Aufgabe 4 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022
Thema: Kalter Krieg und Kubakrise · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2022)
Aufgabenstellung
Aufgabe 4
Materialgrundlage: Brief Nikita S. Chruschtschows an John F. Kennedy vom 26. Oktober 1962, in: Bernd Greiner: Kuba-Krise. 13 Tage im Oktober: Analyse, Dokumente, Zeitzeugen, München 1988, S. 319–323. (Rechtschreibung und Zeichensetzung folgen dem Original.)
Aus dem Brief Chruschtschows, des Regierungschefs der Sowjetunion, an den US-Präsidenten Kennedy vom 26. Oktober 1962:
Sehr geehrter Herr Präsident:
Ich habe Ihren Brief vom 25. Oktober erhalten. Aus Ihrem Brief gewinne ich den Eindruck, daß Sie eine gewisse Einsicht in die Lage haben, die entstanden ist, und ein Gefühl der Verantwortung. Ich weiß das zu würdigen.
Bislang haben wir bereits unsere Einschätzung der Vorgänge um Kuba öffentlich ausgetauscht, und jeder von uns hat seine Auslegung und seine Interpretation dieser Ereignisse vorgebracht. Daher liegt es meiner Ansicht nach auf der Hand, daß eine Fortsetzung des Meinungsaustauschs auf diese Entfernung – selbst in Form eines geheimen Briefwechsels – vermutlich dem nichts hinzufügen würde, was beide Seiten einander bereits gesagt haben.
Ich denke, wenn Ihnen tatsächlich am Wohlergehen der Welt gelegen ist, werden Sie mich richtig verstehen. Jedermann braucht Frieden: Sowohl Kapitalisten, sofern sie nicht den Verstand verloren haben, als auch um so mehr Kommunisten – Menschen, die nicht nur ihr eigenes Leben, sondern vor allem das Leben der Völker zu schätzen wissen. Wir Kommunisten sind grundsätzlich gegen Kriege zwischen Staaten und sind für die Sache des Friedens eingetreten, seit es uns gibt.
[…]
Wie können Sie also diese völlig falsche Interpretation geben, die Sie jetzt verbreiten, daß einige Waffen in Kuba Offensivwaffen sind, wie Sie sagen? Alle Waffen dort – das versichere ich Ihnen – sind defensiver Art; sie sind ausschließlich zu Verteidigungszwecken gedacht, und wir haben sie auf Bitten der kubanischen Regierung nach Kuba entsandt. Und Sie behaupten, es seien Offensivwaffen.
Aber, Herr Präsident, glauben Sie wirklich im Ernst, Kuba könnte einen Angriff auf die Vereinigten Staaten führen oder auch wir könnten zusammen mit Kuba vom kubanischen Territorium aus gegen Sie vorrücken? Glauben Sie das wirklich? Wie ist das möglich? Wir verstehen das nicht. Es hat mit Sicherheit keinerlei Neuentwicklung in der militärischen Strategie gegeben, die Anlaß zu der Annahme gäbe, daß es möglich wäre, auf diese Art und Weise vorzurücken. Und ich meine vorrücken, nicht vernichten; denn diejenigen, die vernichten, sind Barbaren – Menschen, die ihren Verstand verloren haben.
Ich denke, daß Sie keinen Grund haben, dies anzunehmen. Sie mögen uns mit Mißtrauen begegnen, aber Sie können in jedem Fall versichert sein, daß wir bei gesundem Menschenverstand sind und sehr wohl wissen, daß sie, wenn wir einen Angriff gegen sie führen, in gleicher Weise antworten werden. Aber auch Sie werden die Antwort erhalten, die dem entspricht, was Sie uns entgegenschleudern. Und ich denke, auch Sie wissen das. Unser Gespräch in Wien 1 gibt mir das Recht, in dieser Weise zu sprechen.
Es zeigt, daß wir gesunde Menschen sind, daß wir die Lage richtig erkennen und einschätzen. Wie könnten wir uns also die falschen Maßnahmen erlauben, die Sie uns nachsagen? Nur Wahnsinnige oder Selbstmörder, die selbst sterben und vor ihrem Tod die Welt vernichten wollen, könnten dies tun. Wir aber wollen leben, und keinesfalls wollen wir Ihr Land vernichten. Wir wollen etwas völlig anderes: Nämlich uns in friedlichem Streben mit Ihrem Land messen. Wir diskutieren mit Ihnen; wir haben Differenzen über ideologische Fragen. Aber nach unserer Vorstellung von der Welt sollten Fragen der Ideologie ebenso wie ökonomische Probleme mit anderen als militärischen Mitteln beigelegt werden; sie müssen in einer friedlichen Auseinandersetzung – oder wie man es in der kapitalistischen Gesellschaft interpretiert – durch Wettbewerb gelöst werden. Unsere Prämisse war und ist, daß die friedliche Koexistenz zwischen zwei unterschiedlichen sozialpolitischen Systemen – eine Realität in unserer Welt – von entscheidender Bedeutung ist und daß sie unentbehrlich ist, um Frieden dauerhaft zu sichern. Das sind die Grundsätze, an denen wir festhalten.
[…]
Sie sagten einmal, die Vereinigten Staaten bereiteten keine Invasion vor. Aber Sie haben auch erklärt, daß Sie mit den kubanischen konterrevolutionären Emigranten 2 sympathisieren, sie unterstützen und ihnen helfen werden, Ihre Pläne gegen die derzeitige Regierung Kubas auszuführen. Auch ist es für niemanden ein Geheimnis, daß die ständige Drohung eines bewaffneten Angriffs und bewaffneter Aggression über Kuba schwebte und weiterhin besteht. Nur dies hat uns veranlaßt, der Bitte der kubanischen Regierung nachzukommen, ihr unsere Unterstützung beim Ausbau ihrer Landesverteidigung zu gewähren.
[…]
Lassen Sie uns deshalb staatsmännische Klugheit beweisen. Ich schlage vor: Wir erklären unsererseits, daß unsere Schiffe mit Kurs auf Kuba keine Waffen an Bord haben. Sie erklären, daß die Vereinigten Staaten weder mit eigenen Truppen eine Invasion in Kuba durchführen werden noch andere Truppen unterstützen werden, die eine Invasion in Kuba planen könnten. Damit hätte sich die Präsenz unserer Militärexperten in Kuba erübrigt.
[…]
1 Gespräch in Wien: Am 3. und 4. Juni 1961 trafen sich im neutralen Wien zum ersten Mal Chruschtschow und Kennedy persönlich, um Spannungen im Kalten Krieg abzubauen.
2 konterrevolutionäre Emigranten: Gemeint sind die Exilkubaner in den USA, die auf eine Rückkehr nach Kuba mit Unterstützung der USA hoffen.
1.
Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in gegliederter Form wieder. [22 Punkte]
2.
Erläutern Sie, wie der Ost-West-Konflikt zwischen 1946 und 1949 begann, sowie die Etappen und die kurzfristigen Folgen der Kuba-Krise 1962. Stellen Sie danach die Sichtweise der USA in der Kuba-Krise der Sichtweise Chruschtschows gegenüber. [34 Punkte]
3.
Prüfen Sie mit Blick auf die Zeit nach der Kuba-Krise bis 1990, inwiefern sich Chruschtschows hier geäußerte Hoffnung erfüllt hat, dass es zukünftig eine „friedliche Koexistenz zwischen zwei unterschiedlichen sozialpolitischen Systemen“ in Ost und West geben könne. [24 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in gegliederter Form wieder.
Lösung: Verfasser: Nikita Chruschtschow, Regierungschef der Sowjetunion; Textsorte: diplomatisches Sendschreiben/Brief; Datum: 26. Oktober 1962; Adressat: US-Präsident Kennedy; Material: Quelle. Thema: der Weg zur Deeskalation der Kuba-Krise. Kernaussage: Kennedy solle einsehen, dass die Stationierung der Raketen auf Kuba ein defensiver Akt gewesen sei, und gemeinsam solle man an einer Lösung durch gegenseitige Zugeständnisse arbeiten.
2. Erläutern Sie, wie der Ost-West-Konflikt zwischen 1946 und 1949 begann, sowie die Etappen und die kurzfristigen Folgen der Kuba-Krise 1962. Stellen Sie danach die Sichtweise der USA in der Kuba-Krise der Sichtweise Chruschtschows gegenüber.
Lösung: 1946-1949: politischer und ideologischer Gegensatz zwischen Sowjetunion und Westen (Deutschlandpolitik, Systemgegensätze, Blockbildung NATO/OEEC-RGW, Berlin-Blockade, Zwei-Lager-Theorie). Etappen der Kuba-Krise: heimliche Stationierung sowjetischer Atomwaffen, Entdeckung durch US-Aufklärung, Fernsehansprache Kennedys, Seeblockade, diplomatischer Austausch. Kurzfristige Folgen: Abzug der Raketen aus Kuba, Verzicht der USA auf Invasion, heimlicher Abzug der Jupiter-Raketen aus der Türkei, Einrichtung des 'roten Telefons', erste Rüstungsbegrenzungen (Atomteststopp-Abkommen 1963). Chruschtschows Sicht: defensive, friedenssichernde Maßnahme, Appell an gegenseitige Zugeständnisse. US-Sicht: provozierender, aggressiver, heimlicher Akt zur Veränderung des Status quo, der die behauptete 'friedliche Koexistenz' widerlegt.
3. Prüfen Sie mit Blick auf die Zeit nach der Kuba-Krise bis 1990, inwiefern sich Chruschtschows hier geäußerte Hoffnung erfüllt hat, dass es zukünftig eine „friedliche Koexistenz zwischen zwei unterschiedlichen sozialpolitischen Systemen“ in Ost und West geben könne.
Lösung: Für die Erfüllung sprechen: Phase der Entspannung nach der Kuba-Krise bis in die 1970er Jahre ('Rotes Telefon'), Abrüstungsverhandlungen (Atomteststopp-Abkommen, Atomwaffensperrvertrag, SALT I/II, INF), KSZE-Konferenz mit Vereinbarungen zu Menschenrechten und wirtschaftlicher Zusammenarbeit, friedlicher kultureller/sportlicher/ökonomischer Austausch, Deeskalation durch Glasnost und Perestroika unter Gorbatschow bis zu den Reagan-Gorbatschow-Treffen. Dagegen sprechen: fortgesetzte Hochrüstung (Neutronenbombe, Stealth-Flugzeuge), weiterhin bestehende Stellvertreterkriege (Vietnam, Afghanistan), verdeckte Interventionen und Agententätigkeit beider Seiten, Einmarsch sowjetischer Truppen in der Tschechoslowakei 1968, Beibehaltung aggressiver Strategien und Rhetorik ('Reich des Bösen', Breschnew-Doktrin), Verschärfung im 'Second Cold War' (NATO-Doppelbeschluss). Fazit: Die Hoffnung erfüllte sich in Phasen (keine direkte militärische Konfrontation der Supermächte mehr), aber nicht dauerhaft und vollständig, da Stellvertreterkonflikte und Wettrüsten fortbestanden; mit dem Auflösungsprozess der Sowjetunion erübrigte sich die Frage schließlich.
Darstellungsleistung (Struktur, Argumentation, Belege, Fachsprache, Sprachrichtigkeit)
Lösung: Der Text ist schlüssig und stringent strukturiert, bezieht sich konsequent auf die Aufgabenstellung, verbindet beschreibende, deutende und wertende Aussagen schlüssig, belegt Aussagen durch korrekte Nachweise (Zitate), formuliert präzise und fachsprachlich differenziert sowie sprachlich, grammatisch und orthografisch korrekt.
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