Abitur NRW Soziologie 2021 · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg)
Abiturprüfung Soziologie in Nordrhein-Westfalen 2021, GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg): 6 Aufgaben mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.
Themen der Prüfung: Sozialisation, Identität, Gruppen und abweichendes Verhalten · Rollentheorien und Rollenkonflikte · Wandel von Familie, Lebensformen und Arbeitswelt · Soziale Ungleichheit: Dimensionen, Modelle und Armut · Sozialstaat und soziale Sicherung
Aufgabe HT 1 · Sozialstaat und soziale Sicherung
Thema: Reform des Sozialsystems – ein bedingungsloses Grundeinkommen als ernst zu nehmende Alternative?
1. Analysieren Sie, was der Autor über die Wirksamkeit des deutschen Sozialsystems aussagt. Erläutern Sie in diesem Zusammenhang soziale und ökonomische Gründe für den im Text thematisierten Anstieg der Armutsrisikoquote.
2. Stellen Sie dar, wie der deutsche Sozialstaat rechtlich verankert ist, welche Ziele er verfolgt und auf welchen Grundprinzipien sozialer Sicherung er beruht, und beschreiben Sie die Grundlagen des deutschen Sozialversicherungssystems. Erläutern Sie, welche Auswirkungen die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens auf das Sozialversicherungssystem haben könnte.
3. Erörtern Sie, ob sich ein bedingungsloses Grundeinkommen von 1200 Euro dazu eignet, den Menschen ein größeres Maß an sozialer Teilhabe zu ermöglichen.
Aufgabe HT 2 - Sozialisation · Sozialisation, Identität, Gruppen und abweichendes Verhalten
Jana Hensel
Die Krise der Männer
Ganz am Anfang der Corona-Krise, da waren die Schulen und Kindergärten noch geöffnet,
habe ich auf Twitter aus nichts als einer Laune heraus gefragt, ob es unter den Virologen
in Deutschland eigentlich auch Frauen gäbe, und erntete das, was man einen veritablen 1
Shitstorm nennt.
5 Die allermeisten fanden, ich fasse das jetzt einmal so freundlich wie möglich zusammen, dass
es nun doch wirklich der falscheste Zeitpunkt für solcherart [...] Fragen sei. Hätte ich denn
nicht begriffen, wie ernst die Lage sei? Dass es doch völlig nebensächlich sei, ob Männer
oder Frauen oder Männer und Frauen mit Migrationsgeschichte uns retteten? Denn ja, im
Moment ginge es um nichts anderes als unser Überleben. [...]
10 Seither hören wir wie gebannt all den männlichen Wissenschaftlern und ihren Zahlenanaly-
sen zu. Wir schauen den männlichen Politikern bei uns und im Ausland zu, wie sie die Pande-
mie zu lösen und sich wie nebenbei zu profilieren versuchen. Und wenn uns das noch nicht
reicht, können wir auch noch stapelweise Interviews und Texte von männlichen Soziologen,
Philosophen, Ökonomen, Unternehmern, Schriftstellern und Therapeuten lesen, die uns erzäh-
15 len, wie sie durch die Krise kommen oder auf welche Art wir anderen es versuchen sollten.
Wären da nicht Angela Merkel, Juli Zeh 2 und die Infektiologin Marylyn Addo, man könnte
den Eindruck gewinnen, unser Land bestünde ausschließlich aus Männern. Aber, halt! Das
ist ja auch so, unser Land besteht in den Chefetagen noch immer größtenteils aus Männern,
und wer in all den feministischen Debatten der vergangenen Jahre eventuell den Eindruck
20 bekommen hatte, daran hätte sich irgendetwas geändert, der wird nun mit den kalten Tatsa-
chen konfrontiert. All die Chefs wissenschaftlicher, medizinischer oder virologischer Insti-
tute sind größtenteils Männer, die meisten Chefärzte von Kliniken und Pflegeeinrichtungen
sind ebenso Männer wie der übergroße Teil der Ökonomen und Politiker. All das ist bekannt.
Man weiß das aus allen möglichen statistischen Erhebungen und Faktenanalysen. Nun, in der
25 Krise, wird es uns noch einmal anschaulich und sichtbar vor Augen geführt. [...]
„Das Virus macht die Gesellschaft wieder viril 3, männlich“, schrieb die Journalistin Heide
Oestreich kürzlich in einer Kolumne. Ich würde ja eher sagen, das Virus zeigt unsere Gesell-
schaft wieder so viril, wie sie eigentlich ist. Nun jedoch offen, hemdsärmelig und breitbeinig,
ohne schlechtes Gewissen und ohne verschämte Gesten.
30 Wie sagte Markus Söder kürzlich in einem Spiegel -Interview: „In der Krise wird oft nach dem
Vater gefragt.“ Obwohl, um einmal im Bild der Familie zu bleiben, von den 1,6 Millionen
Alleinerziehenden in Deutschland 1,44 Millionen Frauen sind und ungefähr die Hälfte der
Väter keinen Unterhalt zahlen. [...]
Obwohl der Anteil von Frauen in den sogenannten systemrelevanten Jobs bei 75 Prozent
35 liegt. Und es gerade [...] Wissenschaftlerinnen sind, die sich unter anderem mit der schlech-
ten Bezahlung von Frauen in Pflegeberufen, sogenannter Care-Workerinnen, beschäftigen.
Trotz des sich hartnäckig haltenden Klischees, wonach Feminismus eine Angelegenheit von
Besserverdienenden sei, waren es immer wieder Feministinnen, die auf solche sozialen Miss-
stände aufmerksam gemacht und dagegen gekämpft haben. Wo bleibt eigentlich deren Exper-
40 tise in diesen Wochen?
Solche Wortmeldungen sind nichts anderes als Versuche, traditionelle Rollenvorstellungen
wieder wie die natürlichste Sache der Welt aussehen zu lassen und emanzipative und progres-
sive Bewegungen und Diskurse als eine Art Luxusprobleme darzustellen. Krisen erleichtern
solche Argumentationen. Krisen lassen solche reaktionären Forderungen als irgendwie logisch
45 und plausibel erscheinen. Und so können Krisen, dafür gibt es genügend historische Beispiele,
immer auch genutzt werden, um einen Backlash 4 einzuleiten.
Nicht zuletzt in den Nachkriegsjahren der alten Bundesrepublik gelang es gerade wegen des
einsetzenden Wirtschaftswunders, Frauen in die Rolle der Mütter und Hausfrauen zurückzu-
drängen. [...]
50 Aber das ist das eine. Das ist die öffentliche und sichtbare Seite der sich momentan wieder so
viril zeigenden Gesellschaft. Dann gibt es noch eine andere, bisher eher unsichtbare Seite,
die sich nun jedoch in all den Bildern aus den Homeoffices, die man in den sozialen Netz-
werken sehen kann, offenbart.
Im Moment lassen uns viele ja in ihre privaten Wohnungen, auf ihre Schreibtische und Bal-
55 kone sehen. Das lässt sich nicht statistisch erfassen, aber nach meinem Gefühl sind auf den
allermeisten Bildern von sogenannten Telefonkonferenzen mehr Männer als Frauen zu sehen.
Auch sie zeigen nicht mehr als die Realität in vielen Büros und Institutionen, wo Frauen oft
die Minderheit darstellen. Normalerweise sieht man das nicht, normalerweise schaut man
nicht in so viele verschiedene Unternehmen und Institutionen hinein, nun aber wird auch die-
60 ses Phänomen öfter als sonst und meist wahrscheinlich eher unfreiwillig, wie ein unerwünsch-
ter Nebeneffekt, sichtbar gemacht. Diese Krise, sie ist auch ein Blick in all die vielen kleinen
Maschinenräume unseres Landes. [...]
Parallel dazu muss ich an die Mütter denken, die im Moment mit den Kindern zu Hause sind.
Auch dafür habe ich keine Zahlen, sondern muss mich auf die Beobachtungen in meinem
65 Umfeld stützen. In eigentlich allen Familien, die ich kenne, gehen nämlich die Männer den-
noch ins Büro und lösen die Frauen allenfalls in den späten Nachmittagsstunden mit der Kin-
derbetreuung ab. Es ist exakt eine Familie, die mir einfällt, in der diese Arbeit tatsächlich
paritätisch geteilt wird.
Schon als klar war, dass Homeschooling und Homeoffice drohten, war zu befürchten, dass
70 es in den Familien nun schnell zurück in alte Rollenmodelle ging – falls die jemals wirklich
aufgehoben waren. Frauen in den sozialen Netzwerken berichteten immer wieder, wie sie das
nun regeln, wie es manche auch überforderte. Lag das daran, dass Frauen sich mehr mit sol-
chen Fragen beschäftigen? Von den Alleinerziehenden einmal abgesehen, sie trifft natürlich
auch jetzt das härteste Los.
75 Trotz allem glaube ich nicht, dass die Corona-Krise das Land in einen Backlash stürzen wird.
Dafür wird sie trotz all der Einschränkungen nicht lang genug anhalten. Auch wenn freilich
noch niemand sagen kann, wie lange sie dauern wird. Aber die Corona-Krise hat uns, als ein
unbeabsichtigter Nebeneffekt freilich, gezeigt, wie sehr das Land noch immer von Männern
dominiert wird, welche Nebenrollen Frauen in vielen Bereichen noch immer spielen. Oder
80 dass sie dort, wo sie die Hauptlast einer solchen Krise tragen, erschreckend unterbezahlt sind.
In Wahrheit zeigt uns ausgerechnet Corona, wie unglaublich viel noch zu tun ist, wenn wir
wollen, dass es in Deutschland für Männer und Frauen wirklich so etwas wie Gleichberech-
tigung gibt.
1 veritabel: wahrhaftig
2 Julie Zeh: deutsche Juristin und Schriftstellerin
3 viril: in charakteristischer Weise männlich
4 Backlash: Gegenreaktion, hier im Sinne von Rückschritt
Zur Autorin: Jana Hensel ist als freie Journalistin u. a. für DIE ZEIT tätig.
Hensel, Jana: Die Krise der Männer. In: ZEIT ONLINE vom 13.04.2020 (Auszüge; auf Zwischenüberschriften wurde zugunsten der besseren Lesbarkeit verzichtet)
Thema: Gleichstellung in Deutschland – zeigt die Corona-Pandemie eine Dominanz der Männer?
1.
Analysieren Sie die Aussagen der Autorin zur aktuellen Ausgestaltung der Geschlechterrollen in der Gesellschaft. Erläutern Sie dabei, auf welche Weise die primäre und sekundäre Sozialisation Einfluss auf die im Text beschriebene vorherrschende traditionelle Rollenverteilung nehmen kann. [30 Punkte]
Aufgabe HT 2 - Wandel von Familie und Arbeitswelt · Wandel von Familie, Lebensformen und Arbeitswelt
Jana Hensel
Die Krise der Männer
Ganz am Anfang der Corona-Krise, da waren die Schulen und Kindergärten noch geöffnet,
habe ich auf Twitter aus nichts als einer Laune heraus gefragt, ob es unter den Virologen
in Deutschland eigentlich auch Frauen gäbe, und erntete das, was man einen veritablen 1
Shitstorm nennt.
5 Die allermeisten fanden, ich fasse das jetzt einmal so freundlich wie möglich zusammen, dass
es nun doch wirklich der falscheste Zeitpunkt für solcherart [...] Fragen sei. Hätte ich denn
nicht begriffen, wie ernst die Lage sei? Dass es doch völlig nebensächlich sei, ob Männer
oder Frauen oder Männer und Frauen mit Migrationsgeschichte uns retteten? Denn ja, im
Moment ginge es um nichts anderes als unser Überleben. [...]
10 Seither hören wir wie gebannt all den männlichen Wissenschaftlern und ihren Zahlenanaly-
sen zu. Wir schauen den männlichen Politikern bei uns und im Ausland zu, wie sie die Pande-
mie zu lösen und sich wie nebenbei zu profilieren versuchen. Und wenn uns das noch nicht
reicht, können wir auch noch stapelweise Interviews und Texte von männlichen Soziologen,
Philosophen, Ökonomen, Unternehmern, Schriftstellern und Therapeuten lesen, die uns erzäh-
15 len, wie sie durch die Krise kommen oder auf welche Art wir anderen es versuchen sollten.
Wären da nicht Angela Merkel, Juli Zeh 2 und die Infektiologin Marylyn Addo, man könnte
den Eindruck gewinnen, unser Land bestünde ausschließlich aus Männern. Aber, halt! Das
ist ja auch so, unser Land besteht in den Chefetagen noch immer größtenteils aus Männern,
und wer in all den feministischen Debatten der vergangenen Jahre eventuell den Eindruck
20 bekommen hatte, daran hätte sich irgendetwas geändert, der wird nun mit den kalten Tatsa-
chen konfrontiert. All die Chefs wissenschaftlicher, medizinischer oder virologischer Insti-
tute sind größtenteils Männer, die meisten Chefärzte von Kliniken und Pflegeeinrichtungen
sind ebenso Männer wie der übergroße Teil der Ökonomen und Politiker. All das ist bekannt.
Man weiß das aus allen möglichen statistischen Erhebungen und Faktenanalysen. Nun, in der
25 Krise, wird es uns noch einmal anschaulich und sichtbar vor Augen geführt. [...]
„Das Virus macht die Gesellschaft wieder viril 3, männlich“, schrieb die Journalistin Heide
Oestreich kürzlich in einer Kolumne. Ich würde ja eher sagen, das Virus zeigt unsere Gesell-
schaft wieder so viril, wie sie eigentlich ist. Nun jedoch offen, hemdsärmelig und breitbeinig,
ohne schlechtes Gewissen und ohne verschämte Gesten.
30 Wie sagte Markus Söder kürzlich in einem Spiegel -Interview: „In der Krise wird oft nach dem
Vater gefragt.“ Obwohl, um einmal im Bild der Familie zu bleiben, von den 1,6 Millionen
Alleinerziehenden in Deutschland 1,44 Millionen Frauen sind und ungefähr die Hälfte der
Väter keinen Unterhalt zahlen. [...]
Obwohl der Anteil von Frauen in den sogenannten systemrelevanten Jobs bei 75 Prozent
35 liegt. Und es gerade [...] Wissenschaftlerinnen sind, die sich unter anderem mit der schlech-
ten Bezahlung von Frauen in Pflegeberufen, sogenannter Care-Workerinnen, beschäftigen.
Trotz des sich hartnäckig haltenden Klischees, wonach Feminismus eine Angelegenheit von
Besserverdienenden sei, waren es immer wieder Feministinnen, die auf solche sozialen Miss-
stände aufmerksam gemacht und dagegen gekämpft haben. Wo bleibt eigentlich deren Exper-
40 tise in diesen Wochen?
Solche Wortmeldungen sind nichts anderes als Versuche, traditionelle Rollenvorstellungen
wieder wie die natürlichste Sache der Welt aussehen zu lassen und emanzipative und progres-
sive Bewegungen und Diskurse als eine Art Luxusprobleme darzustellen. Krisen erleichtern
solche Argumentationen. Krisen lassen solche reaktionären Forderungen als irgendwie logisch
45 und plausibel erscheinen. Und so können Krisen, dafür gibt es genügend historische Beispiele,
immer auch genutzt werden, um einen Backlash 4 einzuleiten.
Nicht zuletzt in den Nachkriegsjahren der alten Bundesrepublik gelang es gerade wegen des
einsetzenden Wirtschaftswunders, Frauen in die Rolle der Mütter und Hausfrauen zurückzu-
drängen. [...]
50 Aber das ist das eine. Das ist die öffentliche und sichtbare Seite der sich momentan wieder so
viril zeigenden Gesellschaft. Dann gibt es noch eine andere, bisher eher unsichtbare Seite,
die sich nun jedoch in all den Bildern aus den Homeoffices, die man in den sozialen Netz-
werken sehen kann, offenbart.
Im Moment lassen uns viele ja in ihre privaten Wohnungen, auf ihre Schreibtische und Bal-
55 kone sehen. Das lässt sich nicht statistisch erfassen, aber nach meinem Gefühl sind auf den
allermeisten Bildern von sogenannten Telefonkonferenzen mehr Männer als Frauen zu sehen.
Auch sie zeigen nicht mehr als die Realität in vielen Büros und Institutionen, wo Frauen oft
die Minderheit darstellen. Normalerweise sieht man das nicht, normalerweise schaut man
nicht in so viele verschiedene Unternehmen und Institutionen hinein, nun aber wird auch die-
60 ses Phänomen öfter als sonst und meist wahrscheinlich eher unfreiwillig, wie ein unerwünsch-
ter Nebeneffekt, sichtbar gemacht. Diese Krise, sie ist auch ein Blick in all die vielen kleinen
Maschinenräume unseres Landes. [...]
Parallel dazu muss ich an die Mütter denken, die im Moment mit den Kindern zu Hause sind.
Auch dafür habe ich keine Zahlen, sondern muss mich auf die Beobachtungen in meinem
65 Umfeld stützen. In eigentlich allen Familien, die ich kenne, gehen nämlich die Männer den-
noch ins Büro und lösen die Frauen allenfalls in den späten Nachmittagsstunden mit der Kin-
derbetreuung ab. Es ist exakt eine Familie, die mir einfällt, in der diese Arbeit tatsächlich
paritätisch geteilt wird.
Schon als klar war, dass Homeschooling und Homeoffice drohten, war zu befürchten, dass
70 es in den Familien nun schnell zurück in alte Rollenmodelle ging – falls die jemals wirklich
aufgehoben waren. Frauen in den sozialen Netzwerken berichteten immer wieder, wie sie das
nun regeln, wie es manche auch überforderte. Lag das daran, dass Frauen sich mehr mit sol-
chen Fragen beschäftigen? Von den Alleinerziehenden einmal abgesehen, sie trifft natürlich
auch jetzt das härteste Los.
75 Trotz allem glaube ich nicht, dass die Corona-Krise das Land in einen Backlash stürzen wird.
Dafür wird sie trotz all der Einschränkungen nicht lang genug anhalten. Auch wenn freilich
noch niemand sagen kann, wie lange sie dauern wird. Aber die Corona-Krise hat uns, als ein
unbeabsichtigter Nebeneffekt freilich, gezeigt, wie sehr das Land noch immer von Männern
dominiert wird, welche Nebenrollen Frauen in vielen Bereichen noch immer spielen. Oder
80 dass sie dort, wo sie die Hauptlast einer solchen Krise tragen, erschreckend unterbezahlt sind.
In Wahrheit zeigt uns ausgerechnet Corona, wie unglaublich viel noch zu tun ist, wenn wir
wollen, dass es in Deutschland für Männer und Frauen wirklich so etwas wie Gleichberech-
tigung gibt.
1 veritabel: wahrhaftig
2 Julie Zeh: deutsche Juristin und Schriftstellerin
3 viril: in charakteristischer Weise männlich
4 Backlash: Gegenreaktion, hier im Sinne von Rückschritt
Zur Autorin: Jana Hensel ist als freie Journalistin u. a. für DIE ZEIT tätig.
Hensel, Jana: Die Krise der Männer. In: ZEIT ONLINE vom 13.04.2020 (Auszüge; auf Zwischenüberschriften wurde zugunsten der besseren Lesbarkeit verzichtet)
Thema: Gleichberechtigung in Deutschland – offenbart die Corona-Pandemie eine Männerdominanz?
2.
Stellen Sie dar, wie sich Erwerbsbiografien und Geschlechterrollen verändert haben, und beziehen Sie dabei die zugrunde liegenden sozioökonomischen Wandlungsprozesse ein. Erläutern Sie auf dieser Grundlage die Aussage, „das Virus zeigt unsere Gesellschaft wieder so viril, wie sie eigentlich ist“ (Z. 27 f.). [26 Punkte]
3.
Erörtern Sie über den Text hinausgehend die Aussage der Autorin, es gebe noch unglaublich viel zu tun, bis es in Deutschland für Männer und Frauen wirklich so etwas wie Gleichberechtigung gebe. [24 Punkte]
Aufgabe HT 3 - Wandel von Familie und Arbeitswelt · Wandel von Familie, Lebensformen und Arbeitswelt
Lea Hampel
Vereinbarkeit: Küche, Kampf, Karriere
[...] In den vergangenen Jahrzehnten ist viel über Vereinbarkeit debattiert worden, und es
wurde einiges getan, damit Menschen Karriere und Kinder unter einen Hut bringen können.
Wegweisend war unter anderem eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts im Jahr
1998, dass der Staat es ermöglichen soll, „Familientätigkeit und Erwerbstätigkeit miteinan-
5 der zu verbinden“. Im Jahr 2007 wurde das Elterngeld und 2013 der Rechtsanspruch auf einen
Kita-Platz eingeführt. Auch dieses Jahr hat das Familienministerium verkündet, für 2020 so
viel Geld wie nie zu haben und das in Elterngeld, Kitas und Ganztagesbetreuung von Grund-
schulkindern zu stecken. Auch Unternehmen betonen gern, Vereinbarkeit zu fördern. Sei es
Bosch, wo es mehr als 100 verschiedene Arbeitszeitmodelle gibt, oder kleine Unternehmen
10 wie der Kondomhersteller Einhorn, bei dem sich Gehälter danach richten, wie viele Kinder
jemand hat.
Das alles aber reicht nicht. Dinner-to-go aus der Kantine hin, Mitarbeiterkrippe her – eine A. T.
Kearney 1 -Studie zeigte kürzlich, dass 80 Prozent der Mitarbeiter mit der Familienfreundlich-
keit ihrer Arbeitgeber unzufrieden sind. Dieses Gefühl dürfte sich nicht auf Arbeitgeber be-
15 schränken. Was zum einen daran liegt, dass die Ziele lobenswert sind, aber selten vollständig
erreicht werden. Zum anderen liegt es daran, dass nicht alle familiären Probleme durch äußere
Strukturen lösbar sind. Politik und Wirtschaft können den Rahmen setzen, innerhalb dessen
jede Familie die tägliche Balance zwischen Kita-Schließzeiten, Abendmeetings und Projekt-
abgaben sucht. Aber solange es nicht staatlich verordnete Hauswirtschafterinnen oder Senioren-
20 betreuerinnen für alle gibt, müssen Nudeln gekocht (und vom Boden aufgesammelt), Schuhe
geputzt und Arzttermine eingehalten werden. Man könnte auch sagen: Jeder Tag hat nur
24 Stunden. In den passen Arbeit, Familie, Haushalt und Freizeit gelegentlich nicht hinein
oder nur mit viel Abstimmung und Optimierung.
Problematisch ist das, weil die daraus entstehenden Vereinbarkeitsprobleme oft Frauen zu-
25 geordnet werden. Wenn Wissenschaftler sich damit befassen, wie sich flexible Arbeitszeiten
auf das Familienwohl auswirken, kommen sie zu deprimierenden Ergebnissen: Obwohl immer
mehr Frauen einer Erwerbsarbeit nachgehen, verbringen sie an Wochentagen zwei Stunden
mit Hausarbeit, Männer im Durchschnitt 52 Minuten, wie das Deutsche Institut für Wirtschafts-
forschung dieses Jahr ermittelte. In Akademikerhaushalten machen Frauen mehr Haushalts-
30 arbeit, schon bevor Kinder da sind. Danach arbeiten sie, bei gleichen Ausbildungszeiten, häu-
figer in Teilzeit. Andere Studien zeigen, dass Männer in Teilzeit nicht mehr Haushaltsarbeit
erledigen. Befördert wird der große Abstand dadurch, dass Frauen in der Regel den besseren
Überblick über alles haben, was im Haus zu tun ist – sie managen die Familie. [...]
Natürlich gibt es für diesen Missstand Ursachen, die weit über den fehlenden strukturellen
35 Rahmen und problematische Instrumente wie das Ehegattensplitting 2 hinausreichen. Frauen
und Männer lernen von klein auf, bestimmte Aufgaben zu übernehmen. Diese Tendenz verste-
tigt sich im Verlauf des Lebens, weil jeder das, was er oft macht, gut kann. Eines der Ergeb-
nisse davon ist, dass Frauen immer noch weniger ökonomischen Verhandlungsspielraum
haben – wer mehr Geld in den Haushalt bringt, hat das Sagen. Und auch Abgeben will ge-
40 lernt sein: Ingrid Hofmann betreibt eines der größten Personalvermittlungsunternehmen der
Republik und beschäftigt viele Mütter. Die dürfen mit einem oder zwei Tagen Teilzeit aus
der Elternzeit zurückkommen, die Bedingung lautet: Es müssen ganze Tage sein – damit die
Frauen merken, dass die Dinge zu Hause ohne sie funktionieren.
Dass das im Jahr 2019 nötig ist, ist traurig. Dennoch sind die Menschen zumindest in dem,
45 was sie theoretisch für erstrebenswert halten, weiter als in der Praxis. 60 Prozent aller Eltern
befürworten es, jeweils gleich viel Erwerbs- und Hausarbeit wie der Partner zu erledigen.
Der Familienreport des Bundesministeriums von 2017 zeigte, dass zwei von drei Kindern
finden, ihr Vater habe nicht genug Zeit für sie. [...]
Dazu, wie Familie wirtschaftlich funktioniert, gibt es entgegengesetzte Ansichten: Die öko-
50 nomische Theorie sieht die Familie als Einheit, die ihren Nutzen maximiert. Aus Sicht der
Verhandlungstheoretiker schaut jeder Einzelne, wie er seine Bedürfnisse optimal erfüllt. Die
Realität liegt dazwischen – Verhandlungen darüber, was die Familie als Ganzes und was jeder
Einzelne braucht, sollten deshalb selbstverständlich sein. Dabei geht es nicht um andauernden
Streit, sondern darum, wie bei einem Ehevertrag, in guten Zeiten Bedingungen auszuhandeln
55 für später. „Intra Household bargaining“ heißt das in der Fachliteratur. Es sollte zu einer auf
Dauer angelegten Partnerschaft gehören, sich nicht nur damit zu befassen, ob man Kinder will
und wo die aufwachsen sollen, und für alles Übrige auf die Liebe zu vertrauen, sondern auch
andere Fragen abzustimmen. Wann willst Du wo sein im Beruf? Wie oft wollen wir unser
Kind selbst betreuen? Was machen wir, wenn der Opa dement wird? Wie gehen wir damit
60 um, dass in solchen Fällen einer weniger verdient? [...]
Strittige Fragen auszuhandeln, lohnt sich. Ob die Lösung letztlich eine 20:80- oder 50:50-Tei-
lung der Aufgaben ist, muss jedem Paar überlassen sein. Doch von einer bewussten Auseinan-
dersetzung profitieren alle: Kinder, Eltern, Arbeitgeber, die Gesellschaft. Studien zeigen, dass
Männer, die weniger engagiert in der Hausarbeit und bei der Kinderbetreuung sind, diesen
65 Zustand als wenig befriedigend empfinden. Gleichzeitig hilft es, die Arbeit in jeder Phase des
Lebens so aufzuteilen, dass beide zufrieden sind. [...]
Natürlich mag es noch ein Luxus für Paare mit großer beruflicher Wahlfreiheit sein, darüber
zu streiten, wie sie Erwerbs- und Familienarbeit besser aufteilen. Aber sie ist wichtig, weil
sie im Idealfall in Unternehmen und Gesellschaft zu einem Perspektivenwechsel führt. Mit-
70 arbeiter trauen sich eher, in Pflegezeit zu gehen, wenn der Chef das tut. Jeder, der Dienstpläne
schreibt, sollte wissen, wie es ist, Teilzeit zu arbeiten und zwei Grundschulkinder zu betreuen.
„Zeitsouveränität und Zeitwohlstand“ mögen Modebegriffe für wenige sein. Erstrebenswert
sind sie für alle. Deshalb lohnt es sich, nicht nur zu fragen. Sondern zu streiten.
1 A. T. Kearney: international tätige Unternehmensberatung
2 Ehegattensplitting: Dieses ist ein Verfahren zur gemeinsamen Besteuerung von Ehepaaren. Es führt in der Regel dazu, dass Ehepaare mit unterschiedlicher Einkommensverteilung geringer besteuert werden, als wenn jeder Ehepartner Steuern zahlen würde.
Zur Autorin:
Lea Hampel ist selbstständige Journalistin und hat Beiträge in verschiedenen überregionalen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht.
Hampel, Lea: Vereinbarkeit: Küche, Kampf, Karriere. In: Süddeutsche Zeitung vom 19.07.2019
(Auszüge; auf Zwischenüberschriften wurde zugunsten der besseren Lesbarkeit verzichtet)
https://www.sz.de/1.4531751 (Zugriff: 29.03.2020)
Thema: Arbeitsteilung in Familie und Arbeitswelt – lässt sich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern?
1.
Analysieren Sie, was die Autorin über die Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf aussagt. Erläutern Sie in diesem Zusammenhang sozioökonomische Wandlungsprozesse, die diesem Wunsch zugrunde liegen. [27 Punkte]
3.
Gestalten Sie einen Redebeitrag für eine familienpolitische Fachtagung, den eine Sprecherin oder ein Sprecher eines Elternverbandes hält und der sich mit einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf befasst. Entwickeln Sie darin zwei Maßnahmen, die dazu beitragen können, diese Vereinbarkeit zu verbessern. [27 Punkte]
Aufgabe HT 3 - Rollentheorien und Rollenkonflikte · Rollentheorien und Rollenkonflikte
Lea Hampel
Vereinbarkeit: Küche, Kampf, Karriere
[...] In den vergangenen Jahrzehnten ist viel über Vereinbarkeit debattiert worden, und es
wurde einiges getan, damit Menschen Karriere und Kinder unter einen Hut bringen können.
Wegweisend war unter anderem eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts im Jahr
1998, dass der Staat es ermöglichen soll, „Familientätigkeit und Erwerbstätigkeit miteinan-
5 der zu verbinden“. Im Jahr 2007 wurde das Elterngeld und 2013 der Rechtsanspruch auf einen
Kita-Platz eingeführt. Auch dieses Jahr hat das Familienministerium verkündet, für 2020 so
viel Geld wie nie zu haben und das in Elterngeld, Kitas und Ganztagesbetreuung von Grund-
schulkindern zu stecken. Auch Unternehmen betonen gern, Vereinbarkeit zu fördern. Sei es
Bosch, wo es mehr als 100 verschiedene Arbeitszeitmodelle gibt, oder kleine Unternehmen
10 wie der Kondomhersteller Einhorn, bei dem sich Gehälter danach richten, wie viele Kinder
jemand hat.
Das alles aber reicht nicht. Dinner-to-go aus der Kantine hin, Mitarbeiterkrippe her – eine A. T.
Kearney 1 -Studie zeigte kürzlich, dass 80 Prozent der Mitarbeiter mit der Familienfreundlich-
keit ihrer Arbeitgeber unzufrieden sind. Dieses Gefühl dürfte sich nicht auf Arbeitgeber be-
15 schränken. Was zum einen daran liegt, dass die Ziele lobenswert sind, aber selten vollständig
erreicht werden. Zum anderen liegt es daran, dass nicht alle familiären Probleme durch äußere
Strukturen lösbar sind. Politik und Wirtschaft können den Rahmen setzen, innerhalb dessen
jede Familie die tägliche Balance zwischen Kita-Schließzeiten, Abendmeetings und Projekt-
abgaben sucht. Aber solange es nicht staatlich verordnete Hauswirtschafterinnen oder Senioren-
20 betreuerinnen für alle gibt, müssen Nudeln gekocht (und vom Boden aufgesammelt), Schuhe
geputzt und Arzttermine eingehalten werden. Man könnte auch sagen: Jeder Tag hat nur
24 Stunden. In den passen Arbeit, Familie, Haushalt und Freizeit gelegentlich nicht hinein
oder nur mit viel Abstimmung und Optimierung.
Problematisch ist das, weil die daraus entstehenden Vereinbarkeitsprobleme oft Frauen zu-
25 geordnet werden. Wenn Wissenschaftler sich damit befassen, wie sich flexible Arbeitszeiten
auf das Familienwohl auswirken, kommen sie zu deprimierenden Ergebnissen: Obwohl immer
mehr Frauen einer Erwerbsarbeit nachgehen, verbringen sie an Wochentagen zwei Stunden
mit Hausarbeit, Männer im Durchschnitt 52 Minuten, wie das Deutsche Institut für Wirtschafts-
forschung dieses Jahr ermittelte. In Akademikerhaushalten machen Frauen mehr Haushalts-
30 arbeit, schon bevor Kinder da sind. Danach arbeiten sie, bei gleichen Ausbildungszeiten, häu-
figer in Teilzeit. Andere Studien zeigen, dass Männer in Teilzeit nicht mehr Haushaltsarbeit
erledigen. Befördert wird der große Abstand dadurch, dass Frauen in der Regel den besseren
Überblick über alles haben, was im Haus zu tun ist – sie managen die Familie. [...]
Natürlich gibt es für diesen Missstand Ursachen, die weit über den fehlenden strukturellen
35 Rahmen und problematische Instrumente wie das Ehegattensplitting 2 hinausreichen. Frauen
und Männer lernen von klein auf, bestimmte Aufgaben zu übernehmen. Diese Tendenz verste-
tigt sich im Verlauf des Lebens, weil jeder das, was er oft macht, gut kann. Eines der Ergeb-
nisse davon ist, dass Frauen immer noch weniger ökonomischen Verhandlungsspielraum
haben – wer mehr Geld in den Haushalt bringt, hat das Sagen. Und auch Abgeben will ge-
40 lernt sein: Ingrid Hofmann betreibt eines der größten Personalvermittlungsunternehmen der
Republik und beschäftigt viele Mütter. Die dürfen mit einem oder zwei Tagen Teilzeit aus
der Elternzeit zurückkommen, die Bedingung lautet: Es müssen ganze Tage sein – damit die
Frauen merken, dass die Dinge zu Hause ohne sie funktionieren.
Dass das im Jahr 2019 nötig ist, ist traurig. Dennoch sind die Menschen zumindest in dem,
45 was sie theoretisch für erstrebenswert halten, weiter als in der Praxis. 60 Prozent aller Eltern
befürworten es, jeweils gleich viel Erwerbs- und Hausarbeit wie der Partner zu erledigen.
Der Familienreport des Bundesministeriums von 2017 zeigte, dass zwei von drei Kindern
finden, ihr Vater habe nicht genug Zeit für sie. [...]
Dazu, wie Familie wirtschaftlich funktioniert, gibt es entgegengesetzte Ansichten: Die öko-
50 nomische Theorie sieht die Familie als Einheit, die ihren Nutzen maximiert. Aus Sicht der
Verhandlungstheoretiker schaut jeder Einzelne, wie er seine Bedürfnisse optimal erfüllt. Die
Realität liegt dazwischen – Verhandlungen darüber, was die Familie als Ganzes und was jeder
Einzelne braucht, sollten deshalb selbstverständlich sein. Dabei geht es nicht um andauernden
Streit, sondern darum, wie bei einem Ehevertrag, in guten Zeiten Bedingungen auszuhandeln
55 für später. „Intra Household bargaining“ heißt das in der Fachliteratur. Es sollte zu einer auf
Dauer angelegten Partnerschaft gehören, sich nicht nur damit zu befassen, ob man Kinder will
und wo die aufwachsen sollen, und für alles Übrige auf die Liebe zu vertrauen, sondern auch
andere Fragen abzustimmen. Wann willst Du wo sein im Beruf? Wie oft wollen wir unser
Kind selbst betreuen? Was machen wir, wenn der Opa dement wird? Wie gehen wir damit
60 um, dass in solchen Fällen einer weniger verdient? [...]
Strittige Fragen auszuhandeln, lohnt sich. Ob die Lösung letztlich eine 20:80- oder 50:50-Tei-
lung der Aufgaben ist, muss jedem Paar überlassen sein. Doch von einer bewussten Auseinan-
dersetzung profitieren alle: Kinder, Eltern, Arbeitgeber, die Gesellschaft. Studien zeigen, dass
Männer, die weniger engagiert in der Hausarbeit und bei der Kinderbetreuung sind, diesen
65 Zustand als wenig befriedigend empfinden. Gleichzeitig hilft es, die Arbeit in jeder Phase des
Lebens so aufzuteilen, dass beide zufrieden sind. [...]
Natürlich mag es noch ein Luxus für Paare mit großer beruflicher Wahlfreiheit sein, darüber
zu streiten, wie sie Erwerbs- und Familienarbeit besser aufteilen. Aber sie ist wichtig, weil
sie im Idealfall in Unternehmen und Gesellschaft zu einem Perspektivenwechsel führt. Mit-
70 arbeiter trauen sich eher, in Pflegezeit zu gehen, wenn der Chef das tut. Jeder, der Dienstpläne
schreibt, sollte wissen, wie es ist, Teilzeit zu arbeiten und zwei Grundschulkinder zu betreuen.
„Zeitsouveränität und Zeitwohlstand“ mögen Modebegriffe für wenige sein. Erstrebenswert
sind sie für alle. Deshalb lohnt es sich, nicht nur zu fragen. Sondern zu streiten.
1 A. T. Kearney: international tätige Unternehmensberatung
2 Ehegattensplitting: Dieses ist ein Verfahren zur gemeinsamen Besteuerung von Ehepaaren. Es führt in der Regel dazu, dass Ehepaare mit unterschiedlicher Einkommensverteilung geringer besteuert werden, als wenn jeder Ehepartner Steuern zahlen würde.
Zur Autorin:
Lea Hampel ist selbstständige Journalistin und hat Beiträge in verschiedenen überregionalen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht.
Hampel, Lea: Vereinbarkeit: Küche, Kampf, Karriere. In: Süddeutsche Zeitung vom 19.07.2019
(Auszüge; auf Zwischenüberschriften wurde zugunsten der besseren Lesbarkeit verzichtet)
https://www.sz.de/1.4531751 (Zugriff: 29.03.2020)
Thema: Aufgabenverteilung in Familie und Berufsleben – kann die Vereinbarkeit von Familie und Beruf besser gelingen?
2.
Beschreiben Sie die unterschiedlichen Arten von Rollenkonflikten und greifen Sie dabei auf typische Rollenkonflikte berufstätiger Eltern zurück. Stellen Sie außerdem die interaktionistische Rollentheorie dar und erklären Sie vor deren Hintergrund, wie sich die zeitgleichen Ansprüche von Beruf und Familie bewältigen lassen. [26 Punkte]
Aufgabe HT 4 · Soziale Ungleichheit: Dimensionen, Modelle und Armut
Abiturprüfung 2021 – Soziologie, Grundkurs
Thema: Lässt sich über Bildung soziale Ungleichheit verringern?
Materialgrundlage
Butterwegge, Christoph: Wo eine Villa ist, ist auch ein Weg. In: ver.di publik 5/2020, Mitgliederzeitung der Gewerkschaft ver.di (Auszüge; auf Zwischenüberschriften wurde zugunsten der besseren Lesbarkeit verzichtet) https://publik.verdi.de/ausgabe-202005/wo-eine-villa-ist-ist-auch-ein-weg/ (Zugriff: 14.03.2021)
Christoph Butterwegge: Wo eine Villa ist, ist auch ein Weg
[...]
1 Kinder aus sozial benachteiligten Familien haben in Deutschland erheblich schlechtere Bildungschancen als der Nachwuchs von finanziell Bessergestellten. Sie werden hierzulande auf diesem für ihr weiteres Leben zentralen Feld stärker diskriminiert als in fast allen übrigen entwickelten Industriestaaten, wie der internationale Schulleistungsvergleich PISA immer wie-
5 der ergibt. Seit dem „PISA-Schock“ 1, der aber nicht etwa durch diese Bestätigung der Diskriminierung von Armen im hiesigen Bildungssystem, sondern durch das schlechte Abschneiden „unserer“ Schüler*innen ausgelöst wurde, spielt Bildung eine Schlüsselrolle.
Armut und soziale Benachteiligung führt man in den Massenmedien überwiegend auf die „Bildungsferne“ der Betroffenen zurück. Zweifellos verhindern Bildungsdefizite vielfach,
10 dass junge Menschen auf einem flexibilisierten Arbeitsmarkt sofort Fuß fassen. Auch führt die Armut von Familien häufig dazu, dass deren Kinder keine weiterführende Schule besuchen oder sie ohne Abschluss wieder verlassen. Armut in der Herkunftsfamilie zieht bereits in der Sekundarstufe oftmals dauerhafte Bildungsdefizite der betroffenen Kinder nach sich.
Der umgekehrte Effekt ist hingegen kaum spürbar: Ein schlechter oder fehlender Schulab-
15 schluss verringert zwar die Erwerbschancen und erhöht das Erwerbslosigkeitsrisiko, wirkt sich aber kaum nachteilig auf den Wohlstand einer Person aus, wenn diese vermögend ist oder Kapital besitzt.
Der weit verbreitete Terminus „Bildungsarmut“ ist missverständlich, weil er Ursache und Wirkung vertauscht. Menschen sind nämlich selten arm, weil es ihnen an Bildung fehlt; häu-
20 figer fehlt es ihnen an Bildung, weil sie arm sind. [...]
Wird so getan, als führten hauptsächlich mangelnde Bildungsanstrengungen zu materieller Armut, fällt ausgerechnet den Betroffenen im Sinne eines individuellen Versagens (ihrer Eltern) die Verantwortung dafür zu, während die strukturellen Hintergründe des Problems aus dem Blick geraten. Bildungsbeteiligung für die einen und Bildungsbenachteiligung für
25 die anderen Kinder ergeben sich jedoch aus den sozioökonomischen Verhältnissen.
Armut verhindert Bildung. Umgekehrt gilt diese Feststellung keineswegs uneingeschränkt: Selbst ein Hochschulabschluss schützt längst nicht mehr vor Armut. Das beweist die Existenz obdachloser Akademiker ebenso wie die relativ hohe Anzahl erwerbsloser, prekär beschäftigter und mittelloser Wissenschaftler*innen. Kinder aus sozial benachteiligten Familien
30 gehören heute zwar zu den größten Bildungsverlierern, ihre Armut basiert jedoch selten auf falschen oder fehlenden Schulabschlüssen, denn die Letzteren sind höchstens Auslöser und Verstärker, aber nicht Verursacher materieller Not. Bildungsdefizite führen allerdings oft zu einer Verfestigung der Armut, weil die Chancen eines Menschen auf dem Arbeitsmarkt heute immer stärker an Kompetenzen gebunden sind, die man an (Hoch-)Schulen erwirbt.
35 Politikerreden, Wahlprogramme und Diskussionspapiere der etablierten Parteien verheißen sozial Benachteiligten den „Aufstieg durch Bildung“ und sehen in Letzterer den Schlüssel für beruflichen Erfolg, privaten Wohlstand und volkswirtschaftliches Wachstum. Angeblich ermöglichen Bildungsanstrengungen einem jedem und einer jeden einen sozialen Aufstieg. Demnach wären Armut und soziale Ungleichheit wegen der allgemeinen Schulpflicht ein
40 individuelles und kein strukturelles Problem.
Unbestritten ist, dass man aufgrund der erfolgreichen Bewältigung von (Aus-)Bildungsprozessen unter günstigen Umständen einer prekären Lebenslage entkommen und beruflich Karriere machen kann. Bildungserfolge einzelner Personen sind aber keine gesamtgesellschaftliche Lösung für das Problem der Armut und sozialen Ausgrenzung. In einer Marktge-
45 sellschaft, wo das Geld so wichtig ist wie noch nie und so ungleich verteilt ist wie noch nie, entscheidet nicht zuletzt das Portemonnaie über die Bildungschancen der Menschen. Ob ein Kind nach dem Schulunterricht auf den Bolzplatz oder in die Ballettschule geht, hängt keineswegs bloß von seinem Geschlecht, sondern wohl stärker noch vom Einkommen und vom sozialen Status seiner Eltern ab. Kinder reicher Eltern sind eindeutig im Vorteil, weshalb man
50 in Abwandlung eines deutschen Sprichwortes sagen kann: Wo eine Villa ist, ist auch ein Weg, sei es zum Abitur, zum Studium und/oder zur beruflichen Karriere.
So wichtig eine gute Bildung für alle ist: Sie versagt als soziale Gleichmacherin ebenso wie als Mittel gegen die Armut. Dies gilt für Deutschland aufgrund seines mehrgliedrigen Sekundarschulwesens noch mehr als für andere entwickelte Industriestaaten. Wären alle Kinder und
55 Jugendlichen besser gebildet, was ihnen sehr zu wünschen ist, würden sie womöglich nur auf einem höheren Bildungsniveau um die wenigen Arbeits- bzw. Ausbildungsplätze konkurrieren. Es gäbe zwar am Ende mehr Taxifahrer mit Hochschulabschluss und mehr Putzhilfen mit Abitur, aber weiterhin Armut und soziale Ungleichheit.
Durch die Fixierung auf Bildung wird von der Notwendigkeit abgelenkt, Maßnahmen der
60 Umverteilung von Arbeit, Einkommen und Vermögen zu ergreifen. Wahrscheinlich kann die Neuentstehung sozioökonomischer Ungleichheit nur durch eine grundlegende Veränderung des Wirtschafts- und Gesellschaftssystems verhindert werden.
Zum Autor: Prof. Dr. Christoph Butterwegge, geb. 1951, ist Politikwissenschaftler und Armutsforscher.
1 „PISA-Schock“: 2000 wurden erstmalig die Ergebnisse der Bildungsstudie PISA veröffentlicht, die angesichts der Ergebnisse für Deutschland in der Öffentlichkeit zu einer starken Reaktion führten.
1.
Analysieren Sie, was der Autor über soziale Ungleichheit aussagt. Erläutern Sie in diesem Zusammenhang denkbare soziale und ökonomische Gründe dafür, dass Kinder aus armen Familien im Bildungssystem benachteiligt werden. [30 Punkte]
2.
Beschreiben Sie die grundlegenden Annahmen von Modellen, die vertikale soziale Ungleichheit abbilden (z. B. Schichtmodelle). Stellen Sie ihnen vergleichend die Grundannahmen von Modellen gegenüber, die darüber hinaus horizontale Ungleichheit berücksichtigen (z. B. Milieumodelle). Ordnen Sie vor diesem Hintergrund Butterwegges Analyse ein. [26 Punkte]
3.
Erörtern Sie die Auffassung des Autors, Bildung scheitere sowohl als „soziale Gleichmacherin“ als auch als Mittel zur Armutsbekämpfung (vgl. Z. 52 ff.). [24 Punkte]
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