Aufgabe HT 3 · Abitur NRW Soziologie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Thema: Sozialisation, Identität, Gruppen und abweichendes Verhalten · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2021 – Soziologie, Grundkurs

Thema: „Migrantischer Szenejargon“ – Ausdruck von Integration und Identitätsbildung junger Migrantinnen und Migranten?

Materialgrundlage

Büsra Delikaya: Anker zwischen den Kulturen. In: ZEIT ONLINE vom 17.02.2020 (Auszüge; auf Zwischenüberschriften wurde zugunsten der besseren Lesbarkeit verzichtet; Anpassungen an die sprachliche Richtigkeit wurden vorgenommen)

1 Eine Hand schwebt über dem frisch gemähten Rasen. Mit der Nagelschere schneidet sie einen Grashalm kurz. Knips – die Melodie setzt ein. Im Liedtext geht es um altbekannte Klischees über Deutsche. Der klassische Alman, wie ihn der deutsch-österreichische YouTuber Phil Laude in seinem gleichnamigen Musikvideo karikiert, ist jemand, der mit zugeknöpftem Karo-

5 hemd für Recht und Ordnung sorgt. Almans bezeichnet meistens Deutsche. […]

Das Wort kommt aus dem Türkischen und meint nichts anderes als deutsch. Vor allem junge Leute mit ganz verschiedenen ethnischen Backgrounds nutzen das Wort. […]

Begriffe wie Alman sind in mehrheitlich türkischen, kurdischen oder arabischen Sprachgemeinschaften soziolinguistisch¹ betrachtet […] vor allem Begleiterscheinungen der Identi-

10 tätsbildung innerhalb einer deutsch-deutschen Mehrheitsgesellschaft, wenn man so will, der Integration.

Die Kinder und Enkel der sogenannten Gastarbeiter sind zwar in deutschen Städten geboren und wurden mit deutschen Gepflogenheiten sozialisiert. Wenn sie als Jugendliche nach ihrer eigenen Persönlichkeit, Identität und ihrem Platz in der Gesellschaft suchen, besinnen sie

15 sich aber auch auf die Wurzeln ihrer Eltern und Großeltern. Deren Mentalität und Rituale fühlen sich vertraut an, sie geben ein Gefühl von Zugehörigkeit. Ein kurdisches Lied, ein arabisches Gedicht, ein türkischer Lebensmittelmarkt können den jungen Menschen sehr viel bedeuten. Aber die unterschiedlichen soziokulturellen Einflüsse machen die Identitätsfindung nicht wirklich leicht.

20 Sprache kann dabei sehr hilfreich sein. Viele der Jugendlichen wachsen bi- oder trilingual auf. Wenn sich zum Beispiel arabischstämmige Jugendliche im Bus abwechselnd auf Arabisch und auf Deutsch miteinander unterhalten, hat der Wechsel immer ein unbewusstes System. Welche Sprache gewählt wird, bestimmt das Thema oder das Gefühl, das damit verbunden ist. Auch die Sprachmelodie ändert sich, sie wird mal dynamischer, dann fast schon wieder

25 phlegmatisch².

Wer aber zwischen zwei oder mehreren Kulturen hin- und herspringt, braucht einen Anker. Der findet sich oft in einer sprachlichen Symbiose, die in einem migrantischem Szenejargon verwendet wird, wie zum Beispiel in den Wörtern Alman und Kanake. Komplexe soziale Strukturen und mehrere Identitätsbausteine werden nicht mehr separiert, sondern zusammen-

30 geführt. Deutsch-türkische Jugendliche bauen sich dann etwa eine Sprache aus Hochdeutsch und türkischen Slang-Elementen – oder umgekehrt. […]

Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass die arabischstämmigen Jugendlichen aus dem Bus, die sich im Freundeskreis im Slang unterhalten, die deutsche Sprache und die eigene Muttersprache beide nicht gut bis sehr gut beherrschen könnten. Im Gegenteil: Bilingualität³

35 ist erwiesenermaßen ein Bonus.

„Bruder ya, du bist ein krasser Ehrenmann, vallah!“ – das klingt zwar zugegebenermaßen nicht nach deutscher Bildungssprache, ist aber deswegen nicht mangelhaft. Um einen multilingualen⁴ Einheitsslang zu schaffen, bedarf es sprachlicher Sicherheit und kommunikativer Analysefähigkeit. Natürlich kann man davon ausgehen, dass es einem Teil der sogenannten

40 Migrantenkinder schwerfällt, vom Slang in die Bildungssprache umzuschalten, was ihnen häufig Nachteile bringt. Aber die Beherrschung der Bildungssprache allein sagt gar nicht viel über die Fähigkeiten des Sprechers aus. Sie ist auch nur eine willkürliche Norm.

Es gibt keinen Grund, die Migrantenkinder aufgrund ihres Slangs aus öffentlichen Diskursen auszuschließen. Vielmehr ist es wichtig zu verstehen, dass sie mit dieser Art des Sprechens

45 Grenzen ziehen, um safe spaces⁵ zu schaffen, die für Menschen in einer Diaspora⁶ unabdingbar sind. Die Jugendlichen werden in diesem selbst geschaffenen Raum nicht bewertet. Sie bewegen sich in einem eigenen, einvernehmlich gestalteten Rahmen.

Nun wird das Wort Alman trotzdem genutzt, um Menschen abzuwerten. Das darf nicht ignoriert oder relativiert werden. Verlangt ein ethnisch Deutscher, getrennt zu zahlen, wird er

50 gerne als Alman beschimpft – als gebe es eine ethnisch bedingte Knauserigkeit⁷. So wird der Jargon, der eigentlich dazu dient, sich seiner eigenen Identität zu vergewissern, durchaus zur persönlichen Beleidigung. Trotzdem ist Alman nicht gleichzusetzen mit der Verwendung des Ausdrucks Kanake. So wurden die sogenannten Gastarbeiter genannt, in von Grund auf diskriminierender Absicht. „Wer Alman sagt, muss auch Kanake einstecken können“ –

55 diese Behauptung ist fatal.

Das Wort hat dazu beigetragen, dass Menschen, die in dieses Land kamen, lange fremd blieben. Oder gar gehasst und getötet wurden. Bereits im 18. Jahrhundert wurden von europäischen Kolonisatoren völlig unterschiedliche Bevölkerungsgruppen allesamt willkürlich als Kanaka bezeichnet; die ursprüngliche Form der Verwendung war also eine koloniale Fremd-

60 bezeichnung.

Aber auch dieses Schimpfwort hat sich zu einer Selbstbezeichnung in der deutschen Jugendsprache gewandelt. So bezeichnet sich der deutsch-türkische Rapper Eko Fresh in seinen Liedern als „dieser Hip-Hop-Kanake“ und das deutsch-kurdische Rapper-Duo Xatar und Haftbefehl veröffentlichte ein Lied mit dem Titel Kanack. Als migrantische Selbstermächtigung

65 wurde Kanake zuerst von dem deutsch-türkischen Schriftsteller Feridun Zaimoğlu in seinem Buch Kanak Sprak – 24 Mißtöne der Gesellschaft vermittelt.

Durch diese Aneignung werten die Jugendlichen den ursprünglich diskriminierenden Ausdruck um zum Zeichen eines neuen, starken Selbstverständnisses. Das Wort gehört nun nicht mehr nur den Diskriminierenden, sondern auch den Diskriminierten. Längst ist also die deut-

70 sche Sprache Refugium⁸ für all die hybriden⁹ Identitäten sogenannter Migrantenkinder geworden. Sie bietet Raum für eine Generation, die sich weder als ganz deutsch noch als ganz türkisch, kurdisch oder arabisch versteht. Beziehungsweise für eine Generation, die beides ist: Alman und Kanake.

Zur Autorin: Die Deutsch-Kurdin Büsra Delikaya, geb. 1995, studiert Germanistik und Geschichte in Potsdam und ist als freie Autorin für mehrere führende Zeitungen tätig. Sie moderiert zudem Blogs zum Thema Integration.

¹ Als Teildisziplin der Sprachwissenschaft untersucht die Soziolinguistik u. a. kulturell und gesellschaftlich bedingte Einflüsse auf die Sprache.

² phlegmatisch: träge, schwerfällig

³ Bilingualität: Zweisprachigkeit

⁴ multilingual: mehrsprachig, vielsprachig

⁵ safe spaces (engl.): sichere Räume

⁶ Diaspora: ein Gebiet, in dem eine religiöse, kulturelle oder ethische Minderheit in der Fremde lebt

⁷ Knauserigkeit (umgangssprachlich): Sparsamkeit, Geiz, Kleinlichkeit

⁸ Refugium: ein sicherer Ort, an dem jemand seine Zuflucht findet

⁹ hybrid: aus Verschiedenartigem zusammengesetzt, von zweierlei Herkunft; gemischt; zwitterhaft

1.

Analysieren Sie, was die Autorin über den Sprachgebrauch und die Identitätsbildung von jungen Menschen mit Migrationshintergrund aussagt. Erläutern Sie in diesem Zusammenhang, welche besondere Rolle zwei im Text erwähnte Sozialisationsinstanzen im Sozialisationsprozess spielen. [30 Punkte]

2.

Stellen Sie die Merkmale sozialer Gruppen sowie deren Funktionen für den Einzelnen dar und beschreiben Sie wesentliche gruppendynamische Mechanismen. Erläutern Sie auf dieser Grundlage, welche besondere Bedeutung der Szenejargon in migrantischen Peergroups hat. [26 Punkte]

3.

Erörtern Sie, ob sich der „migrantische Szenejargon“, wie es die Autorin annimmt, als Ausdruck gesellschaftlicher Integration deuten lässt. [24 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 3 · Abitur NRW Soziologie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Analysieren Sie, was die Autorin über den Sprachgebrauch und die Identitätsbildung von jungen Menschen mit Migrationshintergrund aussagt. Erläutern Sie in diesem Zusammenhang, welche besondere Rolle zwei im Text erwähnte Sozialisationsinstanzen im Sozialisationsprozess spielen.

Lösung: Ausarbeitung einer materialbezogenen Textanalyse mit Erläuterung zweier Sozialisationsinstanzen (Familie, Medien, etc.) gemäß den Kriterien der amtlichen Vorgaben.

2. Stellen Sie die Merkmale sozialer Gruppen sowie deren Funktionen für den Einzelnen dar und beschreiben Sie wesentliche gruppendynamische Mechanismen. Erläutern Sie auf dieser Grundlage, welche besondere Bedeutung der Szenejargon in migrantischen Peergroups hat.

Lösung: Darstellung soziologischer Gruppenmerkmale, Funktionen, gruppendynamischer Mechanismen und deren Verknüpfung mit dem Szenejargon in migrantischen Peergroups.

3. Erörtern Sie, ob sich der „migrantische Szenejargon“, wie es die Autorin annimmt, als Ausdruck gesellschaftlicher Integration deuten lässt.

Lösung: Ausgewogene dialektische Erörterung (Pro/Contra) mit begründetem Gesamturteil.

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