Aufgabe HT 3 · Abitur NRW Deutsch GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: Literarische Erörterung und Pflichtlektüre · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg) (2021)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2021 – Deutsch, Grundkurs
Aufgabenstellung:
1.
Analysieren Sie den vorliegenden Auszug aus Peter von Matts Studie „Sieben Küsse. Glück und Unglück in der Literatur“ unter dem Gesichtspunkt, auf welche Weise der Autor Kleists Erzählung „Die Marquise von O....“ in die Literaturgeschichte einordnet. Berücksichtigen Sie dabei die wesentlichen Kernaussagen, die Argumentationsweise und die sprachlich-stilistische Machart des Textes.
[40 Punkte]
2.
In seiner Studie vertritt Peter von Matt die These, in Kleists Werk erscheine die „Einrichtung der Welt“ nicht mehr als erklärbar. Stellen Sie dar, inwiefern die Marquise in der Erzählung mit unerklärlichen Geschehnissen und Gefühlen konfrontiert ist, und bringen Sie Ihre Ergebnisse mit Kleists Erzählweise in Zusammenhang. Beurteilen Sie im Anschluss, wie tragfähig die These Peter von Matts ist.
[32 Punkte]
Materialgrundlage
Peter von Matt: Sieben Küsse. Glück und Unglück in der Literatur. München: Hanser Verlag 2017, S. 160 ff.
Peter von Matt
Sieben Küsse. Glück und Unglück in der Literatur (Auszug) 1
In einer berühmten Erzählung aus dem ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts erkennt eine junge Witwe, dass sie schwanger ist, ohne die geringste Ahnung zu haben, wie es dazu kommen konnte. Sie erlebt die Situation als so ausweglos, dass sie eine Anzeige in die Zeitung setzt, ihren Zustand öffentlich bekanntmacht und den unbekannten Vater des Kindes auffordert, sich bei ihr zu melden; sie sei, „aus Familien-Rücksichten“, bereit, ihn zu heiraten. Das ist der durchaus reißerische Ausgangspunkt von Kleists Novelle Die Marquise von O.... Die Arbeit ist im Februar 1808 in Dresden erstmals im Druck erschienen, im zweiten Heft der vom Autor mitherausgegebenen Zeitschrift Phöbus.
Eine Situation, die zugleich evident und unmöglich ist, wie die Marquise sie am eigenen Leib erfährt, ist für Kleists Schreiben im höchsten Maße spezifisch. Er hat erzählerische Arrangements dieser Art fieberhaft gesucht und mit Scharfsinn selbst konstruiert. Daher konzentriert sich die breite Forschung zu dieser Erzählung denn auch überwiegend auf die existentielle Verfassung der Frau, die sich selbst zum Rätsel geworden ist, und auf den dramatischen Prozess, in dem sie gegen den drohenden Wahnsinn kämpft und sich schließlich ihrer souveränen Person versichert. [...]
Während des ganzen Verstoßungsvorgangs 2 hat die Marquise, im Vertrauen auf die Liebe zwischen ihr und den Eltern, um deren Verständnis gekämpft, bis hin zu körperlichem Greifen und Klammern. Um es von Kleists Konfliktmuster her zu formulieren: Sie hat ihnen abringen wollen, trotz der erwiesenen Schwangerschaft an ihre Unschuld zu glauben. Der Schuss 3 setzt dieser extremen Anstrengung ein Ende. Auf einen Schlag ist die Marquise allein auf der Welt.
In der Plötzlichkeit der Detonation spricht sich der Sturz des Subjekts aus jeder gesicherten Ordnung aus. Der Lichtblitz, der zum Schuss gehört, ist auch der Blitz dieser Erkenntnis. Deshalb musste der Auftritt so umständlich gebaut werden, bis hin zu den seltsamen Haltungen und Gebärden. [...]
Statt sie endgültig in Verwirrung und Wahnsinn zu stürzen, macht der Blitz der Erkenntnis nun aber die Marquise frei. Sie bettelt nicht mehr, sie handelt. Knapp und scharf weist sie den Bruder ab, der ihr im Auftrag des Vaters die zwei Kinder wegnehmen will: „Sag deinem unmenschlichen Vater, daß er kommen und mich niederschießen: nicht aber mir meine Kinder entreißen könne!“ Man beachte das Wörtchen „deinem“; damit erklärt sie, dass der Kommandant ihr Vater nicht mehr sei. Mit einem einzigen Possessivpronomen kehrt sie die Verstoßung, die der Alte vollzogen hat, um. Nun ist sie es, die den Schnitt tut, und der Verweis auf das Niederschießen bestätigt nochmals die Bedeutung des Schusses für diese Verwandlung ihrer Person. [...]
Die berühmten, hundertfach zitierten Sätze, die nun folgen, fassen nur zusammen und bringen auf den Begriff, was in der Konfrontation mit dem vaterhörigen Bruder bereits Wirklichkeit geworden ist. Und sie sind so beschaffen, diese Sätze, dass sie durch keine Vielzahl des Zitierens zu abgedroschenen Floskeln werden können:
Durch diese schöne Anstrengung mit sich selbst bekannt gemacht, hob sie sich plötzlich, wie an ihrer eigenen Hand, aus der ganzen Tiefe, in welche das Schicksal sie herabgestürzt hatte, empor. [...] Ihr Verstand, stark genug, in ihrer sonderbaren Lage nicht zu reißen, gab sich ganz unter der großen, heiligen und unerklärlichen Einrichtung der Welt gefangen.
Die Konsequenz daraus ist der Vorsatz, sich von nun an „mit Stolz gegen die Anfälle der Welt zu rüsten“.
Die zitierten Sätze schlagen eine Brücke zwischen der Anthropologie der deutschen Klassik 4 und modernen Daseinserfahrungen. [...] Für Goethe und Schiller ist die Einrichtung der Welt im Wesentlichen erklärlich. Für Kleist ist sie das mit absoluter Entschiedenheit nicht. Für ihn ist die Welt, seit er sich von allen Wissenschaften in einem radikalen Akt abgewandt hat, so beschaffen, dass ein erwiesenes Faktum zugleich unmöglich und etwas schlechthin Unmögliches zugleich eine Tatsache sein kann. Was ich mit Augen sehe und mit Händen greife, kann falsch sein, was allen Erfahrungen, Prüfungen und Beweisen widerspricht, kann trotzdem zutreffen. [...]
Mit welcher Besessenheit Kleist diesen epochalen Erkenntniskollaps zur äußersten Konsequenz treibt, zeigt das Finale der Marquise von O...., wo der schöne und edle Offizier, der die Marquise vor der Schändung durch eine wüste Soldateska rettete, sich als der Mann zu erkennen gibt, der die Ohnmächtige anschließend vergewaltigt und geschwängert hat. Die Marquise muss in diesem Moment ertragen, dass der engelgleiche Beschützer zugleich ein unbezweifelbarer Teufel war. Sie braucht die beiden Begriffe „Engel“ und „Teufel“ selbst, und Kleist legt sie ihr in den Mund, um mit dem Kontrast das Fazit aus seinem experimentellen Test auf die Verlässlichkeit des menschlichen Erkennens zu ziehen.
1 In seiner Studie geht der Literaturwissenschaftler Peter von Matt der Frage nach, welche Bedeutung die Darstellung von Küssen in der Literatur hat. Im folgenden Auszug setzt sich der Autor mit der Novelle „Die Marquise von O....“ auseinander.
2 Verstoßungsvorgangs: Peter von Matt bezieht sich hier auf die Verstoßung der Marquise aus ihrem Elternhaus.
3 Schuss: Bezugnahme auf die Situation in Kleists Novelle, in der der Obrist nach seiner Pistole greift und einen Schuss auslöst
4 Anthropologie der deutschen Klassik: Bezugnahme auf das von den Klassikern Goethe und Schiller entwickelte Menschenbild, nach dem sich der Mensch in einem von vielfältigen äußeren und inneren Einflüssen geprägten Prozess fortlaufend entwickelt und vervollkommnet
Anmerkungen zum Autor: Peter von Matt, geboren 1937, ist ein Schweizer Germanist und Schriftsteller. Er lehrte als Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Zürich.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Analysieren Sie den vorliegenden Auszug aus Peter von Matts Studie „Sieben Küsse. Glück und Unglück in der Literatur“ unter dem Gesichtspunkt, auf welche Weise der Autor Kleists Erzählung „Die Marquise von O....“ in die Literaturgeschichte einordnet. Berücksichtigen Sie dabei die wesentlichen Kernaussagen, die Argumentationsweise und die sprachlich-stilistische Machart des Textes. (40 Punkte)
Lösung: Individuelle textanalytische Ausarbeitung gemäß den inhaltlichen Kriterien der Aufgabenstellung.
2. In seiner Studie vertritt Peter von Matt die These, in Kleists Werk erscheine die „Einrichtung der Welt“ nicht mehr als erklärbar. Stellen Sie dar, inwiefern die Marquise in der Erzählung mit unerklärlichen Geschehnissen und Gefühlen konfrontiert ist, und bringen Sie Ihre Ergebnisse mit Kleists Erzählweise in Zusammenhang. Beurteilen Sie im Anschluss, wie tragfähig die These Peter von Matts ist. (32 Punkte)
Lösung: Individuelle erörternde Ausarbeitung mit Darstellung der Textbefunde, Analyse der Erzählweise und differenziertem Urteil zur Tragfähigkeit der These.
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