Aufgabe HT 2 - Wertewandel und Individualisierung · Abitur NRW Soziologie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Thema: Wertewandel und Individualisierung · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021)

Aufgabenstellung

Judith Luig

Das Ende der Kernfamilie

[...] Die Berta, die Eia, die Fine, die Trude, die Guste. Meine Großmutter hatte einen uner-

schöpflichen Schatz an Schwestern. [...] Alle hatten sie geheiratet und fast alle eine unüber-

schaubare Anzahl an Kindern und Enkeln bekommen. Das Leben meiner Großmutter mütter-

licherseits spielte sich fast ausschließlich in ihrer – meist weiblichen – Großfamilie ab. [...]

5 Meine beiden Schwestern und ich wuchsen anders auf. Wir waren eine Familie unserer Zeit,

eine Kernfamilie: Vater, Mutter, drei Kinder. Wir konzentrierten uns auf uns. Unsere Tanten

und Onkel lebten in anderen Städten, ihr Leben schien uns fern. Wenn neue Menschen in

unser Leben kamen, dann waren es Freunde, die wir fanden, oder Kollegen, die wir bei der

Arbeit kennenlernten. Sie alle hatten wir uns selbst ausgesucht. [...]

10 Irgendwann aber brauchten meine Eltern im Alter Hilfe. Unsere Tochter kam auf die Welt

und wir waren als Eltern auf Unterstützung angewiesen. In dieser Zeit machte ich zum ersten

Mal eine interessante Erfahrung. Nicht meine Freunde, nicht meine Kollegen waren diejeni-

gen, auf die ich mich am meisten verlassen konnte. Es waren Mitglieder meiner erweiterten

Familie, die halfen. Das Netzwerk, das meine Großmutter einst aufgebaut hatte, blieb intakt,

15 auch in der nächsten Generation. [...]

Mit meiner eigenen Familiengeschichte im Sinn las ich im amerikanischen Atlantic 1 einen

Essay des Publizisten David Brooks. Die Idee der Kernfamilie, schrieb er, sei ein Fehler gewe-

sen, gewissermaßen ein historischer Irrtum. [...]

Brooks schreibt weiter: „Wir haben das Leben der Erwachsenen verbessert und das der Kinder

20 verschlechtert. Wir haben uns weg bewegt von den großen, untereinander verbundenen und

erweiterten Familien, die dabei geholfen haben, die Schwächsten vor den Schwierigkeiten

des Lebens zu bewahren, hin zu kleineren, isolierten Kernfamilien (ein verheiratetes Paar und

ihre Kinder), die den Privilegierten der Gesellschaft Raum geben ihre Talente auszubauen

und ihre Möglichkeiten zu erweitern.“ Die Kernfamilie, so Brooks, habe in den USA für die

25 sozial Schwachen vor allem zu Einsamkeit und Armut geführt. Es sei Zeit, sie zu überdenken.

[...]

Auch hier [in Deutschland] ist die Kernfamilie weiterhin das Ideal, nach dem die meisten

Menschen streben. Und auch hier scheitern immer mehr Menschen daran, das Ideal zu erfül-

len. Die Zahl der Alleinerziehenden steigt auch in Deutschland. [...] Zugleich leben vor allem

30 im Alter immer mehr Menschen in Deutschland allein. Fast drei Viertel aller Haushalte beste-

hen heute aus ein bis zwei Personen. Auch in Deutschland trifft diese Entwicklung tenden-

ziell ärmere Familien. Es gibt kaum ein größeres Armutsrisiko als eine alleinerziehende Frau

mit Kind zu sein. Statistisch betrachtet ist es doppelt so hoch wie im Durchschnitt der Bevöl-

kerung. [...]

35 Anfang des 20. Jahrhunderts lebten noch durchschnittlich mehr als vier Personen in deutschen

Haushalten. Die Zahl sank bis in die Sechzigerjahre auf rund drei Personen, heute besteht ein

Haushalt aus durchschnittlich zwei Personen. Die Familien reduzierten sich mehr und mehr

auf einen Kern aus Eltern und Kindern. Das Ideal der vergangenen Jahrzehnte entstand: Eine

geringe Zahl an Kindern und zwei Eltern, die genug Zeit haben, sich der Erziehung zu wid-

40 men.

Das Leitbild dieser neuen Kernfamilie war die „Gefühlsgemeinschaft“, wie es die Soziologin

Elisabeth Beck-Gernsheim formulierte. [...]

In den Fünfzigerjahren war die Kleinfamilie für viele Menschen eine Befreiung. Anders als

früher ging es bei der Familiengründung nicht mehr darum, die Großfamilie zu stärken oder

45 Besitzstände zu wahren. Was zählte, war die individuelle Entscheidung von jungen Männern

und Frauen. Der wirtschaftliche Aufschwung machte es immer mehr Familien möglich, sich

aus den Zwängen ihrer Großfamilien zu befreien und einen eigenen selbstbestimmten Haus-

halt zu gründen. Meist entstanden diese Haushalte in den neu gebauten Mietshäusern in der

Stadt, die nun ausgerichtet waren auf die vierköpfige Familie. Andere zogen in ihr Eigenheim

50 in die Vorstädte. [...]

In den Siebzigerjahren geriet die Familienstruktur mit der Mutter im Haus und dem Vater im

Berufsleben zunehmend in die Kritik. Aus den Reihen der 68er 2 - und Frauenbewegung wurde

der Wunsch nach Emanzipation lauter. Wer welche Rechten oder Pflichten hatte, war jetzt

Teil von Verhandlungen – gesellschaftlichen und politischen wie auch privaten. Unter Druck

55 setzte die Kleinfamilie auch wirtschaftliche Zwänge: Das Wirtschaftswunder war vorbei, neue

Produktionsverfahren verringerten die Zahl der benötigten Arbeiter, die Arbeitslosenzahlen

stiegen und die Einkommen sanken. Frauen mussten wieder arbeiten. Und viele wollten auch.

Seither begannen die Sichtweisen von Frauen und Männern auseinanderzugehen, schreibt die

Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim. „Während die Lebenspläne der Frauen schnell neue

60 Formen annahmen, änderten sich die Lebenspläne der Männer längst nicht im selben Tempo

und Ausmaß.“ Die Männer, so stellte der Ehemann von Elisabeth Beck-Gernsheim, der Sozio-

loge Ulrich Beck, 1986 fest, zeigten „verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhal-

tensstarre“. Die einen wollten neue Rollen, die anderen blieben in ihren alten verhaftet. Die

Kleinfamilie geriet in die Krise.

65 [...] Wurde rein rechnerisch betrachtet in den Sechzigerjahren noch rund jede zehnte Ehe in

Deutschland geschieden, war es zum Jahrhundertwechsel mehr als jede zweite. Die Schei-

dungsquoten sind seither zwar wieder leicht gesunken. Doch noch immer wird statistisch rund

jede dritte Ehe wieder getrennt. „Was folgt auf die Familie?“, fragte Beck-Gernsheim schon

1998 in ihrem zentralen Werk über die Familienforschung. [...]

70 Eine [...] Antwort könnte in einem Familienalltag liegen, der längst existiert. In Deutschland

haben sich viele Familien in den vergangenen Jahrzehnten selbst reformiert. Sie haben neue

Familienmodelle und Netzwerke aus Menschen entwickelt, ganz so wie es die Soziologin

Beck-Gernsheim vorausgesehen hatte: „Anders, mehr, besser, die Verhandlungsfamilie, die

Wechselfamilie, die Vielfamilie, die aus Scheidung, Wiederverheiratung, Scheidung, aus Kin-

75 dern deiner, meiner, unserer Familienvergangenheiten hervorgegangen ist.“ Zwischen sieben

bis 13 Prozent aller Familien in Deutschland leben heute als Patchwork-Familie, schätzt das

Familienministerium.

Im Stillen hat sich längst eine andere, neue Familiennormalität entwickelt. Man kann sie

sehen, wenn man am Wochenende mit der Deutschen Bahn fährt und auf die vielen Väter und

80 Mütter trifft, die zu ihren Kindern in anderen Städten pendeln. Fast jeder hat heute gleich meh-

rere Patchwork-Familien in seinem Bekanntenkreis, wenn er nicht gleich selbst das Modell

lebt. Die neue Normalität hat für diese Familien neuen Stress und neue Chancen geschaffen –

vor allem aber mehr Komplexität. [...]

Was kommt nach der Großfamilie meiner Kindheit und der Kernfamilie, die zunehmend ver-

85 schwindet? Womöglich immer noch die Familie. Wir müssen uns nur trauen, sie auch so zu

nennen.

1 The Atlantic ist eine amerikanische Zeitschrift.

2 Als 68er-Bewegung werden soziale Bewegungen zusammengefasst, die in den 1960er Jahren aktiv waren und in einigen Staaten im Jahr 1968 besonders hervortraten. Sie begann in den USA mit der Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner und setzte sich im Protest gegen den Vietnamkrieg fort. Ähnliche Proteste flammten in vielen Staaten der Welt auf, darunter die westdeutsche Studentenbewegung der 1960er Jahre.

Zur Autorin:

Judith Luig, geb. 1974, ist Redakteurin im Ressort Politik, Wirtschaft, Gesellschaft von ZEIT ONLINE.

Aufgabenstellung zu HT 2 (Teilaufgabe 2)

2.

Stellen Sie die Theorie des Wertewandels dar, die R. Inglehart für entwickelte Industriegesellschaften formuliert hat, und beschreiben Sie eine Theorie der gesellschaftlichen Entstrukturierung (z. B. die Individualisierungsthese nach Beck). Erläutern Sie auf dieser Grundlage, wodurch sich die im Text dargestellte Krise der Kleinfamilie erklären lässt (vgl. Z. 58 ff.). (26 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 2 - Wertewandel und Individualisierung · Abitur NRW Soziologie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2. Stellen Sie die Theorie des Wertewandels dar, die R. Inglehart für entwickelte Industriegesellschaften formuliert hat, und beschreiben Sie eine Theorie der gesellschaftlichen Entstrukturierung (z. B. die Individualisierungsthese nach Beck). Erläutern Sie auf dieser Grundlage, wodurch sich die im Text dargestellte Krise der Kleinfamilie erklären lässt (vgl. Z. 58 ff.).

Lösung: Ausarbeitung zur Theorie von Inglehart, Becks Individualisierungstheorie und Anwendung auf die Krise der Kleinfamilie.

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