Aufgabe 1 · Abitur NRW Philosophie GK · Haupttermin 2022
Thema: Freiheit und Determinismus · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2022)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2022 – Philosophie, Grundkurs
Aufgabe 1
Aufgabenstellung
1.
Stellen Sie dar, welche Fragestellung dem Text zugrunde liegt und wie die zentrale These von Wuketits lautet, und erarbeiten Sie die Argumentationsschritte des Autors. (26 Punkte)
2.
Vergleichen Sie die Aussagen von Wuketits mit den entsprechenden Gedanken Sartres. Stellen Sie hierfür zuerst Sartres Position in ihren Grundzügen dar. (30 Punkte)
3.
Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung zu der Behauptung, die Wuketits an späterer Stelle des Textes aufstellt:
„ Was einen Menschen als Person definiert, hängt von seinem Gehirn ab […], jenem Organ […], das schließlich unsere Gattung zu dem gemacht hat, was sie heute ist – ein Wesen mit der Fähigkeit, über sich selbst, seine Vergangenheit und mögliche Zukunft nachzudenken und sich sogar autonom und frei zu wähnen. Diese Erkenntnis braucht uns nicht zu kränken, ist doch unser Gehirn ein Teil von uns und nicht etwa irgendeine Kraft, die uns von außen beeinflusst. “ (24 Punkte)
Materialgrundlage
Franz M. Wuketits: Die Illusion des freien Willens (2008)
Wie lebt es sich mit dem Bewusstsein, dass Willensfreiheit nur eine Illusion ist? […]
1 Vor einigen Jahren vergaß ein junger Amerikaner seine kleine Tochter im Auto. Statt sie, wie
täglich auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz, im Kinderhort abzuliefern, hatte er sie mitge-
nommen und im Auto gelassen. Der Säugling erstickte im geschlossenen Wagen, der den
ganzen Tag bei gleißender Hitze auf einem Parkplatz stand. Das ist eine schreckliche Bege-
5 benheit. Natürlich wird man den Mann als verantwortungslosen Vater verachten, aber er hat
auch Mitleid verdient. Nehmen wir an, dass er kein schlechter Mensch ist und seinem Kind
die übliche väterliche Zuneigung entgegenbrachte, dann ist er durch dieses furchtbare Ereignis
für den Rest seines Lebens bestraft.
9 Was war geschehen? Aus irgendwelchen Gründen muss der Mann an jenem Tag geistesabwe-
10 send, mit etwas gedanklich so stark beschäftigt gewesen sein, dass alles andere – selbst sein
kleines Kind – vorübergehend aus seinem Kopf verschwand. Er hatte gewiss nicht die Ab-
sicht, seine Tochter zu gefährden, war aber auch nicht im Stande, so zu handeln, dass das
Kind unversehrt blieb. Von freiem Willen wird man dabei jedenfalls nicht reden können.
Möglicherweise wäre es dem Mann ein – sehr schwacher – Trost, zu wissen, dass er nicht
15 „frei“ gehandelt hat.
16 Wohl jeder kennt andere, viel harmlosere Beispiele, die ebenfalls Zweifel daran aufkommen
lassen, dass der Mensch kraft seines freien Willens handelt. Freilich, die meisten bekamen
schon in der Schule zu hören, dass der Mensch mit Verstand und einem freien Willen ausge-
stattet sei, was ihn unter allen Lebewesen auszeichne. Und im Allgemeinen glauben wir auch,
20 dass wir uns frei entscheiden, zwischen Alternativen frei wählen können. Aber können wir
das wirklich? Viele Hirnforscher verneinen das. Jeder Mensch sei, meint zum Beispiel Wolf
Singer, wie er eben ist, und kann nicht anders sein. Das Gehirn gebe den Ton an, der Mensch
führe nur aus, was sein Hirn ihm sagt. Aus Sicht der Evolutionsbiologie sieht die Sache ähn-
lich aus. Natürlich ist das Gehirn nicht eine vom Rest unserer physischen Existenz losgelöste
25 Instanz, aber es ist das Steuerungszentrum unserer Wahrnehmungen, unseres Denkens, Han-
delns und Wollens. […]
27 Von der Evolution wurden wir mit Dispositionen 1 ausgestattet, gegen die wir uns im Sinne des
Überlebens nicht entscheiden können, die aber umgekehrt sehr wohl unsere Entscheidungen
beeinflussen und unser Handeln steuern – oft in stärkerem Maße als uns angenehm ist. So kön-
30 nen wir uns beispielsweise nicht gegen den Schlaf entscheiden. Zwar können wir vorüberge-
hend gegen Schläfrigkeit ankämpfen, aber irgendwann fallen wir buchstäblich um.
32 Entscheidungen zu treffen ist immer eine Frage der Rahmenbedingungen. Äußere Faktoren
spielen eine große Rolle, vor allem, wenn es um die Sicherung von Nahrungsressourcen geht.
In der Not frisst der Teufel auch Fliegen, weiß der Volksmund; und in der Tat haben wir bei
35 knappen Ressourcen keinen Entscheidungs- beziehungsweise Handlungsspielraum, sondern
nehmen, was wir zwischen die Zähne kriegen. Sitzen wir an einer mit Köstlichkeiten gedeck-
ten Tafel, ist es anders – aber ob wir uns lieber am Kalbsbraten, am gedünsteten Lachs oder
an gebackenem Gemüse delektieren 2, hängt wiederum von einer Reihe „Vorentscheidungen“
ab, die unser Gehirn trifft und die uns nicht bewusst sind.
40 Wir sind nämlich nicht nur als Gattung – evolutionär – bebürdet 3, sondern auch von unserer
jeweils eigenen Biografie. Jede und jeder von uns ist beladen mit einer Fülle an Wahrnehmun-
gen, Erlebnissen, Eindrücken und Erinnerungen, die mit zunehmendem Alter naturgemäß
immer mehr werden, die wir zum Teil verdrängen – sonst wäre es nicht auszuhalten –, aber
nicht auslöschen können. In einer entsprechenden Situation dringt, ob wir wollen oder nicht,
45 gar manches wieder an die Oberfläche. Frühe Prägungen beeinflussen unsere Entscheidungen
und unser Handeln erheblich. […] Die Vorliebe für bestimmte Speisen, die Angst vor Schlan-
gen, die Abneigung gegen rote Socken […], die Lust am Kartenspiel – nichts kommt von
ungefähr, doch alles, was wir je erlebt und gelernt haben, beeinflusst unser Denken, unser
Handeln und unsere Entscheidungen. So, wie wir als Spezies den Affen in uns nicht abstrei-
50 fen können, können wir auch die uns individuell prägenden Erfahrungen und Erlebnisse nicht
„vergessen“. Sie sind unsere ständigen Begleiter; manchmal halten sie sich im Verborgenen,
manchmal aber treten sie in geradezu unangenehmer Manier hervor und können uns in gesell-
schaftliche Kalamitäten 4 bringen.
54 […] Ich möchte festhalten, dass der freie Wille in der Tat bloß eine Illusion ist, wenn auch
55 eine nützliche. Sicher, niemand kann leugnen, dass wir einen Willen haben (den wir im Übri-
gen ebenso auch anderen Primaten, sowie Hunden, Katzen und noch verschiedenen Tieren
einräumen dürfen), doch ist dieser Wille nicht frei, sondern eingebunden in einen Komplex
psychischer Phänomene, die ihre ebenso komplexe Geschichte haben. Warum aber soll die
Illusion des freien Willens nützlich sein? Die Vorstellung, etwas sozusagen aus sich heraus,
60 allein und autonom bewirkt zu haben, vermittelt uns im Allgemeinen positive Gefühle. Schon
ein prähistorischer Mensch, der mit einem einfachen Steinwerkzeug einen Ziegenbock er-
schlug – und damit sich und den Seinen eine Mahlzeit sicherte –, wird von dem befriedigen-
den Gefühl „Das war ich!“ ergriffen worden sein.
64 „Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg“, sagt man gemeinhin. Das ist sicher nicht ganz falsch,
65 denn der Wille kann vieles bewirken. Fragt man aber, warum jemand dieses oder jenes will,
dann kommt man wiederum zu jenem Komplex unbewusst wirkender Faktoren, die den Wil-
len kontrollieren. Wie der Philosoph Peter Bieri bemerkt: „Unser Wille entsteht nicht im luft-
leeren Raum. Was wir wünschen und welche unserer Wünsche handlungswirksam werden,
hängt von vielen Dingen ab, die nicht in unserer Verfügungsgewalt liegen.“ Und selbstver-
70 ständlich wissen wir, dass manches, was wir wollen, nicht realisierbar ist. Gelegentlich aber
staunen wir darüber, was uns so alles gelingt.
1 Dispositionen, hier: Veranlagungen
2 delektieren: sich an einer Sache erfreuen, sich ergötzen, sich gütlich tun
3 bebürdet, hier: belastet
4 Kalamitäten, hier: Konflikt(lage), Reibereien
Zum Autor: Franz M. Wuketits (1955–2018) war Professor für Wissenschaftstheorie an der Universität Wien. Seine Forschungsgebiete waren u. a. Evolutionstheorie und evolutionäre Ethik und Erkenntnistheorie.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Stellen Sie dar, welche Fragestellung dem Text zugrunde liegt und wie die zentrale These von Wuketits lautet, und erarbeiten Sie die Argumentationsschritte des Autors. (26 Punkte)
Lösung: Ausarbeitung zu Fragestellung, These und Gedankengang gemäß den Kriterien der amtlichen Vorgaben.
2. Vergleichen Sie die Aussagen von Wuketits mit den entsprechenden Gedanken Sartres. Stellen Sie hierfür zuerst Sartres Position in ihren Grundzügen dar. (30 Punkte)
Lösung: Darstellung von Sartres Existentialismus und differenzierter Vergleich (Gemeinsamkeiten und Unterschiede) mit Wuketits.
3. Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung zu der Behauptung, die Wuketits an späterer Stelle des Textes aufstellt: „Was einen Menschen als Person definiert, hängt von seinem Gehirn ab […], jenem Organ […], das schließlich unsere Gattung zu dem gemacht hat, was sie heute ist – ein Wesen mit der Fähigkeit, über sich selbst, seine Vergangenheit und mögliche Zukunft nachzudenken und sich sogar autonom und frei zu wähnen. Diese Erkenntnis braucht uns nicht zu kränken, ist doch unser Gehirn ein Teil von uns und nicht etwa irgendeine Kraft, die uns von außen beeinflusst.“ (24 Punkte)
Lösung: Kritische Beurteilung beider philosophischer Ansätze und fundierte Stellungnahme zum Zitat bezüglich Gehirn und Freiheit.
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