Aufgabe HT 1 - Sozialstaat · Abitur NRW Sozialwissenschaften GK · Haupttermin · Wirtschaft 2023
Thema: Sozialstaat und soziale Sicherung · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Wirtschaft (2023)
Aufgabenstellung
Marcel Fratzscher
Corona zeigt: Ein schwacher Staat ist keine Lösung
Nicht wenige Menschen werfen dem Staat und seinen Institutionen in der Pandemie Versagen
vor. Auch wenn Politik und Institutionen Fehler gemacht und strukturelle Schwächen offenbart
haben: Diese Kritik ist fehlgeleitet. Denn kaum ein anderes Land hat die Pandemie mit Blick
auf den Schutz von Menschenleben, Gesundheit, Wirtschaft und Grundrechten so erfolgreich
5 gemeistert wie Deutschland – dank eines starken Sozialstaats und guter staatlicher Institutionen.
Die richtige Lehre aus der Pandemie sollte daher nicht die Schwächung des Staates sein, son-
dern eine grundlegende Reform seiner Institutionen und Regeln, sodass eine neue, moderne
Ordnungspolitik entstehen kann. Ludwig Erhard 1 hat seine Vision der Ordnungspolitik mit ei-
nem Fußballspiel verglichen: Die Mannschaften sind die Marktteilnehmer, und der Staat ist
10 der Schiedsrichter, der die Einhaltung der Regeln sicherstellt, aber nicht selbst mitspielen darf.
Die Kritiker*innen in der Pandemie monieren, der Staat würde immer mehr zum Spieler, zum
„Unternehmerstaat“, der seine Rolle überschreite und damit selbst zur Ursache von Marktver-
sagen geworden sei. Das ist jedoch falsch. Die großen Krisen der vergangenen 30 Jahre wurden
verursacht oder verstärkt, weil der Staat zu häufig die Rolle des Schiedsrichters vernachlässigt
15 und die Regelsetzung und die Kontrolle der Regeln an private Unternehmen verloren hat.
Ein mahnendes Beispiel ist die globale Finanzkrise von 2008/09, die ihren Ursprung im
neoliberalen Dogma 2 der 1990er-Jahre hatte, die Banken wüssten am besten, wie sie sich
selbst zu regulieren hätten. In anderen Worten: Der Staat ist das Problem und der Markt die
Lösung. Wir kennen heute das Resultat dieses Dogmas: Finanzinstitutionen veränderten oder
20 interpretierten die Regeln so, dass sie enorme Risiken eingingen und Profite privatisieren
konnten, Staat und Gesellschaft jedoch für Risiken und Verluste aufkommen mussten.
Wenn man dem Staat etwas vorwerfen kann, dann nicht, dass er selbst zum Spieler der Markt-
wirtschaft geworden ist, sondern dass er seine Rolle als Schiedsrichter nicht oder nicht unpar-
teiisch genug erfüllt. So hat Deutschland mit über 20 Prozent einen der größten Niedriglohn-
25 sektoren Europas, weil die dort Beschäftigten ohne Tarifvertrag nicht auf Augenhöhe mit den
Arbeitgebern verhandeln können oder der Mindestlohn missbraucht wird.
Die Bildungschancen sind in Deutschland sehr ungleich verteilt – 70 Prozent der Akademiker-
kinder gehen zur Universität, aber nur 20 Prozent der Kinder von Nicht-Akademiker*innen.
Es ist letztlich ein „Marktversagen“, wenn Menschen nicht die gleichen Chancen haben.
30 Die Erfahrung der Pandemie zeigt: Der drohende Zusammenbruch der Wirtschaft kann nur
durch einen starken Staat verhindert werden. Selbst die größten deutschen Unternehmen
waren plötzlich auf öffentliche Gelder angewiesen. Ohne das staatliche Kurzarbeitergeld
wären Millionen Menschen arbeitslos geworden. Ohne die massiven Wirtschaftshilfen wären
Tausende von Unternehmen pleitegegangen. Ohne ein größtenteils staatlich finanziertes
35 Gesundheitssystem hätten nicht Tausende von Menschenleben gerettet werden können.
Dennoch haben die Kritiker*innen mit manchen ihrer Punkte recht: Der Staat hat Fehler
gemacht und Schwächen offenbart – die Schließung von Schulen ohne adäquaten digitalen
Ersatz, zu geringe oder schleppende Hilfen für Familien, Soloselbstständige oder Minijob-
ber*innen und eine unzureichende Strategie zur Begrenzung der Pandemie sind schmerz-
40 volle Beispiele. In den meisten Fällen hätten aber auch private Unternehmen diese Probleme
nicht lösen können.
Um den Erfolg privater Unternehmen in der Pandemie zu belegen, wird nicht selten das Bei-
spiel Biontech angeführt. Bei genauerer Betrachtung fällt dieses Argument jedoch in sich zu-
sammen: Viele der wichtigen Patente, die für die Entwicklung des Impfstoffs notwendig wa-
45 ren, gehen auf staatlich finanzierte Grundlagenforschung zurück – an Universitäten und außer-
universitären Forschungseinrichtungen – und auf direkte staatliche Forschungsförderung.
Weltweit verdankt fast jedes große Unternehmen einen erheblichen Teil seines Erfolgs direk-
ter oder indirekter staatlicher Unterstützung. […] Was für einzelne Unternehmen gilt, gilt auch
für ganze Volkswirtschaften: Die Ökonomen Daron Acemoglu und James A. Robinson zeigen
50 in „Wieso Nationen scheitern“, dass staatliche Institutionen der entscheidende Faktor für den
wirtschaftlichen, sozialen und politischen Erfolg von Nationen sind.
[…]
Es gibt drei zentrale Gründe, wieso sich der Staat in Zukunft nicht weniger, sondern stärker in
das Marktgeschehen einmischen muss: erstens der technologische Wandel, da neue Technolo-
55 gien zunehmend zu Monopolen und einer Marktkonzentration führen und damit zu fehlendem
Wettbewerb, geringerer Innovation und Monopolrenten 3. Um Marktversagen zu verhindern,
muss der Staat solche Unternehmen stärker regulieren und notfalls auch zerschlagen.
Der zweite Grund ist die steigende Bedeutung globaler Kapitalmärkte und die damit verbun-
dene Konzentration von Risiken, bei denen ein Scheitern selbst kleinerer Finanzinstitutionen –
60 der Zusammenbruch von Lehman Brothers im September 2008 ist ein warnendes Beispiel –
ganze Volkswirtschaften in eine tiefe Krise stürzen kann. Staatliche Institutionen und Zentral-
banken dürfen diese Fehler nicht wiederholen und müssen zum Beispiel private Währungen
wie den Bitcoin sehr viel stärker regulieren und eigene digitale Währungen entwickeln.
Dritter Grund für eine stärkere staatliche Rolle ist die zunehmende Globalisierung und die da-
65 mit verbundene Machtverschiebung von staatlichen Institutionen hin zu multinationalen Unter-
nehmen. Seit Jahrzehnten spielen große Unternehmen Staaten gegeneinander aus und haben
einen Steuerwettbewerb ausgelöst, bei dem Unternehmenssteuern gesenkt und Steuern für
Beschäftigte erhöht werden. […]
Deutschlands gute staatliche Institutionen und der starke Sozialstaat bilden die Grundlage für
70 unseren Wohlstand und die erfolgreiche Bewältigung der Pandemie. Eine Modernisierung
staatlicher Institutionen – von Bürokratieabbau und effizienteren Prozessen über eine stärkere
Neutralität und Autonomie von Lobbyinteressen bis hin zur Digitalisierung öffentlicher
Dienste – muss eine dringende Priorität sein.
Genauso wichtig ist es jedoch, dass der Staat sich nicht zurückzieht, sondern stärker in Markt-
75 prozesse einmischt – nicht weil er der bessere Unternehmer wäre, sondern um Marktversagen
zu vermeiden, das durch den technologischen Wandel, die zunehmende Bedeutung von Kapi-
talmärkten und der Globalisierung mehr denn je droht.
1 Ludwig Erhard: Deutscher Politiker (CDU). Wirtschaftsminister (1949 – 1963) sowie Bundeskanzler der BRD (1963 – 1966).
2 Dogma, hier: grundlegende, unumstößliche Lehrmeinung
3 Monopolrenten: Rente des Monopolisten, die er im Vergleich zum vollkommenen Wettbewerb zusätzlich erhält, weil er seine Preise unabhängig gewinnmaximierend festlegen kann
Zu dem Autor: Marcel Fratzscher, geb. 1971, leitet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und ist Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Handelsblatt Online, 12. August 2021
Teilaufgabe 1 b) – Handlungskonzepte des Sozialstaats
1. b)
Erläutern Sie anhand von zwei ausgewählten Textstellen, welche Bezüge sich zu Handlungskonzepten für die Gestaltung des Sozialstaats erkennen lassen. [16 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. b) Erläutern Sie anhand einer ersten ausgewählten Textstelle, welche Bezüge sich zu Handlungskonzepten für die Gestaltung des Sozialstaats erkennen lassen. (8 Punkte)
Lösung: Erläuterung eines Textbelegs im Bezug zu sozialstaatlichen Handlungskonzepten (z. B. liberaler, konservativer oder sozialdemokratischer Wohlfahrtsstaatstyp nach Esping-Andersen).
1. b) Erläutern Sie anhand einer zweiten ausgewählten Textstelle, welche Bezüge sich zu Handlungskonzepten für die Gestaltung des Sozialstaats erkennen lassen. (8 Punkte)
Lösung: Erläuterung eines weiteren Textbelegs im Bezug zu sozialstaatlichen Handlungskonzepten.
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