Aufgabe 2 · Abitur NRW Philosophie GK · Nachtermin 2023

Thema: Kants Pflichtethik im Textvergleich · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2023)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2023 – Philosophie, Grundkurs

Aufgabenstellung 2

Materialgrundlage

Markus Gabriel: Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten. Universale Werte für das 21. Jahrhundert. 2. Auflage. Berlin 2020, S. 287 – 291.

(Bei der vorliegenden Fassung handelt es sich um einen gekürzten Textausschnitt, der einen zusammenhängenden Gedankengang ergibt. Die Schreibweise folgt der Vorlage.)

Markus Gabriel: Moralischer Fortschritt im 21. Jahrhundert (2020)

Dass sich Menschen im Lockdown in ihre vier Wände zurückgezogen haben, kann man teilweise als Zeichen moralischen Fortschritts werten: Wir haben anerkannt, dass es moralisch geboten war, Infektionsketten zu unterbrechen, um andere und uns selbst zu schützen. Faktisch akzeptierten wir eine gesamteuropäische Quarantäne zum Schutz menschlichen Lebens. Damit haben wir auf der Basis einer Einsicht in eine moralische Tatsache 1 gehandelt, die ich als „virologischen Imperativ“ bezeichne:

Handle in einer nachgewiesenen Pandemie so, als ob die Prognosen der besten virologischen Modelle allein für deine soziale Kontaktaufnahme handlungsleitend wären.

Der virologische Imperativ fordert uns dazu auf, die Komplexität der Wirklichkeit massiv zu reduzieren, damit wir einer drohenden, nicht genau erkennbaren Gefahr für die Gesundheit vieler Menschen vorbeugen. Auf ihm fußt eine der größten in jüngster Zeit dagewesenen Hygienemaßnahmen. Auf der Grundlage der weltweit weitgehenden politischen Anerkennung dieses Imperativs hat der Staat in einer bis vor Kurzem unvorstellbaren Weise in unser Leben eingegriffen und uns mehr oder weniger sanft gezwungen, uns in unsere Privatsphäre zurückzuziehen. Sofern die von vielen selbst gewählte Isolierung und die Umsetzung des virologischen Imperativs durch die Regierungen auf moralischer Einsicht beruht haben, kann diese Solidaritätswelle als Indikator eines tiefgreifenden moralischen Fortschritts in dunklen Zeiten gelten.

Drastisch formuliert sind wir durch den Lockdown in wenigen Tagen freilich auch zu einem digitalen Proletariat geworden. Wir arbeiten zum einen, wie gesagt, ohne Entlohnung für amerikanische Digitalmonopolisten. Auf Corona-Deutsch heißt dieser fatale Missstand mit einem der jetzt üblichen Euphemismen 2 „Home-Office“. Zudem besteht Home-Office (ein Euphemismus für diesen Missstand) für viele davon betroffene Familien (und vor allem für Alleinerziehende) darin, dass es keine Privatsphäre und keine Freizeit mehr gibt. Es wird rund um die Uhr gearbeitet, wobei die Hauptprofiteure dieser Wirtschaftsform, wie gesagt, amerikanische Unternehmen sind, die von Lizenzverkäufen und Datenströmen leben.

Moralischer Fortschritt setzt immer auch eine Einsicht in nichtmoralische Tatsachen voraus. Krankheitsverläufe, Statistiken, die Ausstattung des Gesundheitssystems usw. stellen nichtmoralische Tatsachen dar, die wir zur moralischen Bewertung unserer Handlungsoptionen berücksichtigen müssen. Die erwähnte Solidarität hatte eine gesellschaftliche Motivationslage, die moralischen Fortschritt zum Ausdruck brachte.

Allerdings ist die Sachlage nicht nur rosig. Da moralischer Fortschritt in der Erkenntnis und Aufdeckung teilweise verborgener moralischer Tatsachen besteht, kann man umgekehrt annehmen, moralischer Rückschritt bestehe darin, dass teilweise offenbare Tatsachen verdeckt und verkannt werden. Der mit dem virologischen Imperativ verbundene moralische Fortschritt verdeckt aufgrund seiner Eindimensionalität andere, teils genauso wichtige und sogar wichtigere Tatsachen, moralische wie nichtmoralische.

Die Verbreitungslogik eines Virus in Computersimulationen ist keine Abbildung der Wirklichkeit. Eine modell- und computergestützte Prognose ist eine Aussage darüber, welche Zukunft wie wahrscheinlich ist. Die Zukunft ist jetzt aber noch nicht da, weshalb die virologischen Modelle keine unzweifelhafte Tatsachenerkenntnis – kein Wissen darüber, was der Fall ist – enthalten. […]

Unsere Demokratie hat sich bisher in Corona-Zeiten sehr gut bewährt, was zu einem Vertrauenszuwachs der Bürger in ihre gewählten Vertreter geführt hat. Der durchaus berechtigte virologische Imperativ, der uns alle schützt und unser Gesundheitssystem vor dem Schlimmsten bewahren soll, darf aber nicht dazu führen, dass wir andere Modelle vernachlässigen. Wenn wir die kritische Analyse staatlichen Handelns, für die zum Beispiel Medien, Universitäten oder Think-Tanks 3 zuständig sind, vernachlässigen, verdecken wir nichtmoralische und moralische Tatsachen, die ebenfalls zu berücksichtigen sind, wenn wir die Corona-Krise bewältigen wollen. Wenn sich jetzt unter dem Deckmantel des virologischen Imperativs schrittweise ein subtiles 4, aber dennoch totalitäres Überwachungsregime (wie es China vorlebt) weiter ausbreiten sollte, hätte das Corona-Virus der liberalen Demokratie und ihrem auf der Aufklärung basierenden Wertesystem einen Schock versetzt. Das liefe auf einen fatalen moralischen Rückschritt hinaus.

Zum Autor: Markus Gabriel (*1980) ist ein deutscher Philosoph und lehrt u. a. an der Universität Bonn.

1 Gabriel formuliert auf Seite 12 seines Buches: „Etwas, was wir als Menschen tun bzw. unterlassen sollen, bezeichne ich im Folgenden als moralische Tatsache.“

2 Euphemismus: Ausdruck, der einen unangenehmen Sachverhalt beschönigt

3 Think-Tanks (auch „Denkfabriken“), d. h. Institute, die durch Erforschung, Entwicklung und Bewertung von politischen, sozialen und wirtschaftlichen Konzepten und Strategien Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung nehmen.

4 subtil, hier: feinsinnig, kaum wahrnehmbar, schwer zu durchschauen

1.

Stellen Sie dar, welche Fragestellung dem Text zugrunde liegt und wie die zentrale These des Autors lautet, und erarbeiten Sie dessen Gedankengang.

[26 Punkte]

2.

Vergleichen Sie Gabriels Aussagen mit der Position von Kant. Stellen Sie diese dazu zunächst in Grundzügen dar.

[30 Punkte]

3.

Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung dazu, ob es moralisch gerechtfertigt ist, dass der Staat in einer Pandemie eine Impfpflicht für die Bürger festlegt.

[24 Punkte]

Hinweis zur Bewertung: Die inhaltliche Leistung wird mit höchstens 80 Punkten bewertet (Teilaufgabe 1: 26 Punkte, Teilaufgabe 2: 30 Punkte, Teilaufgabe 3: 24 Punkte). Auf die Darstellungsleistung entfallen weitere 20 Punkte.

Aufgabenstellung: Aufgabe 2 · Abitur NRW Philosophie GK · Nachtermin 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Stellen Sie dar, welche Fragestellung dem Text zugrunde liegt und wie die zentrale These des Autors lautet, und erarbeiten Sie dessen Gedankengang.

Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß den zentralen Kriterien der amtlichen Vorgaben (Fragestellung, zentrale These, strukturierter Gedankengang).

2. Vergleichen Sie Gabriels Aussagen mit der Position von Kant. Stellen Sie diese dazu zunächst in Grundzügen dar.

Lösung: Individuelle Darstellung der Pflichtethik Kants und systematischer Vergleich mit Gabriels Ansatz anhand von Gemeinsamkeiten und Unterschieden.

3. Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung dazu, ob es moralisch gerechtfertigt ist, dass der Staat in einer Pandemie eine Impfpflicht für die Bürger festlegt.

Lösung: Kritische Beurteilung beider Positionen sowie eine schlüssige, differenziert argumentierende Stellungnahme zur moralischen Legitimität einer staatlichen Impfpflicht.

Die ausführliche Erklärung Schritt für Schritt (mit KI) gibt es mit Premium. Premium

Löse sie direkt hier: automatische Korrektur, Hinweise und Lösung Schritt für Schritt.

Aufgabe 2 · GK · Nachtermin 2022 ›

Mehr Aufgaben zu Kants Pflichtethik im Textvergleich