Aufgabe HT 3 - Teilaufgabe 3 · Abitur NRW Psychologie LK · Haupttermin 2021

Thema: Psychische Störungen und Psychotherapie · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2021)

Aufgabenstellung

Der (einsame) Werwolf

Als Erstklässler wurde Magnus, „eskortiert“ von seinen Eltern, in der psychotherapeutischen Ambulanz vorgestellt. Schon bei der ersten Begegnung hatte ich den Eindruck, als ob er für seine Eltern „eine Bresche schlagen“ 1 musste. Ich sah ihn förmlich mit dem Buschmesser in der Hand sich den Weg zu den Stühlen freischlagend. Sie ließen ihm in allem den Vortritt und stellten ihn mir als ein richtiges „Vor-Führkind“ vor. In Anwesenheit seiner Eltern sagte Magnus zunächst nichts, zappelte aber ununterbrochen auf seinem Stuhl herum, als habe er „Lampenfieber“. Ihm war deutlich die Anstrengung anzumerken, sich zu zügeln und in Deckung zu bleiben. Ich fragte mich denn auch spontan, ob ich mir die öffentlichen Auftritte wohl eher als glanzvolle Paraden oder als Straßenschlachten vorzustellen habe und merkte in der Gegenübertragung, dass ich schwankte zwischen nicht enden wollender süß-klebender Bewunderung und bitter erwarteter Enttäuschung.

Allein mit Magnus im Zimmer fand ich es anstrengend, ihm die unentwegt geforderte Aufmerksamkeit entgegenzubringen, und ich fühlte mich überredet und bevormundet. Meine Fragen wurden ignoriert, während er den Raum einnahm und nach dem Vorbild seiner Eltern eine schillernde Projektion von sich entwarf. Mir schoss der Gedanke durch den Kopf, wir seien zu dritt im Raum: Magnus, der kleine Junge, ich, die Therapeutin, und Magnus, der Große (Schauspieler), stets bemüht, seine Großartigkeit zu demonstrieren und seine exponierte 2 Position und den darin enthaltenen Machtanspruch zu sichern, um gleichzeitig den kleinen Magnus durch das Legen „falscher Fährten“ zu verstecken. Er kenne sich mit allem gut aus, meinte er, insbesondere über Waffen wisse er alles. Er holte einen Spielzeugtomahawk 3 und erklärte, dass es bei ihm zu Hause echte Gewehre gebe. Mittlerweile sprach er in einem rasanten Tempo und steigerte sich in seine Vorträge hinein. Unser Spiel-Werkzeugkoffer sei nichts im Vergleich zu seinem eigenen echten Werkzeug und wurde bodenlos abgewertet. Den Kofferinhalt betrachtend und Schrauben herausnehmend, fragte mich Magnus, ob ich wisse, wozu eine Mutter 4 da sei. Ich zögerte, worauf er schnell antwortete: „Zum Halten.“ Er begann, Schraube und Mutter zusammenzufügen und forderte mich auf, beide wieder zu lösen. Von dieser Metapher sehr berührt, überlegte ich, ob er mir damit schon einen Therapieauftrag erteilte und wie dieser aussehen könnte. Wie sich noch erweisen sollte, war Magnus ein geschickter Fährtenleger und bot mir hier an, den Fokus auf die mütterliche bzw. die weibliche Seite der Familie zu legen. Ich ging auf seine Kontaktbereitschaft ein und nahm den Auftrag an, indem ich mir die zwei Schrauben übergeben ließ, um sie wieder zu trennen, was von Magnus unkommentiert blieb, aber mit neugierigen Blicken verfolgt wurde. Deutlich nahm ich seinen Wunsch wahr, die gestellte Aufgabe, aus einem Teil sollen (wieder) zwei werden, möge lösbar sein.

Sehr kooperativ und zustimmend ging er auf meine Bitte ein, seine Familie als Tiere zu zeichnen (FiT; vgl. Abb. 2.1). Mittig auf das Blatt malte er zuerst den Vater als Pferd, das sowohl die erdhafte Verbundenheit als auch das Himmlische verkörpert. Es kann Wunder- und Arbeitstier sein, sich als Pegasus in die Lüfte erheben und als Ackergaul im wortwörtlichen Sinn an den Erdboden gefesselt sein. Es verkörpert positiv konnotierte 5 Attribute wie edel, treu, stark, nützlich, dienstbereit und verständig genauso wie negativ bewertete Eigenschaften wie Missmut, Bissigkeit und Empfindlichkeit. Es erfüllt verlässlich und treu seine Pflicht und wird vom Menschen geachtet und geliebt. Dann platzierte er unter die Pferdehufe die Mutter als Maus, welche eindeutig die Zerstörung und das Unheil verkörpert. Ihr Erscheinen bringt Assoziationen mit Krankheit und Tod hervor, dabei wird sie verharmlosend auch als drollig, ausgelassen, schnell und schlau beschrieben. Es folgte der kleine Bruder (–2) 6 als Säbelzahntiger, aus der unteren rechten Ecke hinter den Eltern herlaufend. Der Tiger erscheint als eine lauernde Macht, die stets bereit ist, aus dem Hinterhalt einzufallen. Er kommt selbstbewusst und stark, aber auch grausam, reizbar und blutgierig daher. Riesengroß malte Magnus sich zuletzt über den verbleibenden Rest der Malfläche als Werwolf. Zuerst dachte er sich als Wolf, überlegte sich dann aber, dass dieses Tier nicht furchterregend genug sei und kam schnell auf ein Schrecken verbreitendes Fabelwesen, den Werwolf. Der Körper des Wolfs überschattete das Pferd (Vater), wobei ein Bein den Pferdekopf berührte, als wäre er diesem „auf den Kopf gestiegen“. Der überdimensionale Werwolfskopf war weit nach vorne gestreckt und so groß wie alle anderen Tiere zusammen. Dieses Bild korrespondierte mit der Aussage der Eltern, die die kognitiven Leistungen von Magnus und sein „Wissen“ betonten: Er sei Gleichaltrigen in der Intelligenzentwicklung schon immer weit überlegen gewesen. Der elterliche Stolz kam auch deutlich auf den Tiergesichtern zum Ausdruck, die wohlwollend lächelnd in Richtung Wolf blickten. Deutlich dokumentierte Magnus hier seine übersteigerten Größenfantasien: Er sei mächtig schlau und rufe den „Glanz in den Augen“ der Eltern hervor, wodurch er sich in seiner Eigenwahrnehmung bestätigt fühlte, er sei mächtig, weil er schlau sei. Diese gegenseitige Bestätigung war der Teufelskreis, der dazu führte, mehr desselben zu produzieren, sodass bei Magnus ein „falsches Selbst“ entstand. In seinem (Selbst-)Bild schwebte er wie ein überdimensional aufgeblasener, kopflastiger Luftballon über allen, gleichzeitig darum bemüht, die Dünnhäutigkeit und damit Zerstörbarkeit seiner psychischen „Hohlraumexistenz“ hinter dolchartigen Zahnreihen zu verstecken.

Sein Machtanspruch […] wurde von der Familie hervorgerufen und aufrechterhalten. Dominanz sicherte Magnus in seinem Selbst-Verständnis seine Existenz, woraus eine ständige Kampfbereitschaft erwuchs und die unerschütterliche Willenskraft, seine Stellung zu sichern. Sein Herrschaftsanspruch initiierte den unbedingten Willen, auf rigorose 7 Weise eigene Wünsche durchzusetzen. Es entwickelten sich Egozentrik 8, Selbstüberschätzung, Achtungslosigkeit gegenüber anderen Menschen, emotionale Härte und Lieblosigkeit als vorherrschende Ausprägungen der Persönlichkeit. Gesichert wurde diese Position durch Aggression, die als Symptom vor allem im Umgang mit Schwächeren häufig impulsiv und ungesteuert durchbrach. Insbesondere betraf dies die Geschwisterkonstellation. Es herrschte eine ungeheuerliche Rivalität zwischen den Brüdern, die Magnus später im Verlauf der Therapie in Form von Tötungsabsichten in Bezug auf seinen Bruder verbalisierte. Beide Brüder waren in Magnus’ Zeichnung bildhaft als „Ungeheuer“ aus der Vergangenheit dargestellt, wobei der Säbelzahntiger in einer historischen und der Werwolf in einer mythologischen Vergangenheit zu Hause ist. Vereint war die Familie in ihrer gemeinsamen minimalistischen Darstellungsweise mit allen Mitgliedern gleichermaßen fehlenden Körperteilen: Jedem ursprünglich als Vierbeiner gemeinten Tier fehlten zwei Beine, sodass es statisch und bewegungsunfähig wirkte. Dieser Eindruck wurde durch das Fehlen von Gelenken noch verstärkt. Außerdem fehlten die Füße, was das Auf-eigenen-Beinen-stehen-Können verunmöglichte und auf eine mangelnde generationenübergreifende Autonomieentwicklung hindeutete. Auch fehlten allen Tieren die Ohren, um zuzuhören und im weiteren Sinn auch zu verstehen (Kommunikationsprobleme). Den Tieren (der Familie) mangelte es an notwendigen Voraussetzungen zur Distanzierung genauso wie an Möglichkeiten der Kontaktaufnahme als Voraussetzung für Verständnis und Beziehung. Gerade weil die Zeichnungen so spärlich und wenig detailverliebt waren, fiel das rudimentäre Genital des Pferdes auf. Magnus wies hier auf die schwach repräsentierte Männlichkeit bzw. Dominanz der Frauen in der Familie hin. Der noch ungelöste ödipale Konflikt wurde hier deutlich gemacht und von Magnus in einer Geschichte zu seinem Bild aufgespürt.

[…]

Während der probatorischen 9 Sitzungen gelang es Magnus zunehmend, mich aufmerksam und neugierig zu machen. Er lockte mich an, indem er mir „Geschichten von M.“ erzählte, die mich anrührten, betroffen machten und erstaunten und mit denen er sich ganz offenkundig für die Stunden präpariert hatte. Ich fühlte mich zunächst verbunden, ins Vertrauen und somit in den inneren Kreis der Wissenden gezogen. Dieses „Wir-Gefühl“ wurde dann allerdings jäh enttäuscht und beendet, als er mir vorwarf, nichts zu kapieren, „blöd“ zu sein und „langweilig“. Auf diese Weise wieder abgeblockt, fühlte ich mich in der Gegenübertragung zwischen Auf- und Abwertung hin- und hergerissen. Meine Zweifel und meine Ambivalenz im Hinblick auf die Aufnahme von Magnus als Patienten deutete ich nun verstärkt auf dem Hintergrund dieser Übertragungsgefühle und nahm auch dadurch seinen großen Wunsch wahr, jemand möge ihm behilflich sein, aus diesem unerträglichen Wechselbad der Gefühle (entweder kochendheiß oder eiskalt; entweder kapieren oder kapitulieren) herauszusteigen.

[…]

1 jemanden den Weg ebnen; sich für jemanden einsetzen

2 herausgehobene

3 indianisches Beil

4 Gegenstück für eine Schraube, um diese zu befestigen

5 hier: bewertete

6 zwei Jahre jüngerer Bruder

7 unbeugsame

8 menschliche Eigenschaft, sich selbst im Mittelpunkt zu sehen

9 (von lateinisch probare = (aus)probieren) meint die anfänglichen Sitzungen vor dem eigentlichen Beginn einer Psychotherapie

Aufgabenstellung:

3. Prüfen Sie, ob sich eine systemische Therapie für Magnus eignen würde. Nehmen Sie zum Schluss begründet Stellung, welcher Therapierichtung Sie den Vorzug geben würden. [24 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 3 - Teilaufgabe 3 · Abitur NRW Psychologie LK · Haupttermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

3. Prüfen Sie, ob sich eine systemische Therapie für Magnus eignen würde. Nehmen Sie zum Schluss begründet Stellung, welcher Therapierichtung Sie den Vorzug geben würden.

Lösung: Ausarbeitung gemäß den Kriterien der Bewertungsrichtlinien: 1. Skizzierung der systemischen Therapie: - Fokus auf Beziehungs- und Kommunikationsstrukturen innerhalb des Systems (Familie), - Therapeut als Teil des Beobachter- bzw. therapeutischen Systems, - Methoden: zirkuläres Fragen, Reframing, Hypothesenbildung, Skulpturarbeit, - Ziele: Unterbrechung dysfunktionaler Rückkopplungsschleifen, Veränderung von Kommunikationsmustern. 2. Prüfung des Nutzens – Zustimmende Argumente: - Einbindung der Eltern ist essenziell, da diese das „falsche Selbst“ durch unreflektiertes Bewundern und Fördern der Machtansprüche aufrechterhalten (positive Rückkopplung, Aufschaukelung), - Systemische Veränderungen können das gesamte Familiengleichgewicht stabilisieren, da Magnus die Therapeutin bereits in sein interaktionales System verstrickt. 3. Prüfung des Nutzens – Ablehnende Argumente: - Die tief verankerte innerpsychische Dynamik (strukturelle Schwäche des Über-Ichs, frühe Abwehrmechanismen) erfordert eine individuelle Bearbeitung, - Bei Anwesenheit der Familienmitglieder könnten Magnus' Abwehrmuster (intellektuelle Überlegenheit, Dominanzstreben) verstärkt reaktiviert werden, was die emotionale Öffnung und Einsicht in unbewusste Konflikte hemmt. 4. Begründete Schlussfolgerung und Stellungnahme zur favorisierten Therapierichtung: - Begründete Wahl einer psychoanalytischen / tiefenpsychologischen Therapie (z. B. Notwendigkeit des geschützten Raums für das Ausleben der Übertragungsneurose), - oder Wahl einer systemischen Familientherapie (nachhaltige Lösung nur durch Veränderung des elterlichen Verhaltens möglich), - oder Plädoyer für ein integratives/kombiniertes Vorgehen (individuelle Psychodynamik parallel zur systemischen Elternarbeit).

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