Aufgabe 1 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg 2022

Thema: Industrialisierung, Gesellschaft und Frauenrolle im Kaiserreich · Aus der Prüfung LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg (2022)

Aufgabenstellung

Grundlage ist eine Rede, die Clara Zetkin am 19. Juli 1889 auf dem Internationalen Arbeiterkongress in Paris gehalten hat.

[…] Die Arbeiterinnen, welche nach socialer Gleichheit streben, erwarten für ihre Emanzipation nichts von der Frauen-Bewegung der Bourgeoisie, welche angeblich für die Frauenrechte kämpft. Dieses Gebäude ist auf Sand gebaut und hat keine reelle Grundlage. Die Arbeiterinnen sind durchaus davon überzeugt, daß die Frage der Frauen-Emanzipation keine isolirt für sich bestehende ist, sondern ein Theil der großen socialen Frage. Sie geben sich vollkommen klare Rechenschaft darüber, daß diese Frage in der heutigen Gesellschaft nun und nimmermehr gelöst werden wird, sondern erst nach einer gründlichen Umgestaltung der Gesellschaft.

Die Frauen-Emanzipations-Frage ist ein Kind der Neuzeit, und die Maschine hat dieselbe geboren. […] Emanzipation der Frau heißt die vollständige Veränderung ihrer socialen Stellung von Grund auf, eine Revolution ihrer Rolle im Wirthschaftsleben. Die alte Form der Production mit ihren unvollkommenen Arbeitsmitteln fesselte die Frau an die Familie und beschränkte ihren Wirkungskreis auf das Innere ihres Hauses. Im Schooß der Familie stellte die Frau eine außerordentlich productive Arbeitskraft dar. Sie erzeugte fast alle Gebrauchs-Gegenstände der Familie. Beim Stande der Production und des Handels von ehedem wäre es sehr schwer, wenn nicht unmöglich gewesen, diese Artikel außerhalb der Familie zu produciren. So lange diese älteren Productionsverhältnisse in Kraft waren, so lange war die Frau wirthschaftlich productiv. Mit der Umwandlung der Productionsverhältnisse, die der Frau keine productive Thätigkeit mehr gestatten, ward die Frau Consumentin. Dieser Umschwung trug viel zur Verminderung der Eheschließungen bei.

Die maschinelle Production hat die wirthschaftliche Thätigkeit der Frau in der Familie getödtet. Die Großindustrie erzeugt alle Artikel billiger, schneller und massenhafter, als dies bei der Einzelindustrie möglich war, die nur mit den unvollkommenen Werkzeugen einer Zwergproduction arbeitete. Die Frau mußte oft den Rohstoff, den sie im Kleinen einkaufte, theurer bezahlen als das fertige Product der maschinellen Großindustrie. Sie mußte außer dem Kaufpreis (des Rohstoffes) noch ihre Zeit und ihre Arbeit drein geben. In Folge dessen wurde die productive Thätigkeit innerhalb der Familie ein ökonomischer Unsinn, eine Vergeudung an Kraft und Zeit. Obgleich ja einzelnen Individien die im Schooße der Familie producirende Frau von Nutzen sein mag, bedeutet diese Art der Thätigkeit nichts desto weniger für die Gesellschaft einen Verlust.

Das ist der Grund, warum die gute Wirthschafterin aus der guten alten Zeit fast gänzlich verschwunden ist. Die Großindustrie hat die Warenerzeugung im Hause und für die Familie unnütz gemacht, sie hat der häuslichen Thätigkeit der Frau den Boden entzogen. Zugleich hat sie eben auch den Boden für die Thätigkeit der Frau in der Gesellschaft geschaffen. Die mechanische Production, welche der Muskelkraft und qualifizirten Arbeit entrathen kann, machte es möglich, auf einem großen Arbeitsgebiete Frauen einzustellen. Die Frau trat in die Industrie ein mit dem Wunsche, die Einkünfte in der Familie zu vermehren. Die Frauenarbeit in der Industrie wurde im Verhältnis der Entwicklung der modernen Industrie eine Nothwendigkeit. […]

Was aber dem Kapitalisten die weibliche Arbeitskraft ganz besonders werthvoll machte, das war nicht nur der geringere Preis, sondern auch die größere Unterwürfigkeit der Frau. Der Kapitalist spekulirte auf diese beiden Momente: die Arbeiterin so schlecht als möglich zu entlohnen, und den Lohn der Männer durch diese Konkurrenz so stark als möglich herab zu drücken. In gleicher Weise machte er sich die Kinderarbeit zunutze, um die Löhne der Frauen herabzudrücken; und die Arbeit der Maschinen, um die menschliche Arbeitskraft überhaupt herabzudrücken. Das kapitalistische System allein ist die Ursache, daß die Frauenarbeit die ihrer natürlichen Tendenz gerade entgegengesetzten Resultate hat; daß sie zu einer längeren Dauer des Arbeitstages führt, anstatte eine wesentliche Verkürzung zu bewirken; daß sie nicht gleichbedeutend ist mit einer Vermehrung der Reichthümer der Gesellschaft, d. h. mit einem größeren Wohlstand jedes einzelnen Mitgliedes der Gesellschaft, sondern nur mit einer Erhöhung des Profites einer Handvoll Kapitalisten und zugleich mit einer immer größeren Massenverarmung. Die unheilvollen Folgen der Frauenarbeit, die sich heute so schmerzlich bemerkbar machen, werden erst mit dem kapitalistischen Productionssystem verschwinden. […]

Allein, abgesehen von den ökonomischen Gründen sind es vor allem prinzipielle Gründe, welche gegen ein Verbot der Frauenarbeit sprechen. Eben auf Grund der prinzipiellen Seite der Frage müssen die Frauen darauf bedacht sein, mit aller Kraft zu protestiren gegen jeden derartigen Versuch; sie müssen ihm den lebhaftesten und zugleich berechtigsten Widerstand entgegensetzen, weil sie wissen, daß ihre sociale und politische Gleichstellung mit den Männern einzig und allein von ihrer ökonomischen Selbstständigkeit abhängt, welche ihnen ihre Arbeit außerhalb der Familie in der Gesellschaft ermöglicht.

Vom Standpunkt des Princips aus protestiren wir Frauen nachdrücklichst gegen eine Beschränkung der Frauenarbeit. Da wir unsere Sache durchaus nicht von der Arbeitersache im allgemeinen trennen wollen, werden wir also keine besonderen Forderungen formuliren; wir verlangen keinen anderen Schutz als den, welchen die Arbeit im allgemeinen gegen das Kapital fordert. […]

In Erwägung dieser Thatsachen bleibt den Frauen, denen es mit dem Wunsche ihrer Befreiung ernst ist, nichts anderes übrig, als sich der socialistischen Arbeiterpartei anzuschließen, der einzigen, welche die Emanzipation der Arbeiter anstrebt. […]

1.

Geben Sie den Gedankengang und die zentralen Aussagen des Textes in strukturierter Form wieder. [22 Punkte]

2.

Erläutern Sie mithilfe des Textes die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Modernisierungsprozesse im Deutschen Kaiserreich und beachten Sie dabei vor allem den Wandel der Rolle der Frau. Charakterisieren Sie im Anschluss die Position der Autorin zur Stellung der Frauen in der Arbeitswelt. [34 Punkte]

3.

Diskutieren Sie, inwiefern die berufliche Emanzipation der Frauen gegenwärtig verwirklicht ist. [24 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe 1 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Geben Sie den Gedankengang und die zentralen Aussagen des Textes in strukturierter Form wieder.

Lösung: Benennung: Clara Zetkin (SPD-Politikerin, Frauenrechtlerin), politische Rede, Paris, 19. Juli 1889, Adressaten: Teilnehmer des Internationalen Arbeiterkongresses, Quelle. Thema: die Rolle der Frau in der kapitalistischen Arbeitswelt. Kernaussage: Frauen können ihre vollständige Emanzipation erst durch ökonomische Selbstständigkeit aufgrund eigener Arbeitstätigkeit erreichen, müssen dazu aber auch politisch aktiv werden und das kapitalistische System überwinden helfen. Gedankengang: Zetkin stellt einen Zusammenhang zwischen Emanzipation und Frauenarbeitsfrage her, vergleicht vormoderne und industrielle Arbeitsformen der Frau, erläutert, warum sich die Potentiale der Frauenarbeit nicht in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung entfalten konnten, zeigt die Lösung für das Problem auf und konkretisiert ihren Lösungsansatz. Hauptaussagen: Der Kampf um Frauenrechte sei Teil der 'Sozialen Frage'; die bürgerliche Frauenbewegung könne daran wenig ändern. In der vormodernen Gesellschaft seien Frauen im Haushalt produktiv gewesen, doch die Industrialisierung mache diese Tätigkeit unrentabel. Unternehmer nutzten kapitalistische Konkurrenzmechanismen, um Frauenlöhne, damit auch Männerlöhne, und mittels Kinderarbeit und Maschinenarbeit den Wert menschlicher Arbeit insgesamt zu drücken. Die negativen Folgen der Frauenarbeit (längere Arbeitstage, höhere Unternehmergewinne, Massenverarmung) verschwänden erst mit dem Ende des kapitalistischen Systems. Frauenarbeit solle keinesfalls abgeschafft werden; die Frauen müssten sich der sozialistischen Arbeiterpartei anschließen, die allein die Emanzipation der Arbeiter anstrebe.

2. Erläutern Sie mithilfe des Textes die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Modernisierungsprozesse im Deutschen Kaiserreich und beachten Sie dabei vor allem den Wandel der Rolle der Frau. Charakterisieren Sie im Anschluss die Position der Autorin zur Stellung der Frauen in der Arbeitswelt.

Lösung: Wirtschaftliche Merkmale der Hochindustrialisierung (mind. 3 Aspekte, z. B. Ablösung der Handarbeit durch Maschinenarbeit, Wachstum des sekundären Sektors, Wirtschaftsliberalismus mit Gewinnstreben und freiem Markt, Bevölkerungswachstum mit Landflucht/Städtewachstum, Aktiengesellschaften/Großbanken/Syndikate/Kartelle, neue Industriezweige wie Chemie/Elektro/Maschinenbau, nationaler Markt nach Reichsgründung, neue Dienstleistungsberufe). Gesellschaftliche Ausdifferenzierungen und prekäre Lebensbedingungen der Arbeiterschaft (mind. 3 Aspekte, z. B. sozialer Gegensatz Lohnarbeiterschaft-Unternehmer, eingeschränkte Möglichkeiten gegen ihre Situation zu kämpfen, Urbanisierung/Wohnraumknappheit, schlechte Wohnbedingungen, wirtschaftliche Unsicherheit durch Krisen der 1870er, später staatliche Reaktionen wie Sozialversicherungen, allmähliche Verbesserung der Löhne/Arbeitszeit, Massenkonsum). Veränderte Rolle der Frau (mind. 3 Aspekte, z. B. zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen in Fabriken/als Dienstmädchen, Monotonie und schlechte Bezahlung der Frauenarbeit, größere Selbstständigkeit und innerfamiliäre Mitsprache, Infragestellung des Patriarchats, Unterschiede zwischen Arbeiterklasse und Bürgertum, erste Arbeitsschutzbestimmungen 1878, Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins 1865, Spaltung der Frauenbewegung in bürgerliches und sozialistisches Lager, erste Erfolge trotz Ausschluss von 'höheren Berufen' bis 1914). Haltung der Autorin: sozialistisch, emanzipatorisch und antipatriarchalisch (mind. 3 Aspekte, z. B. sozialistisch geprägte Kritik an den Unternehmern, emanzipatorischer Standpunkt zu neuen Rollen durch Maschinenarbeit, antipatriarchalische Forderung nach Gleichberechtigung, marxistisches Vokabular, antibürgerliche Ablehnung der bürgerlichen Frauenbewegung, radikaler Standpunkt, dass Emanzipation nur im Sozialismus möglich sei, Forderung des Anschlusses an die sozialistische Arbeiterpartei).

3. Diskutieren Sie, inwiefern die berufliche Emanzipation der Frauen gegenwärtig verwirklicht ist.

Lösung: Argumente dafür, dass die berufliche Emanzipation heute weitgehend Realität ist (z. B. Frauen in vielen Berufsfeldern vertreten und karrierefähig, meist ökonomisch unabhängig vom Ehemann, gemeinsames gewerkschaftliches Engagement von Frauen und Männern, juristische Gleichstellung, gleiche Bildungsabschlüsse und -chancen, teils höhere Bildungsabschlüsse der Frauen, Frauen als Unternehmerinnen/Arbeitgeberinnen, gesetzliche Frauenquoten, gesetzliches Verbot schlechterer Entlohnung bei gleicher Qualifikation) stehen Argumente gegenüber, dass sie noch nicht vollständig umgesetzt ist (z. B. klassisches Rollenverständnis mit Frauen in Teilzeit als Hausfrau/Mutter, Männerdomänen in Handwerk/Bauwirtschaft, Frauen häufiger in schlecht bezahlten Berufen wie Pflege/Erziehung, Männerdominanz in akademischen Spitzenfeldern und Führungspositionen, Gender Pay Gap, niedrigere Renten für Frauen, Notwendigkeit gesetzlicher Frauenquoten, eingeschränkte Entfaltungsmöglichkeiten von Alleinerziehenden). Fazit: die berufliche Emanzipation hat sich seit Zetkins Zeit deutlich verändert, Frauen sind heute vielfach rechtlich gleichberechtigt und ökonomisch unabhängig, dennoch bestehen weiterhin gesellschaftliche Rollenmuster, die einer vollständigen Gleichberechtigung im Berufsleben entgegenstehen.

Darstellungsleistung (Struktur, Kohärenz, Belege, Fachsprache, sprachliche Richtigkeit)

Lösung: 20 Punkte: Text strukturiert sich schlüssig, stringent und gedanklich klar entlang der Aufgabenstellung (5 Punkte); bezieht beschreibende, deutende und wertende Aussagen schlüssig aufeinander (4 Punkte); belegt Aussagen durch angemessene und korrekte Nachweise/Zitate (3 Punkte); formuliert präzise und begrifflich differenziert unter Beachtung der Fachsprache (4 Punkte); schreibt sprachlich, syntaktisch und stilistisch sicher (4 Punkte).

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