Aufgabe 2 · Abitur NRW Philosophie GK · Haupttermin 2022
Thema: Gelingendes Leben und Glück (Aristoteles) · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2022)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2022 – Philosophie, Grundkurs
Aufgabenstellung:
1. Stellen Sie dar, welche Fragestellung dem Text zugrunde liegt und wie die zentrale These des Autors lautet, und erarbeiten Sie seinen Gedankengang. [26 Punkte]
2. Vergleichen Sie die Aussagen Ciceros mit vergleichbaren Überlegungen des Aristoteles. Stellen Sie hierfür zunächst dessen Position in ihren Grundzügen dar. [30 Punkte]
3. Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie zu der Frage Stellung, ob bzw. inwiefern Vernunft und Selbstbeherrschung bedeutsame Bedingungen für ein glückliches Leben darstellen. [24 Punkte]
Hinweis: Für die Darstellungsleistung werden zusätzlich 20 Punkte vergeben (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte).
Materialgrundlage:
Cicero: Gespräche in Tusculum (45 v. Chr.)
1 [D]aß Du auch Herr über Dich seiest […] [,] tönt allerdings sonderbar, als ob wir zwei Wesen seien, von denen das eine regiert und das andere gehorcht. Dennoch sagt man dies nicht unüberlegt. Denn die Seele ist in zwei Teile geteilt, deren einer vernunftbegabt ist, der andere vernunftlos. Wenn uns also befohlen wird, uns selbst zu beherrschen, so wird befohlen, daß
5 die Vernunft die Leidenschaft beherrsche. In der Seele aller Wesen gibt es von Natur etwas Weiches, Nachgiebiges, Niedriges, gewissermaßen Gelähmtes und Mattes. Wenn es nichts anderes gäbe, gäbe es nichts Mißgestalteteres als den Menschen. Aber es gibt auch die Herrin und Königin über Alles, die Vernunft, die in sich gesammelt und entwickelt zur vollkommenen Tugend wird. Daß sie jenen Seelenteil regiere, der dienen soll, dafür zu sorgen ist die Auf-
10 gabe des Mannes. […] Bei ihm gehorcht der weichere Seelenteil so der Vernunft wie einem strengen Feldherrn ein Soldat mit Ehrgefühl.
Wer aber die vollkommene Weisheit besitzt – so jemanden haben wir bis jetzt noch nicht erlebt; aber in den Lehren der Philosophen wird gezeigt, wie ein solcher sein wird, wenn es ihn einmal geben sollte –, dieser also, oder die Vernunft, die als eine vollkommene und abge-
15 schlossene in ihm sein wird, wird derart dem untergeordneten Teile befehlen wie ein gerechter Vater tüchtigen Söhnen: mit einem Wink wird er erreichen, was er will, ohne Mühe, ohne Umstände. […]
Wenn nun, wie wir an anderer Stelle von der Tugend gesagt haben und öfters wiederholen werden (denn die meisten Fragen, die sich auf Leben und Handeln beziehen, haben ihren Ur-
20 sprung in der Tugend), wenn also die Tugend eine beständige und angemessene Verfassung der Seele ist, und jene lobwürdig macht, bei denen sie ist, und selbst lobenswert ist, auch wenn man sie vom Nutzen trennt und für sich betrachtet, so entstehen aus ihr der tugendhafte Wille, die Gesinnung, das Handeln und jede rechte Einsicht, auch wenn die Tugend selbst mit einem Wort als rechte Einsicht bezeichnet werden kann. Dieser Tugend entgegengesetzt ist die Las-
25 terhaftigkeit […]. Aus ihr erregen sich die Leidenschaften, die, wie wir kurz zuvor gesagt haben, wirre und erregte Bewegungen der Seele sind, der Einsicht abgewandt und dem Geiste und dem ruhigen Leben so feindlich als möglich. Denn sie bringen angstvolle und bittere Sorgen heran, drücken die Seele und schwächen sie durch die Furcht. Ebenso entflammen sie durch allzu heftiges Begehren, was wir bald Begierde, bald Genußsucht nennen, eine Unbe-
30 herrschtheit der Seele, die zur Mäßigung und Bescheidenheit im äußersten Gegensatz steht. […] Diese Übel also sind allein durch die Tugend heilbar. […]
Wer nun immer in Bescheidenheit und Ruhe friedlichen Geistes ist und mit sich selbst einig, so daß er weder durch Ärger verzehrt wird noch durch Angst gebrochen, noch dürstend etwas erstrebt und von Sehnsucht brennt, noch sich in nichtiger ausgelassener Lustigkeit auflöst, der
35 ist der Weise, den wir suchen, und der Glückselige, dem nichts Menschliches so unerträglich zu sein scheint, daß er in seiner Seele verzweifelt, noch auch so vergnüglich, daß es ihn zur Ausgelassenheit triebe.
Denn was kann dem an menschlichen Dingen groß erscheinen, dem die ganze Ewigkeit und die Größe des ganzen Kosmos bekannt ist? Was kann bei den menschlichen Bemühungen
40 und in der Kürze des Lebens dem Weisen groß erscheinen, der in seinem Geist stets so wach ist, daß ihm nichts Unerwartetes geschehen kann, nichts Unvermeintes 1, nichts überhaupt Neues?
Er richtet die Schärfe seines Blickes derart auf alle Richtungen, daß er immer einen Ort erblickt, wo er ohne Ärger und Angst sich wird aufhalten und die zufällige Lage, wie immer
45 sie ihm das Schicksal zubereitet, angemessen und ruhig wird ertragen können. Wer dies tut, wird nicht nur frei von Kummer sein, sondern auch von allen übrigen Leidenschaften. Ein Geist, der von diesen frei ist, führt zur vollkommenen und unbedingten Glückseligkeit. Wird er aber aufgehetzt und weggerissen von der unverletzten und sichern Einsicht, so verliert er nicht nur seine Beständigkeit, sondern auch seine Gesundheit.
50 Darum muß man die Lehre und die Bücher [derer] für weichlich und entnervt halten, die behaupten, die Seele werde notwendigerweise von Leidenschaften erfaßt, doch solle ein gewisses Maß festgehalten werden, über das man nicht hinausgehen dürfe. Willst Du bei einem Laster von Maß reden? […]
Wer also im Fehler ein Maß sucht, tut Ähnliches, wie wenn er meinte, einer, der sich vom
55 Leukadischen Felsen 2 hinunterstürzt, könne sich im Falle aufhalten, wann er wolle. Wie er nun dies nicht kann, so kann auch ein durch Leidenschaft aufgehetzter Geist sich nicht mehr zurückhalten und nicht stehen bleiben, wo er will, und überhaupt: was gefährlich ist, wenn es herangewachsen ist, das ist schon schädlich, wenn es entsteht. Kummer und die übrigen Leidenschaften sind, wenn sie groß geworden sind, sicherlich verderblich. Also bergen sie
60 schon einen großen Teil ihrer Gefährlichkeit, sobald sie entstanden sind. Sie treiben sich nämlich selbst an, sobald man einmal die Vernunft preisgegeben hat; die Schwäche gibt sich selbst nach, gleitet unversehens ab zur Tiefe und findet keinen Ort mehr, wo sie standhalten kann. Darum macht es keinen Unterschied, ob man nun maßvolle Leidenschaften billigt oder maßvolle Ungerechtigkeit, maßvolle Feigheit oder maßvolle Zügellosigkeit. Wer nämlich den
65 Fehlern ein Maß zugibt, der nimmt einen Teil von ihnen an.
1 Unvermeintes: Unvermutetes
2 Leukadischer Felsen: weißer Felsen auf der Insel Leukas, von dem sich die griechische Sängerin Sappho aus unerwiderter Liebe zu einem schönen Jüngling in den Tod gestürzt haben soll.
Cicero: Gespräche in Tusculum. Übersetzt und mit einer Einführung und Erläuterung versehen von Olof Gigon. Zürich und München 1984, S. 129 f., 188 – 192
1.
2.
3.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Stellen Sie dar, welche Fragestellung dem Text zugrunde liegt und wie die zentrale These des Autors lautet, und erarbeiten Sie seinen Gedankengang. (26 Punkte)
Lösung: Ausarbeitung gemäß den Vorgaben der offiziellen Bewertungskriterien zu Teilaufgabe 1.
2. Vergleichen Sie die Aussagen Ciceros mit vergleichbaren Überlegungen des Aristoteles. Stellen Sie hierfür zunächst dessen Position in ihren Grundzügen dar. (30 Punkte)
Lösung: Ausarbeitung gemäß den Vorgaben der offiziellen Bewertungskriterien zu Teilaufgabe 2.
3. Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie zu der Frage Stellung, ob bzw. inwiefern Vernunft und Selbstbeherrschung bedeutsame Bedingungen für ein glückliches Leben darstellen. (24 Punkte)
Lösung: Ausarbeitung gemäß den Vorgaben der offiziellen Bewertungskriterien zu Teilaufgabe 3.
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