Aufgabe 4 (NT 3) · Abitur NRW Englisch GK · Nachtermin 2022
Thema: Sprachmittlung Deutsch → Englisch (Mediation) · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2022)
Aufgabenstellung
You are doing an internship at the organisation Multilingual Europe. For their website's feature Growing up Bilingual, you have been asked to present the situation of children in Germany who grow up with more than one language.
Drawing on Gabriele Voßkühler's text, write an online article outlining why children should learn their language of origin and how it can be promoted at school.
Gabriele Voßkühler
Nicht mehr nur Deutschstunde
Obwohl multikulturelle Klassen in Deutschland längst die Regel sind, ist der professionelle Umgang mit der mehrsprachigen Realität an unseren Schulen noch immer Wunschdenken. Laut der Hochrechnung des Mikrozensus hatte 2019 rund ein Drittel der Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden und beruflichen Schulen in Deutschland einen Migrationshintergrund. Eine Kleine Anfrage der FDP ergab, dass 2019 rund ein Fünftel der Kitakinder zu Hause vorrangig eine andere Sprache als Deutsch spricht. Gerade, wenn Schülerinnen und Schüler in der Familie nicht Englisch oder Französisch, sondern Türkisch, Arabisch oder Polnisch sprechen, wird das Potenzial mehrsprachig aufwachsender Kinder jedoch noch immer unterschätzt. Dass Lernende an ihrer Schule oder im unmittelbaren Wohnumfeld herkunftssprachlichen Unterricht erhalten, ist öfter Ausnahme als Regel. [...]
Dabei ist der herkunftssprachliche Unterricht für die Kinder und Jugendlichen enorm wichtig, wie Anna Mróz, Sprachwissenschaftlerin und Fremdsprachendidaktikerin an der Universität Greifswald, erklärt. „Durch ihre Herkunftssprache bekommen Kinder den Schlüssel zu eigenen Identität", sagt Mróz, die im Rahmen verschiedener Projekte mehrsprachige Familien berät.
Entgegen der landläufigen Meinung überfordere Mehrsprachigkeit Kinder nicht. „Das kindliche Gehirn ist von Geburt an, mindestens aber bis zum Ende der Kita-Zeit, unglaublich plastisch", sagt die Linguistin. Wenn Kinder zwei Worte für einen Gegenstand lernen, dann bedeute das einen großen kognitiven Entwicklungsschritt. „Auf diese Weise werden Sprachkompetenzen, Sprachbewusstsein und Sprachsensibilität besonders gefördert."
Allerdings hängt die Entwicklung von mehrsprachigen Kindern immer auch von der Qualität und der Quantität des Sprachinputs ab. Die Sprachwissenschaftlerin hat bei ihrer Arbeit die Erfahrung gemacht, dass gerade Eltern, die mit ihren Kindern nicht Englisch oder Französisch sprechen, in Beratungsstellen häufig davon abgeraten wird, zu Hause in ihrer Herkunftssprache zu kommunizieren.
Mit schwerwiegenden Konsequenzen für die Sprachentwicklung der Kinder: „Es gibt viele Forschungsergebnisse, die belegen, dass je besser die Herkunftssprache entwickelt worden ist, desto schneller und effizienter danach auch die Umfeldsprache, also das Deutsche, erworben werden kann", so Mróz. Herkunftssprachlicher Unterricht an den Schulen könne den Kontakt, den mehrsprachige Kinder zu ihren Herkunftssprachen haben, deutlich verbessern, erklärt Mróz.
In vielen Bundesländern hat sich diese Erkenntnis mittlerweile durchgesetzt. Laut einer Recherche des Mediendienstes Integration können Kinder und Jugendliche mittlerweile in zwölf Bundesländern herkunftssprachlichen Unterricht besuchen. Vier Länder stellen sich gegen den Trend: In Bayern und Baden-Württemberg wird der Unterricht nur an Konsulaten angeboten. In Sachsen-Anhalt und Thüringen gibt es gar keinen herkunftssprachlichen Unterricht.
Gleichzeitig bauen einige Bundesländer die staatlichen Angebote weiter aus, mit eigenen Unterrichtsmaterialien, Lehrplänen und Lehrkräften. In der Regel können Schülerinnen und Schüler herkunftssprachlichen Unterricht hier als freiwilligen zusätzlichen Unterricht an der Grundschule wählen. Teilweise besteht aber auch die Möglichkeit, Herkunftssprachen als zweite oder dritte Fremdsprache zu wählen – mit zusätzlichen Sprachprüfungen in der neunten oder zehnten Klasse oder auch im Rahmen des Abiturs.
Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen hat staatlich organisierter herkunftssprachlicher Unterricht eine lange Tradition. Im Rahmen des HSU lernen hier im Moment etwa 100.000 Kinder 23 verschiedene Sprachen. Das habe auch mit der langen Einwanderungsgeschichte des Bundeslandes zu tun, findet Thorsten Klute. Der ehemalige Staatssekretär im nordrhein-westfälischen Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales ist heute Vorstandsvorsitzender der AWO Ostwestfalen-Lippe.
Wenn es um den Ausbau des herkunftssprachlichen Unterrichts geht, plädiert Klute für Geduld: „Man wird es in keinem Bundesland hinbekommen, herkunftssprachlichen Unterricht von heute auf morgen einzuführen." Wichtig ist ihm, dass es bei staatlichen Sprachangeboten nicht nur um jedes einzelne Kind, sondern um die Gesellschaft als Ganzes geht: „Wir müssen auch politisch erkennen, dass Herkunftssprachen, wenn sie staatlich gefördert werden, kein Klotz am Bein sind, sondern ein gesellschaftlicher Schatz, den man pflegen muss."
Anmerkungen: Mikrozensus – jährlich durchgeführte Erhebung zum Bevölkerungsstand; Kleine Anfrage – Fragestellung eines Mitglieds eines Parlaments an die Exekutive; Mediendienst Integration – wissenschaftliche Informationsplattform zu Migration, Integration und Asyl; HSU – herkunftssprachlicher Unterricht; AWO (Arbeiterwohlfahrt) – gemeinnütziger deutscher Verband.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
Write an online article outlining why children should learn their language of origin and how it can be promoted at school.
Lösung: Ein situations- und adressatengerechter Internetartikel, der folgende Inhalte sinngemäß wiedergibt: Gründe für das Erlernen der Herkunftssprache – Bedeutung für die Identitätsbildung; verbesserter Erwerb des Deutschen durch höhere Kompetenz in der Herkunftssprache; Nutzung des intellektuellen Potenzials durch Vermittlung von Zweisprachigkeit im Kindesalter; gesellschaftlich-politischer Mehrwert durch sprachliche Vielfalt. Möglichkeiten zur Förderung in Schulen – Angebot herkunftssprachlichen Unterrichts in vielen Bundesländern; oftmals staatlich gefördertes, freiwilliges Unterrichtsangebot; herkunftssprachlicher Unterricht als Wahlfach im Bereich der Fremdsprachen in einzelnen Bundesländern; Möglichkeit der Anwahl im Rahmen zentraler Schulabschlussprüfungen.
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