Aufgabe 1 - Teilaufgabe 1 · Abitur NRW Evangelische Religion GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

Thema: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2022)

Aufgabenstellung

Fernando Enns

Schalom und Eirene – Frieden aus christlicher Perspektive

„Friede sei mit Euch!“ – in den Zeugnissen des Alten wie des Neuen Testaments ist dies der

alltägliche Gruß. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines

Wohlgefallens“, so loben die Engel bei der Geburt Jesu (Lk 2,14). Es ist der Anbruch eines

umfassenden Friedens, den Gott selbst in seiner Menschwerdung – zur Menschwerdung der

5 Menschen – verwirklicht. Die Botschaft dieses „Friedefürsten“ ist der Anbruch des Reiches

Gottes, eine neue Wirklichkeit, die nun allen Menschen offensteht. Im Leben, Sterben und

Auferstehen Jesu verwirklicht sich dieses Reich Gottes. „Friede sei mit Euch“ sagt der auf-

erstandene Christus, als er wieder in den Kreis seiner Jünger tritt. „Wie mich der Vater ge-

sandt hat, so sende ich euch“ (Joh 20,21). Der Auftrag, entsprechend dieser neuen Realität

10 zu leben, geht vom Auferstandenen auf seine Jünger über. – Damit ist der unbedingte Frie-

densauftrag der Kirche gegeben.

Dieser Friede knüpft weniger an den griechischen Begriff der eirene 1 an, als vielmehr an

das hebräische Verständnis vom schalom 2. Schalom umfasst weit mehr als die Abwesenheit

von Krieg. Schalom beschreibt einen Zustand des Ganzseins, Heilseins, der Gerechtigkeit:

15 Befreiung von Unterdrückung und Recht für die Armen und Flüchtlinge. Schalom meint ge-

lingendes Leben in lebensfördernden Beziehungen zwischen Gott und Mensch, zwischen

Menschen und innerhalb der gesamten Schöpfung. Schalom ist der verheißene, der gerechte

Friede Gottes.

Bereits mit den großen Friedensvisionen der Hebräischen Bibel ist die gegenseitige Bedingung

20 von Frieden und Gerechtigkeit gegeben […]. Hieran knüpft die Botschaft vom Reich Gottes

im Neuen Testament an: „Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtig-

keit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist“ (Röm 14,17).

In der Bergpredigt Jesu (Mt 5–7) wird dies weiter konkretisiert als Entfaltung eines Lebens im

Sinne des Reiches Gottes. Es werden „selig“ gesprochen, die Leid tragen, sie sollen getröstet

25 werden; die es nach Gerechtigkeit „hungert und dürstet“ sollen satt werden; die Verfolgten

werden dieses Reich „besitzen“. Es ist den Sanftmütigen, den Barmherzigen und den Friedfer-

tigen verheißen. Hierbei spielt die „bessere Gerechtigkeit“ eine entscheidende Rolle. Jesus

legt die Gebote der Hebräischen Bibel nach ihrer eigentlichen Intention aus: Nicht nur „nicht

töten“, sondern auch nicht zürnen; nicht nur „nicht ehebrechen“, sondern den Partner/die Part-

30 nerin einer anderen nicht „begehren“; nicht nur „nicht schwören“, sondern stets bei der Wahr-

heit bleiben; nicht Gleiches mit Gleichem vergelten, sondern gewaltfrei den anderen in seiner

Ungerechtigkeit überführen, indem man die rechte Wange hinhält, zum geforderten Rock

gleich den Mantel mit hinzu gibt und freiwillig auch noch die zweite Meile mitgeht. Und

schließlich nicht nur „die Nächsten zu lieben“, sondern sogar die Feinde – weil Gott selbst

35 diese Liebe ist und sie keinem Menschen vorenthält oder entzieht.

Das kann nicht ohne Wirkung auf die Gesellschaft bleiben: Als „Salz der Erde“ und „Licht

der Welt“ wird sich dieser gerechte Friede ausbreiten. – Ein Leben für Gerechtigkeit und Frie-

den ist somit kein Selbstzweck, sondern zielt auf die Verwirklichung des Reiches Gottes mit-

ten in dieser ungerechten Welt voller Gewalt und Krieg.

40 Zu solchem Frieden gehört freilich auch ein wirtschaftliches Verhalten, das den gängigen

ökonomischen Weisheiten widerspricht: „Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab

von dem, der etwas von dir borgen will“ (Mt 5,42). Die Bergpredigt warnt davor, materielle

Schätze zu sammeln und sich um sie zu sorgen: „Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein

Herz“ (Mt 6,21).

45 Die neutestamentlichen Zeugnisse gehen davon aus, dass ein neues Leben in diesem gerech-

ten Frieden durch das Kommen Gottes in die Welt – in Jesus von Nazareth – tatsächlich zur

Möglichkeit geworden ist (Lk 4 zitiert Jes 61).

Dieser Anspruch Jesu war damals bereits eine Provokation für die religiösen Autoritäten und

ist es bis heute geblieben. In der Kirchengeschichte sind vielfältige Versuche zu beobachten,

50 dieser Provokation auszuweichen. Womöglich sollte durch die Radikalität der Aussagen

schlicht der menschliche Stolz gebrochen werden und die Erkenntnis reifen, dass wir alle

„sündig“ sind. Vielleicht gelten diese Lebensregeln nur für einige Auserwählte (Ordens-

leute 3)? Verschiedene Auslegungen haben auch versucht, die „bessere Gerechtigkeit“ in

einen individuellen, geistigen Bereich zu verbannen. Womöglich stand Jesus ja ohnehin das

55 nahe Ende dieser Welt vor Augen, so dass wir hier von einer „Interimsethik 4 “ auszugehen

hätten. „Mit der Bergpredigt ist kein Staat zu machen!“ 5 – Die Provokation ist bis heute ge-

blieben.

Einen großen Einschnitt in der Interpretation dieser Friedensbotschaft bildet der Übergang

von der verfolgten Kirche zur Staatsreligion (4./5. Jh.). Erst hier waren theologische Recht-

60 fertigungen des Kriegführens notwendig geworden: die „Lehre vom gerechten Krieg“, die

immer ausdifferenzierter entfaltet wurde. Erst hier wurde eine Staatsethik unter Berufung auf

Röm 13 entwickelt: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es

ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet“. So

hatte Paulus die Stellung der – freilich unterdrückten und verfolgten – ChristInnen im Staat

65 beschrieben. Wie verführerisch die „Heiligsprechung“ des Staates dann für Kirchen in Macht-

und Mehrheitspositionen wurde, zeigen die Auswirkungen in Schwertmissionen und Kreuz-

zügen, bis ins 20. Jh., als Christen bereit waren, für ihren Nationalstaat (!) zu töten.

Nach den kriegerischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts begann ein erneutes Suchen unter

den ehemaligen Staatskirchen. In der ökumenischen Bewegung hat sich mittlerweile ein Ver-

70 ständnis des „Gerechten Friedens“ als neues sozialethisches Paradigma 6 etabliert. Weltweit

fragen Kirchen jetzt, was es bedeuten könnte, „Kirche des Gerechten Friedens“ zu werden.

Sie gehen dabei nicht von unerfüllbaren ethischen Überforderungen aus, sondern vom Kern

der christlichen Botschaft: dass Gott die Menschen in Christus befreit hat zu einem neuen

Leben, indem Er selbst sie gerecht macht! Aus dieser „Erlösung“ (Rechtfertigung) kann sich

75 jene Rückbesinnung auf die Wirklichkeit des Reiches Gottes mitten in dieser „unerlösten“

Welt ergeben.

Mag sein, dass die Kirchen dadurch selbst wieder zur provokativen Minderheit in den Gesell-

schaften werden. Ermutigend sind hier die Worte des Paulus: „Wovon wir aber reden, das

ist … nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen.

80 Sondern wir reden von der Weisheit Gottes.“ (1 Kor 2,6–7).

Wenn Christinnen und Christen heute in ihren Gottesdiensten wieder den Friedensgruß anein-

ander richten, dann erinnern sie sich eben genau an diesen „Gerechten Frieden“, der in Christus

zu ihrer Glaubensrealität geworden ist – zu der sie aus Gnade befreit sind.

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Vorlage. Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne dabei den Sinn zu verändern.)

Fernando Enns ist evangelischer Theologe.

1 eirene: (griech.) Frieden

2 schalom: (hebr.) Frieden

3 Ordensleute: Angehörige eines christlichen Ordens, wie z. B. Nonnen und Mönche

4 Interimsethik: Ethik für die als sehr kurz gedachte Zwischenzeit bis zur Wiederkehr Jesu Christi

5 Aussage, die in der Vergangenheit sinngemäß von verschiedenen Politikern getroffen wurde

6 sozialethisches Paradigma: gemeint ist hier eine Leitvorstellung zur Gestaltung einer gerechteren Gesellschaft

1. Stellen Sie dar, welches Thema die Predigthilfe von Fernando Enns behandelt und wie sie argumentativ aufgebaut ist, und arbeiten Sie dabei heraus, wie er den christlichen Friedensauftrag versteht. (24 Punkte)

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Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Stellen Sie dar, welches Thema die Predigthilfe von Fernando Enns behandelt und wie sie argumentativ aufgebaut ist, und arbeiten Sie dabei heraus, wie er den christlichen Friedensauftrag versteht.

Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß den Kriterien der amtlichen Vorgaben.

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