Aufgabe HT 2 - Teil II: Aufgabe 2 · Abitur NRW Latein GK · Haupttermin · neu einsetzend 2021

Thema: Sprachlich-stilistische Mittel und ihre Funktion · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · neu einsetzend (2021)

Aufgabenstellung

Text:

Ein Freund von Seneca und Lucilius, der ernsthaft, aber nicht unheilbar krank war, hat sich nach langer Überlegung das Leben genommen. Aus diesem Anlass legt Seneca im Folgenden dar, weshalb es ungerechtfertigt sei, übermäßig am eigenen Leben zu haften:

1 Saepe debemus mori nec volumus, morimur nec volumus. Nemo tam imperitus

2 est, ut nesciat quandoque moriendum. Tamen, cum prope accessit, tergiversatur,

3 tremit, plorat. Nonne tibi videtur stultissimus omnium, qui flevit, quod ante annos

4 mille non vixerat? Aeque stultus est, qui flet, quod post annos mille non vivet.

5 Haec paria sunt: Non eris, nec fuisti! Utrumque tempus alienum est! In hoc

6 punctum coniectus es, quod ut extendas. Quousque extendes? Quid fles? Quid

7 optas? Perdis operam. „ Desine fata deum flecti sperare precando. “ Rata et fixa

8 sunt et magna atque aeterna necessitate ducuntur: Eo ibis, quo omnia eunt. Quid

9 tibi novi est? Ad hanc legem natus es. Hoc patri tuo accidit, hoc matri, hoc

10 maioribus, hoc omnibus ante te, hoc omnibus post te. Series invicta et nulla

11 mutabilis ope illigavit et trahit cuncta. Quantus te populus moriturorum sequetur,

12 quantus comitabitur! Fortior, ut opinor, esses, si multa milia tibi commorerentur.

Übersetzungshilfen:

Z. 1 · debemus · hier: wir sollten

Z. 2 ·... quandoque moriendum. · =... sibi aliquando moriendum esse.

· cum ( mit Ind.) · hier: wenn

· prope accessit · = mors prope accessit

Z. 2/3 · tergiversatur, tremit, plorat · Subjekt ist jeweils homo

Z. 2 · tergiversari, tergiversor, tergiversatus est · sich sträuben

Z. 3/4 ·... ante... post... · =... antea... postea...

Z. 3 · plorare, ploro, ploravi, ploratum · = flere, fleo, flevi, fletum

Z. 4 · vixerat · = vixit

Z. 5 · par, paris · gleich

Z. 5/6 · Utrumque... ut extendas. · Fügen Sie folgende Passage in Ihre Übersetzung ein:

Beides ist Zeit, die dir nicht gehört! In diesen einen Augenblick bist du hineingeworfen, damit du ihn ausfüllst.

Z. 6 · quousque · hier: bis wohin

Z. 7 · operam perdere

perdere, perdo, perdidi, perditum · sich vergeblich mühen

· „ Desine fata deum flecti sperare precando. “ · Fügen Sie folgende Passage in Ihre Übersetzung ein:

„Hoffe nicht länger, die Sprüche der Götter bittend zu beugen.“

( Vergil, Aeneis 6, 376, zitiert nach Johannes Götte, 1994, S. 243)

· ratus, -a, -um · gültig ( Bezugswort ist fata.)

· fixus, -a, -um · unabänderlich ( Bezugswort ist fata.)

Z. 8 · Eo..., quo... · Dorthin..., wohin...

Z. 9 · ad ( mit Akk.) · gemäß

Z. 10/11 · Series invicta.. trahit cuncta. · Legen Sie Ihrer Übersetzung folgende veränderte und ergänzte Textfassung zugrunde:

Invicta et nulla ope mutabilis series illigavit cuncta et trahit cuncta.

Z. 10 · series, -ei f. · Abfolge

· invictus, -a, -um · unbezwingbar

Z. 11 · morituri, -orum m. · Menschen, die sterben werden

Z. 12 · commori, commorior, commortuus sum ( mit Dat.) · mit jemandem gemeinsam sterben

2.

Untersuchen Sie, welche sprachlich-stilistischen Mittel Seneca in diesem Textauszug einsetzt, und erläutern Sie deren Funktion im Zusammenhang des Textes. Gehen Sie auf sechs verschiedene Gestaltungsmittel ein. (18 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 2 - Teil II: Aufgabe 2 · Abitur NRW Latein GK · Haupttermin · neu einsetzend 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2. Untersuchen Sie, welche sprachlich-stilistischen Mittel Seneca in diesem Textauszug einsetzt, und erläutern Sie deren Funktion im Zusammenhang des Textes. Gehen Sie auf sechs verschiedene Gestaltungsmittel ein.

Lösung: Mögliche Gestaltungsmittel mit Textbeleg und Funktion (sechs gefordert): 1. Parallelismus und Polyptoton (*mori nec volumus, morimur nec volumus*, Z. 1): Hebt die widersprüchliche Haltung vieler Menschen hervor, die den eigenen Tod nicht wahrhaben wollen. 2. Litotes (*Nemo tam imperitus*, Z. 1): Macht deutlich, dass die Verdrängung des eigenen Sterbens wider besseres Wissen geschieht. 3. Ellipse (*moriendum [esse]*, Z. 2): Veranschaulicht das unausweichliche und plötzliche Abbrechen des Lebens. 4. Trikolon, Klimax und Asyndeton (*tergiversatur, tremit, plorat*, Z. 2/3): Verweisen auf die typischen, sich steigernden emotionalen Reaktionen von Menschen, die das Sterben nicht akzeptieren können. 5. Rhetorische Fragen, Anapher und Dikolon (*Quid fles? Quid optas?*, Z. 6/7): Zeigen eindringlich, dass weder Wehklagen noch Wünsche den Lauf der Dinge ändern können. 6. Inversion (*Perdis operam*, Z. 7): Unterstreicht die Sinnlosigkeit solcher Bemühungen. 7. Zitat (*„Desine fata deum flecti sperare precando“*, Z. 7): Verweist auf die Unveränderlichkeit des von den Göttern verkündeten Schicksals (Aeneis-Zitat). 8. Hendiadyoin (*rata et fixa*, Z. 7): Fokussiert den Ewigkeitsanspruch und die Festigkeit des Schicksals. 9. Polyptoton (*ibis ... eunt*, Z. 8): Wiederholt mit der Variation von *ire* die Kernthese des ewigen Kreislaufs der Natur. 10. Anapher und Asyndeton (*Hoc patri tuo accidit, hoc matri, hoc maioribus, hoc omnibus ante te, hoc omnibus post te*, Z. 9/10): Verstärken, dass unausweichlich und wiederkehrend schon immer alle Generationen gestorben sind und sterben werden.

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