Aufgabe 4 - Wandel von Familie, Lebensformen und… · Abitur NRW Soziologie LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: Wandel von Familie, Lebensformen und Arbeitswelt · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg) (2021)
Aufgabenstellung
Thema: Viertagewoche – ein Beitrag zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie?
Nora Schareika
Kein Kopf für die Karriere
[...]
Wenn Karoline Iwersen auf Dienstreise geht, organisiert sie für zwei. Einmal bucht sie für sich Fahrt und Hotelzimmer in der Fremde, bereitet ihre Unterlagen vor. Und dann plant sie für ihren Mann, welche Aufgaben er während ihrer Abwesenheit übernehmen soll: das jüngste der vier Kinder von der Kita abholen, eines der älteren Geschwister zum Sport bringen, Haus- 5 aufgaben prüfen, Pausenbrote, Kühlschrank nachfüllen – die Liste ist lang und detailliert. „Meistens brummt trotzdem das Handy, während ich verreist bin“, sagt Iwersen. Was sie besonders ärgert: „Wenn mein Mann auf Dienstreise geht, dann ist er eben weg.“
Dieser permanente Stress begleitet nicht nur Karoline Iwersen, nicht nur Eltern – und nicht nur Frauen. Und doch sind es vor allem berufstätige Mütter, die sich mitunter von der Last 10 erdrückt fühlen, neben dem Job alles rund um die Familie zu bedenken, zu erledigen – oder auch nur den Partner daran zu erinnern. Die Wissenschaft bezeichnet diese Belastung als Mental Load 1. Ständiges Multitasking, so zeigte etwa eine Studie der Universität London, wirkt wie eine durchzechte Nacht aufs Gehirn. Ein Grund, warum viele Mütter über Dauermüdigkeit klagen. Der kanadische Autor Chris Bailey schreibt in seinem Buch „Hyperfocus“, 15 dass der Aufmerksamkeitsraum des Gehirns wie ein RAM-Speicher 2 am besten funktioniert, wenn maximal eine anspruchsvolle und eine Routineaufgabe gleichzeitig erledigt werden. Bei Überlastung nehmen Leistungsfähigkeit und Effizienz ab.
Beschrieben wurde Mental Load bereits in den Siebzigerjahren, echte Aufmerksamkeit aber erfährt das Phänomen erst in jüngster Zeit: Seit Unternehmen beginnen, sich ernsthaft für die 20 Förderung von Frauen einzusetzen, und oft feststellen, dass es ihnen an Mitarbeiterinnen fehlt, die die geförderten Karrieren auch durchhalten.
Ob Geschenke, Einkaufslisten, Kenntnis von Kleidergrößen, Kitalogistik, Chatgruppen-Kommunikation oder Geld für die Putzhilfe – es ist vor allem die Häufung der vielen vermeintlich kleinen Zusatzaufgaben, die Müttern mit Karriereambitionen zu schaffen macht. Und die fast 25 immer an ihnen hängen bleibt. [...] Für die Karrieren besonders prägend [...] ist diese Belastung bei Müttern um die 30, 35 Jahre, wenn die Weichen für Höheres gestellt werden. In diesem Alter verabschieden sich viele von der Karriere.
Nur 14 Prozent aller Elternpaare, das zeigen Zahlen des Bundesfamilienministeriums, schaffen es, die Aufgaben, die der Job und die Arbeit zu Hause mit sich bringen, gerecht untereinander 30 aufzuteilen, obwohl mehr als die Hälfte genau dies gerne tun würde. Eine Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) rechnete vor, dass Frauen in deutschen Doppelverdiener-Vollzeit-Konstellationen im Schnitt fast doppelt so viel täglich anfallende Hausarbeit erledigten [...]. An den Rollenbildern hat sich dabei erstaunlich wenig getan: Während sich Männer häufiger um Rechnungen oder Handwerkliches kümmern, machen Frauen 35 die Wäsche, putzen, waschen ab und kaufen ein. Das hat finanzielle Folgen, wie jüngst eine Bertelsmann-Studie zeigte: Je mehr Kinder sie bekommen, desto weniger Einkommen haben Frauen zu erwarten.
Unternehmen, die sich um die Förderung von Frauen bemühen, stehen zunächst vor einem Rätsel: Die Instrumente für Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind da – aber sie reichen 40 offenbar nicht. Das musste auch der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim feststellen, wo sich die Inklusionsbeauftragte Denise Hottmann vor einiger Zeit auf die Suche nach Gründen dafür gemacht hat, warum trotz diverser Angebote die Geschlechterparität in den Altersklassen ab Anfang 30 auf einmal endet: „Die Mitarbeiterinnen führten Vereinbarkeit von Beruf und Familie als Begründung dafür an“, sagt Hottmann.
45 Führungstandems in Teilzeit sind dabei sowohl Teil der Lösung als auch des Problems. Einerseits ermöglichen sie es vielen Müttern, eine Führungsrolle einzunehmen. Andererseits zementieren sie das Rollenbild, die Frauen seien für den zweiten Job zu Hause zuständig. Die Soziologin Jutta Allmendinger warnt mit diesem Argument auch vor einem gesetzlichen Anspruch auf Homeoffice: Dies würde nur dazu führen, dass Frauen in Zukunft viel von zu Hause arbei- 50 teten und dabei Haushalt statt Karriere machten. Allmendinger glaubt dennoch, dass Politiker und Arbeitgeber Einfluss auf die Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit innerhalb von Paaren nehmen sollten. „Ehegattensplitting 3, Minijobs 4 und die kostenlose Mitversicherung 5 sind wichtige Faktoren, die die Elternzeiten für Frauen verlängern, und das wiederum erschwert die Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt“, sagt sie.
55 Als Chefin des Wissenschaftszentrums Berlin hat Allmendinger selbst regelmäßig mit Elternzeitanträgen zu tun. Und versucht dabei, subtil die Rollenverteilung zwischen den Eltern zu steuern. „Ich sage schwangeren Mitarbeiterinnen:,Wenn Sie sieben Monate zu Hause bleiben, kommen wir als Wissenschaftsbetrieb damit gut klar, aber bei zwölf Monaten wird es deutlich schwieriger.‘“ Damit formuliert sie indirekt einen Anspruch an die werdenden Väter. 60 „Dadurch stärke ich die innerhäusliche Verhandlungsposition der Frauen:,Wenn es uns darum geht, dass auch ich gute Karrierechancen habe, dann müssen wir uns als Paar jetzt gemeinsam folgende Schritte überlegen.‘“ Wer künftige Karriereschritte einpreise, komme aus der auch vom deutschen Steuerrecht geförderten Ungleichheit heraus.
Bei den Frauen, die sich dann für die Karriere entscheiden, endet das oft aber erst recht in 65 Überarbeitung. Die britische Autorin Sally Howard nennt dies in ihrem Buch „The Home Stretch“ über ihre Erfahrungen mit Mental Load den „Superwoman“-Modus. So wurde Frauen in den Achtziger- und Neunzigerjahren der Vollzeitjob sogar empfohlen. „Die Idee war, Frauen könnten alles haben“, sagt Howard. Und bei manchen klappe das auch, aber „mit allen Folgen wie Depressionen, Erschöpfung und schlechter Gesundheit“, sagt Howard. Eine Studie im 70 US-amerikanischen „Journal of Science and Medicine“ zeigte vor einiger Zeit, dass Frauen, die die Doppelschicht machen, am meisten gestresst sind. Trotz der Belastung führe eine eigene Karriere letztendlich aber zu größerer Zufriedenheit, als wenn Frauen zu Hause blieben. [...]
Soziologin Allmendinger würde das Problem gerne grundlegender anpacken und plädiert für 75 eine radikale Senkung der Normalarbeitszeit auf 32 Stunden. „Am besten wäre das skandinavische Modell mit einer Viertagewoche für Mütter wie Väter. Dadurch könnten die Aufgaben besser verteilt werden, man könnte sich ohne Druck um Kinder oder die eigenen Eltern kümmern, in Ruhe einkaufen gehen“, sagt sie. „Da bei einer Viertagewoche Männer durchschnittlich etwas weniger als heute arbeiten würden, Frauen aber durchschnittlich etwas mehr, wür- 80 den wir insgesamt das Arbeitsvolumen nicht verringern, es gäbe also keine Verluste für unsere Volkswirtschaft.“ [...]
Karoline Iwersen hat mit ihrem Mann eine [...] Lösung gefunden. Er bezahlt ihr die halbe Differenz zu seinem höheren Gehalt monatlich auf ein Anlagekonto. Im Falle einer Scheidung würde Iwersen dort den Lohn für all ihre zu Hause geleisteten Arbeitsstunden finden – und 85 wäre abgesichert. „Wir haben nicht nur eine Ehe, sondern auch eine Geschäftsbeziehung“.
Zur Autorin: Nora Schareika war von 2018 bis Januar 2021 u. a. als Redakteurin bei der WirtschaftsWoche tätig.
1 Mental Load: psychische Belastung, die aus dem Organisieren alltäglicher Aufgaben resultiert
2 RAM-Speicher: Arbeitsspeichereinheit im Computer
3 Ehegattensplitting: Verfahren zur gemeinsamen Besteuerung von Ehepaaren; es führt in der Regel dazu, dass Ehepaare mit unterschiedlicher Einkommensverteilung geringer besteuert werden, als wenn jeder Ehepartner Steuern zahlen würde.
4 Minijob: eine geringfügig entlohnte Beschäftigung, die einen gesetzlich definierten Höchstbetrag nicht übersteigt
5 kostenlose Mitversicherung: In der gesetzlichen Krankenversicherung können Ehepartner und Kinder beitragsfrei mitversichert werden, wenn ihre Einkommen gering sind.
2.
Stellen Sie dar, wie sich Arbeitsstrukturen und Erwerbsbiografien im Zuge des Übergangs zur postindustriellen Arbeitsgesellschaft verändert haben. Erläutern Sie dazu die Aussage, diese Belastung wirke sich bei Müttern im Alter von etwa 30 bis 35 Jahren besonders prägend auf die Karriere aus (vgl. Z. 25 f.). (26 Punkte)
3.
Diskutieren Sie unter sozialen und ökonomischen Gesichtspunkten den im Text dargelegten Vorschlag der Soziologin Allmendinger, die Normalarbeitszeit auf 32 Stunden zu verringern und für Mütter und Väter eine Viertagewoche zu schaffen (vgl. Z. 74 ff.). (24 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2. Stellen Sie dar, wie sich Arbeitsstrukturen und Erwerbsbiografien im Zuge des Übergangs zur postindustriellen Arbeitsgesellschaft verändert haben. Erläutern Sie dazu die Aussage, diese Belastung wirke sich bei Müttern im Alter von etwa 30 bis 35 Jahren besonders prägend auf die Karriere aus (vgl. Z. 25 f.).
Lösung: Ausarbeitung mit folgenden Elementen: - Wandel zur postindustriellen Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft (Bedeutung von Digitalisierung, Flexibilität, lebenslangem Lernen). - Wandel der Arbeitsstrukturen: Erosion des Normalarbeitsverhältnisses, Zunahme atypischer Beschäftigung (Teilzeit, Befristung, Minijobs, Scheinselbstständigkeit), Entgrenzung von Arbeit (Homeoffice, Projektarbeit). - Wandel der Erwerbsbiografien: Fragmentierung, Pluralisierung und Diskontinuität von Lebensläufen statt linearer Dreiphasenbiografie. - Erläuterung der „Rushhour des Lebens“ (um die 30/35 Jahre): Zusammentreffen von spätem Berufseinstieg nach längerer Qualifikationsphase, Weichenstellung für Karrierechancen und organisationsintensiver Familiengründung; Übernahme von Care-Arbeit führt häufig zu Teilzeit und dauerhaftem Karriereknick für Frauen.
3. Diskutieren Sie unter sozialen und ökonomischen Gesichtspunkten den im Text dargelegten Vorschlag der Soziologin Allmendinger, die Normalarbeitszeit auf 32 Stunden zu verringern und für Mütter und Väter eine Viertagewoche zu schaffen (vgl. Z. 74 ff.).
Lösung: Ausarbeitung mit folgenden Elementen: - Diskussion aus sozialer Perspektive: Aufbrechen traditioneller Geschlechterrollen und partnerschaftlichere Aufteilung von Care-Arbeit vs. möglicher gesellschaftlicher Widerstand und Druck auf individuelle Lebensentwürfe. - Diskussion aus ökonomischer Perspektive: Höhere Chancengleichheit in Führungspositionen und Aktivierung von Arbeitskraftpotenzialen von Frauen vs. Fragen des Lohnausgleichs, Reallohnverluste bei Männern, Machbarkeit in Schicht- und Mangelberufen sowie Verringerung des Gesamtarbeitsvolumens. - Begründetes Fazit mit abwägender Urteilsbildung.
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