Aufgabe 3 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg 2022

Thema: Deutsche Teilung, Wiedervereinigung und europäische Integration · Aus der Prüfung LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg (2022)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2022 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Leistungskurs

Aufgabenstellung 3 (Materialgrundlage: Rede von Martin Schulz zur Karlspreisverleihung 2015)

Materialgrundlage

Martin Schulz: Rede am 14.05.2015 anlässlich der Verleihung des Internationalen Karlspreises an ihn zu Aachen.

Zitiert nach: https://www.karlspreis.de/de/preistraeger/martin-schulz-2015/rede-von-martin-schulz (Zugriff: 18.02.2022)

(Die Rechtschreibung und Zeichensetzung folgen dem Original.)

Aus der Rede des Präsidenten des Europaparlamentes Martin Schulz 1 anlässlich der Verleihung des Karlspreises 2 an ihn am 14. Mai 2015 in Aachen:

[...] Es gibt keine Ewigkeitsgarantie für die Art wie wir leben. Deshalb ist es gefährlich, die EU als alternativlos zu betrachten. Natürlich gibt es Alternativen zur EU und wir müssen diese Alternativen benennen. Die Alternative zur EU lautet: Re-Nationalisierung. Deshalb stehen wir vor der Frage:

Wollen wir jeder für sich allein gestellt oder wollen wir gemeinsam unser Gesellschaftsmodell und unsere Wettbewerbsfähigkeit in der Globalisierung verteidigen?

Der nationale Tunnelblick propagiert den Rückzug in die nationalstaatliche Idylle als Insel der Glückseligen und suggeriert mit simplen Antworten, wie „die Grenzen schließen“ oder „den Euro abschaffen“ 3, könne man die hochkomplexen Probleme der Welt im 21. Jahrhundert lösen. Doch wenn die Probleme sich europäisiert haben, die Lösungsansätze und Instrumente aber national bleiben – dann muss das schief gehen.

Ich bin überzeugt: Wenn wir uns in unsere Einzelteile zerlegen, dann versinkt Europa in der Bedeutungslosigkeit. Zusammen aber sind wir Europäer eine starke Gemeinschaft von Staaten und Völkern, die ihren Bürgern Rechte garantieren; Rechte für die in anderen Teilen der Welt Menschen auf die Straße gehen, ja, ihr Leben aufs Spiel setzen. Denn in anderen Teilen dieser Welt gibt es Kinderarbeit, es wird gefoltert, die Todesstrafe vollzogen, auf Streikende geschossen und das Internet abgeschaltet, wenn die Meinung der Menschen der Staatsmacht missfällt.

Wenn diese Staaten aber wettbewerbsfähiger werden als wir Europäer es sind, eben weil sie Grundrechte nicht beachten, dann stehen wir vor der Wahl, so zu werden, wie sie es sind, oder mutig zu sagen: Wer auf unseren reichsten Markt der Welt will, wer mit uns Handel und Wandel betreiben will, der muss unsere Rechte und unsere Standards respektieren. Unsere Wirtschaftskraft entsteht aus dem Binnenmarkt, aus dem Zusammenschluss von Ökonomien, die gerade durch ihre Verbundenheit stark sind. Genau durch diese Stärke können wir unsere Werte, die unser Fundament sind, verteidigen. Das ist der Auftrag Europas, nach innen geeint und dadurch nach außen gestärkt, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert zu sichern.

Wer Hand an dieses Projekt legt, versündigt sich an der Zukunft der nachfolgenden Generationen.

Jede Generation ist Erbnehmer und Erblasser 4 zugleich. Meine Generation hat das Haus Europa von den mutigen Männern und Frauen der Gründergeneration geerbt. Sie haben als Konsequenz unserer tragischen Geschichte entschieden, unsere Interessen so untrennbar miteinander zu verknüpfen, dass Krieg unmöglich wurde und wir gemeinsam Herausforderungen begegnen können. Dass wir Europäer das getan haben, ist, in meinen Augen, seit der Aufklärung die größte zivilisatorische Errungenschaft unseres Kontinents. Diese mutige Entscheidung hat uns seit 70 Jahren Frieden und Demokratie geschenkt, und dies seit dem Fall der Berliner Mauer vor 25 Jahren auch endlich in ganz Europa.

Meine Generation hat nun Sorge dafür zu tragen, dass wir dieses großartige Haus unseren Kindern nicht als Ruine Europa hinterlassen. Genau das ist der Auftrag, den uns die Stifter des Aachener Karlspreises in den 50er Jahren, als diese Stadt in Trümmern lag, mit auf den Weg gegeben haben.

Um die europäische Einigung für unsere Kinder zu sichern, müssen wir das verloren gegangene Vertrauen zurückgewinnen, Europa endlich verstehbar machen, Europa ein vertrautes Gesicht geben.

Ein Schritt in diese Richtung war der sogenannte Spitzenkandidatenprozess 5. Ein deutsches Wort, das zu Recht Eingang in viele andere Sprachen gefunden hat.

Zum ersten Mal zogen Personen mit Programmen vor der Europawahl 2014 in den Wettbewerb um Stimmen.

Zum ersten Mal ist der Kommissionspräsident das Ergebnis einer demokratischen Wahl. Auf nationaler Ebene ist das ein normaler Vorgang – in Europa ein Aufreger.

Das Europäische Parlament wird sich dieses hart erstrittene Recht von niemandem wieder nehmen lassen! Vielleicht haben durch die Spitzenkandidaten Einige an Macht verloren – aber die Wählerinnen und Wähler haben an Einfluss gewonnen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Trotzdem möchte ich am heutigen Tag einen Appell an die Regierungschefs richten, an die anwesenden und die nichtanwesenden: Hört auf damit, alle Misserfolge und ungelösten Probleme Brüssel in die Schuhe zu schieben, die Erfolge aber auf die eigene nationale Fahne zu schreiben! Genau das trägt zur Entfremdung der Menschen von der EU bei.

Ich verstehe, dass es nicht leicht ist, einzugestehen: als Nationalstaat schaffen wir es im globalisierten 21. Jahrhundert nicht mehr auf uns gestellt in der ersten Liga zu spielen, den Kampf gegen den Klimawandel, unsere Handelsbeziehungen, die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft und unser wertegeleitetes Gesellschaftsmodell im globalen Zeitalter zu behaupten, all das 6 kriegen wir nur mehr im Schulterschluss mit unseren europäischen Partnern und den Gemeinschaftsinstitutionen hin. Ein solches Bekenntnis zur EU, das weiß ich, ist sicherlich kein Programm zur Popularitätssteigerung.

Aber wie viel leichter müsste uns das heute fallen, als es der Gründergeneration nach dem Zweiten Weltkrieg fiel! Die Versöhnung mit den deutschen Nachbarn, die ungekannte Verwüstungen und Verheerungen über Europa gebracht hatten, das erforderte Mut und Weitsicht. Hätten Konrad Adenauer, Alcide De Gasperi, Jean Monnet, Robert Schuman und Paul-Henri Spaak 7 in den 50er Jahren bereits so auf die letzten Meinungsumfragen und die nächsten Wahlen geschielt, wie es meine Politikergeneration tut, dann hätte die europäische Einigung niemals das Licht der Welt erblickt.

Europa braucht endlich wieder Mut und Weitsicht, eine auf Langfristigkeit angelegte Politik! Anstelle des Krisenmanagements der letzten Jahre mit seiner Fokussierung auf Kurzfristiges, dieses auf Sicht fahren, dieses sich von Krisengipfel zu Krisengipfel hangeln, ist es höchste Zeit, dass wir die Probleme ehrlich benennen, sie wirklich anpacken und nachhaltig lösen. [...]

1 Martin Schulz (*1955): deutscher Politiker (SPD), von 1994–2017 Mitglied des Europäischen Parlaments und von 2012–2017 dessen Präsident.

2 Der Karlspreis wird seit 1950 an Persönlichkeiten oder Institutionen vergeben, die sich um Europa und die europäische Einigung verdient gemacht haben.

3 die Grenzen schließen, den Euro abschaffen: Es handelt sich um Forderungen, die im Rahmen der Flüchtlings- bzw. der Eurokrise aufkamen.

4 Erblasser: derjenige, der eine Erbschaft hinterlässt.

5 Spitzenkandidatenprozess: Vor der Europawahl benennen die europäischen politischen Parteien ihre Spitzenkandidaten für das Amt des EU-Kommissionspräsidenten.

6 im Original fälschlicherweise: dass.

7 Adenauer, De Gasperi, Monnet, Schuman, Spaak: Politiker, die sich nach 1945 für eine europäische Zusammenarbeit und Einigung einsetzten.

1.

Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in strukturierter Form wieder. [22 Punkte]

2.

Erläutern Sie, welche außenpolitischen und wirtschaftlichen Hintergründe nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges den europäischen Einigungsprozess auslösten, und skizzieren Sie dessen wichtigste Stationen von 1945 bis zu den Römischen Verträgen. Arbeiten Sie anschließend heraus, vor welchen Herausforderungen Europa nach Schulz steht. [34 Punkte]

3.

Setzen Sie sich vor dem Hintergrund der europäischen Ereignisse und Entwicklungen der vergangenen Jahre damit auseinander, inwiefern die Aussagen von Schulz angemessen sind. [24 Punkte]

Hinweis: Weitere 20 Punkte der Gesamtpunktzahl (100 Punkte) werden für die Darstellungsleistung nach den Kriterien des Abiturs NRW vergeben.

Aufgabenstellung: Aufgabe 3 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in strukturierter Form wieder. (22 Punkte)

Lösung: Strukturierte Textanalyse mit Einleitung (Autor Martin Schulz, Präsident des EP; politische Rede zur Karlspreisverleihung in Aachen am 14. Mai 2015 vor politisch interessierter Öffentlichkeit; Thema: Europäische Integration und Renationalisierungstendenzen), Kernaussage und gegliedertem Gedankengang mit funktionalen Verben.

2. Erläutern Sie, welche außenpolitischen und wirtschaftlichen Hintergründe nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges den europäischen Einigungsprozess auslösten, und skizzieren Sie dessen wichtigste Stationen von 1945 bis zu den Römischen Verträgen. Arbeiten Sie anschließend heraus, vor welchen Herausforderungen Europa nach Schulz steht. (34 Punkte)

Lösung: Ausführliche Erläuterung der außenpolitischen und ökonomischen Beweggründe nach 1945, Skizzierung der Meilensteine bis zu den Römischen Verträgen 1957 sowie Herausarbeitung der von Schulz genannten Herausforderungen.

3. Setzen Sie sich vor dem Hintergrund der europäischen Ereignisse und Entwicklungen der vergangenen Jahre damit auseinander, inwiefern die Aussagen von Schulz angemessen sind. (24 Punkte)

Lösung: Differenzierte Urteilsbildung unter Einbezug konkreter historisch-politischer Entwicklungen der EU in den Jahren nach 2015 mit befürwortenden und relativierenden Argumenten sowie eigenständigem Fazit.

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