Aufgabe 1 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022
Thema: Industrialisierung, Gesellschaft und Frauenrolle im Kaiserreich · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2022)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2022 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Grundkurs
Aufgabe 1
Aufgabenstellung:
1.
Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in gegliederter Form wieder. [22 Punkte]
2.
Erläutern Sie die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse der,Zweiten Industriellen Revolution' im Deutschen Kaiserreich, wobei Sie vor allem den Wandel der Rolle der Frau beachten. Charakterisieren Sie danach das Frauenbild des Verfassers. [34 Punkte]
3.
Bewerten Sie die Position von Möbius aus der Perspektive der Gegenwart. [24 Punkte]
Hinweis: Für die Darstellungsleistung können bis zu 20 Punkte erreicht werden (Gesamt: 100 Punkte).
Materialgrundlage:
Paul Julius Möbius: Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes. Halle a. d. S. 1900/1903 (5. Aufl.), S. 27–29 und S. 43. (Rechtschreibung, Zeichensetzung und Hervorhebungen folgen dem Original.)
Aus der Abhandlung „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“ von Paul Julius Möbius¹:
1 [...] Nach alledem ist der weibliche Schwachsinn nicht nur vorhanden, sondern auch noth-
2 wendig, er ist nicht nur ein physiologisches Factum, sondern auch ein physiologisches Postu-
3 lat². Wollen wir ein Weib, das ganz seinen Mutterberuf erfüllt, so kann es nicht ein männli-
4 ches Gehirn haben. Liesse es sich machen, dass die weiblichen Fähigkeiten den männlichen
5 gleich entwickelt würden, so würden die Mutterorgane verkümmern, und wir würden einen
6 hässlichen und nutzlosen Zwitter³ vor uns haben. Jemand hat gesagt, man solle vom Weibe
7 nichts verlangen, als dass es „gesund und dumm“ sei. Das ist grob ausgedrückt, aber es liegt
8 in dem Paradoxon eine Wahrheit. Uebermässige Gehirnthätigkeit macht das Weib nicht nur
9 verkehrt, sondern auch krank. Wir sehen das leider tagtäglich vor Augen. Soll das Weib das
10 sein, wozu die Natur es bestimmt hat, so darf es nicht mit dem Manne wetteifern. Die moder-
11 nen Närrinnen sind schlechte Gebärerinnen und schlechte Mütter. In dem Grade, in dem die
12 „Civilisation“ wächst, sinkt die Fruchtbarkeit, je besser die Schulen werden, um so schlechter
13 werden die Wochenbetten, um so geringer wird die Milchabsonderung, kurz, um so untaug-
14 licher werden die Weiber. [...]
15 Die Aerzte haben sich vielfach über die Forderung der Weiber, zur Medicin zugelassen zu
16 werden, erregt.⁴ Vielleicht ist diese Sache nicht so wichtig. Einerseits ist nicht zu leugnen,
17 dass die weiblichen Geistesfähigkeiten zur Erlernung der Medicin ausreichen, und dass gele-
18 gentlich weibliche Aerzte, wenn sie gehörig geleitet und beaufsichtigt werden, nützlich sein
19 können [...], andererseits werden doch nur recht wenige Mädchen sich dem Studium zuwen-
20 den, immer weniger, je mehr die Sache an „Actualität“ verliert, und diese wenigen werden
21 solche sein, die für ihren weiblichen Beruf⁵ sowieso nicht recht tauglich sind. Also, wenn auch
22 die Medicin wie die Weiber selbst vom weiblichen Studium nicht viel Nutzen haben werden,
23 es kommt nicht sehr viel darauf an.
24 Viel wichtiger scheint mir das zu sein, dass die Aerzte sich eine klare Vorstellung von dem
25 weiblichen Gehirn- oder Geisteszustande verschaffen, dass sie die Bedeutung und den Werth
26 des weiblichen Schwachsinnes begreifen und dass sie alles thun, was in ihren Kräften steht,
27 um im Interesse des menschlichen Geschlechtes die widernatürlichen Bestrebungen der „Femi-
28 nisten“ zu bekämpfen. Es handelt sich hier um die Gesundheit des Volkes, die durch die Ver-
29 kehrtheit der „modernen Frauen“ gefährdet wird. Die Natur ist eine strenge Frau und bedroht
30 die Verletzung ihrer Vorschriften mit harten Strafen. Sie hat gewollt, dass das Weib Mutter
31 sei, und hat alle ihre Kräfte auf diesen Zweck gerichtet. Versagt das Weib den Dienst der Gat-
32 tung, will es sich als Individuum „ausleben“, so wird es mit Siechthum⁶ geschlagen. Leider
33 werden zugleich der Mann und die Nachkommenschaft gestraft. Unsere, der Aerzte Pflicht
34 ist es, hier zu rathen und zu warnen. Die Zukunft wird von uns Rechenschaft fordern. Sollen
35 wir uns über die Misshandlung der weiblichen Leber durch übertriebenes Schnüren⁷ aufregen,
36 die Misshandlung des weiblichen Gehirns aber ruhig mit ansehen?
37 Freilich, auch wenn alles dagegen gethan werden kann, wird das Uebel doch
38 bestehen bleiben, ja wahrscheinlich zunehmen. Denn es scheint eine Function der Civilisa-
39 tion zu sein. Wie die Stadtbevölkerung mit ihrer vorwiegenden Gehirnthätigkeit allmählich
40 unfruchtbar wird und ohne Zufluss vom Lande absterben würde, so scheint die Civilisation
41 überhaupt die Quellen des Lebens abzugraben und ein Volk wird schliesslich so civilisirt, dass
42 es nicht mehr leben kann und nur durch Barbarenblut wieder aufgefrischt werden kann. [...]
43 Aber, was soll man thun? Zuerst alles unterlassen, was dem Weibe als Mutter nachtheilig ist.
44 Da ist vor allem die Erziehung der Mädchen. Man hat geglaubt, etwas Gutes zu thun durch
45 Errichtung höherer Töchterschulen, in denen den Mädchen eine allgemeine Bildung beige-
46 bracht werden soll. Neuerdings möchte man sogar Mädchengymnasien haben, von denen der
47 Pfarrer Hansjakob⁸ sagt, sie seien so unnütz wie ein Kropf⁹. Das Beste wäre, die „höheren
48 Schulen“ sammt und sonders¹⁰ niederzureissen. Ihr Erfolg ist ohnedies gering, das Ueble aber
49 ist, dass in ihnen die Mädchen nervös und schwächlich werden. Sie lernen, was sie nicht brau-
50 chen, und bekommen dabei Kopfschmerzen, das aber, was sie brauchen, lernen sie nicht. [...]
¹ Paul Julius Möbius (1853–1907), Neurologe und Psychiater, behauptet zuvor, „Frauen hätten von Natur aus physiologisch bedingt eine geringere geistige Begabung als Männer. Er versteht den „Schwachsinn“ als schwachen, also geringeren Sinn und Verstand.
² physiologisches Factum: naturgegebene Tatsache; physiologisches Postulat: naturgegebenes Gebot
³ Zwitter: Lebewesen, das seinen geschlechtlichen Eigenschaften und Merkmalen nach sowohl männlich als auch weiblich ist.
⁴ Am 20. April 1899 waren Frauen im Deutschen Reich offiziell zum Medizinstudium zugelassen worden, worüber eine heftige Debatte zuvor und auch danach geführt wurde.
⁵ Gemeint ist hier die Rolle der Frau als Mutter und Hausfrau.
⁶ Siechthum: Krankheit, Leiden
⁷ Die Wespentaille galt bis ins 19. Jahrhundert hinein als weibliches Schönheitsideal. Mit Schnürkorsagen wurde diese hergestellt. Man befürchtete aber auch, dass durch zu enges Schnüren innere Organe beschädigt werden könnten.
⁸ Heinrich Hansjakob (1837–1916) war ein katholischer Geistlicher, der sich in eigenen Schriften gegen die Emanzipation der Frauen aussprach und für Frauen lediglich eine grundlegende Schulausbildung vorsah.
⁹ Kropf: knotige Vergrößerung der Schilddrüse
¹⁰ sammt und sonders: ohne Ausnahme
1.
2.
3.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in gegliederter Form wieder. (22 Punkte)
Lösung: Ausarbeitung einer strukturierten Textanalyse gemäß den Kriterien der amtlichen Lösungsvorgaben.
2. Erläutern Sie die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse der ,Zweiten Industriellen Revolution' im Deutschen Kaiserreich, wobei Sie vor allem den Wandel der Rolle der Frau beachten. Charakterisieren Sie danach das Frauenbild des Verfassers. (34 Punkte)
Lösung: Historische Einordnung und Erläuterung der Modernisierungsprozesse sowie Charakterisierung des Frauenbildes.
3. Bewerten Sie die Position von Möbius aus der Perspektive der Gegenwart. (24 Punkte)
Lösung: Kritische Urteilsbildung und Fazit auf Basis heutiger verfassungsrechtlicher und gesellschaftlicher Maßstäbe.
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