Aufgabe 2 - Literarische Erörterung und Pflichtle… · Abitur NRW Deutsch LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg 2022
Thema: Literarische Erörterung und Pflichtlektüre · Aus der Prüfung LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg (2022)
Aufgabenstellung
Heinrich Böll
Mein teures Bein (1948)
Die haben mir jetzt eine Chance gegeben. Sie haben mir eine Karte geschrieben, ich soll zum
Amt kommen, und ich bin zum Amt gegangen. Auf dem Amt waren sie sehr nett. Sie nahmen
meine Karteikarte und sagten: „Hm.“ Ich sagte auch: „Hm.“
„Welches Bein?“ fragte der Beamte.
5 „Rechts.“
„Ganz?“
„Ganz.“
„Hm“, machte er wieder. Dann durchsuchte er verschiedene Zettel. Ich durfte mich setzen.
Endlich fand der Mann einen Zettel, der ihm der richtige zu sein schien. Er sagte: „Ich denke,
10 hier ist etwas für Sie. Eine nette Sache. Sie können dabei sitzen. Schuhputzer in einer Bedürf-
nisanstalt auf dem Platz der Republik. Wie wäre das?“
„Ich kann nicht Schuhe putzen; ich bin immer schon aufgefallen wegen schlechten Schuh-
putzens.“
„Das können Sie lernen“, sagte er. „Man kann alles lernen. Ein Deutscher kann alles. Sie kön-
15 nen, wenn Sie wollen, einen kostenlosen Kursus mitmachen.“
„Hm“, machte ich.
„Also gut?“
„Nein“, sagte ich, „ich will nicht. Ich will eine höhere Rente haben.“
„Sie sind verrückt“, erwiderte er sehr freundlich und milde.
20 „Ich bin nicht verrückt, kein Mensch kann mir mein Bein ersetzen, ich darf nicht einmal mehr
Zigaretten verkaufen, sie machen jetzt schon Schwierigkeiten.“
Der Mann lehnte sich weit in seinen Stuhl zurück und schöpfte eine Menge Atem. „Mein
lieber Freund“, legte er los, „Ihr Bein ist ein verflucht teures Bein. Ich sehe, daß Sie neunund-
zwanzig Jahre sind, von Herzen gesund, überhaupt vollkommen gesund, bis auf das Bein.
25 Sie werden siebzig Jahre alt. Rechnen Sie sich bitte aus, monatlich siebzig Mark, zwölfmal im
Jahr, also einundvierzig mal zwölf mal siebzig. Rechnen Sie das bitte aus, ohne die Zinsen,
und denken Sie doch nicht, daß Ihr Bein das einzige Bein ist. Sie sind auch nicht der einzige,
der wahrscheinlich lange leben wird. Und dann Rente erhöhen! Entschuldigen Sie, aber Sie
sind verrückt.“
30 „Mein Herr“ sagte ich, lehnte mich nun gleichfalls zurück und schöpfte eine Menge Atem,
„ich denke, daß Sie mein Bein stark unterschätzen. Mein Bein ist viel teurer, es ist ein sehr
teures Bein. Ich bin nämlich nicht nur von Herzen, sondern leider auch im Kopf vollkommen
gesund. Passen Sie mal auf.“
„Meine Zeit ist sehr kurz.“
35 „Passen Sie auf!“ sagte ich. „Mein Bein hat nämlich einer Menge von Leuten das Leben
gerettet, die heute eine nette Rente beziehen.
Die Sache war damals so: Ich lag ganz allein irgendwo vorne und sollte aufpassen, wann sie
kämen, damit die anderen zur richtigen Zeit stiftengehen konnten. Die Stäbe hinten waren
am Packen und wollten nicht zu früh, aber auch nicht zu spät stiftengehen. Erst waren wir
40 zwei, aber den haben sie totgeschossen, der kostet nichts mehr. Er war zwar verheiratet, aber
seine Frau ist gesund und kann arbeiten, Sie brauchen keine Angst zu haben. Der war also
furchtbar billig. Er war erst vier Wochen Soldat und hat nichts gekostet als eine Postkarte und
ein bißchen Kommißbrot. Das war einmal ein braver Soldat, der hat sich wenigstens richtig
totschießen lassen. Nun lag ich aber da allein und hatte Angst, und es war kalt, und ich wollte
45 auch stiftengehen, ja, ich wollte gerade stiftengehen, da...“
„Meine Zeit ist sehr kurz“, sagte der Mann und fing an, nach seinem Bleistift zu suchen.
„Nein, hören Sie zu“, sagte ich, „jetzt wird es erst interessant. Gerade als ich stiftengehen
wollte, kam die Sache mit dem Bein. Und weil ich ja doch liegenbleiben mußte, dachte ich,
jetzt kannst du’s auch durchgeben, und ich hab’s durchgegeben, und sie hauten alle ab, schön
50 der Reihe nach, erst die Division, dann das Regiment, dann das Bataillon, und so weiter,
immer hübsch der Reihe nach. Eine dumme Geschichte, sie vergaßen nämlich, mich mitzu-
nehmen, verstehen Sie! Sie hatten’s so eilig. Wirklich eine dumme Geschichte, denn hätte ich
das Bein nicht verloren, wären sie alle tot, der General, der Oberst, der Major, immer schön
der Reihe nach, und Sie brauchten ihnen keine Rente zu zahlen. Nun rechnen Sie mal aus, was
55 mein Bein kostet. Der General ist zweiundfünfzig, der Oberst achtundvierzig und der Major
fünfzig, alle kerngesund, von Herzen und im Kopf, und sie werden bei ihrer militärischen
Lebensweise mindestens achtzig, wie Hindenburg. Bitte rechnen Sie jetzt aus: einhundert
sechzig mal zwölf mal dreißig, sagen wir ruhig durchschnittlich dreißig, nicht wahr? Mein
Bein ist ein wahnsinnig teures Bein geworden, eines der teuersten Beine, die ich mir denken
60 kann, verstehen Sie?“
„Sie sind doch verrückt“, sagte der Mann.
„Nein“, erwiderte ich, „ich bin nicht verrückt. Leider bin ich von Herzen ebenso gesund wie
im Kopf, und es ist schade, daß ich nicht auch zwei Minuten, bevor das mit dem Bein kam,
totgeschossen wurde. Wir hätten viel Geld gespart.“
65 „Nehmen Sie die Stelle an?“ fragte der Mann.
„Nein“, sagte ich und ging.
Anmerkungen zum Autor:
Heinrich Böll wurde 1917 in Köln geboren. Kurz nach Antritt des Studiums der Germanistik und klassischen Philologie wurde Böll 1939 in die Wehrmacht einberufen und war bis zum Ende des Krieges 1945 Soldat. Die Erfahrungen des Krieges und die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen im Nachkriegsdeutschland bilden die zentralen Themen seines literarischen Werkes, für das er 1972 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Böll starb 1985 in Kreuzau-Langenbroich.
Worterklärung:
Stiftengehen: umgangssprachlich für fliehen, sich aus dem Staub machen
Arno Geiger
Unter der Drachenwand (Textauszug)
[...] Die Wunde am Oberschenkel heilte ebenfalls nur langsam, sie produzierte viel Eiter,
jeden Morgen war der Verband grüngelb und stinkend. Das Knie konnte ich nicht richtig
abbiegen, sie sagten, das werde sich rasch geben, wenn die Wunde zugeheilt sei. Aber zuerst
musste die Wunde einige Male ausgeschnitten werden, denn in dem vom Splitter gerissenen
5 Spalt wucherte wildes Fleisch, eine Erhöhung über dem Schenkel bildend, ohne dass dort Haut
wuchs. Würde man die Wunde einfach lassen, erklärte der Arzt, würde sich eine Kruste bil-
den, die aussähe wie eine große dunkle Warze. Deshalb musste das wilde Fleisch entfernt
werden, damit das, was zu viel war, abstarb und sich eine Haut bilden konnte. / Der Arzt
schaute es sich alle paar Tage an und schnitt die Wunde aus, dann suppte und triefte wieder
10 alles.
Am wenigsten Sorgen machte mir die Wunde unterhalb des Schlüsselbeins. Im ersten
Moment hatte ich gedacht, dass sie mich umbringt, nun war sie als erstes verheilt.
So ist auch alles Glück auf die Umstände bezogen. Mein Beifahrer war von der Granate,
die mich verletzt hatte, getötet worden. Ich bedauerte seinen Tod, empfand, wenn ich daran
15 dachte, aber auch Erleichterung. Das Unglück der anderen macht das eigene Davonkommen
besonders gut sichtbar.
An einem Sonntag bekamen alle Verwundeten im Lazarett vier Zigaretten: eine vom F., eine
von Keitel undsoweiter. Ich verschenkte sie, denn ich legte keinen Wert auf Zigaretten vom
F. und von Keitel. Auch erhielt ich das Verwundetenabzeichen als Anerkennung für das Pech,
20 das ich gehabt hatte. Vier Jahre Krieg, Mühsal und Plage, ich hatte meinen LKW, einen
Citroën, von Wien bis an die Wolga und von der Wolga zurück an den Dnjepr gebracht. Unge-
zählte Federnbrüche, mehrere Achsenbrüche, abgerissene Kardanwelle, abgerissener Lenk-
schenkel, mehrmals defekte Lichtmaschine, eingefrorene Bremstrommel, Benzinleitung, Ben-
zinpumpe, Ölfilter, Starter, im Winter stundenlang unter dem Wagen, ständig raue Hände von
25 der bestialischen Kälte und vom Benzin. Wenn ich irgendwo anstieß, riss die Haut in Fetzen
herunter. Das Durchhaltevermögen des Citroën war in Wahrheit mein eigenes Durchhalte-
vermögen gewesen, und nie hatte ich die geringste Anerkennung bekommen. Und jetzt ein
Orden dafür, dass ich mich im falschen Moment am falschen Ort aufgehalten hatte, ein Orden
für drei Sekunden Pech und dafür, dass ich nicht abgekratzt war. Ich empfing den Orden mit
30 größtmöglicher Ruhe und nahm ihn ab, sowie ich wieder allein war.
Ein Bäckerjunge aus der Stadt, beauftragt, uns täglich frisches Brot zu bringen, sagte, das
Lazarett sei früher ein Pflegeheim gewesen. Und in seiner völlig entspannten Ortsansässig-
keit, wenn auch das Wesentliche nur andeutend: das Pflegeheim sei vor einigen Jahren geleert
worden, Nebeneffekt, dass Platz für ein Lazarett entstanden war, kriegsdienliche Betten. Und
35 die sanften Schläfer vor uns schliefen vermutlich im Himmel. Der Bäckerjunge sagte, er habe
von einem anderen Bäckerjungen gehört, der eine andere Heilanstalt beliefert habe, dort habe
man omnibusweise Patienten hingeschafft, aber der Brotbedarf sei jeden Tag derselbe geblie-
ben.
Es geht nichts über Lazarettaufenthalte, man trifft dort Menschen aller Waffengattungen,
40 auch rückwärtiges Personal. Der Hauptmann neben mir erzählte Dinge aus seinem Warschauer
Aufenthalt, Verhältnisse, die einem früher nicht glaubhaft vorgekommen wären, Exekutionen
von Zivilisten auf offener Straße.
2.
Ordnen Sie den abgedruckten Auszug aus Arno Geigers Roman „Unter der Drachenwand“ knapp in den inhaltlichen und thematischen Gesamtzusammenhang des Romans ein. Vergleichen Sie anschließend die Kurzgeschichte mit dem Romanauszug darauf hin, wie das Motiv der Kriegsverletzung literarisch gestaltet ist und welches Bild vom Krieg jeweils vermittelt wird. (36 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2. Ordnen Sie den abgedruckten Auszug aus Arno Geigers Roman „Unter der Drachenwand“ knapp in den inhaltlichen und thematischen Gesamtzusammenhang des Romans ein. Vergleichen Sie anschließend die Kurzgeschichte mit dem Romanauszug darauf hin, wie das Motiv der Kriegsverletzung literarisch gestaltet ist und welches Bild vom Krieg jeweils vermittelt wird.
Lösung: Individuelle textanalytische und vergleichende Ausarbeitung gemäß den Kriterien des Erwartungshorizonts.
Die ausführliche Erklärung Schritt für Schritt (mit KI) gibt es mit Premium. Premium
Löse sie direkt hier: automatische Korrektur, Hinweise und Lösung Schritt für Schritt.
‹ Aufgabe 4 - Teilaufgabe 2: Literarische Erörterun… · LK · Nachtermin 2022 · Aufgabe 4 - Literarische Erörterung und Pflichtle… · LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg 2022 ›
Mehr Aufgaben zu Literarische Erörterung und Pflichtlektüre
- Aufgabe HT 4 - Teilaufgabe 2 · LK · Haupttermin 2022
- Aufgabe 2 - Teilaufgabe 2 (Nathan der Weise) · LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022
- Aufgabe 4 - Teilaufgabe 2 (Unter der Drachenwand) · LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022
- Aufgabe 2 - Teilaufgabe 2: Literarische Erörterun… · LK · Nachtermin 2022
- Aufgabe 4 - Teilaufgabe 2: Literarische Erörterun… · LK · Nachtermin 2022
- Aufgabe 4 - Literarische Erörterung und Pflichtle… · LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg 2022
- Aufgabe · LK · soziologischer bzw. sozialgeschicht 2022
- Aufgabe 3 - Teilaufgabe 2 · GK · Haupttermin 2021
- Aufgabe 4 - Teilaufgabe 2 · GK · Haupttermin 2021
- Aufgabe 3 - Teilaufgabe 2 · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021