Aufgabe 4 · Abitur NRW Philosophie GK · Nachtermin 2022
Thema: Gelingendes Leben und Glück (Aristoteles) · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2022)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2022 – Philosophie, Grundkurs
Aufgabe 4
Materialgrundlage
Wilhelm Schmid: Unglücklichsein. Eine Ermutigung. 4. Auflage, Berlin 2018, S. 7 – 14 (gekürzter Textausschnitt; die Schreibweise folgt der Vorlage).
Zum Autor: Wilhelm Schmid (*1953) ist ein deutscher Philosoph mit dem Schwerpunkt auf dem Gebiet der Lebenskunstphilosophie.
Wilhelm Schmid: Unglücklichsein. Eine Ermutigung (2012)
Es ist ein Gewinn, wenn es im menschlichen Leben um Glück gehen darf und nicht mehr nur um Lebenserhaltung und Pflichterfüllung. Aber was ist, wenn das Glück selbst zur Pflicht wird? Die Rede vom Glück hat eine normative Bedeutung gewonnen, malt den Menschen also eine neue Norm an die Stirn: Du musst glücklich sein, sonst lohnt sich dein Leben gar nicht. Wer unglücklich ist, beginnt sich Vorwürfe zu machen, dass ihm etwas fehlt und dass er den Anforderungen des glücklichen Lebens nicht gewachsen ist. Offenkundig hat er versagt. Alle Anderen scheinen es ja zu schaffen, jedenfalls arbeiten sie hart daran, diesen Eindruck zu erwecken. Neid zerfrisst die Seele der Unglücklichen: Nie wird Anschluss an all die Glücklichen zu finden sein, die diesen Planeten bevölkern […].
Eine drohende Diktatur des Glücks lässt keinen Raum dafür übrig, unglücklich zu sein. Ein scharfer Gegenwind schlägt jedem entgegen, der an der Fähigkeit des Glücks zur Alleinherrschaft über das menschliche Leben zweifelt. Es ist ja wahr, dass ein penetranter 1 Pessimismus lästig ist. Aber auch der ostentative 2 Optimismus ist nicht immer lustig. Die Einschüchterung der Unglücklichen geht so weit, dass sie nicht mehr wagen, über ihren Zustand zu reden, ja, mehr noch, überhaupt nur daran zu denken, denn das wäre ein negatives Denken, während sie doch immer alles positiv sehen sollen.
Was sind die Gründe für die Glückshysterie 3, die immer wieder ausbricht? Ein Grund dafür ist die Flucht ins Glück. Je größer der Druck der äußeren Verhältnisse, desto heftiger fragen Menschen nach ihrem inneren Glück: Bin ich denn glücklich? Warum alle Anderen, nur ich nicht? Wie kann ich künftig glücklich werden? Aber drängende Fragen stellen sich auch mit Blick auf die Schattenseiten des Glücks: Wie viele Menschen werden unglücklich, nur weil sie glauben, glücklich werden zu müssen? Und was ist mit den Vielen, die unglücklich sind und nicht nur damit fertig werden müssen, sondern auch noch damit, dass die ganze Gesellschaft im Glück zu schwelgen scheint? Müssen die Unglücklichen sich nicht ausgeschlossen fühlen, je mehr die scheinbar Glücklichen auf ihrem Glück beharren?
Die um sich greifenden Lobpreisungen des Glücks fordern solche Fragen heraus, denn sie sind, um das pointiert 4 zu sagen, zumindest teilweise asozial. Sie interessieren sich nicht dafür, was sie bei denen anrichten, die durch alle Glücksraster fallen, also bei all denen in der Gesellschaft, erst recht in der Weltgesellschaft, die im Unglück schlimmer Verhältnisse leben müssen. Schattenseiten des Glücks? Kommen nicht vor. Und wenn doch, ist der Mensch selbst schuld. Er verweigert sich mutwillig dem Glück. Er strengt sich nicht genug an. Er hat wohl die vielen Glücksratgeber nicht sorgfältig genug gelesen. […] Wer unglücklich ist, hat die moderne Pest, er wird behandelt wie ein Aussätziger, man hält sich gerne fern von ihm. […]
Mein Anliegen ist nicht, jede Bedeutung des Glücks fürs menschliche Leben zu bestreiten, sondern seine absolut werdende Bedeutung wieder etwas zu relativieren. Glück ist wichtig, aber wichtiger ist Sinn. Dass es im Leben allein um Glück gehe, ist eine Märchenerzählung derer, die den schwindenden Sinn im modernen Leben durch Glück ersetzen wollen, aber damit ist es definitiv überfordert. Glück ist eine schöne Beigabe im Leben, jeder kann dankbar sein, wenn ihm etwas davon zuteil wird, aber bestenfalls in Teilen können Menschen darüber verfügen. Das Glück hat Grenzen, dem Leben zu viel davon abzuverlangen, ist sinnlos. […]
Das übermäßige Reden über das Glück nährt die Illusion, es könne ein gelingendes Leben, eine gelingende Beziehung ohne Einbußen und Schattenseiten geben. Das führt dazu, bei einem Scheitern doppelt und dreifach unglücklich zu sein. Wer sich um jeden Preis aufs Glück kapriziert 5 und keinerlei Unglücklichsein akzeptiert, macht sich noch unglücklicher, wenn er bemerkt, dass die Schattenseiten des Glücks nicht einfach auszublenden sind. Im Kampf gegen sie verliert er die Kraft, die nötig wäre, um sie besser zu bewältigen, und die darauf folgende Entkräftung steigert noch das Unglücklichsein.
Das Geschichtsbuch der Menschheit besteht aus einem schmalen Kapitel über das Glück und einem sehr umfangreichen Rest. Dieses Verhältnis verbessern zu wollen, ist unbedingt unterstützenswert, es umkehren zu wollen, ist unrealistisch. Es ist keine Besonderheit des Menschseins, unglücklich zu sein, das können vermutlich auch Tiere. Menschen können jedoch von Alternativen träumen. Sie können wissen, dass es Gründe fürs Unglücklichsein gibt, und wenn sie keine Gründe ausfindig machen, können sie aus diesem Grund erst recht unglücklich sein. Ein Zurück zum Tiersein steht ihnen nicht offen, nur die Anerkennung der Eigenheiten des Menschseins kann ihr Leben reicher und zugleich einfacher machen.
Die eigentliche Herausforderung des menschlichen Lebens besteht nicht darin, glücklich zu sein. Mit ein wenig Wissen und Übung schafft das jeder, wenn auch immer nur für begrenzte Zeit. Weitaus schwieriger ist es, mit dem Unglücklichsein zurechtzukommen, es aufzunehmen und auszuhalten; ein solches Leben ist heroisch 6. Das macht den anderen und vielleicht größeren Teil der Lebenskunst aus, der für viele von Interesse ist, denn zu jedem beliebigen Zeitpunkt stellen die Unglücklichen mehr als nur eine kleine Minderheit in der jeweiligen Gesellschaft dar.
1 penetrant: hier: aufdringlich
2 ostentativ: nachdrücklich zur Schau getragen
3 Glückshysterie: Wortkonstruktion aus Glück und Hysterie (krankhaft nervöse Aufgeregtheit oder Überspanntheit)
4 pointiert: zugespitzt
5 kaprizieren, hier: fest davon ausgehen, dass etwas der Fall sein sollte
6 heroisch: heldenhaft
1.
Stellen Sie dar, welche Fragestellung dem Text zugrunde liegt und wie die zentrale These des Autors lautet, und erarbeiten Sie dessen Gedankengang. [26 Punkte]
2.
Vergleichen Sie die Aussagen Schmids mit passenden Überlegungen des Aristoteles. Stellen Sie hierfür zunächst die Position des Aristoteles in ihren Grundzügen dar. [30 Punkte]
3.
Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung zu der Frage, ob bzw. inwiefern „Glücklichsein“ in der Schule als Unterrichtsgegenstand vermittelt werden sollte, um das Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen zu fördern. [24 Punkte]
Hinweis: Für die Darstellungsleistung werden bis zu 20 Punkte vergeben (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte).

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Stellen Sie dar, welche Fragestellung dem Text zugrunde liegt und wie die zentrale These des Autors lautet, und erarbeiten Sie dessen Gedankengang.
Lösung: Individuelle Ausarbeitung zur Erschließung des Textes von Wilhelm Schmid.
2. Vergleichen Sie die Aussagen Schmids mit passenden Überlegungen des Aristoteles. Stellen Sie hierfür zunächst die Position des Aristoteles in ihren Grundzügen dar.
Lösung: Individuelle Ausarbeitung zum Vergleich der Positionen von Wilhelm Schmid und Aristoteles.
3. Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung zu der Frage, ob bzw. inwiefern „Glücklichsein“ in der Schule als Unterrichtsgegenstand vermittelt werden sollte, um das Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen zu fördern.
Lösung: Individuelle Beurteilung und Stellungnahme zur schulischen Vermittlung von „Glücklichsein“.
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