Aufgabe HT 1 - Aufgabe II.2 · Abitur NRW Latein GK · Haupttermin · fortgeführt 2021
Thema: Sprachlich-stilistische Mittel und ihre Funktion · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · fortgeführt (2021)
Aufgabenstellung
Text:
In dem folgenden Auszug legt Seneca seinem Freund Lucilius anhand von Beispielen dar, wie man die elementaren Bedürfnisse des Menschen handhaben solle. Seine Argumentation eröffnet er mit einer These:
1 Nihil enim, mi Lucili, interest, utrum non desideres an habeas. Summa rei in
2 utroque eadem est: Non torqueberis. Nec illud praecipio, ut aliquid naturae
3 neges – contumax est, non potest vinci, suum poscit! –, sed, ut, quidquid
4 naturam excedit, scias precarium esse, non necessarium. Esurio: Edendum est.
5 Utrum hic panis sit plebeius an siligineus, ad naturam nihil pertinet. Illa
6 ventrem non delectari vult, sed impleri. Sitio: Utrum haec aqua sit, quam ex
7 lacu proximo excepero, an ea, quam multa nive clusero, ut rigore refrigeretur
8 alieno, ad naturam nihil pertinet. Illa hoc unum iubet sitim extingui. Utrum sit
9 aureum poculum an crystallinum an murreum an Tiburtinus calix an manus
10 concava, nihil refert. Finem omnium rerum specta, et supervacua dimittes!
11 Fames me appellat. Ad proxima quaeque porrigatur manus! Ipsa mihi
12 commendabit, quodcumque comprendero. Nihil contemnit esuriens.
Übersetzungshilfen:
Z. 1 · Nihil … interest, utrum … an … · Es besteht … kein Unterschied, ob … oder …
· summa rei
summa, -ae f. · hier: Ergebnis
Z. 2 · praecipere, praecipio, praecepi, praeceptum · hier: = praescribere
Z. 2/3 · negare ( mit Akk. u. mit Dat.)
negare, nego, negavi, negatum · hier: etwas jemandem verweigern
Z. 3 · – contumax est, · Ergänzen Sie als Subjekt natura
· suum, -i n. · hier: das Ihre ( Gemeint ist das, was der Natur zusteht.)
· … –, sed, … · = … –, sed illud praescribo, …
Z. 4 · precarium, -i n. · hier: etwas Zusätzliches
Z. 5 · plebeius, -a, -um · hier: gewöhnlich
· siligineus, -a, -um · aus feinem Weizenmehl
Z. 5 u. 8 · nihil pertinere ad ( mit Akk.)
pertinere, pertineo, pertinui, – · hier: jemandem gleichgültig sein
· Illa … · Gemeint ist jeweils natura.
Z. 6 · … vult, …
velle, volo, volui, – · Hier konstruiert mit AcI.
Z. 7 · …, an ea, quam … · = …, an ea aqua sit, quam …
· multa nive cludere
cludere, cludo, clusi, clusum · hier: im Eiskeller lagern
Z. 8 · extingui · hier: Infinitiv Präsens Passiv
Z. 9 · murreus, -a, -um · aus Murra ( Halbedelstein)
· Tiburtinus, -a, -um · tiburtinisch ( Tibur war ein in Latium gelegener Kurort der wohlhabenden Römer.)
Z. 9/10 · manus concava, manus concavae f. · eine hohle Hand
Z. 10 · nihil refert · = nihil interest ( Vgl. die Angabe zu Z. 1.)
· finis, -is m. · hier: Zweck
Z. 11 · proxima quaeque ( Neutrum Plural) · hier: das jeweils Nächstliegende
· ipsa · Gemeint ist fames.
Z. 12 · commendare, commendo, commendavi, commendatum · hier: schmackhaft machen
II. Interpretationsaufgabe – Teilaufgabe 2
Untersuchen Sie, welche sprachlich-stilistischen Mittel Seneca in seinem lateinischen Text einsetzt, und erläutern Sie, welche Funktion diese Mittel jeweils im Kontext haben. Gehen Sie dabei auf sechs unterschiedliche Gestaltungsmittel ein.
[18 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2. Untersuchen Sie, welche sprachlich-stilistischen Mittel Seneca in seinem lateinischen Text einsetzt, und erläutern Sie, welche Funktion diese Mittel jeweils im Kontext haben. Gehen Sie dabei auf sechs unterschiedliche Gestaltungsmittel ein. (18 Punkte)
Lösung: Sechs Gestaltungsmittel mit Beleg (6 Punkte) und Erläuterung der Funktion (12 Punkte): 1. Parallelismus / Brevitas / Alternativfrage (*utrum non desideres an habeas*, Z. 1): Funktion: Durch die parallel aufgebaute kurze Alternativfrage wird auf stilistischer Ebene die Gleichrangigkeit beider Haltungen hervorgehoben. 2. Hyperbaton (*Summa ... eadem ...*, Z. 1/2): Funktion: Rahmung, die das gemeinsame Resultat unterstreicht. 3. Vielzahl der Verneinungen (*Nihil enim ..., non desideres ... Non torqueberis. Nec illud ... non potest vinci ... non necessarium*, Z. 1–4): Funktion: Reduziert die Lehre Senecas prägnant auf die Kernforderung, das elementare Grundbedürfnis zu beachten und Ausschweifungen abzuwehren. 4. Brevitas (*Non torqueberis*, Z. 2; *Esurio: Edendum est*, Z. 4; *Sitio: ...*, Z. 6): Funktion: Pointierte Zuspitzung; das unmittelbare körperliche Bedürfnis verlangt eine direkte, schnörkellose Erfüllung. 5. Personificatio der Natur (*contumax*, Z. 3; *poscit*, Z. 3; *vult*, Z. 6; *iubet*, Z. 8): Funktion: Verleiht der Natur eigenständige Autorität und Unbeugsamkeit gegenüber menschlicher Willkür. 6. Klimax / Asyndeton (*... – contumax est, non potest vinci, suum poscit – ...*, Z. 3): Funktion: Steigert dynamisch die Unüberwindbarkeit der natürlichen Grundgesetze. 7. Antithese / Ellipse (*... scias precarium esse, non necessarium*, Z. 4; *Utrum hic panis sit plebeius an siligineus ...*, Z. 5): Funktion: Verdeutlicht den strikten Gegensatz zwischen existentiell Notwendigem und bloßem Luxus. 8. Polysyndeton / Doppel- und Mehrfachfragen (*Utrum sit aureum poculum an crystallinum an murreum an Tiburtinus calix an manus concava ...*, Z. 8–10): Funktion: Häufung von Luxusgegenständen zur Demonstration ihrer völligen Unerheblichkeit gegenüber der elementaren hohlen Hand (*manus concava*). 9. Aufforderung / Imperativ (*Finem omnium rerum specta ...*, Z. 10): Funktion: Bereitet direkt und appellativ die philosophische Schlussfolgerung vor.
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