einer deutsch-deutschen Mehrheitsgesellschaft, wenn man so will, der Integration.

Die Kinder und Enkel der sogenannten Gastarbeiter sind zwar in deutschen Städten geboren und wurden mit deutschen Gepflogenheiten sozialisiert. Wenn sie als Jugendliche nach ihrer eigenen Persönlichkeit, Identität und ihrem Platz in der Gesellschaft suchen, besinnen sie

15 sich aber auch auf die Wurzeln ihrer Eltern und Großeltern. Deren Mentalität und Rituale fühlen sich vertraut an, sie geben ein Gefühl von Zugehörigkeit. Ein kurdisches Lied, ein arabisches Gedicht, ein türkischer Lebensmittelmarkt können den jungen Menschen sehr viel bedeuten. Aber die unterschiedlichen soziokulturellen Einflüsse machen die Identitätsfindung nicht wirklich leicht.

20 Sprache kann dabei sehr hilfreich sein. Viele der Jugendlichen wachsen bi- oder trilingual auf. Wenn sich zum Beispiel arabischstämmige Jugendliche im Bus abwechselnd auf Arabisch und auf Deutsch miteinander unterhalten, hat der Wechsel immer ein unbewusstes System. Welche Sprache gewählt wird, bestimmt das Thema oder das Gefühl, das damit verbunden ist. Auch die Sprachmelodie ändert sich, sie wird mal dynamischer, dann fast schon wieder

25 phlegmatisch².

Wer aber zwischen zwei oder mehreren Kulturen hin- und herspringt, braucht einen Anker. Der findet sich oft in einer sprachlichen Symbiose, die in einem migrantischem Szenejargon verwendet wird, wie zum Beispiel in den Wörtern Alman und Kanake. Komplexe soziale Strukturen und mehrere Identitätsbausteine werden nicht mehr separiert, sondern zusammen-

30 geführt. Deutsch-türkische Jugendliche bauen sich dann etwa eine Sprache aus Hochdeutsch und türkischen Slang-Elementen – oder umgekehrt. […]

Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass die arabischstämmigen Jugendlichen aus dem Bus, die sich im Freundeskreis im Slang unterhalten, die deutsche Sprache und die eigene Muttersprache beide nicht gut bis sehr gut beherrschen könnten. Im Gegenteil: Bilingualität³

35 ist erwiesenermaßen ein Bonus.

„Bruder ya, du bist ein krasser Ehrenmann, vallah!“ – das klingt zwar zugegebenermaßen nicht nach deutscher Bildungssprache, ist aber deswegen nicht mangelhaft. Um einen multilingualen⁴ Einheitsslang zu schaffen, bedarf es sprachlicher Sicherheit und kommunikativer Analysefähigkeit. Natürlich kann man davon ausgehen, dass es einem Teil der sogenannten

40 Migrantenkinder schwerfällt, vom Slang in die Bildungssprache umzuschalten, was ihnen häufig Nachteile bringt. Aber die Beherrschung der Bildungssprache allein sagt gar nicht viel über die Fähigkeiten des Sprechers aus. Sie ist auch nur eine willkürliche Norm.

Es gibt keinen Grund, die Migrantenkinder aufgrund ihres Slangs aus öffentlichen Diskursen auszuschließen. Vielmehr ist es wichtig zu verstehen, dass sie mit dieser Art des Sprechens

45 Grenzen ziehen, um safe spaces⁵ zu schaffen, die für Menschen in einer Diaspora⁶ unabdingbar sind. Die Jugendlichen werden in diesem selbst geschaffenen Raum nicht bewertet. Sie bewegen sich in einem eigenen, einvernehmlich gestalteten Rahmen.

Nun wird das Wort Alman trotzdem genutzt, um Menschen abzuwerten. Das darf nicht ignoriert oder relativiert werden. Verlangt ein ethnisch Deutscher, getrennt zu zahlen, wird er

50 gerne als Alman beschimpft – als gebe es eine ethnisch bedingte Knauserigkeit⁷. So wird der Jargon, der eigentlich dazu dient, sich seiner eigenen Identität zu vergewissern, durchaus zur persönlichen Beleidigung. Trotzdem ist Alman nicht gleichzusetzen mit der Verwendung des Ausdrucks Kanake. So wurden die sogenannten Gastarbeiter genannt, in von Grund auf diskriminierender Absicht. „Wer Alman sagt, muss auch Kanake einstecken können“ –

55 diese Behauptung ist fatal.

Das Wort hat dazu beigetragen, dass Menschen, die in dieses Land kamen, lange fremd blieben. Oder gar gehasst und getötet wurden. Bereits im 18. Jahrhundert wurden von europäischen Kolonisatoren völlig unterschiedliche Bevölkerungsgruppen allesamt willkürlich als Kanaka bezeichnet; die ursprüngliche Form der Verwendung war also eine koloniale Fremd-

60 bezeichnung.

Aber auch dieses Schimpfwort hat sich zu einer Selbstbezeichnung in der deutschen Jugendsprache gewandelt. So bezeichnet sich der deutsch-türkische Rapper Eko Fresh in seinen Liedern als „dieser Hip-Hop-Kanake“ und das deutsch-kurdische Rapper-Duo Xatar und Haftbefehl veröffentlichte ein Lied mit dem Titel Kanack. Als migrantische Selbstermächtigung

65 wurde Kanake zuerst von dem deutsch-türkischen Schriftsteller Feridun Zaimoğlu in seinem Buch Kanak Sprak – 24 Mißtöne der Gesellschaft vermittelt.

Durch diese Aneignung werten die Jugendlichen den ursprünglich diskriminierenden Ausdruck um zum Zeichen eines neuen, starken Selbstverständnisses. Das Wort gehört nun nicht mehr nur den Diskriminierenden, sondern auch den Diskriminierten. Längst ist also die deut-

70 sche Sprache Refugium⁸ für all die hybriden⁹ Identitäten sogenannter Migrantenkinder geworden. Sie bietet Raum für eine Generation, die sich weder als ganz deutsch noch als ganz türkisch, kurdisch oder arabisch versteht. Beziehungsweise für eine Generation, die beides ist: Alman und Kanake.

Zur Autorin: Die Deutsch-Kurdin Büsra Delikaya, geb. 1995, studiert Germanistik und Geschichte in Potsdam und ist als freie Autorin für mehrere führende Zeitungen tätig. Sie moderiert zudem Blogs zum Thema Integration.

¹ Als Teildisziplin der Sprachwissenschaft untersucht die Soziolinguistik u. a. kulturell und gesellschaftlich bedingte Einflüsse auf die Sprache.

² phlegmatisch: träge, schwerfällig

³ Bilingualität: Zweisprachigkeit

⁴ multilingual: mehrsprachig, vielsprachig

⁵ safe spaces (engl.): sichere Räume

⁶ Diaspora: ein Gebiet, in dem eine religiöse, kulturelle oder ethische Minderheit in der Fremde lebt

⁷ Knauserigkeit (umgangssprachlich): Sparsamkeit, Geiz, Kleinlichkeit

⁸ Refugium: ein sicherer Ort, an dem jemand seine Zuflucht findet

⁹ hybrid: aus Verschiedenartigem zusammengesetzt, von zweierlei Herkunft; gemischt; zwitterhaft

1.

Analysieren Sie, was die Autorin über den Sprachgebrauch und die Identitätsbildung von jungen Menschen mit Migrationshintergrund aussagt. Erläutern Sie in diesem Zusammenhang, welche besondere Rolle zwei im Text erwähnte Sozialisationsinstanzen im Sozialisationsprozess spielen. [30 Punkte]

2.

Stellen Sie die Merkmale sozialer Gruppen sowie deren Funktionen für den Einzelnen dar und beschreiben Sie wesentliche gruppendynamische Mechanismen. Erläutern Sie auf dieser Grundlage, welche besondere Bedeutung der Szenejargon in migrantischen Peergroups hat. [26 Punkte]

3.

Erörtern Sie, ob sich der „migrantische Szenejargon“, wie es die Autorin annimmt, als Ausdruck gesellschaftlicher Integration deuten lässt. [24 Punkte]

Aufgabe HT 4 · Sozialstaat und soziale Sicherung

Abiturprüfung 2021 – Soziologie, Grundkurs

SL GK HT 4 W1

Thema: Der deutsche Sozialstaat – den Anforderungen des 21. Jahrhunderts entsprechend?

Aufgabenstellung:

1. Analysieren Sie, was die Autorin zur Neuausrichtung des deutschen Sozialstaats ausführt. Erläutern Sie dabei zu jeder im Text genannten modernen Entwicklung in Grundzügen die Ursachen. [30 Punkte]

2. Stellen Sie dar, wie der deutsche Sozialstaat rechtlich verankert ist, welches Ziel er verfolgt und auf welchen Grundprinzipien sozialer Sicherung er beruht, und beschreiben Sie die Grundlagen des deutschen Sozialversicherungssystems. Erläutern Sie auf dieser Basis die Aussage der Autorin, die am Alter ausgerichtete Dreiteilung des Lebens sei in unserem Sozialstaat stark institutionalisiert (vgl. Z. 9 f.). [26 Punkte]

3. Beurteilen Sie die drei Maßnahmen, die die Autorin vorschlägt, vor dem Hintergrund der Anforderungen, die das 21. Jahrhundert an den Sozialstaat stellt. [24 Punkte]

Materialgrundlage

Jutta Allmendinger: Sozialstaat 2.0

In: Süddeutsche Zeitung vom 12.09.2019 (auf Zwischenüberschriften und Grafiken wurde zugunsten der besseren Lesbarkeit verzichtet)

1 Die Lebensverläufe von Menschen faszinieren schon immer. Unzählige Abbildungen von Lebenstreppen zeugen davon, alle aufgebaut wie ein Medaillenpodest. Links der Bub mit Ranzen und Büchern. In der Mitte der junge Mann, umgeben von Frau und Kindern. Rechts der Greis, mit gekrümmtem Rücken und Stock. Die Lebenstreppen sind Männertreppen, sie

5 zeigen Männer im Kreise ihrer Familie. Die Erwerbsarbeit bleibt dahinter verborgen. Sie tritt im Aufbau unseres Sozialstaats hervor. Kindheit und Jugend bereiten auf die Erwerbsarbeit vor, im Alter dann erholt man sich von ihr. Beide Modelle folgen einer Dreifaltigkeit des Lebens – und dem ausschließlichen Blick auf Männer. Aber dazu später.

9 In unserem Sozialstaat ist die am Alter orientierte Dreiteilung des Lebens stark institutiona-

10 lisiert. Das zeigt sich an den immer noch gängigen Altersnormen beim Eintritt in Bildung und Ausbildung, noch stärker aber beim Übergang von Erwerbsarbeit in die Rente. Unsere Ausbildungssysteme sind perfekt auf diesen Dreitakt ausgerichtet. Die Hochschulen, vollzeitberufliche Ausbildungen und die international gerühmte duale Ausbildung vermitteln einen standardisierten Wissens- und Erfahrungskanon, der dann in dem jeweiligen Tätigkeitsfeld

15 eingesetzt und von einem Betrieb auf den anderen übertragen werden kann. International ist das eher unüblich, weswegen man anerkennend von den Orderly Life Courses 1 der Deutschen spricht, in Abgrenzung von den Disorderly Life Courses anderer Länder. Dort wechseln sich Phasen von Ausbildung und Erwerbsarbeit viel stärker ab.

Ist unsere sozialstaatliche Ordnung wirklich zu feiern? Wird sie nicht seit vielen Jahrzehnten

20 künstlich am Leben erhalten, da wir uns scheuen, die Fundamente des bismarckschen 2 Sozialstaats neu aufzustellen, zeitgemäße Leitplanken einzuziehen? Mindestens drei moderne Entwicklungen sprechen für eine solche Neuausrichtung: die Erwerbstätigkeit von Frauen, der technologische Wandel und die längere Lebenserwartung bei guter Gesundheit.

Die Erwerbstätigkeit von Frauen, erstens, passt nicht in den vom Reichskanzler angedachten

25 Lebensverlauf, der sein Sozialstaatsmodell auf die strikte Arbeitsteilung von Männern und Frauen ausgerichtet hat: hier die bezahlte Erwerbsarbeit außerhalb des Hauses, dort die unbezahlte Arbeit im Haus, die Erziehung der Kinder, die Pflege der Älteren. Von der insgesamt anfallenden Arbeit wird also nur die Hälfte auf den Markt getragen und bezahlt. Idealerweise wird so die andere Hälfte, die ganze Familie, finanziert. Steuererleichterungen wie das Ehe-

30 gattensplitting, abgeleitete Renten und die Mitversicherung sind bis heute erhaltene, deutliche Zeichen des Sozialstaats 1.0. Zu ihm passt auch die selten hinterfragte Erwartung, Männer und Frauen sollten gleichermaßen Vollzeit arbeiten. Denn nur so kann die materielle Schlechterstellung der Frauen faktisch behoben, der Weg in Führungspositionen eröffnet, gleicher Lohn für vergleichbare Arbeit gezahlt und ausreichende Renten erwirtschaftet werden. Dabei sehen

35 wir: Doppelte Vollzeit reißt Lücken in die für Familien wichtige Arbeit. Unser Sozialstaat 2.0 braucht deshalb eine Regelarbeitszeit von 32 Stunden für alle, als Durchschnitt über den gesamten Lebensverlauf hinweg. Nur so kann die Gleichstellung von Männern und Frauen Realität werden. Und 64 Stunden pro Haushalt ist bei Weitem mehr als von Bismarck angedacht.

Der technologische Wandel wiederum kommt immer schneller auf uns zu. Und er achtet nicht

40 auf die Abfolge von Generationen. Unsere Bildungs- und Ausbildungssysteme lassen Menschen ins Ungewisse laufen. Gerade jenen, deren Jobs sich am meisten verändern werden, wird am wenigsten geholfen. Unser Sozialstaat 2.0 braucht deshalb zweitens: eine zweite und dritte Ausbildung, systematisch über den Lebenslauf gedacht. Dazu gehören proaktive 3, prophylaktische 4 und aufsuchende Hilfssysteme für Beschäftigte. Sie müssen wissen dürfen, wie

45 es mit ihren Tätigkeiten weitergeht. Denn die Zukunft der Menschen wird insgesamt immer länger: Die Lebenserwartung, auch bei guter Gesundheit, ist seit Bismarcks Zeiten stark gestiegen und wird weiter zunehmen. Der einst provokant klingende Satz, 70 sei das neue 60, findet weithin Bestätigung. Dennoch: Das Bild bleibt gemischt. Menschen aller Bildungsstufen haben heute eine höhere Lebenserwartung als noch vor 20 Jahren, aber es bestehen nach

50 wie vor Unterschiede, etwa mit Blick auf den Bildungsstand: Männer mit höherer Bildung leben fünf, Frauen zwei Jahre länger als ihre bildungsarmen Mitmenschen. Diese Entwicklung führt zu Herausforderungen besonderer Art für den deutschen Sozialstaat 1.0, denn er arbeitet mit festen Regelaltersgrenzen für den Übergang zwischen Erwerbstätigkeit und Ruhestand beziehungsweise dem Bezug von Altersrenten. Diese lagen lange Zeit bei 63 Jahren für

55 Frauen und 65 Jahren für Männer, heute gilt für Menschen, die nach 1963 geboren wurden, die Regelaltersgrenze von 67.

Diese festen Grenzen sind sicherlich gut zu verwalten, entsprechen aber oft weder den Fähigkeiten der Menschen noch deren Wünschen. So liegen die Frühverrentungen bei Menschen mit starker körperlicher Belastung hoch, während „Kopfarbeiter“ weit über das Pensionsalter

60 hinaus arbeiten können und oft auch wollen. Diese Unterschiede erhöhen die Ungleichheit im Alter: Jene mit allemal niedrigem Einkommen müssen empfindliche Rentenabzüge hinnehmen, jene mit allemal guten Renten können ihre Einkommen noch erhöhen.

Die dritte Aufgabe für den Sozialstaat 2.0 ist deshalb: feste Altersgrenzen zu lockern und stärker an die Möglichkeiten und Wünsche der Menschen anzupassen, sozial verträglich und

65 nicht ungleichheitsverstärkend.

1 Orderly Life Courses: geordnete Lebens(ver)läufe

2 bismarckschen: auf den Reichskanzler Otto von Bismarck bezogen (um 1880)

3 proaktiv: vorausplanend, vorausschauend

4 prophylaktisch: vorbeugend

Zur Autorin: Jutta Allmendinger, geb. 1956, ist Soziologin und Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB).

Teilaufgabe 1

Teilaufgabe 2

Teilaufgabe 3

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