Aufgabe 2 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg 2022

Thema: Rassenpolitik, Völkermord und Vergangenheitsbewältigung · Aus der Prüfung LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg (2022)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2022 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Leistungskurs

Aufgabe 2

Aufgabenstellung:

1.

Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes (Material 1) in gegliederter Form wieder. (22 Punkte)

2.

Erläutern Sie die ideologischen Grundlagen der nationalsozialistischen Rassenlehre und die einzelnen Phasen der Judenverfolgung im Dritten Reich von 1933 bis 1945. Arbeiten Sie danach heraus, welche möglichen Beteiligten der Text an der Planung und Ausführung des Massenmordes in Auschwitz nennt. (34 Punkte)

3.

Der Text in Material 2 umschreibt den Straftatbestand des Völkermordes, wie er heute definiert ist. Prüfen Sie mit Hilfe des Materials 2, inwiefern die im Text von Höß genannten Beteiligten aufgrund ihrer dort geschilderten Taten eine Schuld am Völkermord an den Juden tragen. (24 Punkte)

Hinweis: Weitere 20 Punkte entfallen auf die Darstellungsleistung (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte).

Material 1: Aus der Aussage von Rudolf Höß, dem Kommandanten des Konzentrationslagers Auschwitz, vor dem Polnischen Tribunal

1 [...] Im Sommer 1941 – den genauen Zeitpunkt vermag ich z. Zt. nicht anzugeben – wurde ich plötzlich zum Reichsführer SS nach Berlin befohlen und zwar direkt durch seine Adjutantur. Entgegen seiner sonstigen Gepflogenheit eröffnete er mir ohne Beisein eines Adjutanten dem Sinne nach folgendes: Der Führer hat die Endlösung der Judenfrage befohlen,

5 wir – die SS – haben diesen Befehl durchzuführen. Die bestehenden Vernichtungsstellen im Osten sind nicht in der Lage, die beabsichtigten großen Aktionen durchzuführen. Ich habe daher Auschwitz dafür bestimmt, einmal wegen der günstigen verkehrstechnischen Lage, und zweitens läßt sich das dafür dort zu bestimmende Gebiet leicht absperren und tarnen. Ich hatte erst einen höheren SS-Führer für diese Aufgabe ausgesucht; um aber Kompetenzschwierigkeiten

10 von vornherein zu begegnen, unterbleibt das, und Sie haben nun diese Aufgabe durchzuführen. Es ist eine harte und schwere Arbeit, die den Einsatz der ganzen Person erfordert, ohne Rücksicht auf etwa entstehende Schwierigkeiten. Nähere Einzelheiten erfahren Sie durch Sturmbannführer Eichmann vom RSHA, der in nächster Zeit zu Ihnen kommt. Die beteiligten Dienststellen werden von mir zu gegebener Zeit benachrichtigt.

15 Sie haben über diesen Befehl strengstes Stillschweigen, selbst Ihrem Vorgesetzten gegenüber, zu bewahren. Nach der Unterredung mit Eichmann schicken Sie mir sofort die Pläne der beabsichtigten Anlage zu. Die Juden sind die ewigen Feinde des deutschen Volkes und müssen ausgerottet werden. Alle für uns erreichbaren Juden sind jetzt während des Krieges ohne Ausnahme zu vernichten. Gelingt es uns jetzt nicht, die biologischen Grundlagen des

20 Judentums zu zerstören, so werden einst die Juden das deutsche Volk vernichten. Nach Erhalt dieses schwerwiegenden Befehles fuhr ich sofort nach Auschwitz zurück, ohne mich bei meiner vorgesetzten Dienststelle in Oranienburg gemeldet zu haben.

22 Kurze Zeit danach kam Eichmann zu mir nach Auschwitz. Er weihte mich in die Pläne der Aktionen in den einzelnen Ländern ein. [...] Er nannte mir auch ungefähre Zahlen der zu

25 erwartenden Transporte, die ich aber nicht mehr nennen kann. Wir besprachen weiter die Durchführung der Vernichtung. Es käme nur Gas in Frage, denn durch Erschießen die zu erwartenden Massen zu beseitigen wäre schlechterdings unmöglich und auch zu große Belastung für die SS-Männer, die dies durchführen müßten, im Hinblick auf die Frauen und Kinder.

30 Eichmann machte mich bekannt mit der Tötung durch die Motoren-Abgase in Lastwagen, wie sie bisher im Osten durchgeführt wurde. Dies käme aber für die zu erwartenden Massen-Transporte in Auschwitz nicht in Frage. Die Tötung durch Kohlenoxyd-Gas durch Brausen in einem Baderaum, wie die Vernichtung der Geisteskranken an einigen Stellen im Reich durchgeführt wurde, erfordere zu viel Baulichkeiten; auch wäre die Beschaffung des

35 Gases für die großen Massen sehr problematisch. Wir kamen in dieser Frage zu keinem Entscheid. [...]. Die Beauftragten Eichmanns in den einzelnen Ländern berichteten über den Stand der Aktionen und über die Schwierigkeiten, die der Durchführung der Aktionen entgegenstanden, wie Unterbringung der Verhafteten, Bereitstellung der Transport-Züge, Fahrplankonferenz u. ä. Den Beginn der Aktionen konnte ich noch nicht erfahren. Auch

40 hatte Eichmann noch kein geeignetes Gas aufgetrieben.

41 Im Herbst 1941 wurden durch einen geheimen Sonderbefehl in den Kriegs-Gefangenenlagern die russischen Politruks, Kommissare und besondere politische Funktionäre durch die Gestapo ausgesondert und dem nächstgelegenen Konzentrationslager zur Liquidierung zugeführt. In Auschwitz trafen laufend kleinere Transporte dieser Art ein, die durch Erschießen

45 in der Kiesgrube bei den Monopol-Gebäuden oder im Hof des Blocks 11 getötet wurden. Gelegentlich einer Dienstreise hatte mein Vertreter, der Hauptsturmführer Fritsch, aus eigener Initiative Gas zur Vernichtung dieser russischen Kriegsgefangenen verwendet und zwar derart, daß er die einzelnen im Keller gelegenen Zellen mit den Russen vollstopfte und unter Verwendung von Gasmasken Cyclon B in die Zellen warf, das den sofortigen

50 Tod herbeiführte. Das Gas Cyclon B wurde in Auschwitz durch die Firma Tesch u. Stabenow laufend zur Ungezieferbekämpfung verwendet, und es lagerte daher immer ein Vorrat dieser Gasbüchsen bei der Verwaltung. In der ersten Zeit wurde dieses Giftgas, ein Blausäurepräparat, [bei] uns durch Angestellte der Firma Tesch u. Stabenow unter größten Vorsichtsmaßnahmen angewandt, später wurden einige SDGS-Sanitätsdienstgrade als

55 Desinfektoren bei der Firma ausgebildet, und es haben dann diese die Gasverwendung bei der Entseuchung und Ungezieferbekämpfung durchgeführt. Beim nächsten Besuch Eichmanns berichtete ich ihm über diese Verwendung von Cyclon B, und wir entschlossen uns, bei der zukünftigen Massenvernichtung dieses Gas zur Anwendung zu bringen. [...]

Anmerkungen:

1 Rudolf Höß (1901 – 1947): SS-Obersturmbannführer; von Mai 1940 bis November 1943 Kommandant des Konzentrationslagers in Auschwitz. 1947 in Polen durch das Oberste Nationale Tribunal Polens zum Tode verurteilt.

2 z. Zt.: zur Zeit

3 Reichsführer SS: Heinrich Himmler

4 Adjutantur: Dienststelle zur Unterstützung Himmlers

5 Adolf Eichmann (1906 – 1962): SS-Obersturmbannführer, organisierte die Verfolgung, Vertreibung und Deportation von Juden

6 RSHA: Reichssicherheitshauptamt

7 Ab dem dritten Satz dieses Textes bis hin zu dieser Stelle zitiert Höß die Aussagen Himmlers.

8 Politruk: politischer Offizier einer sowjetischen Truppeneinheit

9 Karl Frit(z)sch (1903 – 1945): SS-Hauptsturmführer

10 Die Firma Tesch und Stabenow war ein deutsches Unternehmen, welches zuvor für Zyklon B ein Verkaufsmonopol besaß.

11 Den Lagerärzten waren sogenannte SS-Sanitätsdienstgrade (SDG) als Hilfspersonal zugeteilt.

Material 2: Aus dem „Völkerstrafgesetzbuch“ der Bundesrepublik Deutschland

§ 6 Völkermord

Wer in der Absicht, eine nationale, rassische, religiöse oder ethnische Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören,

1. ein Mitglied der Gruppe tötet,

2. einem Mitglied der Gruppe schwere körperliche oder seelische Schäden [...] zufügt,

3. die Gruppe unter Lebensbedingungen stellt, die geeignet sind, ihre körperliche Zerstörung ganz oder teilweise herbeizuführen,

4. Maßregeln verhängt, die Geburten innerhalb der Gruppe verhindern sollen,

5. ein Kind der Gruppe gewaltsam in eine andere Gruppe überführt, wird mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft.

[...]

1.

2.

3.

Aufgabenstellung: Aufgabe 2 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes (Material 1) in gegliederter Form wieder. (22 Punkte)

Lösung: Ausarbeitung gemäß den Kriterien zur Quellenanalyse (formale Einordnung, Thema, Kernaussage, gegliederter Gedankengang).

2. Erläutern Sie die ideologischen Grundlagen der nationalsozialistischen Rassenlehre und die einzelnen Phasen der Judenverfolgung im Dritten Reich von 1933 bis 1945. Arbeiten Sie danach heraus, welche möglichen Beteiligten der Text an der Planung und Ausführung des Massenmordes in Auschwitz nennt. (34 Punkte)

Lösung: Ausarbeitung zur NS-Rassenideologie, den vier Verfolgungsphasen und den im Text genannten Akteuren.

3. Der Text in Material 2 umschreibt den Straftatbestand des Völkermordes, wie er heute definiert ist. Prüfen Sie mit Hilfe des Materials 2, inwiefern die im Text von Höß genannten Beteiligten aufgrund ihrer dort geschilderten Taten eine Schuld am Völkermord an den Juden tragen. (24 Punkte)

Lösung: Ausarbeitung zur juristischen Schuldprüfung nach § 6 VStGB mit abschließendem differenziertem Fazit.

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