Abitur NRW Philosophie 2022 · GK · Nachtermin
Abiturprüfung Philosophie in Nordrhein-Westfalen 2022, GK · Nachtermin: 1 Aufgabe mit Lösungen. Themen: Freiheit und Determinismus. Kostenlos.
Themen der Prüfung: Freiheit und Determinismus · Gelingendes Leben und Glück (Aristoteles) · Kants Pflichtethik im Textvergleich · Demokratie und soziale Gerechtigkeit
Aufgabe 1 · Freiheit und Determinismus
Abiturprüfung 2022 – Philosophie, Grundkurs
Aufgabenstellung:
1.
Stellen Sie das Problem, von dem der Text ausgeht, sowie die Kernthese des Autors dar und erarbeiten Sie die Gedankenführung des Textes. (26 Punkte)
2.
Vergleichen Sie Fromms Position mit derjenigen von Sartre. Stellen Sie diese hierzu zunächst in Grundzügen dar. (30 Punkte)
3.
Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung zu der Frage, inwieweit ein Mensch in einer von Digitalisierung und sozialen Medien bestimmten Gesellschaft ein individuelles und selbstbestimmtes Leben führen kann. (24 Punkte)
Materialgrundlage: Erich Fromm: Die Kunst des Liebens (1956)
Liebe, die Antwort auf das Problem der menschlichen Existenz
1 Jede Theorie der Liebe muß mit einer Theorie vom Menschen, von der menschlichen Existenz beginnen. [...]
2 Der Mensch ist mit Vernunft begabt; er ist das Leben, das sich seiner selbst bewußt ist. Er ist sich seiner selbst, seiner Mitmenschen, seiner Vergangenheit und der Möglichkeiten seiner
5 Zukunft bewußt. Dieses Bewußtsein seines gesonderten Daseins, das Bewußtsein seiner eigenen kurzen Lebensspanne und der Tatsache, daß er ohne seinen Willen geboren ist und gegen seinen Willen sterben wird, daß er vor jenen sterben wird, die er liebt, oder daß sie vor ihm sterben werden, das Bewußtsein seiner Einsamkeit und Getrenntheit [...] läßt seine besondere und abgetrennte Existenz zu einem unerträglichen Gefängnis werden. Er würde wahnsinnig
10 werden, könnte er sich nicht selbst aus seinem Gefängnis befreien und es sprengen, könnte er sich nicht in dieser oder jener Form mit Menschen, mit der Umwelt vereinen. [...]
12 Auch in der gegenwärtigen Gesellschaft des Westens ist die Vereinigung mit der Gruppe die vorherrschende Möglichkeit, die Getrenntheit zu überwinden. Es ist eine Vereinigung, in der das Individuum zu einem großen Teil aufgeht und bei der es das Ziel ist, der Herde anzuge-
15 hören. Wenn ich genauso bin wie alle anderen, wenn ich weder Gefühle noch Gedanken habe, die mich von ihnen unterscheiden, wenn ich in Bräuchen, Kleidung, Vorstellungen mit dem Vorbild der Gruppe übereinstimme, bin ich gerettet, gerettet vor dem entsetzlichen Erlebnis der Einsamkeit. [...]
19 Die meisten Menschen sind sich nicht einmal ihres Bedürfnisses nach Konformität 1 bewußt.
20 Sie leben in der Illusion, eigenen Vorstellungen und Neigungen zu folgen, Individualisten zu sein und als Ergebnis eigenen Denkens ihre Meinung gebildet zu haben – daß ihre Vorstellungen demnach also rein zufällig denen der Majorität 2 entsprechen. Diese Übereinstimmung nehmen sie als Beweis dafür, daß »ihre« Vorstellungen eben richtig sind. Da daneben jedoch noch das Bedürfnis besteht, eine gewisse Individualität zu empfinden, wird dieses Bedürfnis
25 durch unbedeutende Kleinigkeiten befriedigt [...]. Der Werbeslogan »Etwas anderes!« beweist das rührende Bedürfnis nach Individualität in einer gesellschaftlichen Wirklichkeit, in der es fast keine mehr gibt.
28 Die zunehmende Tendenz zur Ausmerzung aller Unterschiede hängt eng mit dem Begriff und dem Erlebnis der Gleichheit zusammen, wie sie sich in den fortgeschrittensten Industriegesell-
30 schaften entwickelt. Im religiösen Sinne hatte der Begriff »Gleichheit« bedeutet, daß wir alle Gottes Kinder sind, daß wir alle Anteil haben an der menschlich-göttlichen Substanz, daß wir alle eins sind. Es bedeutete aber auch, daß gerade die Unterschiede zwischen den Individuen respektiert werden sollten, daß, obwohl wir alle eins sind, jeder von uns eine einmalige Ganzheit darstellt, ein Kosmos in sich ist. [...] Gleichheit als Bedingung für die Entwicklung der
35 Individualität bedeutete dieser Begriff auch in der Philosophie der westlichen Aufklärung. Am klarsten formulierte Kant es, daß der Mensch niemals das Mittel für die Zwecke eines anderen sein darf, daß alle Menschen sich insofern gleich sind, als sie in sich ein Zweck und somit niemals ein Mittel für einen anderen sind. [...]
39 In der zeitgenössischen kapitalistischen Gesellschaft hat die Bedeutung der Gleichheit eine
40 Veränderung erfahren. Mit dem Begriff »Gleichheit« meint man heute die Gleichheit von Maschinen, also Menschen, die ihre Individualität eingebüßt haben. Gleichheit bedeutet heute »Einförmigkeit« und nicht »Einheit«. Es ist die Einförmigkeit von Abstraktionen, von Menschen, die die gleiche Arbeit verrichten, die die gleichen Vergnügungen suchen, die die gleichen Zeitungen lesen, die die gleichen Gefühle und die gleichen Ideen haben. [...]. Die zeit-
45 genössische Gesellschaft predigt das Ideal einer nichtindividualisierten Gleichheit, weil sie menschliche Atome braucht, die sich in nichts voneinander unterscheiden und in der Zusammenballung der Masse reibungslos und ohne Schwierigkeit funktionieren, alle dem gleichen Befehl folgend, und dennoch jeder für sich in der Überzeugung, daß er nur seinen eigenen Wünschen folgt. Wie die moderne Massenproduktion die Standardisierung der Erzeugnisse
50 verlangt, so verlangt dieser gesellschaftliche Vorgang die Standardisierung des Menschen, und sie nennt man dann »Gleichheit«.
52 [...] Die Konformität der Herde hat nur einen Vorteil: Sie ist von Dauer und ohne jeden Krampf. Das Individuum wird im Alter von drei oder vier Jahren in das konforme Muster eingeführt und verliert danach nie mehr den Kontakt mit der Herde.
55 [...] Als Teil eines Heeres von Arbeitern oder der bürokratischen Armee der Angestellten und Manager ist der Mensch nur noch eine Nummer. Er braucht kaum mehr Initiative, seine Aufgaben werden ihm durch die Organisation der Arbeit vorgeschrieben; es ist fast kein Unterschied mehr zwischen jenen, die oben auf der Leiter, und denen, die unten stehen. Sie alle führen Aufgaben aus, die durch die ganze Struktur der Organisation vorgeschrieben sind, und
60 zwar nicht nur in einem vorgeschriebenen Tempo, sondern auch in einer vorgeschriebenen Art. Selbst die Gefühle sind vorgeschrieben: Fröhlichkeit, Toleranz, Zuverlässigkeit, Ehrgeiz und die Fähigkeit, mit jedem ohne Schwierigkeit auszukommen.
1 Konformität: Gleichförmigkeit
2 Majorität: die Mehrheit
Zum Autor: Erich Fromm (1900 – 1980) war ein deutsch-US-amerikanischer Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe.
Aufgabe 2 · Kants Pflichtethik im Textvergleich
Abiturprüfung 2022 – Philosophie, Grundkurs
Materialgrundlage
Peter Singer: Effektiver Altruismus (2016)
1 Der effektive Altruismus beruht auf einer ganz einfachen Idee: Wir sollten so viel Gutes tun wie möglich. Die üblichen Regeln zu befolgen – nicht zu stehlen, zu betrügen, zu verletzen und zu töten – ist zu wenig, oder es ist zumindest nicht genug für Menschen wie uns, denn glücklicherweise haben wir keine materiellen Sorgen, können uns und unseren Angehörigen
5 also Nahrung, Kleidung und ein Dach über dem Kopf verschaffen und verfügen darüber hinaus immer noch über reichlich Geld und Zeit. Ein auch nur minimal akzeptables ethisches Leben zu führen, beinhaltet, einen wesentlichen Teil dieser überschüssigen Ressourcen zur Weltverbesserung einzusetzen. Ein im vollen Sinne ethisches Leben zu führen, beinhaltet, so viel Gutes zu tun, wie wir können.
10 [...] Die meisten effektiven Altruisten sind keine Heiligen, sondern Menschen wie du und ich; die wenigsten behaupten also, ein ethisches Leben im vollen Sinne zu führen. In der Regel stehen sie irgendwo zwischen den Polen eines völlig und eines minimal akzeptablen ethischen Lebens. Moralisch unvollkommen zu sein, verursacht ihnen aber keine permanenten Schuldgefühle. Effektive Altruisten sehen wenig Sinn darin, ein schlechtes Gewissen zu haben; sie
15 konzentrieren sich lieber auf das Gute, das sie bewirken. Einige von ihnen sind damit zufrieden, einen wichtigen Beitrag zur Weltverbesserung zu leisten; viele versuchen, jedes Jahr ein bisschen mehr zu tun.
Der effektive Altruismus ist in mehreren Hinsichten bemerkenswert [...]. Zuallererst: Er bewegt tatsächlich etwas. Die Philanthropie 1 ist heute zu einem riesigen Geschäft geworden.
20 Allein in den Vereinigten Staaten gibt es fast eine Million Wohltätigkeitsorganisationen, die jährlich insgesamt etwa 200 Milliarden Dollar an Spendengeldern erhalten; hinzu kommen noch einmal rund 100 Milliarden für Religionsgemeinschaften. Einige dieser Einrichtungen handeln in betrügerischer Absicht, doch die Intransparenz der meisten Organisationen stellt das wesentlich größere Problem dar: Es lässt sich nicht entscheiden, ob sie wirklich Gutes
25 tun. Der Großteil der 300 Milliarden wird gespendet, weil die entsprechenden Hilfsorganisationen uns einfach Bilder von Menschen, Tieren oder Wäldern zeigen, die uns emotional berühren und so zum Spenden animieren. Der effektive Altruismus versucht, dies zu ändern, indem er Wohltätigkeitsorganisationen belohnt, die ihre Effektivität nachweisen können. 2 Schon jetzt sorgt die Bewegung dafür, dass Millionen von Dollar an Hilfswerke fließen, die
30 durch extreme Armut verursachtes Leiden und Sterben wirksam verringern.
Zweitens gibt uns der effektive Altruismus die Möglichkeit, unserem Leben einen Sinn zu verleihen und uns in dem, was wir tun, zu verwirklichen. Viele effektive Altruisten sagen, dass es ihnen guttut, Gutes zu tun. Sie helfen anderen auf möglichst direkte Art, doch indirekt profitieren sie oft selbst davon.
35 Drittens wirft der effektive Altruismus neues Licht auf alte philosophische und psychologische Fragen: Sind wir im Wesentlichen durch unsere angeborenen Bedürfnisse und emotionalen Reaktionen bestimmt, während unsere rationalen Vermögen nur ein wenig rechtfertigende Tünche 3 auf Handlungen sind, die schon feststanden, bevor wir überhaupt nach Gründen dafür suchten? Oder kann die Vernunft eine entscheidende Rolle bei unserer Lebensge-
40 staltung spielen? Was bringt manche Menschen dazu, über die eigenen Interessen und diejenigen ihrer Lieben hinaus die Interessen von Fremden, künftigen Generationen und Tieren in den Blick zu nehmen?
Zuletzt gibt das Aufkommen des effektiven Altruismus und die offensichtliche Begeisterung und Intelligenz, mit der ihm viele Millenials 4 am Anfang ihrer Karriere begegnen, Anlass zu
45 Optimismus. Seit langem schon wird bezweifelt, dass Menschen tatsächlich von einer selbstlosen Anteilnahme am Schicksal anderer motiviert sein können. Unsere moralischen Vermögen seien vielmehr auf die Hilfe für wenige Personen beschränkt: unsere Verwandten, diejenigen, mit denen wir in wechselseitig vorteilhaften Beziehungen stehen oder stehen könnten sowie Mitglieder unserer eigenen Stammesgruppe oder Gemeinschaft. Der effektive Altruis-
50 mus spricht jedoch für das Gegenteil. Er zeigt, dass wir dazu fähig sind, unseren moralischen Horizont zu erweitern, Entscheidungen auf Grundlage einer umfassenderen Form von Altruismus zu treffen und unsere Vernunft einzusetzen, um die Folgen unseres Handelns zu prognostizieren. Daher gibt er Grund zu der Hoffnung, dass künftige Generationen den moralischen Anforderungen einer neuen Zeit gewachsen sind, in der unsere Probleme nicht nur lokaler,
55 sondern auch globaler Natur sein werden.
Zum Autor: Peter Singer (geb. 1946) ist ein australischer Philosoph.
Aus: Peter Singer: Effektiver Altruismus. Eine Anleitung zum ethischen Leben. Berlin 2016, S. 11–14 (gekürzt).
1 Philanthropie: Menschenfreundlichkeit, Menschenliebe.
2 Singer leitet die Organisation „The life you can save“, die solche Organisationen bekannt macht und unterstützt.
3 Tünche: Kalkfarbe zum Streichen von Wänden.
4 Millenials: die erste Generation, die im neuen Jahrtausend, also nach dem Jahr 2000, erwachsen wurde.
Aufgabenstellung
1.
Stellen Sie dar, welches Anliegen der Autor verfolgt und wie seine zentrale These lautet, und erarbeiten Sie die Argumentationsschritte seines Textes. [26 Punkte]
2.
Vergleichen Sie die Position Singers mit der ethischen Position Immanuel Kants. Stellen Sie dazu zuerst deren wesentliche Grundzüge dar. [30 Punkte]
3.
Beurteilen Sie, wie überzeugend die beiden Positionen jeweils sind, und nehmen Sie Stellung dazu, ob bzw. inwiefern Mitgefühl als Maßstab für moralische Entscheidungen sinnvoll ist. [24 Punkte]
Aufgabe 3 · Demokratie und soziale Gerechtigkeit
Abiturprüfung 2022 – Philosophie, Grundkurs
Aufgabenstellung 3
Materialgrundlage
Peter Lindner: Werkstatt Demokratie: Wir machen das. In: Süddeutsche Zeitung, 4. Dezember 2020.
(Bei der vorliegenden Fassung handelt es sich um einen gekürzten Textausschnitt, der einen zusammenhängenden Gedankengang ergibt.)
Peter Lindner: Werkstatt Demokratie – Wir machen das (2020)
Irgendwann hatte Urte Stahl genug. Das Gefühl, dass vor allem „von oben nach unten durchregiert wird“ und sie als „normale Bürgerin“ ohnehin nichts bewirken kann, wurde immer stärker. Die 47-jährige Landschaftsplanerin aus Friesenheim in Baden-Württemberg wandte sich zunehmend von der Bundespolitik ab. Bis Stahl im vergangenen Jahr in ihrem Briefkasten eine Einladung fand. Als eine von 160 per Los bestimmten Deutschen sollte sie am ersten bundesweiten Bürgerrat teilnehmen. Ihr Auftrag: Empfehlungen für die Zukunft unserer Demokratie erarbeiten. „Für mich war das ein Glücksfall“, sagt Stahl.
Für andere ist das Instrument Bürgerrat selbst ein Glücksfall: ein Glücksfall für die Demokratie. [...] Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble bezeichnete sie in der SZ 1 kürzlich als „einen wichtigen Ansatz“, um „unsere parlamentarische Demokratie zukunftsfähig“ zu machen. Er setzte sich auch für einen Bürgerrat ein, bei dem im Januar und Februar 2021 abermals 160 Bürger ein Gutachten zu „Deutschlands Rolle in der Welt“ erstellen sollen – erstmals im Auftrag des Deutschen Bundestages. Die Ergebnisse sollen im März vorliegen und in die Arbeit des Parlaments einfließen.
Warum Deutschland gerade jetzt solche Initiativen braucht, erklärte Schäuble so: „Die Bindung zwischen Wählern und Gewählten ist schwächer geworden – und die Kraft der Parteien, die für eine stabile repräsentative Demokratie wichtig sind, ist auch kleiner geworden.“ Studien zeigen, dass sich vor allem sozial schlechter Gestellte abwenden und wenig Vertrauen in die Politik haben. Gleichzeitig wünschen sich viele Menschen mehr Möglichkeiten, sich politisch zu beteiligen – auch jenseits von Wahlen. So werden auch Bürgerräte immer populärer. Sie sollen die repräsentative Demokratie ergänzen, nicht ersetzen. Doch wie genau funktionieren sie?
Beim bundesweiten Bürgerrat 2021 werden die Teilnehmer abermals ausgelost. Ein mehrstufiges Verfahren soll sicherstellen, dass Personen aus verschiedenen Regionen, sozialen Schichten und Informationsblasen dabei sind – und vor allem auch jene, die sonst nicht an solchen Debatten teilnehmen. Das Ziel des Auswahlprozesses: ein „Mini-Deutschland“ abbilden. Beraten wird an zehn Terminen, coronabedingt per Video, in moderierten Kleingruppen: Jeder soll zu Wort kommen. Auch Experten werden zugeschaltet. Dahinter steckt der Grundgedanke: Je besser Bürger informiert sind, je mehr Perspektiven in die Debatte einfließen und je professioneller diese moderiert werden, desto besser sind die Ergebnisse der Beratungen. [...]
Deliberation 2 ist das demokratische Schlagwort der Stunde. Gemeint ist der Prozess politischer Willensbildung durch Debatte und durch den Austausch von Argumenten. Die OECD 3 spricht in einer Studie zu innovativer Bürgerbeteiligung gar von einer „deliberativen Welle“, die über die Welt schwappt. [...] Vorreiter in Europa waren die Iren, die Volksabstimmungen zur „Ehe für alle“ und zum neuen Abtreibungsrecht mit Bürgerversammlungen vorbereitet haben. Dort ist es gelungen, emotionsgetränkte Debatten zu versachlichen, gesellschaftliche Konflikte zu entschärfen – und zu zeigen, dass Bürgerräte ein Gegengift gegen Polarisierung sein können.
Der erste und bisher einzige bundesweite Bürgerrat 2019 zum Thema Demokratie wurde aus der Zivilgesellschaft heraus initiiert – unter anderem vom Verein „Mehr Demokratie“ [...]. Die Teilnehmer haben dem Bundestagspräsidenten im vergangenen Jahr 22 Vorschläge zur Stärkung der Demokratie übergeben. Eine Rechenschaftspflicht darüber, was mit den Empfehlungen passiert, wurde allerdings nicht vereinbart – und wird es auch 2021 nicht geben. Doch genau das bräuchte es, sagt die Politikwissenschaftlerin Brigitte Geißel. [...] Es gehe ihr nicht darum, dass Bürgerräte Entscheidungen treffen. „Doch wäre es wichtig, dass die Politik auf die Empfehlungen der Bürgerräte eingeht und auch begründet, wenn sie sie nicht berücksichtigt.“ Sonst sprieße Frust. [...]
Schäuble wiederum sieht den Bürgerrat als „eine Art Kompromiss zwischen einer reinen parlamentarischen Demokratie und einer mit Plebisziten 4 “. Letztere, vor allem bundesweite Volksabstimmungen, haben seit dem Brexit an Zuspruch verloren. [...] Kritiker warnen, dass sie die Polarisierung und Spaltung in der Gesellschaft verstärken. So zeigen Forschungen, dass bei Referenden 5 typischerweise die höheren und mittleren Schichten abstimmen, sozial und ökonomisch schlechter Gestellte bleiben ihnen meist fern. Die Befürchtung: Ein zentrales Problem unserer Demokratie, der Ausstieg der unteren Schichten aus der Partizipation 6, würde durch Volksabstimmungen womöglich noch verschärft.
Politik-Professorin Geißel ist dagegen der Überzeugung, dass diese Menschen sehr wohl wieder erreicht und zur Beteiligung motiviert werden können. Wichtig sei jedoch, dass Volksabstimmungen „umfassende Debatten in der Gesellschaft vorausgehen“. [...]
Urte Stahl hat ihre Mitarbeit beim Bürgerrat inspiriert, motiviert und politisch aktiviert. Sie interessiert sich wieder für die Bundespolitik, wirbt in ihrem Umfeld und bei Abgeordneten aus ihrer Region für mehr Beteiligungsmöglichkeiten für Bürger und kann sich sogar vorstellen, bei der nächsten Kommunalwahl zu kandidieren. Die Verdrossenheit ist der Zuversicht gewichen: „Ich habe die Hoffnung zurückgewonnen, dass die Demokratie sich wandeln kann.“
1 SZ: Süddeutsche Zeitung
2 Deliberation: Beratschlagung
3 OECD: Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
4 Plebiszit: Entscheidung durch Volksabstimmung
5 Referendum: Volksabstimmung/Volksentscheid
6 Partizipation: (politische) Teilhabe
1.
Stellen Sie die Problemfrage, die dem Text zugrunde liegt, sowie die zentrale These des Textes dar und erarbeiten Sie dessen Gedankengang. [26 Punkte]
2.
Vergleichen Sie die Aussagen Lindners mit Schumpeters Position. Stellen Sie dafür zuerst die Grundzüge dieser Position dar. [30 Punkte]
3.
Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung zu der Frage, ob bzw. inwiefern alle Bürgerinnen und Bürger in einer Demokratie moralisch dazu verpflichtet sind, sich über die bloße Wahlentscheidung hinaus politisch zu beteiligen. [24 Punkte]
Aufgabe 4 · Gelingendes Leben und Glück (Aristoteles)
Abiturprüfung 2022 – Philosophie, Grundkurs
Aufgabe 4
Materialgrundlage
Wilhelm Schmid: Unglücklichsein. Eine Ermutigung. 4. Auflage, Berlin 2018, S. 7 – 14 (gekürzter Textausschnitt; die Schreibweise folgt der Vorlage).
Zum Autor: Wilhelm Schmid (*1953) ist ein deutscher Philosoph mit dem Schwerpunkt auf dem Gebiet der Lebenskunstphilosophie.
Wilhelm Schmid: Unglücklichsein. Eine Ermutigung (2012)
Es ist ein Gewinn, wenn es im menschlichen Leben um Glück gehen darf und nicht mehr nur um Lebenserhaltung und Pflichterfüllung. Aber was ist, wenn das Glück selbst zur Pflicht wird? Die Rede vom Glück hat eine normative Bedeutung gewonnen, malt den Menschen also eine neue Norm an die Stirn: Du musst glücklich sein, sonst lohnt sich dein Leben gar nicht. Wer unglücklich ist, beginnt sich Vorwürfe zu machen, dass ihm etwas fehlt und dass er den Anforderungen des glücklichen Lebens nicht gewachsen ist. Offenkundig hat er versagt. Alle Anderen scheinen es ja zu schaffen, jedenfalls arbeiten sie hart daran, diesen Eindruck zu erwecken. Neid zerfrisst die Seele der Unglücklichen: Nie wird Anschluss an all die Glücklichen zu finden sein, die diesen Planeten bevölkern […].
Eine drohende Diktatur des Glücks lässt keinen Raum dafür übrig, unglücklich zu sein. Ein scharfer Gegenwind schlägt jedem entgegen, der an der Fähigkeit des Glücks zur Alleinherrschaft über das menschliche Leben zweifelt. Es ist ja wahr, dass ein penetranter 1 Pessimismus lästig ist. Aber auch der ostentative 2 Optimismus ist nicht immer lustig. Die Einschüchterung der Unglücklichen geht so weit, dass sie nicht mehr wagen, über ihren Zustand zu reden, ja, mehr noch, überhaupt nur daran zu denken, denn das wäre ein negatives Denken, während sie doch immer alles positiv sehen sollen.
Was sind die Gründe für die Glückshysterie 3, die immer wieder ausbricht? Ein Grund dafür ist die Flucht ins Glück. Je größer der Druck der äußeren Verhältnisse, desto heftiger fragen Menschen nach ihrem inneren Glück: Bin ich denn glücklich? Warum alle Anderen, nur ich nicht? Wie kann ich künftig glücklich werden? Aber drängende Fragen stellen sich auch mit Blick auf die Schattenseiten des Glücks: Wie viele Menschen werden unglücklich, nur weil sie glauben, glücklich werden zu müssen? Und was ist mit den Vielen, die unglücklich sind und nicht nur damit fertig werden müssen, sondern auch noch damit, dass die ganze Gesellschaft im Glück zu schwelgen scheint? Müssen die Unglücklichen sich nicht ausgeschlossen fühlen, je mehr die scheinbar Glücklichen auf ihrem Glück beharren?
Die um sich greifenden Lobpreisungen des Glücks fordern solche Fragen heraus, denn sie sind, um das pointiert 4 zu sagen, zumindest teilweise asozial. Sie interessieren sich nicht dafür, was sie bei denen anrichten, die durch alle Glücksraster fallen, also bei all denen in der Gesellschaft, erst recht in der Weltgesellschaft, die im Unglück schlimmer Verhältnisse leben müssen. Schattenseiten des Glücks? Kommen nicht vor. Und wenn doch, ist der Mensch selbst schuld. Er verweigert sich mutwillig dem Glück. Er strengt sich nicht genug an. Er hat wohl die vielen Glücksratgeber nicht sorgfältig genug gelesen. […] Wer unglücklich ist, hat die moderne Pest, er wird behandelt wie ein Aussätziger, man hält sich gerne fern von ihm. […]
Mein Anliegen ist nicht, jede Bedeutung des Glücks fürs menschliche Leben zu bestreiten, sondern seine absolut werdende Bedeutung wieder etwas zu relativieren. Glück ist wichtig, aber wichtiger ist Sinn. Dass es im Leben allein um Glück gehe, ist eine Märchenerzählung derer, die den schwindenden Sinn im modernen Leben durch Glück ersetzen wollen, aber damit ist es definitiv überfordert. Glück ist eine schöne Beigabe im Leben, jeder kann dankbar sein, wenn ihm etwas davon zuteil wird, aber bestenfalls in Teilen können Menschen darüber verfügen. Das Glück hat Grenzen, dem Leben zu viel davon abzuverlangen, ist sinnlos. […]
Das übermäßige Reden über das Glück nährt die Illusion, es könne ein gelingendes Leben, eine gelingende Beziehung ohne Einbußen und Schattenseiten geben. Das führt dazu, bei einem Scheitern doppelt und dreifach unglücklich zu sein. Wer sich um jeden Preis aufs Glück kapriziert 5 und keinerlei Unglücklichsein akzeptiert, macht sich noch unglücklicher, wenn er bemerkt, dass die Schattenseiten des Glücks nicht einfach auszublenden sind. Im Kampf gegen sie verliert er die Kraft, die nötig wäre, um sie besser zu bewältigen, und die darauf folgende Entkräftung steigert noch das Unglücklichsein.
Das Geschichtsbuch der Menschheit besteht aus einem schmalen Kapitel über das Glück und einem sehr umfangreichen Rest. Dieses Verhältnis verbessern zu wollen, ist unbedingt unterstützenswert, es umkehren zu wollen, ist unrealistisch. Es ist keine Besonderheit des Menschseins, unglücklich zu sein, das können vermutlich auch Tiere. Menschen können jedoch von Alternativen träumen. Sie können wissen, dass es Gründe fürs Unglücklichsein gibt, und wenn sie keine Gründe ausfindig machen, können sie aus diesem Grund erst recht unglücklich sein. Ein Zurück zum Tiersein steht ihnen nicht offen, nur die Anerkennung der Eigenheiten des Menschseins kann ihr Leben reicher und zugleich einfacher machen.
Die eigentliche Herausforderung des menschlichen Lebens besteht nicht darin, glücklich zu sein. Mit ein wenig Wissen und Übung schafft das jeder, wenn auch immer nur für begrenzte Zeit. Weitaus schwieriger ist es, mit dem Unglücklichsein zurechtzukommen, es aufzunehmen und auszuhalten; ein solches Leben ist heroisch 6. Das macht den anderen und vielleicht größeren Teil der Lebenskunst aus, der für viele von Interesse ist, denn zu jedem beliebigen Zeitpunkt stellen die Unglücklichen mehr als nur eine kleine Minderheit in der jeweiligen Gesellschaft dar.
1 penetrant: hier: aufdringlich
2 ostentativ: nachdrücklich zur Schau getragen
3 Glückshysterie: Wortkonstruktion aus Glück und Hysterie (krankhaft nervöse Aufgeregtheit oder Überspanntheit)
4 pointiert: zugespitzt
5 kaprizieren, hier: fest davon ausgehen, dass etwas der Fall sein sollte
6 heroisch: heldenhaft
1.
Stellen Sie dar, welche Fragestellung dem Text zugrunde liegt und wie die zentrale These des Autors lautet, und erarbeiten Sie dessen Gedankengang. [26 Punkte]
2.
Vergleichen Sie die Aussagen Schmids mit passenden Überlegungen des Aristoteles. Stellen Sie hierfür zunächst die Position des Aristoteles in ihren Grundzügen dar. [30 Punkte]
3.
Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung zu der Frage, ob bzw. inwiefern „Glücklichsein“ in der Schule als Unterrichtsgegenstand vermittelt werden sollte, um das Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen zu fördern. [24 Punkte]
Hinweis: Für die Darstellungsleistung werden bis zu 20 Punkte vergeben (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte).
Du kannst auch nach Themen lernen
Übe ein Thema mit gemischten Aufgaben aus den Prüfungen aller Jahre.
- Freiheit und Determinismus · 12 Aufgaben · 65 % Wahrscheinlichkeit
- Ethische Fallerörterung: Utilitarismus und Kant · 9 Aufgaben · 60 % Wahrscheinlichkeit
- Staatslegitimation: Gemeinschaft und Gesellschaftsvertrag · 7 Aufgaben · 45 % Wahrscheinlichkeit
- Demokratie und soziale Gerechtigkeit · 8 Aufgaben · 40 % Wahrscheinlichkeit
- Kants Pflichtethik im Textvergleich · 7 Aufgaben · 40 % Wahrscheinlichkeit
- Gelingendes Leben und Glück (Aristoteles) · 5 Aufgaben · 35 % Wahrscheinlichkeit
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