Aufgabe 4 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg 2022
Thema: Kriegsende 1918, Versailler Vertrag und Weltwirtschaftskrise · Aus der Prüfung LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg (2022)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2022 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Leistungskurs
Aufgabenstellung:
1.
Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in gegliederter Form wieder. (20 Punkte)
2.
Erläutern Sie, wie sich die Politik in Deutschland 1917/18 entwickelte und unter welchen Umständen die Friedensverhandlungen von Versailles verliefen und zu welchen Ergebnissen sie führten. Arbeiten Sie danach Försters Position zum Friedensvertrag heraus und stellen Sie ihr die damalige ablehnende Haltung „rechtsgerichteter Parteien“ in Deutschland gegenüber. (36 Punkte)
3.
Beurteilen Sie, inwiefern der Versailler Vertrag auf lange Sicht „zur Absicherung des Friedens“ erfolgreich war. (22 Punkte)
[Hinweis: Für die Darstellungsleistung können höchstens 20 Punkte erzielt werden. Die Klausur umfasst insgesamt 100 Punkte.]
Materialgrundlage
Aus der Monografie „1919. Ein Kontinent erfindet sich neu“ von Birte Förster aus dem Jahr 2018:
[...] Zwei große Themen beherrschten die Verhandlungen über den Versailler Vertrag: die Frage der Gebietsabtretungen und die Frage der Verantwortung für den Krieg samt der Verpflichtung zur Wiedergutmachung. Beide Vorgänge entsprachen dem Kriegsrecht:
Gebietsabtretungen waren ebenso klassische Merkmale von Friedensschlüssen wie die Gepflogenheit, dass ein Kriegsverlierer die Kosten des Krieges übernahm. Um das zu legitimieren, musste zunächst einmal die Kriegsschuld festgestellt werden.
Aus der Tatsache, dass eine solche Feststellung existiert, kann also keine besondere Härte des Friedensvertrags geschlossen werden, wie das viele deutsche Zeitgenossen immer wieder getan haben. Im berüchtigten Artikel 231 war nicht einmal von Schuld die Rede, sondern dort stand, »dass Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Schäden und Verluste verantwortlich« seien. Auch bezüglich der Entmilitarisierung ist festzuhalten: Struktureingriffe, die den einstigen Feind friedensfähiger machen sollten, waren durchaus üblich.
Das, was in Deutschland später unter den Schlagworten »Kriegsschuldlüge« und »Diktatfrieden von Versailles« vor allem von rechtsgerichteten Parteien zur Dauerkritik an der Weimarer Republik genutzt wurde, war kriegsrechtlich gesehen eine Üblichkeit, keine skandalöse Gemeinheit. Das Vorgehen der großen Drei, deren wechselnde Koalitionen sehr gut in den Friedensverhandlungen für Deutschland sichtbar werden, entsprach also zunächst einmal den Gepflogenheiten – setzte damit aber auch keinen Neuanfang in der internationalen Politik.
Bei den Gebietsabtretungen waren sich Lloyd George und Wilson zumeist einig. Dass Elsass-Lothringen wieder an Frankreich fiel, war vollkommen unstrittig. Auseinandersetzungen gab es eher um das linksrheinische Deutschland. Frankreich wollte die Abtrennung dieser Gebiete schon bald nach Verhandlungsbeginn erzwingen und den Rhein zur Westgrenze Deutschlands machen. Der Oberbefehlshaber der französischen Armee, General Ferdinand Foch, strebte die Bildung mehrerer rheinischer Pufferstaaten an. Clemenceaus entsprechende Forderung vom 16. Februar 1919 vor dem Auswärtigen Ausschuss, die Grenzen von 1814 wiederherzustellen (auch das Saarland und die Südpfalz sollten an Frankreich gehen), war im Grunde der Versuch, einen Cordon sanitaire auch im Westen einzurichten. Mit der Autonomie, die Clemenceau den Bewohnern der beiden Regionen zusicherte, war es aber nicht ganz so weit her, denn das Gebiet sollte so lange besetzt gehalten werden, bis es bereit sei, sich mit Frankreich zu vereinigen.
Wilson und Lloyd George stellten sich jedoch quer zur französischen Lagebeurteilung. Sie teilten Clemenceau mit, dass sie allenfalls einer befristeten Besetzung als Druckmittel für die Bezahlung der Reparationsschuld zustimmen könnten. Im Gegenzug boten sie militärische Unterstützung an, sollte das Deutsche Reich »unprovoziert« Frankreich angreifen. Einen Bruch mit Großbritannien und Amerika wollte Clemenceau dann doch nicht riskieren, daher lenkte er ein. Clemenceau gab sich damit zufrieden, das Rheinland zu entmilitarisieren (auch dies eine Form von Puffer), wobei das linke Rheinufer und die Brückenköpfe auf fünfzehn Jahre besetzt bleiben durften. Innenpolitisch vermittelte er diese Lösung wie folgt: Er gehe davon aus, dass Deutschland der Reparationsschuld nicht werde nachkommen können und Frankreich dann dauerhaft das Rheinland besetzen könne.
Auch mit seinen Plänen für einen Pufferstaat an der Saar war Frankreich nicht erfolgreich. Das Gebiet wurde für fünfzehn Jahre dem Völkerbund unterstellt, danach sollte eine Volksabstimmung stattfinden mit den drei Optionen Anschluss an Frankreich, an Deutschland oder Autonomie. Frankreich wurde mit wirtschaftlichen Maßnahmen gewissermaßen entschädigt und erhielt das Eigentum an den Saargruben; für den Fall eines Wiederanschlusses an Deutschland erhielt das Deutsche Reich allerdings das Rückkaufsrecht.
Aus französischer Sicht waren dies ungeheure Zugeständnisse, doch ein Einvernehmen mit Großbritannien und den USA hatte Priorität für die französische Sicherheitspolitik. Beide sicherten Frankreich vertraglich zu, im Falle eines deutschen Angriffs zugunsten Frankreichs einzugreifen. Allerdings scheiterte Wilson auch mit diesem Abkommen im Kongress, und Großbritannien nahm seine Garantie daraufhin ebenfalls zurück. Clemenceau wurde deshalb in der französischen Öffentlichkeit scharf angegriffen, er galt nun als Verlierer statt als Sieger des Krieges.
Festzuhalten bleibt: Der Vertrag von Versailles hätte viel strenger ausfallen können, er wurde weniger zur Demütigung der Besiegten denn zur Absicherung des Friedens konzipiert. Bezüglich der Gebietsabtretungen vereitelten die Verbündeten die Maximalforderungen Frankreichs.
[...]
Bei den Reparationszahlungen änderte sich die Bündniskonstellation auf der Siegerseite, denn nun taten sich Lloyd George und Clemenceau zusammen. Gegen den Widerstand von Wilson setzten sie durch, dass die Unterlegenen für alle Kriegskosten und -schäden aufkommen sollten. Das war zugleich das wichtigste Wahlkampfversprechen, das der im Dezember 1918 mit satter Mehrheit wiedergewählte Lloyd George gegeben hatte, als er unter hohem innenpolitischen Druck stand. Die Reparationen nach Wilsons Modell hätten hauptsächlich eine Entschädigung für Frankreich und Belgien bedeutet, der amerikanische Präsident lenkte aber schließlich ein.
[...] Dabei hatten die Alliierten die Zahlungsfähigkeit Deutschlands durchaus im Blick – der Umfang der Zahlungen war gerade unter Finanzexperten nicht unumstritten und wurde beispielsweise vom britischen Ökonomen John Maynard Keynes scharf kritisiert.
Weder die deutsche Regierung noch die deutsche Öffentlichkeit wussten, was im Mai 1919 auf sie zukommen sollte. Sie hatten allerdings auf das 14-Punkte-Programm und das Selbstbestimmungsrecht der Völker gehofft. Der Theologe und Kulturwissenschaftler Ernst Troeltsch prägte dafür das Diktum, Deutschland habe sich im »Traumland der Waffenstillstandsperiode« befunden. Ausgerechnet auf den humanitären Idealismus der politischen Kultur des Westens setzte man, den man vier Jahre lang im Namen der »Ideen von 1914« bekämpft hatte. Am 7. Mai 1919 kam dann ein böses Erwachen – aus Sicht der Alliierten waren die Regelungen jedoch ein hart umkämpfter Kompromiss. [...]
Birte Förster: 1919. Ein Kontinent erfindet sich neu, Stuttgart 2018, S. 103–107. (Die Rechtschreibung und Zeichensetzung folgen dem Original.)
1.
2.
3.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in gegliederter Form wieder. (20 Punkte)
Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß Kriterienraster (max. 22 Punkte im Bewertungsschlüssel, 20 Punkte laut Aufgabenstellung).
2. Erläutern Sie, wie sich die Politik in Deutschland 1917/18 entwickelte und unter welchen Umständen die Friedensverhandlungen von Versailles verliefen und zu welchen Ergebnissen sie führten. Arbeiten Sie danach Försters Position zum Friedensvertrag heraus und stellen Sie ihr die damalige ablehnende Haltung „rechtsgerichteter Parteien“ in Deutschland gegenüber. (36 Punkte)
Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß Kriterienraster (36 Punkte).
3. Beurteilen Sie, inwiefern der Versailler Vertrag auf lange Sicht „zur Absicherung des Friedens“ erfolgreich war. (22 Punkte)
Lösung: Individuelle Erörterung und differenziertes Sach-/Werturteil gemäß Kriterienraster (max. 18 Punkte Argumentation + 4 Punkte Fazit).
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