Aufgabe 3 - Soziale Ungleichheit: Dimensionen, Mo… · Abitur NRW Soziologie LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Thema: Soziale Ungleichheit: Dimensionen, Modelle und Armut · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg) (2021)

Aufgabenstellung

Oliver Geyer

Vom Mögen

[...]

fluter: Freunde zu haben erscheint vielen als etwas Selbstverständliches. Warum ist es

so wichtig, Freundschaft zu erforschen?

Alleweldt: Genau aus diesem Grund – weil Freundschaft zum Leben dazugehört und auch

immer bedeutender wird. Angesichts des [sozialen] Wandels [...] erlangt Freundschaft zuneh-

5 mend die Form von sozialem Kapital. Und das ist in unserer Gesellschaft ungleich verteilt.

Wer wenig Freunde hat, kann stark isoliert sein. Die Vereinsamung von Teilen der Bevölke-

rung nimmt zu. Wer aber viele Freunde hat, für den können sie zu einer Ersatzfamilie werden.

All das müssen wir uns genau anschauen.

Freundschaft wird wichtiger, und zugleich vereinsamen immer mehr Menschen? Wie

10 kann das sein?

Tatsächlich wird Freundschaft als zu selbstverständlich betrachtet. Es wird zu wenig darüber

gesprochen, dass es auch voraussetzungsvoll ist, Freundschaften zu führen. Wir können fest-

stellen, dass mit steigendem sozialen Status die Freundeskreisgrößen wachsen. Man braucht

also auch die nötigen Ressourcen, um Freundschaften zu pflegen.

15 Welche Art von Ressourcen?

Erst einmal finanzielle. Zusammen in die Kneipe gehen kostet ja schon Geld, erst recht ein ge-

meinsamer Ausflug oder Urlaub. Auch leben Freunde heute oft nicht mehr alle in der näheren

Umgebung, man muss sich also auch die nötige Mobilität leisten können. Außerdem braucht

man Kommunikationskompetenzen und Konfliktfähigkeit, die man am besten schon früh er-

20 lernt. Was wir bei höheren Bildungsschichten beobachten, ist, dass die Eltern die Kontakte

für ihre Kinder zunächst organisieren und sie unterstützen, wenn es mal Konflikte gibt. Das

kommt bei den unteren sozialen Schichten seltener vor.

Stichwort „soziales Kapital“: Welche Vorteile bringen einem diese Fähigkeiten später

im Leben?

25 Ich habe in meiner Studie Frauen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten befragt,

welche Bedeutung Freundschaften für sie haben. Besonders deutlich wurde an den Frauen

in Leitungspositionen, die eine höhere Bildung haben und einem starken beruflichen Druck

ausgesetzt sind, wie wichtig es für sie ist, einen großen und repräsentativen Freundeskreis zu

haben. Und auch ein gutes berufliches Netzwerk vorweisen zu können, das vom Freundes-

30 kreis oft gar nicht mehr klar zu trennen ist. Eine Teilnehmerin, die im Kultursektor tätig ist,

sagte, dass sie auf Veranstaltungen immer zeigen können müsse, dass sie die halbe Stadt und

die wichtigen Leute kennt. Freunde sind schon etwas, das man heute haben muss.

Was bedeutet das für eine Freundschaft, wenn es nur noch um Networking geht?

Manche Studienteilnehmerinnen sagten wirklich, dass sie da gewisse Störgefühle haben, weil

35 sie mit Freundschaft ja eigentlich etwas anderes verbinden. Ich denke, dass so eine Nutzen-

freundschaft aber auch gut funktionieren kann, wenn man sich zu diesem Zweck trifft und

einander sympathisch findet. Wenn beide Seiten damit offen umgehen, dann ist das keine

Entwertung, sondern eben eine bestimmte Form von Freundschaft.

Sind die Kontakte in sozialen Netzwerken richtige Freunde?

40 Die große Befürchtung, dass durch das Aufkommen der sozialen Netzwerke irgendwann

reale Freundschaften nicht mehr geführt werden, hat sich nicht bewahrheitet. Wir können

eher positiv feststellen, dass mit Social Media ein zusätzlicher Rahmen entstanden ist, um

Freundschaften zu pflegen. Meine Untersuchungen zeigen, dass die sozialen Medien haupt-

sächlich dazu genutzt werden, bestehende Kontakte zu pflegen, und weniger, um neue aufzu-

45 bauen. Wichtig ist nur, sich bewusst zu machen, dass das keine reale, sondern eine virtuelle

Verbundenheit ist.

[...]

Und wenn man die Sache ganz nüchtern sozialwissenschaftlich betrachtet: Wie würden

Sie Freundschaft definieren?

50 Aus einer soziologischen Perspektive lassen sich Freundschaften als freiwillige, gegenseitige

und persönliche Beziehungen beschreiben. Auch Kriterien wie Ganzheitlichkeit, Vertrauen

und Intimität werden oft genannt.

Macht der Umstand, dass es sich um eine freiwillige und informelle Beziehung handelt,

für die es keine klaren Regeln gibt, Freundschaft eher stark oder eher verletzlich?

55 Dass Freundschaft nichts Institutionalisiertes wie etwa die Ehe ist, macht es zunächst schwie-

riger. Aber es gibt durchaus Regeln impliziter Natur. Dass man zum Beispiel, wenn eine

Freundin in Not ist, alles stehen und liegen lässt und ihr zu Hilfe kommt. Die Freiwilligkeit

und das Informelle machen dabei gerade die Attraktivität dieser Beziehung aus.

Der Soziologe Shmuel Eisenstadt 1 sagte, dass darin auch ein subversives Potenzial steckt.

60 Was ist gemeint?

Eisenstadt beschreibt, dass Freundschaft einen Ort bildet, an dem man über gesellschaftli-

che Normen hinausgehen und politischen Widerstand entwickeln kann. Freundschaft ist im

Gegensatz zur Familie frei gewählt. Da komme ich mit meinesgleichen zusammen und bin

eher geneigt, gemeinsam bestimmte Ideen zu verfolgen. Gerade in repressiven Systemen ist

65 es natürlich umso wichtiger, dass Loyalität und Vertrauen als die Urkriterien von Freund-

schaft erfüllt sind. Aber diesen Geborgenheitsraum, den Freundschaft mit sich bringt, brau-

chen die Menschen auch in unserer Gesellschaft. Auch hier gibt es Härten, für die Freund-

schaft eine Kompensationsfunktion hat. Als ein Raum, in dem ich mich sozial sicher und

anerkannt fühle, so wie ich bin. [...]

70 [...] Wie oft werden denn Freundschaften über Milieugrenzen hinweg geschlossen?

Sie meinen wie in dem Film „Ziemlich beste Freunde“, wo ein wohlhabender weißer Indus-

trieller sich mit seinem Schwarzen Krankenpfleger anfreundet, der aus einfachen Verhältnis-

sen kommt? Das ist leider immer noch die große Ausnahme. In Wirklichkeit sind Freundes-

kreise recht homogen, was Milieu, Bildung, Einkommen und sozialen Status betrifft. Gleich

75 und Gleich gesellt sich gern. Dieser Effekt ist leider stärker als die Überzeugung, Unterschiede

zögen sich an.

Wie ließe sich da gegensteuern?

Es gibt ein Konzept, das in den USA modellhaft praktiziert wird: Schulen organisieren, dass

zu Kindergeburtstagen grundsätzlich immer alle Kinder aus einer Klasse eingeladen werden.

80 Um so einem sozialen Ausschluss von vornherein entgegenzuwirken. Das hat dann noch den

schönen Nebeneffekt, dass auch die Eltern sich bei solchen Gelegenheiten treffen. Aber das

ist nur ein Beispiel. Niemand will Freundschaften verordnen. Es ist aber möglich, Bedingun-

gen zu schaffen, in denen Freundschaft besser entstehen kann, sodass sich die Grenzen zwi-

schen sozialen Milieus nicht noch weiter festigen. Überhaupt bin ich überzeugt, dass man

85 durch ganz neue Institutionen alternative Lebenspraxen und damit auch neue Formen von

Freundschaft entstehen lassen kann.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel in Mehrgenerationenhäusern. Eine Freundschaft zwischen einer 90- und einer

40-Jährigen, die ihr im Alltag helfen kann, gibt es im normalen Leben leider selten. Hier kann

90 sie sich entwickeln, und hier ist es auch vollkommen in Ordnung, dass sie auf so einer Hilfe-

beziehung beruht. Denn wer im Alter auf seine Freunde hofft, sollte sich klarmachen, dass

dauerhafte Unterstützungsaufgaben innerhalb von bestehenden Freundschaften problematisch

sind. Weil Freundschaft ja eigentlich von Reziprozität lebt, also davon, dass man das, was

man bekommt, auch zurückgeben will. Und das funktioniert ab einem bestimmten Punkt nicht

95 mehr, wenn man hilfsbedürftig ist.

1 Shmuel Eisenstadt: israelischer Soziologe, der vor allem im Bereich der Generationenforschung tätig war

Zum Interviewer: Oliver Geyer (geb. 1973) schreibt als freier Autor Reportagen für verschiedene Magazine und Zeitungen.

Zur Interviewten: Erika Alleweldt lehrt an der Hochschule für angewandte Pädagogik Berlin im Bereich Soziale Arbeit und Sozialpädagogik.

Aufgabenstellung – Teilaufgaben 2 und 3

2.

Stellen Sie die unterschiedlichen Kapitalienbegriffe und ihr Zusammenwirken (z. B. nach Bourdieu) dar. Erläutern Sie vor diesem Hintergrund die Aussage, dass Freundschaftskreise sich überwiegend homogen gestalten (vgl. Z. 73 ff.). [26 Punkte]

3.

Beurteilen Sie die Folgen für den Einzelnen und für die Gesellschaft, die sich ergeben könnten, wenn sich Freundschaft zu einer Form sozialen Kapitals entwickelt. [24 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe 3 - Soziale Ungleichheit: Dimensionen, Mo… · Abitur NRW Soziologie LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2. Stellen Sie die unterschiedlichen Kapitalienbegriffe und ihr Zusammenwirken (z. B. nach Bourdieu) dar. Erläutern Sie vor diesem Hintergrund die Aussage, dass Freundschaftskreise sich überwiegend homogen gestalten (vgl. Z. 73 ff.).

Lösung: Strukturierte Darstellung der vier Kapitalformen nach Bourdieu, Analyse ihrer Konvertierbarkeit und theoriegeleitete Begründung für die Homogenität von Freundschaftskreisen.

3. Beurteilen Sie die Folgen für den Einzelnen und für die Gesellschaft, die sich ergeben könnten, wenn sich Freundschaft zu einer Form sozialen Kapitals entwickelt.

Lösung: Differenziertes Sachurteil mit systematischer Abwägung individueller und gesellschaftlicher Chancen und Risiken.

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