Aufgabe HT 1 - Aufgabe II.2 · Abitur NRW Latein LK · Haupttermin · fortgeführt 2021
Thema: Sprachlich-stilistische Mittel und ihre Funktion · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · fortgeführt (2021)
Aufgabenstellung
Text:
In einem Brief seiner Epistulae morales ad Lucilium erzählt Seneca seinem Adressaten Lucilius von einem Tag, an dem zahlreiche Mitbürger sowie die übrigen Bewohner seines Hauses einen Boxkampf (spectaculum, vgl. Z. 9) in einem Stadion in der Nähe (vgl. Z. 7) besucht hätten. Als alle Hausbewohner fort gewesen seien, habe er sich anfangs voller Vorfreude seinen Tag im Studierzimmer wie folgt ausgemalt:
1 Nemo irrumpet, nemo cogitationem meam impediet, quae hac ipsa fiducia
2 procedit audacius. Non crepabit subinde ostium, non allevabitur velum. Licebit
3 tuto vadere, quod magis necessarium est per se eunti et suam sequenti viam. Non
4 ergo sequor priores? Facio, sed permitto mihi et invenire aliquid et mutare et
5 relinquere. Non servio illis, sed assentior. Magnum tamen verbum dixi, qui mihi
6 silentium promittebam et sine interpellatore secretum: Ecce! Ingens clamor ex
7 stadio perfertur et me non excutit mihi, sed in huius ipsius rei contemplationem
8 transfert: Cogito mecum, quam multi corpora exerceant, ingenia quam pauci;
9 quantus ad spectaculum non fidele et lusorium fiat concursus, quanta sit circa
10 artes bonas solitudo; quam imbecilli animo sint, quorum lacertos umerosque
11 miramur. Illud maxime revolvo mecum: Si corpus perduci exercitatione ad hanc
12 patientiam potest, qua et pugnos pariter et calces non unius hominis ferat, qua
13 solem ardentissimum in ferventissimo pulvere sustinens aliquis et sanguine suo
14 madens diem ducat, quanto facilius animus corroborari possit, ut fortunae ictus
15 invictus excipiat, ut proiectus, ut conculcatus exsurgat. Corpus enim multis eget
16 rebus, ut valeat. Animus ex se crescit, se ipse alit, se exercet.
Übersetzungshilfen:
Z. 1 · impedire, impedio, impedivi, impeditum · behindern
· hac ipsa fiducia · gerade im Vertrauen darauf
Z. 2 · Non crepabit subinde ostium, … · = Porta non iterum iterumque crepabit, …
· velum allevare
allevare, allevo, allevavi, allevatum · einen Türvorhang beiseite schieben
Z. 3 · tuto · hier: Adverb
· vadere, vado, – · = procedere
· …, quod … · Gemeint ist Licebit tuto vadere.
· per se · hier: eigenständig
· … eunti et … sequenti … · = … eunti homini et … sequenti homini …
Z. 4 · priores, priorum m. (Pl.) · hier: philosophische Vorgänger
Z. 5 · tamen · hier: = autem
Z. 6 · secretum, -i n. · Abgeschiedenheit
Z. 7 · … me non excutit mihi, … · … es bringt mich zwar nicht ganz von mir ab, …
Z. 9 · non fidelis, -is, -e · hier: belanglos
· lusorius, -a, -um · hier: oberflächlich
Z. 10 · artes bonae, artium bonarum f. · Literatur und Philosophie
· quam imbecilli animo sint, quorum … · = quam imbecilli animo ii sint, quorum …
Z. 11 · revolvere mecum
revolvere, revolvo, revolvi, revolutum · hier: sich durch den Kopf gehen lassen
Z. 12 · patientia, -ae f. · Leidensfähigkeit
Z. 12 u. 14 · … ferat, … ducat, … · Subjekt ist jeweils das aliquis in Z. 13.
Z. 12 · …, qua …, qua … · …, mit deren Hilfe …, mit deren Hilfe …
· calx, calcis f. · hier: Fußtritt
Z. 14 · diem ducere
ducere, duco, duxi, ductum · den Tag verbringen
· quanto facilius · um wieviel leichter
· corroborare, corroboro, corroboravi, corroboratum · stärken
Z. 15 · proicere, proicio, proieci, proiectum · zu Boden werfen
· conculcare, conculco, conculcavi, conculcatum · niedertreten
II. Interpretationsaufgaben
2. Untersuchen Sie, welche sprachlich-stilistischen Mittel Seneca in seinem Text einsetzt, und erläutern Sie, welche Funktion diese Mittel im Zusammenhang des Textes haben. Gehen Sie dabei auf vier verschiedene Gestaltungsmittel ein. (12 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2. Untersuchen Sie, welche sprachlich-stilistischen Mittel Seneca in seinem Text einsetzt, und erläutern Sie, welche Funktion diese Mittel im Zusammenhang des Textes haben. Gehen Sie dabei auf vier verschiedene Gestaltungsmittel ein. (12 Punkte)
Lösung: Auswahl von vier sprachlich-stilistischen Gestaltungsmitteln (jeweils Benennung, Textbeleg und Funktion): 1. Anapher (*Nemo ... nemo*, Z. 1): Stellt das Alleinsein als ausschlaggebenden Grund für Senecas Vorfreude auf sein *otium* heraus. 2. Metapher und Sachfeld (*vadere ... eunti ... sequenti viam*, Z. 3): Verweist durch das Sachfeld „gehen“ auf den geistigen Vorgang des eigenständigen Durchdenkens. 3. Polysyndeton, Trikolon und Klimax (*... et ... et ... et ...*, Z. 4): Hebt die Kraft des eigenen Nachdenkens hervor: Vorhandene Thesen oder Gedanken können aus einer anderen Perspektive beleuchtet, verändert oder verworfen werden. 4. Antithese und Interjektion (*silentium ... et sine interpellatore secretum: Ecce! Ingens clamor*, Z. 6): Markieren den gedanklichen Umschwung: Die Ruhe, die Seneca sich versprochen hatte, wird auch sprachlich beinahe unmittelbar und bruchlos mit dem Lärm aus dem Stadion konfrontiert. Nur der Ausruf des Erstaunens tritt vermittelnd dazwischen. 5. Chiasmus und Antithese (*quam multi corpora, Z. 8; ingenia quam pauci*, Z. 8): Verdeutlichen das ungleiche Training von *corpus* und *animus*: Die Menschen legen einen falschen Schwerpunkt auf ihre körperliche Ertüchtigung. 6. Antithese und Wortfeld „Kampf“ (*Si corpus ... quanto facilius animus*, Z. 11–15): Stellen der aufwändigen Sorge für die Robustheit des Körpers die leichter zu erreichende Festigung des *animus* gegenüber. 7. Alliteration (*patientiam potest ... pugnos pariter*, Z. 12) bzw. Kumulierung von Superlativen und Chiasmus (*solem ardentissimum in ferventissimo pulvere*, Z. 13): Lenkt die Aufmerksamkeit auf die Trainierbarkeit der körperlichen Leidensfähigkeit bzw. rückt die extreme Härte des körperlichen Trainings in den Fokus. 8. Anapher und Personifikation (*ut fortunae ictus invictus excipiat, ..., ut conculcatus exsurgat.*, Z. 14/15): Dienen dazu, das Bild eines Kämpfers in der Arena auf den *animus* zu übertragen: Er ist viel leichter in der Lage, schwierige Lebenssituationen und Schicksalsschläge zu überstehen. 9. Hyperbaton (*multis ... rebus*, Z. 15/16): Bildet das Gesagte ab: Der Körper braucht ein breites Spektrum an Dingen, um entsprechend leidensfähig und stark zu werden. 10. Antithese (*Corpus enim multis eget rebus, ut valet. Animus ex se crescit, se ipse alit, se exercet.*, Z. 15/16): Stellt die Abhängigkeit des Körpers von äußeren Dingen der Autarkie des Geistes wirkungsvoll gegenüber. 11. Asyndeton, Anapher, Trikolon und Parallelismus (*se crescit, se ipse alit, se exercet.*, Z. 16): Fokussieren die Eigenständigkeit und Bedürfnislosigkeit eines gesunden *animus*: Der Geist ist autark und selbstständig. 12. Häufung von Possessiv-, Reflexiv- und Personalpronomen (durchgehend von Z. 1 *meam* bis *ex se ..., se ..., se ...*, Z. 15/16): Konkretisiert den „roten Faden“ bzw. das Thema des Textausschnitts: Selbstreflexion und Nachdenken über eine bewusste Lebensgestaltung.
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