Aufgabe 3 - Teilaufgabe 1 · Abitur NRW Evangelische Religion GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

Thema: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2022)

Aufgabenstellung

M 1

Anne Strotmann

Die Religion und der Klimawandel

1 Was, wenn wir aufhören würden, uns was vorzumachen? Diese Frage stellt sich der Schriftsteller Jonathan Franzen in seinem Essay „What if we stopped pretending?“ im New Yorker. Der Kampf gegen den Klimawandel sei realistisch betrachtet aussichtslos. Seit dreißig Jahren ist der Ernst der Lage klar – geändert hat sich aber nicht viel. Das liege, so Franzen, an der 5 menschlichen Natur, die lieber in der – noch relativ heilen – Gegenwart als in der bedrohlichen Zukunft lebt, die sowohl individuell wie kollektiv tödlich enden wird. […]

Die Kulturwissenschaftlerin Eva Horn hat sich mit den apokalyptischen Bildern und Narrativen der Gegenwart auseinandergesetzt. Sie bescheinigt der Gesellschaft sogar eine gewisse Lust, ein uneingestehbares Begehren nach der Katastrophe, weil viele sich danach sehnten, 10 dass die Kompliziertheiten der Welt geklärt und das Wesentliche offenbar werde. Eine seltsame Faszination gehe vor allem von der Vorstellung einer „Zukunft ohne Menschen“ aus, wie der Titel einer Dokufiktionsserie lautet. Wenn die Menschen erst mal verschwunden sind, wird die Natur sich den Raum zurückerobern. […]

15 In der Popkultur, vor allem in Spielfilmen, hält sich aber auch das Motiv des Überlebens der letzten Menschen: Im totalen Zusammenbruch der Zivilisation und angesichts von Ressourcenknappheit offenbart sich – wenig schmeichelhaft – das wahre Wesen des Menschen in martialischen Überlebenskämpfen. […]

Kennzeichnend für die religiöse Rede von Apokalypse ist nicht in erster Linie die spektaku- 20 läre Zerstörung, sondern das Aufscheinen einer Offenbarung. […]

Hoffen gegen alle Prognosen ist das Markenzeichen des Christentums. Und natürlich ist jede Anstrengung zum Klimaschutz sinnvoll, weil die verheerenden Konsequenzen der Erderwärmung dann vielleicht weniger hart und später über die Menschheit hereinbrechen. Doch falsche Hoffnungen zu wecken, und sei es aus pädagogischen Gründen, kann in der Öko-Krise 25 sogar schädlich sein, schreibt Franzen. Etwa wenn begrenzte Ressourcen in Megaprojekte für erneuerbare Energien gesteckt werden, die im schlechtesten Fall ihrerseits intakte Ökosysteme zerstören. „Der totale Krieg gegen den Klimawandel war nur so lange sinnvoll, wie wir ihn gewinnen konnten. Sobald man akzeptiert, dass wir ihn verloren haben, werden andere Arten des Vorgehens bedeutsamer“, lautet Franzens These. Denn dann kann man sich ernsthaft auf 30 die Konsequenzen vorbereiten: massive Ernteausfälle, riesige Brände, implodierende Volkswirtschaften, unvorstellbare Überschwemmungen, Millionen Flüchtlinge aus unbewohnbar gewordenen Regionen […].

Wenn sich daher die Kirchen sinnvoll theologisch in die Aushandlung der Zukunftsvisionen einbringen wollen, müssen sie das mit einem plausiblen Gottesbild tun, das sich an der Pro- 35 zesstheologie 1 und dem Panentheismus 2 orientiert und den Blick auf die verborgene Gegenwart Gottes in allen Dingen lenkt, besonders auf die nichtmenschliche Natur.

Mit dem diffusen moralischen Appell von der „Bewahrung der Schöpfung“ ist es nicht getan. Diese Floskel erweckt den Eindruck, dass alles in gutem Zustand ist, der so bleiben soll. Eine Theologie für die Zukunft muss Überlegenheits- und Herrschaftsansprüche (Mensch über 40 Tier, Mann über Frau, Reiche über Arme, Weiße über People of Color) als Gewaltquellen kritisieren und in ihrer eigenen Tradition nach blinden Flecken suchen. Das geschieht auch schon, wenn auch nicht konsequent genug. […]

Wie also heute von Hoffnung reden? Franzen schlägt vor, ein „ausgeglicheneres Hoffnungsportfolio“ anzulegen, mit kurzfristigen und langfristigen Zielen, man solle „sich bemühen, 45 die Dinge zu retten, die man selbst ganz konkret liebt – eine Gemeinschaft, eine Institution, einen wilden Ort, eine Spezies […, so] dass in der Zukunft – auch wenn sie zweifellos schlechter als die Gegenwart wird – manche Dinge auch besser sein könnten“. Tut man dem Schriftsteller Unrecht, wenn man diesen Rat religiös so formuliert, wie es die Mystiker empfehlen: Gott in allen Dingen suchen?

(Die Auslassungen im Text stören den Gedankengang nicht; es fehlen lediglich zusätzliche Aspekte.)

Anne Strotmann arbeitet als katholische Religionspädagogin und Journalistin.

1 Prozesstheologie: Für die Prozesstheologie stehen Gott und Welt in einer echten und wechselseitigen Beziehung zueinander und beeinflussen sich gegenseitig im Sinne ständiger Veränderung.

2 Panentheismus: Auffassung, nach der „das All“ oder „alles“ „in Gott“ existiert

M 2

Manfred Rekowski

Christliche Hoffnung kennt keine Begrenzung

1 Hoffnung ist uns zugesagt. Unsere eigenen Möglichkeiten markieren nicht die Grenzen dessen, was Christenmenschen hoffen. […]

Diese Hoffnung brauchen wir in der gegenwärtigen gesellschaftlichen, politischen und kirch- 5 lichen Situation. Verstärkte Veränderungsbereitschaft ist allenthalben gefragt. Hoffnung ist uns zugesagt. So entstehen Reformationen, Veränderungen in der Kirche und Transformationen in der Gesellschaft.

Zum kirchlichen Auftrag gehört es nach meinem Verständnis, Hoffnungsgeschichten zu er- 10 zählen und so immer wieder zu begründen, worauf und warum wir hoffen. […]

Die Bibel erzählt: Gott ruft immer wieder aus dem Nichts ins Leben. Gottes Geheimnis ist auch im Scheitern zu entdecken. Erklären kann man nicht, warum Menschen, die in ihrem Leben immer wieder die Macht des Todes zu spüren bekommen und die Abgründigkeit der Welt erleben, bis zum heutigen Tage sagen: Ich glaube an den auferstandenen Gekreuzigten. 15 Das kann man sich nicht selber sagen, das kann man sich nicht einreden. Dieser Glaube wird einem geschenkt: Davon lebt der christliche Glaube. Allem Augenschein zum Trotz hoffen und glauben Christinnen und Christen, dass Gott das Leben will und neues Leben schafft. Von ihm erwarten sie, dass er verschlossene Türen öffnet und aus Sackgassen herausführt. Wenn wir das aber erst nach dem Tod erwarteten, dann müssten wir wohl wirklich alle Hoff- 20 nungen begraben. Ich glaube, dass Gott das Leben schon im Hier und Jetzt will. Der christliche Glaube lebt aus den Verheißungen Gottes, die in beiden Teilen der Bibel die Verwandlung und Neuschöpfung der Welt in Aussicht stellen. Diese Verheißungen sind keine Vertröstungen, sondern Quellen der Hoffnung und ein beständiger Anstoß, sich in der Welt dafür einzusetzen.

Dieser Glaube verändert das Leben. Er gibt Menschen die Kraft, den Feinden des Lebens ent- 25 gegen zu treten. Er gibt Menschen die Kraft, auch gegen die zu kämpfen, die im Namen von Religion Tod und Elend in die Welt tragen. Dieser Glaube gibt Menschen auch in Zeiten einer weltweiten Pandemie, die direkt oder indirekt erhebliche Auswirkungen auf viele Lebensbereiche hat, die Kraft, Ohnmacht auszuhalten, sie zu tragen und zu ertragen. […]

Wir leben in einer Welt, in der nicht nur Säbelrasseln erklingt, sondern Bomben, Granaten 30 und Raketen vielen Menschen den Tod bringen. Wir erleben derzeit, wie aus dem schleichenden Klimawandel eine Klimakatastrophe wird. Wir leben in einer Kirche, die als Teil der unerlösten Welt manchmal kein gutes Bild abgibt und die reformbedürftig ist. So hat sie, um nur ein Beispiel zu nennen, noch nicht gründlich genug erfasst, dass die strenge Unterscheidung zwischen real und digital nicht dem Wirklichkeitsverständnis und dem Erleben moderner Menschen entspricht. So sind digitale Begegnungen durchaus sehr real.

35 Deshalb bin ich ganz sicher: Der Blick auf die sinkende Zahl der Kirchenmitglieder in unserem Land und auf kleiner werdende Ressourcen entscheidet nicht darüber, ob wir noch Hoffnung für unser Leben und unsere Welt haben könnten. Nein: Wenige bewegen – von Hoffnung angesteckt – ganz viel. Menschen wachsen über sich hinaus – unsere Kirche wächst über sich hinaus.

(Die Auslassungen im Text stören den Gedankengang nicht; es fehlen lediglich zusätzliche Aspekte.)

Manfred Rekowski ist ein evangelischer Theologe.

1. Stellen Sie die zentralen Gedanken der Textauszüge von Anne Strotmann und Manfred Rekowski dar und arbeiten Sie heraus, wie in beiden Texten jeweils verantwortliches christliches Handeln verstanden wird. (26 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe 3 - Teilaufgabe 1 · Abitur NRW Evangelische Religion GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

Lösung

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1. Stellen Sie die zentralen Gedanken der Textauszüge von Anne Strotmann und Manfred Rekowski dar und arbeiten Sie heraus, wie in beiden Texten jeweils verantwortliches christliches Handeln verstanden wird.

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