Aufgabe 3 · Abitur NRW Philosophie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: Kants Pflichtethik im Textvergleich · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2021 – Philosophie, Grundkurs
Aufgabenstellung:
1.
Stellen Sie dar, welche Fragestellung dem Text zugrunde liegt und welche zentrale These der Autor vertritt, und erarbeiten Sie, wie der Autor in seinem Text argumentiert. (26 Punkte)
2.
Vergleichen Sie die Position Knigges mit der kantischen Ethik. Stellen Sie dafür zuerst deren Grundzüge dar. (30 Punkte)
3.
Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung zur Frage, ob eigennützige Beweggründe eine Handlung zugunsten anderer Menschen moralisch entwerten. (24 Punkte)
Materialgrundlage
Adolph Freiherr von Knigge: Über den Eigennutz (1796)
Ist es wahr, daß die Haupttriebfeder aller menschlichen Handlungen der Eigennutz und daß auch da, wo großmütige Aufopferungen jenen Vorwurf zu widerlegen scheinen, dennoch die Beförderung des eignen Vergnügens, des eignen Genusses, des eignen, wahren oder eingebildeten Glücks heimlich im Spiele sei? Oder vermag der Mensch in seinem irdischen, sinnlichen Zustande nach höhern Bewegungsgründen, nach angebornen, unwandelbaren Gesetzen zu handeln, die, fern von aller Rücksicht auf seinen individuellen Zustand, nur die Ausübung des reinen Guten, nur die Erfüllung der Pflicht, ohne Absehn auf 1 Erfolg und Nützlichkeit, zum Gegenstande haben? […]
Um zu entwickeln, wie etwa der Mensch ohne Betrachtung der Wirkung seiner Handlungen auf die Verhältnisse, darin er sich befindet, handeln würde, wird es nicht unnütz sein, ihn uns ganz ohne jene Verhältnisse, isoliert, zu denken; also nicht den Menschen, der schon mit den Rechten, Vorteilen und Verbindlichkeiten, welche ihm die bürgerliche Gesellschaft gewährt und auflegt, geboren wird, sondern den einzeln stehenden Naturmenschen. Und da fragt sich's dann: wie kann und wird dieser die Tugend kennen, lieben und ausüben?
Der Naturmensch hat mit den übrigen Tieren das gemein 2, daß er durch körperliche Anreizung, durch Gefühl, durch Instinkt zu gewissen Handlungen hingezogen wird. Er hat aber das vor andern lebendigen Geschöpfen voraus, daß die Vernunft ihn die Anwendung jenes Gefühls und Instinkts zu bestimmten sichern Zwecken lehrt und ihn determiniert 3, gewisse Handlungen aus gewissen Ursachen zu unternehmen, andre hingegen zu unterlassen.
[…]
Diese Entschlüsse 4 nun können sich nicht weiter erstrecken als auf solche Fälle, über welche er wirklich Erfahrungen gemacht hat, und er kann nur Vorsätze fassen, die auf diejenigen Verhältnisse anwendbar sind, welche er kennt. Da ihn nun seine eigne Existenz jeden Augenblick seines Lebens am mehrsten 5 beschäftigt und ihm das Gefühl derselben am lebhaftesten und beständigsten gegenwärtig ist, so wird die erste Sorgfalt seiner Vernunft auf Erhaltung und Vervollkommnung seines Daseins gerichtet sein, und wenn er sich Gesetze und Pflichten vorschreibt, werden diese gewiß das Wohlbehagen seines eignen Ichs zum vornehmsten Augenmerke 6 haben. In dem Maße aber, in dem seine Bedürfnisse, Erfahrungen und Verhältnisse sich vervielfältigen, entstehen bei ihm auch neue Überlegungen und Vorsätze, die ihn dann zum Handeln bestimmen, also neue Pflichten, die er sich auferlegt. Je näher ihm dann das Interesse an irgendeinem Gegenstande liegt, desto wichtiger werden ihm die Motive sein, die ihn determinieren, in Rücksicht auf diesen Gegenstand so und nicht anders zu handeln. Je weiter entfernt hingegen, desto unwichtiger; Torheit würde es ihm sein 7, sich Pflichten in Verbindung mit Gegenständen aufzulegen, mit welchen er in gar keinen Verhältnissen steht. […]
Es ist aber auch sehr natürlich, daß, je näher uns das eigne Interesse bei einer Handlung liegt, je leichter zu übersehn die Reihe der für uns zu erwartenden Folgen ist, auch der Antrieb zu dieser Handlung dringender sein werde. Deswegen ist nichts gewisser, als daß die Sorgfalt für unser Leben, für unsre Gesundheit und unsern äußern Wohlstand in Kollisionsfällen, wenn wir bloß der Vernunft folgen, allen andern Rücksichten wird vorgehen müssen. Nächstdem 8 wird uns die Sorgfalt für die Personen unsrer Familie; dann das Band, das uns an das Vaterland fesselt; hierauf das Wohl aller lebendigen Wesen; endlich der Zusammenhang des ganzen Weltgebäudes am Herzen liegen, und es würde töricht sein, von einem irdischen Wesen zu verlangen, daß ihm zum Beispiel die Wohlfahrt der Mondbürger ebenso wichtig sein sollte wie die Gesundheit seiner Kinder, und doch müßte, wenn wir alle Rücksicht auf individuelle Vorteile und Nützlichkeit aus unsern Bewegungsgründen verbannen wollten, uns die Harmonie der Sphären mehr interessieren als die Einigkeit in unsrer Familie, welches in der Theorie ganz erhaben klingen mag, in der Ausübung aber die Kräfte des sinnlichen Menschen überschreitet. Wir ziehen hieraus nun folgende Schlüsse: Erstlich: je entfernter dem Menschen das Interesse an einem Gegenstande von dem Einflusse auf seine eigne Glückseligkeit vorkommt, desto weniger wird ihn seine Vernunft zu moralischen Handlungen bestimmen, die auf diesen Gegenstand abzielen, und umgekehrt, je näher, desto lebhafter wird sie ihn dazu treiben. Zweitens: je einleuchtender ihm die Folgen, der Zweck und die Nützlichkeit einer Handlung scheinen, desto dringender werden die Bewegungsgründe seiner Vernunft sein, diese Handlung zu unternehmen. Je dunkler und ungewisser hingegen, desto weniger dringend. […] Viertens: eine Handlung, wobei gar keine Folge, gar kein Nutzen vorauszusehn ist, hat gar keinen moralischen Wert, die Vernunft kann kein denkendes Wesen dazu bestimmen, und es wäre Unsinn, Pflichten von der Art anzunehmen.
Bis hierher haben wir es nur mit den Bewegungsgründen der Vernunft zu tun gehabt; indessen ist schon vorhin gesagt worden, daß diese allein leicht zu einem der Gesellschaft schädlichen Egoismus verleiten könnte und daß der, welcher bei jedem Schritte nur allein ihre Gründe zu Rate ziehn und die sichern Folgen kalkulieren wollte, vielleicht manche sehr edle, große und nützliche Handlung unterlassen würde. Dafür nun aber, daß das nicht geschehe, hat die schaffende Natur gesorgt, indem sie dem Menschen die Anlage zu Gefühlen gegeben hat, die ihn unwillkürlich zum Wohlwollen gegen andre Wesen, zu rastloser Tätigkeit und zu solchen Handlungen treiben, wovon er seiner Vernunft keine Rechenschaft geben kann, die seinem eignen Interesse ganz entgegen zu sein scheinen, die ihm gar keinen sinnlichen Genuß gewähren und bei welchen er doch eine Freude, ein Behagen empfindet, das er sich nicht erklären kann. Allein weil doch auch selbst in diesen Fällen die Hoffnung eines höhern Genusses ihn treibt, dem gröbern sinnlichen zu entsagen, so scheint auch diese Art von moralischen Handlungen die Beförderung der eignen Glückseligkeit zum versteckten Motive zu haben.
1 ohne Absehn auf, hier: ohne Berücksichtigung von
2 gemein, hier: gemeinsam
3 determiniert, hier: veranlasst
4 Entschlüsse, hier gemeint: Entschlüsse zu den zuvor genannten Handlungen
5 am mehrsten, hier: am meisten
6 zum vornehmsten Augenmerke, hier: als größtes Interesse
7 Torheit würde es ihm sein, hier: es würde ihm unklug erscheinen
8 Nächstdem, hier: Zunächst
Adolph Freiherr von Knigge: Über den Eigennutz (1796). In: Ders.: Über Eigennutz und Undank. Ein Gegenstück zu dem Buche: Über den Umgang mit Menschen. Hrsg. v. Gert Ueding. Tübingen 1996, S. 13 – 16, S. 21 – 24 (gekürzter Textauszug).
Zum Autor: Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr von Knigge (1752 – 1796) war ein deutscher Schriftsteller und Aufklärer. Bekannt wurde er vor allem durch seine Schrift „Über den Umgang mit Menschen“.
1.
2.
3.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Stellen Sie dar, welche Fragestellung dem Text zugrunde liegt und welche zentrale These der Autor vertritt, und erarbeiten Sie, wie der Autor in seinem Text argumentiert. (26 Punkte)
Lösung: Ausarbeitung zur Analyse und Erschließung von Knigges Text.
2. Vergleichen Sie die Position Knigges mit der kantischen Ethik. Stellen Sie dafür zuerst deren Grundzüge dar. (30 Punkte)
Lösung: Darstellung der kantischen Pflichtethik und systematischer Vergleich mit Knigges Position.
3. Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung zur Frage, ob eigennützige Beweggründe eine Handlung zugunsten anderer Menschen moralisch entwerten. (24 Punkte)
Lösung: Kritische Beurteilung beider Positionen und differenzierte Stellungnahme.
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