Aufgabe 2 · Abitur NRW Philosophie GK · Nachtermin 2022
Thema: Kants Pflichtethik im Textvergleich · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2022)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2022 – Philosophie, Grundkurs
Materialgrundlage
Peter Singer: Effektiver Altruismus (2016)
1 Der effektive Altruismus beruht auf einer ganz einfachen Idee: Wir sollten so viel Gutes tun wie möglich. Die üblichen Regeln zu befolgen – nicht zu stehlen, zu betrügen, zu verletzen und zu töten – ist zu wenig, oder es ist zumindest nicht genug für Menschen wie uns, denn glücklicherweise haben wir keine materiellen Sorgen, können uns und unseren Angehörigen
5 also Nahrung, Kleidung und ein Dach über dem Kopf verschaffen und verfügen darüber hinaus immer noch über reichlich Geld und Zeit. Ein auch nur minimal akzeptables ethisches Leben zu führen, beinhaltet, einen wesentlichen Teil dieser überschüssigen Ressourcen zur Weltverbesserung einzusetzen. Ein im vollen Sinne ethisches Leben zu führen, beinhaltet, so viel Gutes zu tun, wie wir können.
10 [...] Die meisten effektiven Altruisten sind keine Heiligen, sondern Menschen wie du und ich; die wenigsten behaupten also, ein ethisches Leben im vollen Sinne zu führen. In der Regel stehen sie irgendwo zwischen den Polen eines völlig und eines minimal akzeptablen ethischen Lebens. Moralisch unvollkommen zu sein, verursacht ihnen aber keine permanenten Schuldgefühle. Effektive Altruisten sehen wenig Sinn darin, ein schlechtes Gewissen zu haben; sie
15 konzentrieren sich lieber auf das Gute, das sie bewirken. Einige von ihnen sind damit zufrieden, einen wichtigen Beitrag zur Weltverbesserung zu leisten; viele versuchen, jedes Jahr ein bisschen mehr zu tun.
Der effektive Altruismus ist in mehreren Hinsichten bemerkenswert [...]. Zuallererst: Er bewegt tatsächlich etwas. Die Philanthropie 1 ist heute zu einem riesigen Geschäft geworden.
20 Allein in den Vereinigten Staaten gibt es fast eine Million Wohltätigkeitsorganisationen, die jährlich insgesamt etwa 200 Milliarden Dollar an Spendengeldern erhalten; hinzu kommen noch einmal rund 100 Milliarden für Religionsgemeinschaften. Einige dieser Einrichtungen handeln in betrügerischer Absicht, doch die Intransparenz der meisten Organisationen stellt das wesentlich größere Problem dar: Es lässt sich nicht entscheiden, ob sie wirklich Gutes
25 tun. Der Großteil der 300 Milliarden wird gespendet, weil die entsprechenden Hilfsorganisationen uns einfach Bilder von Menschen, Tieren oder Wäldern zeigen, die uns emotional berühren und so zum Spenden animieren. Der effektive Altruismus versucht, dies zu ändern, indem er Wohltätigkeitsorganisationen belohnt, die ihre Effektivität nachweisen können. 2 Schon jetzt sorgt die Bewegung dafür, dass Millionen von Dollar an Hilfswerke fließen, die
30 durch extreme Armut verursachtes Leiden und Sterben wirksam verringern.
Zweitens gibt uns der effektive Altruismus die Möglichkeit, unserem Leben einen Sinn zu verleihen und uns in dem, was wir tun, zu verwirklichen. Viele effektive Altruisten sagen, dass es ihnen guttut, Gutes zu tun. Sie helfen anderen auf möglichst direkte Art, doch indirekt profitieren sie oft selbst davon.
35 Drittens wirft der effektive Altruismus neues Licht auf alte philosophische und psychologische Fragen: Sind wir im Wesentlichen durch unsere angeborenen Bedürfnisse und emotionalen Reaktionen bestimmt, während unsere rationalen Vermögen nur ein wenig rechtfertigende Tünche 3 auf Handlungen sind, die schon feststanden, bevor wir überhaupt nach Gründen dafür suchten? Oder kann die Vernunft eine entscheidende Rolle bei unserer Lebensge-
40 staltung spielen? Was bringt manche Menschen dazu, über die eigenen Interessen und diejenigen ihrer Lieben hinaus die Interessen von Fremden, künftigen Generationen und Tieren in den Blick zu nehmen?
Zuletzt gibt das Aufkommen des effektiven Altruismus und die offensichtliche Begeisterung und Intelligenz, mit der ihm viele Millenials 4 am Anfang ihrer Karriere begegnen, Anlass zu
45 Optimismus. Seit langem schon wird bezweifelt, dass Menschen tatsächlich von einer selbstlosen Anteilnahme am Schicksal anderer motiviert sein können. Unsere moralischen Vermögen seien vielmehr auf die Hilfe für wenige Personen beschränkt: unsere Verwandten, diejenigen, mit denen wir in wechselseitig vorteilhaften Beziehungen stehen oder stehen könnten sowie Mitglieder unserer eigenen Stammesgruppe oder Gemeinschaft. Der effektive Altruis-
50 mus spricht jedoch für das Gegenteil. Er zeigt, dass wir dazu fähig sind, unseren moralischen Horizont zu erweitern, Entscheidungen auf Grundlage einer umfassenderen Form von Altruismus zu treffen und unsere Vernunft einzusetzen, um die Folgen unseres Handelns zu prognostizieren. Daher gibt er Grund zu der Hoffnung, dass künftige Generationen den moralischen Anforderungen einer neuen Zeit gewachsen sind, in der unsere Probleme nicht nur lokaler,
55 sondern auch globaler Natur sein werden.
Zum Autor: Peter Singer (geb. 1946) ist ein australischer Philosoph.
Aus: Peter Singer: Effektiver Altruismus. Eine Anleitung zum ethischen Leben. Berlin 2016, S. 11–14 (gekürzt).
1 Philanthropie: Menschenfreundlichkeit, Menschenliebe.
2 Singer leitet die Organisation „The life you can save“, die solche Organisationen bekannt macht und unterstützt.
3 Tünche: Kalkfarbe zum Streichen von Wänden.
4 Millenials: die erste Generation, die im neuen Jahrtausend, also nach dem Jahr 2000, erwachsen wurde.
Aufgabenstellung
1.
Stellen Sie dar, welches Anliegen der Autor verfolgt und wie seine zentrale These lautet, und erarbeiten Sie die Argumentationsschritte seines Textes. [26 Punkte]
2.
Vergleichen Sie die Position Singers mit der ethischen Position Immanuel Kants. Stellen Sie dazu zuerst deren wesentliche Grundzüge dar. [30 Punkte]
3.
Beurteilen Sie, wie überzeugend die beiden Positionen jeweils sind, und nehmen Sie Stellung dazu, ob bzw. inwiefern Mitgefühl als Maßstab für moralische Entscheidungen sinnvoll ist. [24 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Stellen Sie dar, welches Anliegen der Autor verfolgt und wie seine zentrale These lautet, und erarbeiten Sie die Argumentationsschritte seines Textes. (26 Punkte)
Lösung: Ausführliche Textanalyse und Rekonstruktion von Singers Argumentation.
2. Vergleichen Sie die Position Singers mit der ethischen Position Immanuel Kants. Stellen Sie dazu zuerst deren wesentliche Grundzüge dar. (30 Punkte)
Lösung: Darstellung der kantischen Pflichtethik und systematischer Vergleich mit Singers Position.
3. Beurteilen Sie, wie überzeugend die beiden Positionen jeweils sind, und nehmen Sie Stellung dazu, ob bzw. inwiefern Mitgefühl als Maßstab für moralische Entscheidungen sinnvoll ist. (24 Punkte)
Lösung: Kritische Beurteilung der beiden Positionen und differenzierte Stellungnahme zur moralischen Relevanz von Mitgefühl.
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