Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften 2022 · LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg

Abiturprüfung Geschichte-Sozialwissenschaften in Nordrhein-Westfalen 2022, LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg: 1 Aufgabe mit Lösungen. Kostenlos.

Themen der Prüfung: Industrialisierung, Gesellschaft und Frauenrolle im Kaiserreich · Kriegsende 1918, Versailler Vertrag und Weltwirtschaftskrise · Rassenpolitik, Völkermord und Vergangenheitsbewältigung · Deutsche Teilung, Wiedervereinigung und europäische Integration

Aufgabe 1 · Industrialisierung, Gesellschaft und Frauenrolle im Kaiserreich

Grundlage ist eine Rede, die Clara Zetkin am 19. Juli 1889 auf dem Internationalen Arbeiterkongress in Paris gehalten hat.

[…] Die Arbeiterinnen, welche nach socialer Gleichheit streben, erwarten für ihre Emanzipation nichts von der Frauen-Bewegung der Bourgeoisie, welche angeblich für die Frauenrechte kämpft. Dieses Gebäude ist auf Sand gebaut und hat keine reelle Grundlage. Die Arbeiterinnen sind durchaus davon überzeugt, daß die Frage der Frauen-Emanzipation keine isolirt für sich bestehende ist, sondern ein Theil der großen socialen Frage. Sie geben sich vollkommen klare Rechenschaft darüber, daß diese Frage in der heutigen Gesellschaft nun und nimmermehr gelöst werden wird, sondern erst nach einer gründlichen Umgestaltung der Gesellschaft.

Die Frauen-Emanzipations-Frage ist ein Kind der Neuzeit, und die Maschine hat dieselbe geboren. […] Emanzipation der Frau heißt die vollständige Veränderung ihrer socialen Stellung von Grund auf, eine Revolution ihrer Rolle im Wirthschaftsleben. Die alte Form der Production mit ihren unvollkommenen Arbeitsmitteln fesselte die Frau an die Familie und beschränkte ihren Wirkungskreis auf das Innere ihres Hauses. Im Schooß der Familie stellte die Frau eine außerordentlich productive Arbeitskraft dar. Sie erzeugte fast alle Gebrauchs-Gegenstände der Familie. Beim Stande der Production und des Handels von ehedem wäre es sehr schwer, wenn nicht unmöglich gewesen, diese Artikel außerhalb der Familie zu produciren. So lange diese älteren Productionsverhältnisse in Kraft waren, so lange war die Frau wirthschaftlich productiv. Mit der Umwandlung der Productionsverhältnisse, die der Frau keine productive Thätigkeit mehr gestatten, ward die Frau Consumentin. Dieser Umschwung trug viel zur Verminderung der Eheschließungen bei.

Die maschinelle Production hat die wirthschaftliche Thätigkeit der Frau in der Familie getödtet. Die Großindustrie erzeugt alle Artikel billiger, schneller und massenhafter, als dies bei der Einzelindustrie möglich war, die nur mit den unvollkommenen Werkzeugen einer Zwergproduction arbeitete. Die Frau mußte oft den Rohstoff, den sie im Kleinen einkaufte, theurer bezahlen als das fertige Product der maschinellen Großindustrie. Sie mußte außer dem Kaufpreis (des Rohstoffes) noch ihre Zeit und ihre Arbeit drein geben. In Folge dessen wurde die productive Thätigkeit innerhalb der Familie ein ökonomischer Unsinn, eine Vergeudung an Kraft und Zeit. Obgleich ja einzelnen Individien die im Schooße der Familie producirende Frau von Nutzen sein mag, bedeutet diese Art der Thätigkeit nichts desto weniger für die Gesellschaft einen Verlust.

Das ist der Grund, warum die gute Wirthschafterin aus der guten alten Zeit fast gänzlich verschwunden ist. Die Großindustrie hat die Warenerzeugung im Hause und für die Familie unnütz gemacht, sie hat der häuslichen Thätigkeit der Frau den Boden entzogen. Zugleich hat sie eben auch den Boden für die Thätigkeit der Frau in der Gesellschaft geschaffen. Die mechanische Production, welche der Muskelkraft und qualifizirten Arbeit entrathen kann, machte es möglich, auf einem großen Arbeitsgebiete Frauen einzustellen. Die Frau trat in die Industrie ein mit dem Wunsche, die Einkünfte in der Familie zu vermehren. Die Frauenarbeit in der Industrie wurde im Verhältnis der Entwicklung der modernen Industrie eine Nothwendigkeit. […]

Was aber dem Kapitalisten die weibliche Arbeitskraft ganz besonders werthvoll machte, das war nicht nur der geringere Preis, sondern auch die größere Unterwürfigkeit der Frau. Der Kapitalist spekulirte auf diese beiden Momente: die Arbeiterin so schlecht als möglich zu entlohnen, und den Lohn der Männer durch diese Konkurrenz so stark als möglich herab zu drücken. In gleicher Weise machte er sich die Kinderarbeit zunutze, um die Löhne der Frauen herabzudrücken; und die Arbeit der Maschinen, um die menschliche Arbeitskraft überhaupt herabzudrücken. Das kapitalistische System allein ist die Ursache, daß die Frauenarbeit die ihrer natürlichen Tendenz gerade entgegengesetzten Resultate hat; daß sie zu einer längeren Dauer des Arbeitstages führt, anstatte eine wesentliche Verkürzung zu bewirken; daß sie nicht gleichbedeutend ist mit einer Vermehrung der Reichthümer der Gesellschaft, d. h. mit einem größeren Wohlstand jedes einzelnen Mitgliedes der Gesellschaft, sondern nur mit einer Erhöhung des Profites einer Handvoll Kapitalisten und zugleich mit einer immer größeren Massenverarmung. Die unheilvollen Folgen der Frauenarbeit, die sich heute so schmerzlich bemerkbar machen, werden erst mit dem kapitalistischen Productionssystem verschwinden. […]

Allein, abgesehen von den ökonomischen Gründen sind es vor allem prinzipielle Gründe, welche gegen ein Verbot der Frauenarbeit sprechen. Eben auf Grund der prinzipiellen Seite der Frage müssen die Frauen darauf bedacht sein, mit aller Kraft zu protestiren gegen jeden derartigen Versuch; sie müssen ihm den lebhaftesten und zugleich berechtigsten Widerstand entgegensetzen, weil sie wissen, daß ihre sociale und politische Gleichstellung mit den Männern einzig und allein von ihrer ökonomischen Selbstständigkeit abhängt, welche ihnen ihre Arbeit außerhalb der Familie in der Gesellschaft ermöglicht.

Vom Standpunkt des Princips aus protestiren wir Frauen nachdrücklichst gegen eine Beschränkung der Frauenarbeit. Da wir unsere Sache durchaus nicht von der Arbeitersache im allgemeinen trennen wollen, werden wir also keine besonderen Forderungen formuliren; wir verlangen keinen anderen Schutz als den, welchen die Arbeit im allgemeinen gegen das Kapital fordert. […]

In Erwägung dieser Thatsachen bleibt den Frauen, denen es mit dem Wunsche ihrer Befreiung ernst ist, nichts anderes übrig, als sich der socialistischen Arbeiterpartei anzuschließen, der einzigen, welche die Emanzipation der Arbeiter anstrebt. […]

1.

Geben Sie den Gedankengang und die zentralen Aussagen des Textes in strukturierter Form wieder. [22 Punkte]

2.

Erläutern Sie mithilfe des Textes die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Modernisierungsprozesse im Deutschen Kaiserreich und beachten Sie dabei vor allem den Wandel der Rolle der Frau. Charakterisieren Sie im Anschluss die Position der Autorin zur Stellung der Frauen in der Arbeitswelt. [34 Punkte]

3.

Diskutieren Sie, inwiefern die berufliche Emanzipation der Frauen gegenwärtig verwirklicht ist. [24 Punkte]

Aufgabe 2 · Rassenpolitik, Völkermord und Vergangenheitsbewältigung

Abiturprüfung 2022 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Leistungskurs

Aufgabe 2

Aufgabenstellung:

1.

Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes (Material 1) in gegliederter Form wieder. (22 Punkte)

2.

Erläutern Sie die ideologischen Grundlagen der nationalsozialistischen Rassenlehre und die einzelnen Phasen der Judenverfolgung im Dritten Reich von 1933 bis 1945. Arbeiten Sie danach heraus, welche möglichen Beteiligten der Text an der Planung und Ausführung des Massenmordes in Auschwitz nennt. (34 Punkte)

3.

Der Text in Material 2 umschreibt den Straftatbestand des Völkermordes, wie er heute definiert ist. Prüfen Sie mit Hilfe des Materials 2, inwiefern die im Text von Höß genannten Beteiligten aufgrund ihrer dort geschilderten Taten eine Schuld am Völkermord an den Juden tragen. (24 Punkte)

Hinweis: Weitere 20 Punkte entfallen auf die Darstellungsleistung (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte).

Material 1: Aus der Aussage von Rudolf Höß, dem Kommandanten des Konzentrationslagers Auschwitz, vor dem Polnischen Tribunal

1 [...] Im Sommer 1941 – den genauen Zeitpunkt vermag ich z. Zt. nicht anzugeben – wurde ich plötzlich zum Reichsführer SS nach Berlin befohlen und zwar direkt durch seine Adjutantur. Entgegen seiner sonstigen Gepflogenheit eröffnete er mir ohne Beisein eines Adjutanten dem Sinne nach folgendes: Der Führer hat die Endlösung der Judenfrage befohlen,

5 wir – die SS – haben diesen Befehl durchzuführen. Die bestehenden Vernichtungsstellen im Osten sind nicht in der Lage, die beabsichtigten großen Aktionen durchzuführen. Ich habe daher Auschwitz dafür bestimmt, einmal wegen der günstigen verkehrstechnischen Lage, und zweitens läßt sich das dafür dort zu bestimmende Gebiet leicht absperren und tarnen. Ich hatte erst einen höheren SS-Führer für diese Aufgabe ausgesucht; um aber Kompetenzschwierigkeiten

10 von vornherein zu begegnen, unterbleibt das, und Sie haben nun diese Aufgabe durchzuführen. Es ist eine harte und schwere Arbeit, die den Einsatz der ganzen Person erfordert, ohne Rücksicht auf etwa entstehende Schwierigkeiten. Nähere Einzelheiten erfahren Sie durch Sturmbannführer Eichmann vom RSHA, der in nächster Zeit zu Ihnen kommt. Die beteiligten Dienststellen werden von mir zu gegebener Zeit benachrichtigt.

15 Sie haben über diesen Befehl strengstes Stillschweigen, selbst Ihrem Vorgesetzten gegenüber, zu bewahren. Nach der Unterredung mit Eichmann schicken Sie mir sofort die Pläne der beabsichtigten Anlage zu. Die Juden sind die ewigen Feinde des deutschen Volkes und müssen ausgerottet werden. Alle für uns erreichbaren Juden sind jetzt während des Krieges ohne Ausnahme zu vernichten. Gelingt es uns jetzt nicht, die biologischen Grundlagen des

20 Judentums zu zerstören, so werden einst die Juden das deutsche Volk vernichten. Nach Erhalt dieses schwerwiegenden Befehles fuhr ich sofort nach Auschwitz zurück, ohne mich bei meiner vorgesetzten Dienststelle in Oranienburg gemeldet zu haben.

22 Kurze Zeit danach kam Eichmann zu mir nach Auschwitz. Er weihte mich in die Pläne der Aktionen in den einzelnen Ländern ein. [...] Er nannte mir auch ungefähre Zahlen der zu

25 erwartenden Transporte, die ich aber nicht mehr nennen kann. Wir besprachen weiter die Durchführung der Vernichtung. Es käme nur Gas in Frage, denn durch Erschießen die zu erwartenden Massen zu beseitigen wäre schlechterdings unmöglich und auch zu große Belastung für die SS-Männer, die dies durchführen müßten, im Hinblick auf die Frauen und Kinder.

30 Eichmann machte mich bekannt mit der Tötung durch die Motoren-Abgase in Lastwagen, wie sie bisher im Osten durchgeführt wurde. Dies käme aber für die zu erwartenden Massen-Transporte in Auschwitz nicht in Frage. Die Tötung durch Kohlenoxyd-Gas durch Brausen in einem Baderaum, wie die Vernichtung der Geisteskranken an einigen Stellen im Reich durchgeführt wurde, erfordere zu viel Baulichkeiten; auch wäre die Beschaffung des

35 Gases für die großen Massen sehr problematisch. Wir kamen in dieser Frage zu keinem Entscheid. [...]. Die Beauftragten Eichmanns in den einzelnen Ländern berichteten über den Stand der Aktionen und über die Schwierigkeiten, die der Durchführung der Aktionen entgegenstanden, wie Unterbringung der Verhafteten, Bereitstellung der Transport-Züge, Fahrplankonferenz u. ä. Den Beginn der Aktionen konnte ich noch nicht erfahren. Auch

40 hatte Eichmann noch kein geeignetes Gas aufgetrieben.

41 Im Herbst 1941 wurden durch einen geheimen Sonderbefehl in den Kriegs-Gefangenenlagern die russischen Politruks, Kommissare und besondere politische Funktionäre durch die Gestapo ausgesondert und dem nächstgelegenen Konzentrationslager zur Liquidierung zugeführt. In Auschwitz trafen laufend kleinere Transporte dieser Art ein, die durch Erschießen

45 in der Kiesgrube bei den Monopol-Gebäuden oder im Hof des Blocks 11 getötet wurden. Gelegentlich einer Dienstreise hatte mein Vertreter, der Hauptsturmführer Fritsch, aus eigener Initiative Gas zur Vernichtung dieser russischen Kriegsgefangenen verwendet und zwar derart, daß er die einzelnen im Keller gelegenen Zellen mit den Russen vollstopfte und unter Verwendung von Gasmasken Cyclon B in die Zellen warf, das den sofortigen

50 Tod herbeiführte. Das Gas Cyclon B wurde in Auschwitz durch die Firma Tesch u. Stabenow laufend zur Ungezieferbekämpfung verwendet, und es lagerte daher immer ein Vorrat dieser Gasbüchsen bei der Verwaltung. In der ersten Zeit wurde dieses Giftgas, ein Blausäurepräparat, [bei] uns durch Angestellte der Firma Tesch u. Stabenow unter größten Vorsichtsmaßnahmen angewandt, später wurden einige SDGS-Sanitätsdienstgrade als

55 Desinfektoren bei der Firma ausgebildet, und es haben dann diese die Gasverwendung bei der Entseuchung und Ungezieferbekämpfung durchgeführt. Beim nächsten Besuch Eichmanns berichtete ich ihm über diese Verwendung von Cyclon B, und wir entschlossen uns, bei der zukünftigen Massenvernichtung dieses Gas zur Anwendung zu bringen. [...]

Anmerkungen:

1 Rudolf Höß (1901 – 1947): SS-Obersturmbannführer; von Mai 1940 bis November 1943 Kommandant des Konzentrationslagers in Auschwitz. 1947 in Polen durch das Oberste Nationale Tribunal Polens zum Tode verurteilt.

2 z. Zt.: zur Zeit

3 Reichsführer SS: Heinrich Himmler

4 Adjutantur: Dienststelle zur Unterstützung Himmlers

5 Adolf Eichmann (1906 – 1962): SS-Obersturmbannführer, organisierte die Verfolgung, Vertreibung und Deportation von Juden

6 RSHA: Reichssicherheitshauptamt

7 Ab dem dritten Satz dieses Textes bis hin zu dieser Stelle zitiert Höß die Aussagen Himmlers.

8 Politruk: politischer Offizier einer sowjetischen Truppeneinheit

9 Karl Frit(z)sch (1903 – 1945): SS-Hauptsturmführer

10 Die Firma Tesch und Stabenow war ein deutsches Unternehmen, welches zuvor für Zyklon B ein Verkaufsmonopol besaß.

11 Den Lagerärzten waren sogenannte SS-Sanitätsdienstgrade (SDG) als Hilfspersonal zugeteilt.

Material 2: Aus dem „Völkerstrafgesetzbuch“ der Bundesrepublik Deutschland

§ 6 Völkermord

Wer in der Absicht, eine nationale, rassische, religiöse oder ethnische Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören,

1. ein Mitglied der Gruppe tötet,

2. einem Mitglied der Gruppe schwere körperliche oder seelische Schäden [...] zufügt,

3. die Gruppe unter Lebensbedingungen stellt, die geeignet sind, ihre körperliche Zerstörung ganz oder teilweise herbeizuführen,

4. Maßregeln verhängt, die Geburten innerhalb der Gruppe verhindern sollen,

5. ein Kind der Gruppe gewaltsam in eine andere Gruppe überführt, wird mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft.

[...]

1.

2.

3.

Aufgabe 3 · Deutsche Teilung, Wiedervereinigung und europäische Integration

Abiturprüfung 2022 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Leistungskurs

Aufgabenstellung 3 (Materialgrundlage: Rede von Martin Schulz zur Karlspreisverleihung 2015)

Materialgrundlage

Martin Schulz: Rede am 14.05.2015 anlässlich der Verleihung des Internationalen Karlspreises an ihn zu Aachen.

Zitiert nach: https://www.karlspreis.de/de/preistraeger/martin-schulz-2015/rede-von-martin-schulz (Zugriff: 18.02.2022)

(Die Rechtschreibung und Zeichensetzung folgen dem Original.)

Aus der Rede des Präsidenten des Europaparlamentes Martin Schulz 1 anlässlich der Verleihung des Karlspreises 2 an ihn am 14. Mai 2015 in Aachen:

[...] Es gibt keine Ewigkeitsgarantie für die Art wie wir leben. Deshalb ist es gefährlich, die EU als alternativlos zu betrachten. Natürlich gibt es Alternativen zur EU und wir müssen diese Alternativen benennen. Die Alternative zur EU lautet: Re-Nationalisierung. Deshalb stehen wir vor der Frage:

Wollen wir jeder für sich allein gestellt oder wollen wir gemeinsam unser Gesellschaftsmodell und unsere Wettbewerbsfähigkeit in der Globalisierung verteidigen?

Der nationale Tunnelblick propagiert den Rückzug in die nationalstaatliche Idylle als Insel der Glückseligen und suggeriert mit simplen Antworten, wie „die Grenzen schließen“ oder „den Euro abschaffen“ 3, könne man die hochkomplexen Probleme der Welt im 21. Jahrhundert lösen. Doch wenn die Probleme sich europäisiert haben, die Lösungsansätze und Instrumente aber national bleiben – dann muss das schief gehen.

Ich bin überzeugt: Wenn wir uns in unsere Einzelteile zerlegen, dann versinkt Europa in der Bedeutungslosigkeit. Zusammen aber sind wir Europäer eine starke Gemeinschaft von Staaten und Völkern, die ihren Bürgern Rechte garantieren; Rechte für die in anderen Teilen der Welt Menschen auf die Straße gehen, ja, ihr Leben aufs Spiel setzen. Denn in anderen Teilen dieser Welt gibt es Kinderarbeit, es wird gefoltert, die Todesstrafe vollzogen, auf Streikende geschossen und das Internet abgeschaltet, wenn die Meinung der Menschen der Staatsmacht missfällt.

Wenn diese Staaten aber wettbewerbsfähiger werden als wir Europäer es sind, eben weil sie Grundrechte nicht beachten, dann stehen wir vor der Wahl, so zu werden, wie sie es sind, oder mutig zu sagen: Wer auf unseren reichsten Markt der Welt will, wer mit uns Handel und Wandel betreiben will, der muss unsere Rechte und unsere Standards respektieren. Unsere Wirtschaftskraft entsteht aus dem Binnenmarkt, aus dem Zusammenschluss von Ökonomien, die gerade durch ihre Verbundenheit stark sind. Genau durch diese Stärke können wir unsere Werte, die unser Fundament sind, verteidigen. Das ist der Auftrag Europas, nach innen geeint und dadurch nach außen gestärkt, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert zu sichern.

Wer Hand an dieses Projekt legt, versündigt sich an der Zukunft der nachfolgenden Generationen.

Jede Generation ist Erbnehmer und Erblasser 4 zugleich. Meine Generation hat das Haus Europa von den mutigen Männern und Frauen der Gründergeneration geerbt. Sie haben als Konsequenz unserer tragischen Geschichte entschieden, unsere Interessen so untrennbar miteinander zu verknüpfen, dass Krieg unmöglich wurde und wir gemeinsam Herausforderungen begegnen können. Dass wir Europäer das getan haben, ist, in meinen Augen, seit der Aufklärung die größte zivilisatorische Errungenschaft unseres Kontinents. Diese mutige Entscheidung hat uns seit 70 Jahren Frieden und Demokratie geschenkt, und dies seit dem Fall der Berliner Mauer vor 25 Jahren auch endlich in ganz Europa.

Meine Generation hat nun Sorge dafür zu tragen, dass wir dieses großartige Haus unseren Kindern nicht als Ruine Europa hinterlassen. Genau das ist der Auftrag, den uns die Stifter des Aachener Karlspreises in den 50er Jahren, als diese Stadt in Trümmern lag, mit auf den Weg gegeben haben.

Um die europäische Einigung für unsere Kinder zu sichern, müssen wir das verloren gegangene Vertrauen zurückgewinnen, Europa endlich verstehbar machen, Europa ein vertrautes Gesicht geben.

Ein Schritt in diese Richtung war der sogenannte Spitzenkandidatenprozess 5. Ein deutsches Wort, das zu Recht Eingang in viele andere Sprachen gefunden hat.

Zum ersten Mal zogen Personen mit Programmen vor der Europawahl 2014 in den Wettbewerb um Stimmen.

Zum ersten Mal ist der Kommissionspräsident das Ergebnis einer demokratischen Wahl. Auf nationaler Ebene ist das ein normaler Vorgang – in Europa ein Aufreger.

Das Europäische Parlament wird sich dieses hart erstrittene Recht von niemandem wieder nehmen lassen! Vielleicht haben durch die Spitzenkandidaten Einige an Macht verloren – aber die Wählerinnen und Wähler haben an Einfluss gewonnen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Trotzdem möchte ich am heutigen Tag einen Appell an die Regierungschefs richten, an die anwesenden und die nichtanwesenden: Hört auf damit, alle Misserfolge und ungelösten Probleme Brüssel in die Schuhe zu schieben, die Erfolge aber auf die eigene nationale Fahne zu schreiben! Genau das trägt zur Entfremdung der Menschen von der EU bei.

Ich verstehe, dass es nicht leicht ist, einzugestehen: als Nationalstaat schaffen wir es im globalisierten 21. Jahrhundert nicht mehr auf uns gestellt in der ersten Liga zu spielen, den Kampf gegen den Klimawandel, unsere Handelsbeziehungen, die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft und unser wertegeleitetes Gesellschaftsmodell im globalen Zeitalter zu behaupten, all das 6 kriegen wir nur mehr im Schulterschluss mit unseren europäischen Partnern und den Gemeinschaftsinstitutionen hin. Ein solches Bekenntnis zur EU, das weiß ich, ist sicherlich kein Programm zur Popularitätssteigerung.

Aber wie viel leichter müsste uns das heute fallen, als es der Gründergeneration nach dem Zweiten Weltkrieg fiel! Die Versöhnung mit den deutschen Nachbarn, die ungekannte Verwüstungen und Verheerungen über Europa gebracht hatten, das erforderte Mut und Weitsicht. Hätten Konrad Adenauer, Alcide De Gasperi, Jean Monnet, Robert Schuman und Paul-Henri Spaak 7 in den 50er Jahren bereits so auf die letzten Meinungsumfragen und die nächsten Wahlen geschielt, wie es meine Politikergeneration tut, dann hätte die europäische Einigung niemals das Licht der Welt erblickt.

Europa braucht endlich wieder Mut und Weitsicht, eine auf Langfristigkeit angelegte Politik! Anstelle des Krisenmanagements der letzten Jahre mit seiner Fokussierung auf Kurzfristiges, dieses auf Sicht fahren, dieses sich von Krisengipfel zu Krisengipfel hangeln, ist es höchste Zeit, dass wir die Probleme ehrlich benennen, sie wirklich anpacken und nachhaltig lösen. [...]

1 Martin Schulz (*1955): deutscher Politiker (SPD), von 1994–2017 Mitglied des Europäischen Parlaments und von 2012–2017 dessen Präsident.

2 Der Karlspreis wird seit 1950 an Persönlichkeiten oder Institutionen vergeben, die sich um Europa und die europäische Einigung verdient gemacht haben.

3 die Grenzen schließen, den Euro abschaffen: Es handelt sich um Forderungen, die im Rahmen der Flüchtlings- bzw. der Eurokrise aufkamen.

4 Erblasser: derjenige, der eine Erbschaft hinterlässt.

5 Spitzenkandidatenprozess: Vor der Europawahl benennen die europäischen politischen Parteien ihre Spitzenkandidaten für das Amt des EU-Kommissionspräsidenten.

6 im Original fälschlicherweise: dass.

7 Adenauer, De Gasperi, Monnet, Schuman, Spaak: Politiker, die sich nach 1945 für eine europäische Zusammenarbeit und Einigung einsetzten.

1.

Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in strukturierter Form wieder. [22 Punkte]

2.

Erläutern Sie, welche außenpolitischen und wirtschaftlichen Hintergründe nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges den europäischen Einigungsprozess auslösten, und skizzieren Sie dessen wichtigste Stationen von 1945 bis zu den Römischen Verträgen. Arbeiten Sie anschließend heraus, vor welchen Herausforderungen Europa nach Schulz steht. [34 Punkte]

3.

Setzen Sie sich vor dem Hintergrund der europäischen Ereignisse und Entwicklungen der vergangenen Jahre damit auseinander, inwiefern die Aussagen von Schulz angemessen sind. [24 Punkte]

Hinweis: Weitere 20 Punkte der Gesamtpunktzahl (100 Punkte) werden für die Darstellungsleistung nach den Kriterien des Abiturs NRW vergeben.

Aufgabe 4 · Kriegsende 1918, Versailler Vertrag und Weltwirtschaftskrise

Abiturprüfung 2022 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Leistungskurs

Aufgabenstellung:

1.

Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in gegliederter Form wieder. (20 Punkte)

2.

Erläutern Sie, wie sich die Politik in Deutschland 1917/18 entwickelte und unter welchen Umständen die Friedensverhandlungen von Versailles verliefen und zu welchen Ergebnissen sie führten. Arbeiten Sie danach Försters Position zum Friedensvertrag heraus und stellen Sie ihr die damalige ablehnende Haltung „rechtsgerichteter Parteien“ in Deutschland gegenüber. (36 Punkte)

3.

Beurteilen Sie, inwiefern der Versailler Vertrag auf lange Sicht „zur Absicherung des Friedens“ erfolgreich war. (22 Punkte)

[Hinweis: Für die Darstellungsleistung können höchstens 20 Punkte erzielt werden. Die Klausur umfasst insgesamt 100 Punkte.]

Materialgrundlage

Aus der Monografie „1919. Ein Kontinent erfindet sich neu“ von Birte Förster aus dem Jahr 2018:

[...] Zwei große Themen beherrschten die Verhandlungen über den Versailler Vertrag: die Frage der Gebietsabtretungen und die Frage der Verantwortung für den Krieg samt der Verpflichtung zur Wiedergutmachung. Beide Vorgänge entsprachen dem Kriegsrecht:

Gebietsabtretungen waren ebenso klassische Merkmale von Friedensschlüssen wie die Gepflogenheit, dass ein Kriegsverlierer die Kosten des Krieges übernahm. Um das zu legitimieren, musste zunächst einmal die Kriegsschuld festgestellt werden.

Aus der Tatsache, dass eine solche Feststellung existiert, kann also keine besondere Härte des Friedensvertrags geschlossen werden, wie das viele deutsche Zeitgenossen immer wieder getan haben. Im berüchtigten Artikel 231 war nicht einmal von Schuld die Rede, sondern dort stand, »dass Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Schäden und Verluste verantwortlich« seien. Auch bezüglich der Entmilitarisierung ist festzuhalten: Struktureingriffe, die den einstigen Feind friedensfähiger machen sollten, waren durchaus üblich.

Das, was in Deutschland später unter den Schlagworten »Kriegsschuldlüge« und »Diktatfrieden von Versailles« vor allem von rechtsgerichteten Parteien zur Dauerkritik an der Weimarer Republik genutzt wurde, war kriegsrechtlich gesehen eine Üblichkeit, keine skandalöse Gemeinheit. Das Vorgehen der großen Drei, deren wechselnde Koalitionen sehr gut in den Friedensverhandlungen für Deutschland sichtbar werden, entsprach also zunächst einmal den Gepflogenheiten – setzte damit aber auch keinen Neuanfang in der internationalen Politik.

Bei den Gebietsabtretungen waren sich Lloyd George und Wilson zumeist einig. Dass Elsass-Lothringen wieder an Frankreich fiel, war vollkommen unstrittig. Auseinandersetzungen gab es eher um das linksrheinische Deutschland. Frankreich wollte die Abtrennung dieser Gebiete schon bald nach Verhandlungsbeginn erzwingen und den Rhein zur Westgrenze Deutschlands machen. Der Oberbefehlshaber der französischen Armee, General Ferdinand Foch, strebte die Bildung mehrerer rheinischer Pufferstaaten an. Clemenceaus entsprechende Forderung vom 16. Februar 1919 vor dem Auswärtigen Ausschuss, die Grenzen von 1814 wiederherzustellen (auch das Saarland und die Südpfalz sollten an Frankreich gehen), war im Grunde der Versuch, einen Cordon sanitaire auch im Westen einzurichten. Mit der Autonomie, die Clemenceau den Bewohnern der beiden Regionen zusicherte, war es aber nicht ganz so weit her, denn das Gebiet sollte so lange besetzt gehalten werden, bis es bereit sei, sich mit Frankreich zu vereinigen.

Wilson und Lloyd George stellten sich jedoch quer zur französischen Lagebeurteilung. Sie teilten Clemenceau mit, dass sie allenfalls einer befristeten Besetzung als Druckmittel für die Bezahlung der Reparationsschuld zustimmen könnten. Im Gegenzug boten sie militärische Unterstützung an, sollte das Deutsche Reich »unprovoziert« Frankreich angreifen. Einen Bruch mit Großbritannien und Amerika wollte Clemenceau dann doch nicht riskieren, daher lenkte er ein. Clemenceau gab sich damit zufrieden, das Rheinland zu entmilitarisieren (auch dies eine Form von Puffer), wobei das linke Rheinufer und die Brückenköpfe auf fünfzehn Jahre besetzt bleiben durften. Innenpolitisch vermittelte er diese Lösung wie folgt: Er gehe davon aus, dass Deutschland der Reparationsschuld nicht werde nachkommen können und Frankreich dann dauerhaft das Rheinland besetzen könne.

Auch mit seinen Plänen für einen Pufferstaat an der Saar war Frankreich nicht erfolgreich. Das Gebiet wurde für fünfzehn Jahre dem Völkerbund unterstellt, danach sollte eine Volksabstimmung stattfinden mit den drei Optionen Anschluss an Frankreich, an Deutschland oder Autonomie. Frankreich wurde mit wirtschaftlichen Maßnahmen gewissermaßen entschädigt und erhielt das Eigentum an den Saargruben; für den Fall eines Wiederanschlusses an Deutschland erhielt das Deutsche Reich allerdings das Rückkaufsrecht.

Aus französischer Sicht waren dies ungeheure Zugeständnisse, doch ein Einvernehmen mit Großbritannien und den USA hatte Priorität für die französische Sicherheitspolitik. Beide sicherten Frankreich vertraglich zu, im Falle eines deutschen Angriffs zugunsten Frankreichs einzugreifen. Allerdings scheiterte Wilson auch mit diesem Abkommen im Kongress, und Großbritannien nahm seine Garantie daraufhin ebenfalls zurück. Clemenceau wurde deshalb in der französischen Öffentlichkeit scharf angegriffen, er galt nun als Verlierer statt als Sieger des Krieges.

Festzuhalten bleibt: Der Vertrag von Versailles hätte viel strenger ausfallen können, er wurde weniger zur Demütigung der Besiegten denn zur Absicherung des Friedens konzipiert. Bezüglich der Gebietsabtretungen vereitelten die Verbündeten die Maximalforderungen Frankreichs.

[...]

Bei den Reparationszahlungen änderte sich die Bündniskonstellation auf der Siegerseite, denn nun taten sich Lloyd George und Clemenceau zusammen. Gegen den Widerstand von Wilson setzten sie durch, dass die Unterlegenen für alle Kriegskosten und -schäden aufkommen sollten. Das war zugleich das wichtigste Wahlkampfversprechen, das der im Dezember 1918 mit satter Mehrheit wiedergewählte Lloyd George gegeben hatte, als er unter hohem innenpolitischen Druck stand. Die Reparationen nach Wilsons Modell hätten hauptsächlich eine Entschädigung für Frankreich und Belgien bedeutet, der amerikanische Präsident lenkte aber schließlich ein.

[...] Dabei hatten die Alliierten die Zahlungsfähigkeit Deutschlands durchaus im Blick – der Umfang der Zahlungen war gerade unter Finanzexperten nicht unumstritten und wurde beispielsweise vom britischen Ökonomen John Maynard Keynes scharf kritisiert.

Weder die deutsche Regierung noch die deutsche Öffentlichkeit wussten, was im Mai 1919 auf sie zukommen sollte. Sie hatten allerdings auf das 14-Punkte-Programm und das Selbstbestimmungsrecht der Völker gehofft. Der Theologe und Kulturwissenschaftler Ernst Troeltsch prägte dafür das Diktum, Deutschland habe sich im »Traumland der Waffenstillstandsperiode« befunden. Ausgerechnet auf den humanitären Idealismus der politischen Kultur des Westens setzte man, den man vier Jahre lang im Namen der »Ideen von 1914« bekämpft hatte. Am 7. Mai 1919 kam dann ein böses Erwachen – aus Sicht der Alliierten waren die Regelungen jedoch ein hart umkämpfter Kompromiss. [...]

Birte Förster: 1919. Ein Kontinent erfindet sich neu, Stuttgart 2018, S. 103–107. (Die Rechtschreibung und Zeichensetzung folgen dem Original.)

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