Aufgabe SW GK HT 3 · Abitur NRW Sozialwissenschaften GK · Haupttermin 2023

Thema: Sozialstaat und soziale Sicherung · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2023)

Aufgabenstellung

Thema: Demografischer Wandel als Herausforderung für Deutschland – Ist eine verstärkte Zuwanderung von Arbeitskräften eine geeignete Antwort?

Materialgrundlage

M 1: Karl-Heinz Paqué: Megaproblem des Mangels

In: Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit vom 19. November 2021 (um Teasertext und Zwischenüberschriften gekürzt; Anpassungen an die sprachliche Richtigkeit wurden vorgenommen)

URL: https://www.freiheit.org/de/wirtschaft-megaproblem-des-mangels

An diesem Wochenende widmet sich das Handelsblatt einem ungeheuer wichtigen Themenschwerpunkt, der noch immer in Deutschland ein Schattendasein führt: die Knappheit an Arbeitskräften. Sie ist überall sichtbar, nicht mehr nur in hoch qualifizierten technischen Berufen. So gefährdet der Mangel im Pflegebereich längst unser Gesundheits- und Sozialsystem, was Corona schonungslos aufgedeckt hat. Fast auf jedem Lastwagen ist zu lesen: Fahrer gesucht. Botendienste in den Großstädten annoncieren: Zusteller gesucht. Restaurants plakatieren: Aushilfskräfte gesucht. Wo man nur hinschaut: offene Stellen und unerledigte Arbeit.

Wen wundert’s! Die demografische Entwicklung beginnt in diesen Jahren erbarmungslos zuzuschlagen. Schritt für Schritt verabschiedet sich die Babyboomer-Generation aus dem Arbeitsmarkt. Es sind all jene Menschen, die zwischen 1955 und 1970 geboren sind, die größte und bis dato bestausgebildete „Kohorte“ am Arbeitsmarkt. Mit ihr verschwindet das Rückgrat der innovativen Ingenieure der deutschen Industrie, aber auch die vielen Hände und Köpfe, die das tägliche Leben lebenswert machen – vom Taxifahrer bis zur Aushilfskraft in der Gastronomie.

Diese Entwicklung hat eine wichtige willkommene Seite. Die lautet: Die Menschen finden künftig Jobs zu steigenden Löhnen und ordentlichen Arbeitsbedingungen bei stetig verbesserter Ausrüstung und Möglichkeiten der Weiterbildung, denn es liegt in der Natur des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs, dass die Arbeitgeber in dieser Lage ein Eigeninteresse haben, all dies zu gewähren. Das ist sozial erfreulich und psychologisch bedeutsam, denn nichts ist schöner als Nachfrage zu spüren. Es motiviert und mobilisiert, ganz ohne staatliche Hilfe – eine Art „Privatisierung der Arbeitsmarktpolitik“ (Herbert Giersch 1). Solch einen Zustand hatten wir zuletzt im Westdeutschland der Sechzigerjahre. Damals lag die Arbeitslosenquote überall nahe null, die Anzahl der offenen Stellen näherte sich offiziell der Millionengrenze und lag inoffiziell weit darüber.

Für die Wirtschaft und ihre Kunden hat die Knappheit an Arbeitskräften allerdings fast nur Nachteile: Planungen und Projekte der Infrastruktur verzögern sich, weil es überall an Handwerkern, Bauarbeitern und industrieller Kapazität fehlt; die Lebensqualität leidet, weil kundenfreundliche Dienstleistungen „wegrationalisiert“ werden – zugunsten technischer Lösungen und anstrengendem „Do-it-yourself“; der Staat muss hohe Löhne und Gehälter zahlen, um überhaupt noch qualifiziertes Personal zu finden, was die Staatsfinanzen belastet. Und vielleicht am wichtigsten: Es gibt immer weniger kluge Köpfe, die der Innovationskraft der Wirtschaft dienen können, ohne an anderer Stelle riesige Lücken zu reißen.

Was also tun? Die Antwort lautet: Wir brauchen eine neue Angebotspolitik, die alles tut, um mehr Menschen zu motivieren, sich in ein erfülltes Arbeitsleben zu stürzen – und zwar auf allen Niveaus der Qualifikation. Dazu zählt zunächst ein kluges Einwanderungsgesetz, das fleißige Menschen nach Deutschland zieht und ihnen erlaubt, vor Ort sich einen Job zu suchen, so wie es in Kanada mit seinem Punktesystem der rationalen Auswahl von Migranten geschieht. Deutschland ist schon heute ein Einwanderungsland, und es muss es noch viel mehr werden. Das bisher vorhandene Instrumentarium, allem voran die „Blue Card“ 2, reicht nicht aus. Sie setzt voraus, dass Zuwanderungswillige sich bereits aus der Ferne die Zusage eines Jobs besorgen – und das funktioniert nur in wenigen Ausnahmefällen. Wir brauchen aber pro Jahr Hunderttausende von Zuwanderern, und die kommen nur, wenn man sie in Deutschland selbst nach Arbeit suchen lässt.

Daneben brauchen wir eine noch höhere Erwerbsbeteiligung im Inland, als wir bisher haben. Vor allem bei Frauen gibt es da noch beachtliche Potenziale, insbesondere im Vergleich zu skandinavischen Ländern. Island, Norwegen und Schweden rangieren in dieser Hinsicht noch immer deutlich vor Deutschland, was auch daran liegen mag, dass dort die Schul- und Betreuungsangebote für Kinder besser auf die Berufstätigkeit von Frauen zugeschnitten sind. Auch der Weg von Teilzeit- in Vollzeittätigkeiten muss erleichtert werden, vor allem für Frauen. Bei steigenden Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen durch günstige Marktlage dürfte dies ohne große Friktionen möglich sein, denn so manche Familie beginnt erst dann über eine neue Arbeitsteilung zwischen Haushalt und Beruf nachzudenken, wenn das erzielbare Einkommen hinreichend attraktiv ist.

[...]

Fazit: Vieles an Angebotspolitik ist möglich, wenn man nur politisch will und die richtigen Konzepte anwendet. Hier liegt eine zentrale Aufgabe für die neue Bundesregierung.

Zum Autor: Karl-Heinz Paqué, geb. 1956, ist Vorsitzender der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.

1 Herbert Giersch, geb. 1921, gest. 2010, war ein deutscher Ökonom, von 1960 bis 2007 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat beim Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie und Gründungsmitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.

2 Blue-Card: Bei der Blauen Karte EU (engl. EU Blue Card) handelt es sich um einen von einem Mitgliedstaat der Europäischen Union erteilten Aufenthaltstitel zum Zwecke der Aufnahme einer Erwerbstätigkeit in dem jeweiligen Mitgliedstaat für Angehörige von Drittstaaten.

M 2: Meitsch, Thomas: Deutsche Migrationspolitik.

URL: http://schwarwel.de/karikaturen-von-schwarwel-juni-2019/

Zum Karikaturisten: Thomas Meitsch, geb. 1968, ist u. a. Karikaturist und Comiczeichner. Er veröffentlicht unter seinem Künstlernamen Schwarwel.

1. a)

Analysieren Sie, welche Position der Autor zur Bewältigung der Herausforderungen des demografischen Wandels in Deutschland vertritt und wie er dabei argumentiert. [30 Punkte]

1. b)

Interpretieren Sie die Karikatur M 2 hinsichtlich der Haltung des Karikaturisten gegenüber der Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte und vergleichen Sie diese Haltung mit der des Autors von M 1. [16 Punkte]

2.

Stellen Sie zwei Grundsätze der sozialen Sicherung in Deutschland (z. B. Versicherungsprinzip) dar und beschreiben Sie, wie sich der demografische Wandel auf diese Grundsätze auswirkt. [24 Punkte]

3.

Erörtern Sie sowohl aus ökonomischer als auch aus gesellschaftlicher Sicht, inwiefern es eine geeignete Reaktion auf die Herausforderungen des demografischen Wandels ist, verstärkt um Arbeitskräfte aus dem Ausland für Deutschland zu werben. Beziehen Sie dabei auch die Positionen des Autors von M 1 und des Karikaturisten von M 2 ein. [30 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe SW GK HT 3 · Abitur NRW Sozialwissenschaften GK · Haupttermin 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. a) Analysieren Sie, welche Position der Autor zur Bewältigung der Herausforderungen des demografischen Wandels in Deutschland vertritt und wie er dabei argumentiert.

Lösung: Ausführliche Textanalyse gemäß den Vorgaben der Prüfungsbewertung (inhaltliche Teilkriterien 1 bis 5).

1. b) Interpretieren Sie die Karikatur M 2 hinsichtlich der Haltung des Karikaturisten gegenüber der Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte und vergleichen Sie diese Haltung mit der des Autors von M 1.

Lösung: Ausführliche Karikaturinterpretation und vergleichende Analyse mit Text M 1.

2. Stellen Sie zwei Grundsätze der sozialen Sicherung in Deutschland (z. B. Versicherungsprinzip) dar und beschreiben Sie, wie sich der demografische Wandel auf diese Grundsätze auswirkt.

Lösung: Darstellung zweier Prinzipien der sozialen Sicherung und Analyse der jeweiligen Herausforderungen durch den demografischen Wandel.

3. Erörtern Sie sowohl aus ökonomischer als auch aus gesellschaftlicher Sicht, inwiefern es eine geeignete Reaktion auf die Herausforderungen des demografischen Wandels ist, verstärkt um Arbeitskräfte aus dem Ausland für Deutschland zu werben. Beziehen Sie dabei auch die Positionen des Autors von M 1 und des Karikaturisten von M 2 ein.

Lösung: Differenzierte Erörterung aus ökonomischer und gesellschaftlicher Perspektive mit begründetem Gesamturteil.

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