Aufgabe HT 1 - Wandel von Familie, Lebensformen und Arbei… · Abitur NRW Soziologie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Thema: Wandel von Familie, Lebensformen und Arbeitswelt · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021)

Aufgabenstellung

Thema: Vereinbarkeit von Familie und Beruf – lässt sich die Arbeitswelt flexibler gestalten?

Meredith Haaf

Wie viel Arbeit ist genug?

Es war einmal ein Versprechen. Es richtete sich vor allem an junge Frauen in diesem Land,

und es hieß: Du kannst Kinder bekommen und weiter ein befriedigendes Berufsleben oder auf

jeden Fall ein eigenes Auskommen haben, und zwar ohne schlechtes Gewissen. Eigentlich

verrückt, vor wie kurzer Zeit so ein Satz noch als Provokation aufgefasst wurde oder zumin-

5 dest als extrem progressiv. Wenn man bedenkt, dass vor 15 Jahren noch ernsthaft über Raben-

mütter und Wickel-Volontariate 1 diskutiert wurde, hat unsere Gesellschaft einen erstaunlichen

Akt kultureller Flexibilität hingelegt, zumindest auf den ersten Blick.

Innerhalb von nur einer Generation ist es für die meisten Menschen in Deutschland normal

geworden, Kinder, Haushalt und Berufstätigkeit miteinander zu verknüpfen. Das sind an sich

10 gute Nachrichten: Die Rollenbilder werden offener und vielfältiger, für Frauen wie für Männer.

Die Zahl der berufstätigen Mütter hat sich verdoppelt. Väter kümmern sich selbstverständli-

cher um Kinder und wünschen sich mehr Zeit für sie. Sie nehmen immer häufiger Elternzeit,

auch wenn es bei den meisten immer noch spärliche zwei Monate sind. Zwar teilt sich nur eine

Minderheit der Paare die Arbeit im und außer Haus strikt paritätisch 2, aber viele möchten es.

15 Wir könnten so frei sein! Und damit wären wir beim zweiten Blick: Denn der verrät, dass der

Siegeszug des Sowohl-als-Auch bislang vor allem der deutschen Wirtschaft nutzt. Vereinbar-

keit gibt es nicht ohne Zugeständnisse. Die machen momentan vor allem Arbeitnehmer*innen

und Familien. Wer jeden Tag Kinder versorgt, Wäsche wäscht, Essen auf den Tisch stellt, auf-

räumt, sich möglicherweise noch in Betreuungsinitiativen und Sportvereinen engagiert und

20 20 bis 40 Stunden in der Woche am Arbeitsplatz verbringt, hat zwar mehr Möglichkeiten und

ein eigenes Einkommen, aber eben auch: jeden Tag verdammt viel zu tun. Das gilt genauso,

wenn man in Teilzeit arbeitet wie die Hälfte der weiblichen Erwerbstätigen. Nur dass die nicht

mal ihre Familie selbst ernähren könnten, geschweige denn etwas zur Seite legen.

Das Wort Gleichberechtigung ist nicht ohne Grund mit dem Wort „Emanzipation“ verknüpft.

25 Die eigentliche Idee ist eben nicht, dass in einer gleichberechtigten Gesellschaft alle alles

machen und immer noch mehr, sondern dass alle gleiche Rechte und Freiheiten haben. Gegen-

wärtig aber befreien sich berufstätige Eltern höchstens von ihren finanziellen Verpflichtungen

füreinander [...]. Von den Ansprüchen der Arbeitswelt fühlt sich aber kaum jemand heute

besonders frei. Noch immer orientieren wir uns vor allem an der Frage: Wie können, dürfen

30 und müssen wir arbeiten, anstatt: Wie wollen wir arbeiten? Wie viel Zeit wollen wir zur freien

Verfügung haben? Wie viel Berufstätigkeit brauchen wir gerade jetzt?

Im „Fifty-Fifty?“-Projekt 3, das derzeit am Wissenschaftszentrum Berlin läuft, zeigen erste

Befragungen, dass erschreckend viele Eltern überhaupt nicht so arbeiten, wie sie wollen. Die

meisten, egal ob in Voll- oder Teilzeit, möchten weniger arbeiten. Das gilt übrigens für Väter

35 ganz besonders. Dass sie es nicht können, liegt teilweise an Ansprüchen der Arbeitgeber und

an Schichtdiensten, teilweise einfach an niedrigen Gehältern. Hinzu kommt: Fürsorge für Kin-

der und Angehörige wird weder steuerrechtlich noch anderweitig anerkannt. Gleichstellung

auf dem Arbeitsmarkt orientiert sich noch immer am traditionellen Versorgermodell: Mütter

sollten eben genauso arbeiten wie Väter, die Kinder betreut jemand anderes, fertig. Doch das

40 ist in der Realität weder praktikabel noch besonders lebensfreundlich. Und es fällt in den

Haushalten wie im Wirtschaftsleben zu viel Arbeit auf zu wenige Menschen. Der Soziologe

Richard Sennett hat einmal gesagt: „Im modernen Kapitalismus werden Menschen von Zeit-

strukturen dominiert, die ihre Fähigkeit reduzieren, Arbeit als Genugtuung zu erleben.“ Spät-

nachmittage mit den Kindern, die nur aus Abholen und Abfüttern bestehen, sind nicht für alle

45 beglückend. Die spannendsten Projekte im Job können echten Stress verursachen, wenn man

sie nachts fertig machen muss. Und wer regelmäßig zehn Stunden am Schreibtisch, an der

Kasse oder auf Schicht verbringt, nimmt auf Dauer vor allem Erschöpfung mit vom Job.

Wir arbeiten in diesem Land vor allem so, wie es Produktivitätsvorgaben und Wachstums-

ansprüche der Wirtschaft vorsehen und nicht, wie es für Individuen und Familien gut wäre.

50 Warum formulieren wir unsere Ansprüche nicht klarer? Da viele Branchen Fachkräfte brau-

chen, verwundert es, wie wenig diese Kräfte für sich einfordern. Christian Kraus, Manager

beim Finanzdienstleister Interhyp, sagt: „Für immer mehr Unternehmen wird es überlebens-

wichtig, familienfreundlich zu sein – weil sie sonst keine guten Leute finden.“

Vielleicht hängt die allgemeine Zurückhaltung aber auch damit zusammen, dass wir bei all

55 der Arbeit vergessen, darüber nachzudenken, wie viel Arbeit genug ist: nicht für den Status,

die Karriere oder die Ansprüche der anderen, sondern für uns selbst. Der kulturelle Wandel

ist letztlich eine Aufgabe für Unternehmen und Politik. Er muss aber dort beginnen, wo wir

ihn direkt bewirken können: im eigenen Kopf.

Zur Autorin:

Meredith Haaf, geb. 1983, hat Geschichte und Philosophie studiert und arbeitet als freie Journalistin und Autorin.

1 Wickelvolontariat: abwertende Bezeichnung für die von Vätern in Anspruch genommene Elternzeit

2 paritätisch: gleichgestellt, gleichwertig, gleichberechtigt oder (zahlenmäßig) gleich

3 „Fifty-Fifty?“-Projekt: Das Projekt untersucht den Einfluss politischer und betrieblicher Rahmenbedingungen auf die innerpartnerschaftliche Aufteilung von Familien- und Erwerbsarbeit bei Eltern junger Kinder.

1.

Analysieren Sie, was die Autorin über den Wunsch nach einer Vereinbarkeit von Familie und Beruf aussagt. Erläutern Sie in diesem Zusammenhang die sozialen und ökonomischen Wandlungsprozesse, die diesem Wunsch zugrunde liegen. (30 Punkte)

3.

Gestalten Sie in der Rolle einer Unternehmensberaterin/eines Unternehmensberaters einen Redebeitrag für die Vorstandssitzung eines Unternehmens, der darauf zielt, Familie und Beruf besser vereinbar zu machen. Entwickeln Sie dabei zwei Maßnahmen, die familienfreundliche Arbeitsbedingungen fördern. (27 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 1 - Wandel von Familie, Lebensformen und Arbei… · Abitur NRW Soziologie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Analysieren Sie, was die Autorin über den Wunsch nach einer Vereinbarkeit von Familie und Beruf aussagt. Erläutern Sie in diesem Zusammenhang die sozialen und ökonomischen Wandlungsprozesse, die diesem Wunsch zugrunde liegen. (30 Punkte)

Lösung: Ausführliche Textanalyse und soziologische Erläuterung: - Einleitung: Nennung von Autorin (Meredith Haaf), Titel („Wie viel Arbeit ist genug?“), Publikationsort und -datum (Süddeutsche Zeitung, 22.01.2019) sowie Kennzeichnung der Textart als journalistischer Kommentar zum Thema der Vereinbarkeit von Familie und Beruf in modernen Familien. - Kernaussagen: Auflösung tradierter Rollenmuster und Verdopplung berufstätiger Mütter; dennoch Orientierung der Arbeitswelt am traditionellen Versorgermodell; Belastung und Erschöpfung durch unpraktikable Zeitstrukturen; Verwunderung über ausbleibende lautere Forderungen trotz Fachkräftemangels; Appell zum Umdenken. - Textstruktur und Argumentation: Thesenhafte, lebensnahe Darstellung mit Verweis auf Studien (WZB-Projekt „Fifty-Fifty“) und soziologische Autoritäten (Richard Sennett). - Soziale Wandlungsprozesse: Wertewandel hin zu postmaterialistischen Werten (Selbstverwirklichung, partnerschaftliche Rollenaufteilung), Emanzipations- und Individualisierungsprozesse sowie Bildungsexpansion der Frauen. - Ökonomische Wandlungsprozesse: Wandel zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft, Zunahme weiblicher Erwerbsbeteiligung bei Fachkräftebedarf, Erosion des Normalarbeitsverhältnisses und Notwendigkeit des Zweiverdienermodells.

3. Gestalten Sie in der Rolle einer Unternehmensberaterin/eines Unternehmensberaters einen Redebeitrag für die Vorstandssitzung eines Unternehmens, der darauf zielt, Familie und Beruf besser vereinbar zu machen. Entwickeln Sie dabei zwei Maßnahmen, die familienfreundliche Arbeitsbedingungen fördern. (27 Punkte)

Lösung: Konzeption des Redebeitrags: - Rolle und Kontextbezug: Einbindung der Vorstandsmitglieder, Verweis auf aktuellen Fachkräftemangel und betriebliche Herausforderungen, Empfehlungen an die Unternehmensführung. - Persuasive Gestaltung: Klare Zielsetzung, Verbindung von ökonomischer Effizienz/Wettbewerbsfähigkeit mit Mitarbeiterzufriedenheit und -bindung; pointierter Schlussappell. - Erste Maßnahme (z. B. Homeoffice / orts- und zeitflexibles Arbeiten): Anspruch auf feste Homeoffice-Tage mit technischer Ausstattung; Begründung über Vereinbarkeit von Terminen, flachere Hierarchien und Unterstützung partnerschaftlicher Rollenteilung. - Zweite Maßnahme (z. B. Betriebskindertagesstätte oder flexible Elternzeit- und Rückkehrmodelle): Hochwertige Betreuungsplätze am Firmenstandort mit an Arbeitszeiten angepassten Öffnungszeiten; Begründung über Zeitersparnis bei Anfahrtswegen, Verringerung von Fehlzeiten und Steigerung der Arbeitgeberattraktivität im Wertewandel.

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