Aufgabe 1 · Abitur NRW Philosophie GK · Nachtermin 2022
Thema: Freiheit und Determinismus · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2022)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2022 – Philosophie, Grundkurs
Aufgabenstellung:
1.
Stellen Sie das Problem, von dem der Text ausgeht, sowie die Kernthese des Autors dar und erarbeiten Sie die Gedankenführung des Textes. (26 Punkte)
2.
Vergleichen Sie Fromms Position mit derjenigen von Sartre. Stellen Sie diese hierzu zunächst in Grundzügen dar. (30 Punkte)
3.
Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung zu der Frage, inwieweit ein Mensch in einer von Digitalisierung und sozialen Medien bestimmten Gesellschaft ein individuelles und selbstbestimmtes Leben führen kann. (24 Punkte)
Materialgrundlage: Erich Fromm: Die Kunst des Liebens (1956)
Liebe, die Antwort auf das Problem der menschlichen Existenz
1 Jede Theorie der Liebe muß mit einer Theorie vom Menschen, von der menschlichen Existenz beginnen. [...]
2 Der Mensch ist mit Vernunft begabt; er ist das Leben, das sich seiner selbst bewußt ist. Er ist sich seiner selbst, seiner Mitmenschen, seiner Vergangenheit und der Möglichkeiten seiner
5 Zukunft bewußt. Dieses Bewußtsein seines gesonderten Daseins, das Bewußtsein seiner eigenen kurzen Lebensspanne und der Tatsache, daß er ohne seinen Willen geboren ist und gegen seinen Willen sterben wird, daß er vor jenen sterben wird, die er liebt, oder daß sie vor ihm sterben werden, das Bewußtsein seiner Einsamkeit und Getrenntheit [...] läßt seine besondere und abgetrennte Existenz zu einem unerträglichen Gefängnis werden. Er würde wahnsinnig
10 werden, könnte er sich nicht selbst aus seinem Gefängnis befreien und es sprengen, könnte er sich nicht in dieser oder jener Form mit Menschen, mit der Umwelt vereinen. [...]
12 Auch in der gegenwärtigen Gesellschaft des Westens ist die Vereinigung mit der Gruppe die vorherrschende Möglichkeit, die Getrenntheit zu überwinden. Es ist eine Vereinigung, in der das Individuum zu einem großen Teil aufgeht und bei der es das Ziel ist, der Herde anzuge-
15 hören. Wenn ich genauso bin wie alle anderen, wenn ich weder Gefühle noch Gedanken habe, die mich von ihnen unterscheiden, wenn ich in Bräuchen, Kleidung, Vorstellungen mit dem Vorbild der Gruppe übereinstimme, bin ich gerettet, gerettet vor dem entsetzlichen Erlebnis der Einsamkeit. [...]
19 Die meisten Menschen sind sich nicht einmal ihres Bedürfnisses nach Konformität 1 bewußt.
20 Sie leben in der Illusion, eigenen Vorstellungen und Neigungen zu folgen, Individualisten zu sein und als Ergebnis eigenen Denkens ihre Meinung gebildet zu haben – daß ihre Vorstellungen demnach also rein zufällig denen der Majorität 2 entsprechen. Diese Übereinstimmung nehmen sie als Beweis dafür, daß »ihre« Vorstellungen eben richtig sind. Da daneben jedoch noch das Bedürfnis besteht, eine gewisse Individualität zu empfinden, wird dieses Bedürfnis
25 durch unbedeutende Kleinigkeiten befriedigt [...]. Der Werbeslogan »Etwas anderes!« beweist das rührende Bedürfnis nach Individualität in einer gesellschaftlichen Wirklichkeit, in der es fast keine mehr gibt.
28 Die zunehmende Tendenz zur Ausmerzung aller Unterschiede hängt eng mit dem Begriff und dem Erlebnis der Gleichheit zusammen, wie sie sich in den fortgeschrittensten Industriegesell-
30 schaften entwickelt. Im religiösen Sinne hatte der Begriff »Gleichheit« bedeutet, daß wir alle Gottes Kinder sind, daß wir alle Anteil haben an der menschlich-göttlichen Substanz, daß wir alle eins sind. Es bedeutete aber auch, daß gerade die Unterschiede zwischen den Individuen respektiert werden sollten, daß, obwohl wir alle eins sind, jeder von uns eine einmalige Ganzheit darstellt, ein Kosmos in sich ist. [...] Gleichheit als Bedingung für die Entwicklung der
35 Individualität bedeutete dieser Begriff auch in der Philosophie der westlichen Aufklärung. Am klarsten formulierte Kant es, daß der Mensch niemals das Mittel für die Zwecke eines anderen sein darf, daß alle Menschen sich insofern gleich sind, als sie in sich ein Zweck und somit niemals ein Mittel für einen anderen sind. [...]
39 In der zeitgenössischen kapitalistischen Gesellschaft hat die Bedeutung der Gleichheit eine
40 Veränderung erfahren. Mit dem Begriff »Gleichheit« meint man heute die Gleichheit von Maschinen, also Menschen, die ihre Individualität eingebüßt haben. Gleichheit bedeutet heute »Einförmigkeit« und nicht »Einheit«. Es ist die Einförmigkeit von Abstraktionen, von Menschen, die die gleiche Arbeit verrichten, die die gleichen Vergnügungen suchen, die die gleichen Zeitungen lesen, die die gleichen Gefühle und die gleichen Ideen haben. [...]. Die zeit-
45 genössische Gesellschaft predigt das Ideal einer nichtindividualisierten Gleichheit, weil sie menschliche Atome braucht, die sich in nichts voneinander unterscheiden und in der Zusammenballung der Masse reibungslos und ohne Schwierigkeit funktionieren, alle dem gleichen Befehl folgend, und dennoch jeder für sich in der Überzeugung, daß er nur seinen eigenen Wünschen folgt. Wie die moderne Massenproduktion die Standardisierung der Erzeugnisse
50 verlangt, so verlangt dieser gesellschaftliche Vorgang die Standardisierung des Menschen, und sie nennt man dann »Gleichheit«.
52 [...] Die Konformität der Herde hat nur einen Vorteil: Sie ist von Dauer und ohne jeden Krampf. Das Individuum wird im Alter von drei oder vier Jahren in das konforme Muster eingeführt und verliert danach nie mehr den Kontakt mit der Herde.
55 [...] Als Teil eines Heeres von Arbeitern oder der bürokratischen Armee der Angestellten und Manager ist der Mensch nur noch eine Nummer. Er braucht kaum mehr Initiative, seine Aufgaben werden ihm durch die Organisation der Arbeit vorgeschrieben; es ist fast kein Unterschied mehr zwischen jenen, die oben auf der Leiter, und denen, die unten stehen. Sie alle führen Aufgaben aus, die durch die ganze Struktur der Organisation vorgeschrieben sind, und
60 zwar nicht nur in einem vorgeschriebenen Tempo, sondern auch in einer vorgeschriebenen Art. Selbst die Gefühle sind vorgeschrieben: Fröhlichkeit, Toleranz, Zuverlässigkeit, Ehrgeiz und die Fähigkeit, mit jedem ohne Schwierigkeit auszukommen.
1 Konformität: Gleichförmigkeit
2 Majorität: die Mehrheit
Zum Autor: Erich Fromm (1900 – 1980) war ein deutsch-US-amerikanischer Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Stellen Sie das Problem, von dem der Text ausgeht, sowie die Kernthese des Autors dar und erarbeiten Sie die Gedankenführung des Textes.
Lösung: Ausarbeitung gemäß den inhaltlichen Vorgaben der Korrekturrichtlinien (Fragestellung, zentrale These, strukturierter Gedankengang).
2. Vergleichen Sie Fromms Position mit derjenigen von Sartre. Stellen Sie diese hierzu zunächst in Grundzügen dar.
Lösung: Darstellung von Sartres Existenzialismus und anschließender systematischer Vergleich (Gemeinsamkeiten und Unterschiede) mit Fromm.
3. Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung zu der Frage, inwieweit ein Mensch in einer von Digitalisierung und sozialen Medien bestimmten Gesellschaft ein individuelles und selbstbestimmtes Leben führen kann.
Lösung: Kritische Beurteilung der Überzeugungskraft von Fromm und Sartre sowie begründete Stellungnahme zur Selbstbestimmung in der digitalen Gesellschaft.
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