Aufgabe 1 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: Imperialismus, Kolonialpolitik und aggressiver Nationalismus · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021)
Aufgabenstellung
Aufgabenstellung:
1.
Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in strukturierter Form wieder. (22 Punkte)
2.
Erläutern Sie die außenpolitischen, wirtschaftlichen und ideologischen Hintergründe des deutschen Imperialismus von den 1880er Jahren bis zur Entstehungszeit des Textes, soweit sie zum Verständnis des Textes erforderlich sind. Charakterisieren Sie danach Rohrbachs Haltung zur kolonialisierten Bevölkerung. (34 Punkte)
3.
Setzen Sie sich mit der folgenden heutigen Auffassung auseinander und beziehen Sie dabei Rohrbachs Aussagen über die Bevölkerung der Kolonien ein: „Wir sehen die außereuropäische Welt nach wie vor mit dem imperialen Auge und behandeln ihre Bewohner nicht viel besser als in der Kolonialzeit.“ (24 Punkte)
Hinweis zur Darstellungsleistung: Für die sprachliche und argumentative Darstellungsleistung werden bis zu 20 Punkte vergeben (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte).
Materialgrundlage
Paul Rohrbach: Deutsche Kolonialwirtschaft. Kulturpolitische Grundsätze für die Rassen- und Missionsfragen. Berlin-Schöneberg 1909, S. 10 – 14. (Rechtschreibung, Zeichensetzung und Hervorhebungen folgen dem Original.)
Zitat in Aufgabe 3 aus: Bartholomäus Grill: Wir Herrenmenschen. Unser rassistisches Erbe: Eine Reise in die deutsche Kolonialgeschichte. 3. Aufl. München 2019, hier: S. 19.
Aus dem Buch „Deutsche Kolonialwirtschaft. Kulturpolitische Grundsätze für die Rassen- und Missionsfragen“ von Paul Rohrbach (1909):
[...] Man braucht die Tatsächlichkeit der mancherlei Missionsberichte über „erweckte“ und geistig geförderte Neger im einzelnen Falle gar nicht direkt anzuzweifeln, wiewohl hier erfahrungsmäßig genug fromme Selbsttäuschung der Missionsarbeiter mit unterläuft – aber selbst wenn es gelingt, einzelne besonders ausgewählte und einem langen intensiven Erziehungs- und Beeinflussungsprozeß unterworfene Individuen einer an sich niederen Rasse soweit zu entwickeln, daß ihr moralisches Niveau an das der weißen Rasse heranzureichen scheint, so ist damit natürlich nicht das geringste für den Vergleich von Rasse zu Rasse bewiesen. Ein solcher kann nur auf Grund zahlreicher und lange fortgesetzter Beobachtungen des Massendurchschnitts oder auf Grund von historisch-politischen oder ökonomischen Vergleichen ganzer Perioden erfolgen. [...]
Für die Betrachtung nationaler Kulturaufgaben in unseren afrikanischen Kolonien muß also die Tatsache, daß der Neger Repräsentant einer niedrigeren Rasse als die unserige ist, den Ausgangspunkt bilden, und zwar in moralisch-politischer, wie in ökonomisch-kultureller Beziehung. Weiter müssen wir uns darüber klar sein, daß das Ziel jeder praktischen Kolonisationsarbeit die wirtschaftliche Nutzbarmachung der in Besitz genommenen Gebiete zugunsten der besitzenden Nation bildet. Die beiden Grundfragen der Kolonialwirtschaft in diesem Sinne sind die der Bodennutzung auf der einen, der Eingeborenennutzung auf der anderen Seite. Wenn daher unter anderem die Aufgabe dieser Kolonisation auch dahin erklärt wird, sie solle den allgemeinen Kulturstand des Landes heben, die Eingeborenen zivilisieren, sie sittlich entwickeln usw., so kann dergleichen immer nur unter der Voraussetzung verstanden werden, daß damit jenem oben genannten eigentlichen und Hauptzweck gedient wird. Religiöse, humanitäre und überhaupt sittliche Erwägungen können z. B. vom Standpunkt einer Missionsgesellschaft aus sicher den Selbstzweck einer Tätigkeit in den Kolonien bilden; für eine Kolonialwirtschaft können sie das aber in keiner Weise sein, ebensowenig wie für irgend eine andere politische oder ökonomische Organisation der Welt. Natürlich ist damit nicht gesagt, daß Kolonisation und Moral nichts miteinander zu tun hätten, oder daß sie an sich gegensätzlicher Natur seien. Kolonisieren ist eine zugleich staatliche und wirtschaftliche Tätigkeit, und ebensowenig wie das gesamte Staats- und Wirtschaftsleben sich dauernd gesund entwickeln kann, wenn die staats- und wirtschaftsbildenden Faktoren die Normen der allgemeinen menschlichen und historischen Sittlichkeit außer acht lassen, so gut müssen diese Gebote auch die Methode und den Vorgang des Kolonisierens maßgebend beeinflussen. Wir haben gesehen, daß nur vollkommene Harmlosigkeit oder unbelehrbarer Dogmatismus die Rassenfrage in Afrika mit dem Satz abtun können: „Die Schwarzen sind Menschen wie wir.“ Wir sind der Überzeugung, daß sie das durchaus nicht sind, weder in dem Sinne, daß gegenwärtig Volkstum oder Einzelpersönlichkeit bei ihnen so hoch bewertet werden könnten wie bei uns, noch in dem weiteren Verständnis, daß ihnen als unvermischter Rasse für absehbare Zeit eine derartige Entwicklungsfähigkeit zugestanden werden könnte, daß sie durch diese imstande wären, voll die Daseinsstufe der weißen Rasse zu gewinnen. Wenn jemand aber diese zunächst bloß negative Erkenntnis lediglich dahin interpretieren wollte, daß dem Eingeborenen das Menschentum im wesentlichen überhaupt abzusprechen und er nur als lebendige Arbeitsmaschine zur Gütererzeugung zu betrachten sei, so wäre das vom sittlichen wie vom praktischen Standpunkt aus gleich verwerflich. Wo humane Erwägungen und das Bewußtsein der sittlichen Fürsorgepflicht gegenüber den Unterworfenen schlechthin ausgeschaltet werden, da entstehen derartige Zustände, wie sie unter dem Namen der Kongogreuel zu einer trotz aller mit untergelaufenen tendenziösen Übertreibungen immer noch beklagenswerten Notorietät gelangt sind. [...]
Unsere Kolonisation in Afrika steht vor der Aufgabe, sich mit der untergeordneten Rasse, die wir im Besitz der vorhandenen wirtschaftlichen Produktionsmittel, des Grund und Bodens und der Arbeitskraft finden, in doppeltem Sinne auseinander zu setzen: derart, daß erstens die in den Eingeborenen steckende physische Leistungsfähigkeit mit dem größtmöglichen Nutzeffekt für die kolonisierende Nation zur Verwendung gelangt, und daß zweitens gleichzeitig eine möglichst weitgehende Entwicklung der den afrikanischen Stämmen innewohnenden allgemeinen Fertigkeiten nach der Richtung hin stattfindet, daß sowohl unsere nationalen Interessen als auch das Recht der Eingeborenen auf die Erreichung einer ihrer Stufe des Menschentums entsprechenden Daseinsform gewahrt bleiben. Auf der einen Seite ist dabei die Gefahr zu vermeiden, daß bei den Eingeborenen infolge einer falschen „kulturellen“ Beeinflussung die Idee entsteht, ihre gehobenen Fertigkeiten und ihre physische Mehrkraft gegenüber den Kolonisatoren eines Tages zu deren gewaltsamer Vernichtung zu benutzen, auf der anderen Seite aber die, daß an Stelle ihrer moralischen und materiellen Förderung ihre bloße brutale Unterdrückung und Ausbeutung gesetzt wird. Zwischen diesen beiden gleich verkehrten und gleich schädlichen Extremen wird sich unsere afrikanische Kolonialpolitik ihren Weg suchen müssen. [...]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in strukturierter Form wieder. (22 Punkte)
Lösung: Strukturierte Textanalyse gemäß den Vorgaben der amtlichen Kriterien.
2. Erläutern Sie die außenpolitischen, wirtschaftlichen und ideologischen Hintergründe des deutschen Imperialismus von den 1880er Jahren bis zur Entstehungszeit des Textes, soweit sie zum Verständnis des Textes erforderlich sind. Charakterisieren Sie danach Rohrbachs Haltung zur kolonialisierten Bevölkerung. (34 Punkte)
Lösung: Umfassende historische Einordnung der Hintergründe und Charakterisierung von Rohrbachs Haltung.
3. Setzen Sie sich mit der folgenden heutigen Auffassung auseinander und beziehen Sie dabei Rohrbachs Aussagen über die Bevölkerung der Kolonien ein: „Wir sehen die außereuropäische Welt nach wie vor mit dem imperialen Auge und behandeln ihre Bewohner nicht viel besser als in der Kolonialzeit.“ (24 Punkte)
Lösung: Differenzierte Erörterung und begründetes Fazit zu Grills These im Vergleich zu Rohrbachs Position.
Die ausführliche Erklärung Schritt für Schritt (mit KI) gibt es mit Premium. Premium
Löse sie direkt hier: automatische Korrektur, Hinweise und Lösung Schritt für Schritt.
‹ Aufgabe 3 · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021